„Kriegstüchtigkeit“, „akute Bedrohung“, Deutschland sei „nicht mehr im Frieden“: Der Krieg ist im politischen Berlin längst zum alltäglichen Vokabular geworden. Doch bleibt es nicht bei Worten. Der Operationsplan Deutschland sieht vor, innerhalb von sechs Monaten bis zu 800.000 alliierte Soldaten und 200.000 Fahrzeuge durch die Bundesrepublik an die NATO-Ostflanke zu schleusen. Ende September wurde in Hamburg geprobt, wie dieser gewaltige Aufmarsch funktionieren soll.
Nachts rollten rund 70 Militärfahrzeuge durch Hamburg. Hubschrauber kreisten über dem Konvoi, im Hafen wurde die Abwehr feindlicher Drohnen geübt. Bundeswehr, Polizei, Feuerwehr, Technisches Hilfswerk, Behörden, Kliniken und private Unternehmen spielten drei Tage lang den Ernstfall durch. Rund 1.700 Menschen waren an „Red Storm Charlie“ beteiligt, darunter etwa 500 Soldaten. Die Übung vom 24. bis 26. September sollte zeigen, dass Militär und zivile Kräfte im Ernstfall zusammenarbeiten können. Der von den Politikern immer wieder thematisierte Krieg gegen Russland wurde mitten in Deutschland auf die Straße gebracht.
Die Bundeswehr beschreibt das Szenario so: Militärische Kräfte kommen mit ihrer Ausrüstung in Hamburg an und werden von dort „weiter in Richtung Osten verlegt“. Ein Schwerpunkt liegt auf der Zusammenarbeit von Militär und zivilen Stellen. Bereits vor einem Spannungs- oder Verteidigungsfall sollen Führung, Logistik und Abstimmung zwischen Bundeswehr, Behörden und Unternehmen funktionieren. Hamburg wird damit zum praktischen Teil der sogenannten „Drehscheibe Deutschland“. Im Kriegsfall mit Russland würde die Hansestadt allerdings auch zu einer „Hauptzielscheibe“ in Deutschland – eben wegen ihrer strategischen Bedeutung. Ob diese Drehscheibe auch dann noch funktioniert, wenn Liebesgrüße aus Moskau mittels Hyperschallraketen in Form von taktischen Atomwaffen einschlagen, darf bezweifelt werden.
Ab an die Ostfront
Hinter dieser Übung steht ein Plan von ganz anderer Größenordnung. Im Operationsplan Deutschland rechnet die Bundeswehr damit, im Ernstfall innerhalb von nur sechs Monaten bis zu 800.000 alliierte Soldaten und 200.000 Fahrzeuge durch Deutschland zu verlegen. Schutz und Sicherung, Verkehrsleitung, Transporte auf Straße und Schiene, See- und Flughäfen, Unterbringung, Verpflegung, Treibstoff, Reparaturen und medizinische Versorgung sind eingeplant. Die Bundeswehr stellt selbst klar, dass diese Aufgabe ohne zivile Unternehmen nicht zu bewältigen wäre.
Es geht also längst nicht mehr nur darum, Panzer und Soldaten der Bundeswehr und anderer NATO-Truppen in Richtung Osten an die Front zu schicken. Im möglichen Bündnisfall soll ein großer Teil Deutschlands zur militärischen Durchgangs- und Versorgungszone werden. Straßen, Bahnlinien, Häfen und Flughäfen gehören ebenso dazu wie Tankstellen, Werkstätten, Unterkünfte und Krankenhäuser. Die Zusammenarbeit zwischen Militär und zivilen Strukturen wird bereits jetzt vorbereitet. Selbst Rettungsketten zwischen Bundeswehr und zivilen Krankenhäusern werden für den Krisenfall geübt. Parallel dazu läuft der Aufmarsch der eigenen deutschen Einsatzkräfte. Für Militärkonvois wurden Genehmigungsverfahren auf deutschen Autobahnen bereits vereinfacht. Davon profitieren neben der Bundeswehr auch ausländische NATO-Truppen und private Unternehmen, die in militärischem Auftrag unterwegs sind.
Kriegsgeile Spitzenpolitiker
Das alles geschieht in einem politischen Klima, in dem das Wort „Krieg“ immer häufiger fällt. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius brachte bereits 2023 die Forderung nach deutscher „Kriegstüchtigkeit“ in die Debatte. Im Juni 2024 erklärte der SPD-Politiker vor dem Bundestag, ihm sei wichtig, dass sich Deutschland „gesamtgesellschaftlich“ mit der neuen sicherheitspolitischen Lage auseinandersetze. „Kriegstüchtigkeit“ sollte also von Anfang an nicht nur eine Angelegenheit der Truppen sein. Am 23. September 2026, einen Tag vor Beginn von „Red Storm Charlie“, legte Pistorius nach. Deutschlands Sicherheit sei so stark gefährdet wie lange nicht mehr. Die Bedrohung durch Russland werde „konkreter“, sie sei „ernst“, „akut“ und immer sichtbarer. Wenige Stunden später begann in Hamburg die großangelegte Übung.
Auch Friedrich Merz hat die Sprache immer weiter verschärft. Am 15. Juli erklärte der Bundeskanzler: „Wir leben nicht im Krieg, aber wir leben auch nicht mehr im Frieden.“ Sabotage, Ausspähversuche und Angriffe auf Datennetze bezeichnete er als Formen hybrider Kriegsführung gegen Deutschland. Der Umgang mit der sogenannten „Kriegsmüdigkeit“ beschäftigt Merz dabei schon wesentlich länger. Am 16. Juli 2022 fragte er in seiner damaligen „MerzMail“, ob die Bundesregierung mit einer zunehmenden Kriegsmüdigkeit der deutschen Bevölkerung rechne. Sollte dies der Fall sein, sei es „nur noch ein kleiner Schritt hin zum Verrat an der Ukraine“. Anschließend erklärte er: „Wer aber die Ukraine verrät, der verrät auch unsere Freiheit und unsere Demokratie.“ Deutschland wurde früher angeblich am Hindukusch verteidigt. Heute ist es offensichtlich der Donbass.
Rutte mahnt zur Gelassenheit
Umso interessanter klingt, was NATO-Generalsekretär Mark Rutte fast zeitgleich sagt. Am 24. September, dem ersten Tag von „Red Storm Charlie“, verwies Rutte auf die Einschätzung des dänischen Militärgeheimdienstes, wonach eine großangelegte russische Invasion von NATO-Gebiet „sehr unwahrscheinlich“ sei. Rutte stimmte ausdrücklich zu. Russland rüste zwar auf und bleibe langfristig eine Bedrohung, ein großer Angriff auf das Bündnisgebiet sei derzeit jedoch höchst unwahrscheinlich.
Am 30. September formulierte der NATO-Generalsekretär noch deutlicher: Es gebe keine unmittelbar bevorstehende Bedrohung des NATO-Gebiets. Sollte Russland Kräfte für einen Angriff auf Finnland, das Baltikum oder Polen zusammenziehen, werde die NATO diesen Aufmarsch erkennen. Rutte rief sogar dazu auf, angesichts der jüngsten Spannungen Ruhe zu bewahren. Und das, obwohl auch er in der Vergangenheit immer wieder darauf hingewiesen hat, dass sich die transatlantische Militärallianz auf einen potenziellen Zweifrontenkrieg gegen Russland und gegen China einstellen müsse.
Taktiken von gestern für den Krieg von morgen
Und trotzdem werden umfangreiche Kriegsspiele durchgeführt, obwohl gerade der Ukrainekrieg zeigt, dass sich die Lage auf den Schlachtfeldern von heute stark verändert hat. Die Taktiken des 20. Jahrhunderts sind heute weitestgehend obsolet geworden. Große Panzerschlachten wie noch vor einigen Jahrzehnten wird es wohl nie mehr wieder geben, während der Einsatz von Drohnen und ballistischen Raketen immer wichtiger wird. Während die NATO sich noch für den Krieg von gestern vorbereitet und glaubt, damit eine „Politik der Abschreckung“ gegenüber Moskau zu betreiben, wird in der Ukraine bereits der Krieg von morgen geprobt.
Glauben die NATO-Strategen und die westlichen Spitzenpolitiker tatsächlich, dass es im Kriegsfall mit Russland noch hunderttausende Soldaten an der Front brauchen wird? Sollte es – Gott behüte! – wirklich zu einem solchen Krieg kommen, dann werden den Europäern russische Hyperschallraketen und ganze Drohnengeschwader um die Ohren fliegen, bevor diese auch nur 100.000 Mann durch die Bundesrepublik nach Polen geschafft haben. Und gerade das macht diese Kriegsgeilheit der Politiker in den NATO-Ländern auch so gefährlich. Nicht, weil Russland uns niemals angreifen würde, nein. Sondern vielmehr, weil diese ganze Kriegsrhetorik für die Europäer noch sehr böse ausgehen könnte.
