„Schädlingsbekämpfung“ gegen AfD: So redet CDU-Wahlkampfhelfer Hallervorden über Demokratie

(C) Report24/KI

Dieter Hallervorden hat angeblich ein Rezept gegen die AfD gefunden: „Schädlingsbekämpfung“. Der prominente Wahlkampfhelfer von Sachsen-Anhalts CDU-Ministerpräsident Sven Schulze zieht damit ausgerechnet jene politische Sprache ins Feld, bei der Deutschlands selbsternannte Demokratieverteidiger sonst sofort historische Warnlampen einschalten. Und während die AfD wenige Wochen vor der Landtagswahl mit mehr als 40 Prozent weit vor der CDU liegt, wird der Ton offenbar rauer.

Ein Kommentar von Heinz Steiner

„Leute, ich bin ja sehr erfolgreich in der Schädlingsbekämpfung. Wie ich das mache? Ja, ich wähle einfach nicht AfD. Ja, versucht’s auch mal. Das hilft.“ So präsentiert sich Dieter Hallervorden in einem seiner jüngsten Kurzvideos. Es ist kein missverständlich zusammengeschnittener Satz und keine Interpretation eines Dritten – Hallervorden sagt es selbst in die Kamera. In weiteren Videos legt der 90-Jährige nach: „Vernunft wählt niemals AfD“, Menschen, die „manchmal ihren Denkapparat benutzen“, sollten die Partei links liegen lassen. Die AfD sei für die Demokratie zudem „gefährlich wie ein Feuersturm“.

Das ist eine sehr fragwürdige Vorstellung von einem demokratischen Wettbewerb. Hallervorden beruft sich in einem weiteren Video ausgerechnet auf Helmut Schmidt und erklärt, wer keine Kompromisse machen könne, sei „für die Demokratie nicht zu gebrauchen“. Gleichzeitig besteht sein eigener Beitrag zur politischen Debatte darin, AfD-Wählern mangelnden Verstand zu bescheinigen und die Nichtwahl der Partei als „Schädlingsbekämpfung“ anzupreisen. Demokratie bedeutet demnach Kompromissbereitschaft für die anderen – während man selbst darüber scherzt, den politischen Konkurrenten wie Ungeziefer zu bekämpfen.

Wer „Schädlingsbekämpfung“ sagt, braucht einen Schädling

Hallervordens Pointe funktioniert nur über dieses Bild. Schädlingsbekämpfung richtet sich gegen Schädlinge – und als Mittel nennt er unmittelbar danach die Nichtwahl der AfD. Gerade in Deutschland ist das keine historisch unbelastete politische Metapher. Dafür muss man nicht einmal besonders tief in den Archiven graben. Die Nationalsozialisten machten den „Volksschädling“ zu einem politischen und schließlich juristischen Begriff. Mit der „Verordnung gegen Volksschädlinge“ von 1939 schuf das NS-Regime einen nicht klar abgegrenzten Tätertyp für die Kriegsjustiz; Urteile konnten bis zur Todesstrafe reichen. Das vom Landesarchiv Baden-Württemberg betriebene Portal LEO-BW beschreibt „Volksschädling“ ausdrücklich als NS-Begriff zur Diffamierung und Einordnung von Menschen, die angeblich der „Volksgemeinschaft“ schadeten.

Und nun erklärt ein prominenter Künstler im deutschen Wahlkampf des Jahres 2026 die Nichtwahl einer demokratisch legitimierten Oppositionspartei zur „Schädlingsbekämpfung“ – also besteht die AfD ihm zufolge aus „Schädlingen“, die in diesem Fall „Unserer Demokratie™“ schaden würden … Man stelle sich die umgekehrte Szene vor: Ein bekannter AfD-Unterstützer schaut in die Kamera und verkündet lachend, er betreibe erfolgreiche „Schädlingsbekämpfung“, indem er keine Grünen oder keine CDU wähle. Wie lange würde es dauern, bis die ersten Politiker von einer „entmenschlichenden Sprache“ sprächen? Wann würde der Begriff „Volksschädling“ samt NS-Konnotation in den Nachrichtensendungen auftauchen? Und wie viele Talkshows bräuchte es, in denen irgendwelche „Experten“ den Zuschauern die historischen Abgründe der Wortwahl erklären?

Bei Hallervorden scheint die historische Sensibilität wesentlich elastischer auszufallen. Immerhin mischt er sich derzeit ganz bewusst in einen der wichtigsten Landtagswahlkämpfe des Jahres ein – und zwar an der Seite der CDU.

Ausgerechnet Schulzes Mann für „offene Debatten“

Ende Juli und Anfang August zog Hallervorden gemeinsam mit Sven Schulze durch Sachsen-Anhalt. Halle, Magdeburg, Dessau und Naumburg standen auf dem Programm, sämtliche Veranstaltungen waren ausgebucht. Die CDU gab der Reihe einen beinahe unfreiwillig komischen Titel: „KUNST braucht FREIHEIT: Hallervorden und Schulze im Gespräch über Demokratie“. Auf ihrer eigenen Veranstaltungsseite schwärmte die Partei von Räumen, in denen „gedacht, gestritten, gelacht, widersprochen und neu gefragt werden darf“. Freie Meinungen und offene Debatten seien unverzichtbar.

Keine zwei Wochen nach dem letzten gemeinsamen Auftritt erklärt der prominente Partner des CDU-Ministerpräsidenten die Nichtwahl des Hauptkonkurrenten zur „Schädlingsbekämpfung“. So viel zur Meinungsfreiheit und zu offenen Debatten, die ganz offensichtlich für einen mittlerweile erheblichen Teil des deutschen Volkes nicht mehr zu gelten scheinen. Zumindest in den Augen Hallervordens.

Schulze wusste dabei sehr wohl, wen er sich auf die Bühne holte. Hallervorden erklärte während der Tour offen, die hohen AfD-Werte hätten ihn erschreckt. Er wolle alles dafür tun, dass die anderen Parteien eine Alleinregierung der AfD verhinderten. Für Friedrich Merz würde er keinen Wahlkampf machen, für Schulze hingegen schon. Der Ministerpräsident verteidigte seinen prominenten Unterstützer wiederum trotz heftiger Meinungsverschiedenheiten ausdrücklich mit dem Verweis auf die Meinungsfreiheit und fragte, wo es enden solle, wenn er sich mit Hallervorden nicht mehr auf eine Bühne stellen dürfe.

Eine interessante Frage. Noch interessanter wäre inzwischen eine andere: Wo endet für Sven Schulze eigentlich die Sprache eines demokratischen Wahlkampfs? Beim „Feuersturm“ offenbar nicht. Bei der Unterstellung, nur Menschen mit schlecht benutztem „Denkapparat“ wählten AfD, offenbar ebenfalls nicht. Und bei der angeblichen „Schädlingsbekämpfung“? Na, klickt’s?

Hallervorden ist mittlerweile weit mehr als ein Künstler, der zufällig dieselbe Partei wie Schulze gut findet. Das ZDF bezeichnete ihn als die prominenteste Unterstützung, die der CDU-Politiker derzeit bekommt. Schulze zollte ihm für sein Engagement sogar „Riesenrespekt“. Wer einen Prominenten demonstrativ in den eigenen Wahlkampf holt, dessen politische Unterstützung feiert und mit ihm eine Demokratietour veranstaltet, kann dessen Worte anschließend schwer auf derselben Ebene behandeln wie die Privatmeinung eines Passanten an der Bushaltestelle.

Die CDU hat allen Grund zur Nervosität

Denn für Schulze geht es um sehr viel. Bei der Landtagswahl am 6. September droht der CDU ein historisches Debakel. Infratest dimap sah die AfD Ende Juli bei 41 Prozent und die CDU nur noch bei 24 Prozent. Gegenüber der Landtagswahl 2021 hätte die AfD ihren damaligen Stimmenanteil von 20,8 Prozent damit nahezu verdoppelt, während die CDU von damals 37,1 Prozent dramatisch abgestürzt ist. Nur 29 Prozent zeigten sich in dieser Erhebung noch zufrieden mit der Arbeit der Landesregierung. Andere aktuelle Umfragen zeichnen ein noch düstereres Bild für Schulze. Insa kam Anfang August auf 42 Prozent für die AfD und 22 Prozent für die CDU; Pollytix sah die AfD sogar bei 43 Prozent und die CDU bei 23 Prozent.

Die Brandmauer des etablierten Parteienkartells hat die AfD in Sachsen-Anhalt jedenfalls nicht klein gehalten. Sie steht in den Umfragen rund zwanzig Punkte vor der CDU. Vielleicht erklärt das, warum der Wahlkampf zunehmend weniger nach politischer Auseinandersetzung und immer mehr nach moralischem Abwehrkampf klingt. Wer den Gegner argumentativ nicht auf 15 Prozent drücken kann, erklärt dessen Erfolg eben zur Gefahr für die Demokratie – und dessen Nichtwahl zur Bekämpfung von angeblichen „Schädlingen“.

Doch damit stellt sich eine zweite Frage: Was denkt Hallervorden eigentlich über jene mittlerweile mehr als 40 Prozent der Sachsen-Anhalter, die den Umfragen zufolge die AfD wählen wollen? Sind das alles Menschen, die ihren „Denkapparat“ nicht richtig benutzen? Ein demokratisches Gemeinwesen besteht schließlich nicht nur aus Parteien, sondern aus Bürgern, die diese Parteien wählen. Wer Millionen Wählern fortwährend erklärt, vernünftige Menschen entschieden sich anders, sollte sich nicht wundern, wenn diese irgendwann keinerlei Interesse mehr an den Belehrungen des politisierten Kulturbetriebs haben.

„Rechte Ratten“ und „Schädlingsbekämpfung“

Hallervordens Wortwahl fällt zudem in eine Zeit, in der ein weiterer prominenter Künstler mit Tiermetaphern gegen rechts Schlagzeilen macht. Herbert Grönemeyer sprach bei einem Dortmunder Konzert im Februar von „rechten Ratten und rechten Rassisten“, die wieder in ihren Löchern verschwinden sollten. Wie Apollo News unter Berufung auf einen Sprecher der Staatsanwaltschaft Dortmund berichtete, läuft seit März ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Volksverhetzung. Auslöser war eine Strafanzeige wegen dieser Äußerungen.

„Rechte Ratten“ dort, „Schädlingsbekämpfung“ hier. Was ist eigentlich aus jener oftmals erklärten Verantwortung für die politische Sprache geworden? Jahrelang erklärten Politiker, Medien und Aktivisten den Deutschen, Wörter könnten gesellschaftliche Grenzen verschieben, Menschen ausgrenzen und den Boden für Hass bereiten. Bei jeder vermuteten sprachlichen Provokation aus den Reihen der AfD begann zuverlässig die Suche nach historischen Parallelen. Nun kommen Tier- und Schädlingsbilder aus dem Kulturbetrieb – und sie richten sich gegen rechts.

Der Widerspruch könnte kaum deutlicher sein. Wenn ein AfD-Politiker sprachlich überzieht, soll sein Wortschatz Rückschlüsse auf die gesamte Partei, deren Anhänger und angebliche historische Kontinuitäten erlauben. Wenn ein prominenter Gegner der AfD von „Schädlingsbekämpfung“ spricht, soll man offenbar über den gelungenen Kalauer lachen. Dabei braucht Hallervorden solche Sprüche überhaupt nicht. Er könnte erklären, weshalb er Schulze für den besseren Ministerpräsidenten hält. Er könnte AfD-Forderungen kritisieren, über Wirtschaft, Migration, Energie, Schulen oder Kulturpolitik streiten und seine Argumente den Wählern überlassen. Das wäre jene „offene Debatte“, für die seine CDU-Tour angeblich stand.

Stattdessen erklärt er den Menschen, „Vernunft“ wähle niemals AfD, empfiehlt die Benutzung des „Denkapparats“, warnt vor einem „Feuersturm“ und landet schließlich bei der „Schädlingsbekämpfung“. Vielleicht sollte Sven Schulze seinen Wahlkampfpartner deshalb noch einmal zu einem Gespräch über Demokratie einladen. Das Motto kann sogar bleiben. Nur über „freie Meinungen und offene Debatten“ müssten die beiden wohl noch aufgeklärt werden.

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