Wussten Sie, dass das globale Netzwerk an Temperatur-Messstationen sich permanent verändert? Mehr noch sinkt die durchschnittliche Höhenmeterzahl dieser Stationen ab. Auch wird immer öfter in urbanisierten Gegenden gemessen. Dies verzerrt die Ergebnisse dramatisch nach oben.
Die Welt soll sich immer schneller erwärmen. So jedenfalls erzählen es Politik, Aktivisten und Leitmedien seit Jahren. Doch während über Zehntelgrade, Modellprognosen und CO2-Kurven gestritten wird, gerät eine viel grundlegendere Frage erstaunlich selten in den Blick: Was passiert eigentlich, wenn sich das weltweite Messnetz selbst verändert? Neue Auswertungen von Stationen des Global Historical Climatology Network, kurz GHCN, werfen eben diese Frage auf.
They claim a “global record” while averaging a changing station ensemble. Literally no data 1900. Even the network’s mean altitude drops over time (embarrassing), and average station urbanization is rises. That’s a moving target. Urban change, not climate change. https://t.co/3vVeeRwdM9 pic.twitter.com/w3U6QJ2lE1
— Orwell2024 (@orwell2022) June 30, 2026
Demnach hat sich die durchschnittliche Höhenlage aktiver Temperaturstationen in den vergangenen Jahrzehnten deutlich nach unten verschoben. Gleichzeitig nahm die Bebauung im Umfeld der Messpunkte zu. Das Messnetz wandert also tendenziell dorthin, wo Menschen leben, Städte wachsen, Asphaltflächen entstehen und die Nächte wärmer ausfallen: in tiefere und zunehmend urbanisierte Regionen. Das ist nicht einfach nur eine technische Fußnote, sondern berührt den Kern der globalen Temperaturstatistik.
Wer tiefer misst, misst normalerweise wärmer
Dass es in höheren Lagen kälter ist als im Tal, ist elementare Physik. Mit zunehmender Höhe fällt der Luftdruck, aufsteigende Luft dehnt sich aus und kühlt ab. Als grober Durchschnittswert gilt in der Troposphäre eine Temperaturabnahme von rund 6,5 Grad Celsius pro Kilometer Höhe. Der Unterschied ist auch mitten in den Alpen greifbar. Innsbruck liegt auf rund 574 Metern Seehöhe, die Zugspitze knapp 30 Kilometer entfernt auf 2.962 Metern. Zwischen beiden Orten liegen fast 2.400 Höhenmeter – und im langjährigen Mittel etwa 15 Grad Temperaturunterschied. Nicht weil die Zugspitze in einer anderen Klimazone läge, sondern weil sie weit höher liegt.
https://t.co/N0YGiLP8Ra
— Orwell2024 (@orwell2022) June 30, 2026
Why use CO₂? Changes in station mean altitude, SSR and urbanization also correlate. That’s why the best test is the few long-term stations with stable rural surroundings, not an everything changes network.
They don’t show the hockey-stick. So unpopular pic.twitter.com/0vcdyJnXDd
Genau deshalb ist die Zusammensetzung eines Messnetzes wichtig. Werden im Lauf der Jahrzehnte mehr Stationen aus höheren, dünner besiedelten Lagen stillgelegt, während tiefer gelegene und stärker verbaute Standorte stärker ins Gewicht fallen, dann verändert sich die statistische Grundlage. Die Messung erfolgt nicht mehr in derselben geografischen Realität wie früher.
Die vorliegende Auswertung kommt für das GHCN-Netz auf einen Rückgang der mittleren Stationshöhe von etwa 699 Metern um 1960 auf rund 377 Meter im Jahr 2025. Das entspricht einer Differenz von mehr als 320 Metern. Wer daraus einfach den atmosphärischen Temperaturgradienten ableitet, landet bei einem theoretischen Unterschied von über zwei Grad Celsius. Das ist keine direkte Korrektur der globalen Erwärmungsreihe – aber es zeigt die Größenordnung des Problems.
Nicht nur talwärts, sondern hinein in die Bebauung
Noch interessanter wird die Sache durch den zweiten wichtigen Faktor: Urbanisierung. Tiefer gelegene Regionen sind nicht zufällig oft jene Orte, an denen Städte, Vororte, Gewerbezonen, Straßen und Flughäfen wachsen. Dort konzentrieren sich Bevölkerung, Infrastruktur und wirtschaftliche Aktivität. Genau diese Veränderungen beeinflussen das lokale Temperaturumfeld. Asphalt, Beton und Dächer speichern tagsüber Sonnenenergie und geben sie nachts wieder ab. Grünflächen verschwinden, Verdunstung nimmt ab, Gebäude bremsen die Luftzirkulation. Vor allem bei den nächtlichen Minimaltemperaturen können Städte dadurch deutlich wärmer sein als ihr ländliches Umland. Die US-Wetterbehörde NOAA weist selbst darauf hin, dass urbane Gebiete gegenüber ihrer Umgebung mehrere Grad wärmer sein können.
Nein. Das liegt am Gridding. Ich halte gridding für fundamental falsch, aber so funktioniert Klima „Wissenschaft“: Eine neue Station irgendwo in einer 500-km-Zelle bekommt sofort das volle 500 km Zellgewicht. DEI des Messen. https://t.co/mouwlX4uYU pic.twitter.com/EKWJvESEmH
— Orwell2024 (@orwell2022) June 30, 2026
Die Kombination aus sinkender durchschnittlicher Höhenlage und wachsender Bebauung ist deshalb kein belangloses Detail. Sie ist ein klassischer Fall eines sich verändernden Messumfelds. Das Thermometer misst zwar korrekt – doch die Frage lautet: Misst es im Jahr 2025 noch dieselbe Art von Umgebung wie 1960? Genau darauf zielt die Kritik der Auswertung. Das globale Netz werde zunehmend zu einem „moving target“: Alte Stationen verschwinden, neue kommen hinzu, alte Messorte werden von Städten eingeholt, ländliche Flächen werden versiegelt. Wer über Jahrzehnte einen globalen Temperaturtrend ableiten will, muss diese Veränderungen nicht nur irgendwie berücksichtigen, sondern sie für Außenstehende auch nachvollziehbar offenlegen.
Die offizielle Antwort: Anomalien und Homogenisierung
Die Betreiber großer Temperaturdatensätze kennen dieses Problem selbstverständlich. GHCN-Monthly Version 4 führt Rohdaten und homogenisierte Daten getrennt. Die Homogenisierung soll Sprünge und künstliche Brüche aus Stationswechseln, veränderten Messverfahren, Standortverlagerungen oder anderen nicht-klimatischen Einflüssen erkennen und korrigieren. Auch globale Reihen wie jene von NASA GISS arbeiten nicht einfach mit absoluten Temperaturen. Stattdessen werden für einzelne Stationen Temperaturabweichungen gegenüber einem referenzierten Zeitraum berechnet. Das soll verhindern, dass eine heiße Küstenstation, ein Berggipfel und ein kaltes Binnenland direkt miteinander vermischt werden. Die NASA erklärt ausdrücklich, dass globale Mittelwerte aus lokalen Temperatur-Anomalien und nicht aus den absoluten Stationswerten gebildet werden.
That’s a nice one. my version on the right. Showing yearly UHI. With this bias and having hundred times more thermometers today you get more records. That’s a trivial fact. And no, it is not “accounted” for. No, it is not “corrected”. You can’t correct flawed measurements with SW https://t.co/SxS1HKdMem pic.twitter.com/1DaTn7My2p
— Orwell2024 (@orwell2022) June 30, 2026
Das ist ein wichtiger Einwand gegen die platte Behauptung, eine sinkende mittlere Stationshöhe beweise automatisch, der gesamte Erwärmungstrend sei rein künstlich. So einfach ist es nicht. Die Höhe einer Station bleibt normalerweise über die Zeit konstant, und bei einer Anomalienberechnung wird ihr eigenes langjähriges Temperaturniveau herausgerechnet. Doch damit ist die Debatte keineswegs erledigt. Denn Anomalien können nur korrigieren, was bekannt, erkannt und methodisch sauber modelliert wird. Wenn sich die Zusammensetzung des Netzes verändert, wenn bestimmte Regionen zeitweise stärker oder schwächer vertreten sind oder wenn Stationen über Jahrzehnte durch Urbanisierung ein neues lokales Mikroklima erhalten, dann bleibt die Frage offen, wie vollständig solche Effekte tatsächlich erfasst werden.
Selbst die Fachliteratur warnt vor „Urban Blending“
Dass Homogenisierung kein Zauberstab ist, zeigt auch die Fachliteratur. Eine 2023 im Journal of Applied Meteorology and Climatology unter dem Titel „Evidence of Urban Blending in Homogenized Temperature Records in Japan and in the United States: Implications for the Reliability of Global Land Surface Air Temperature Data“ veröffentlichte Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass Homogenisierungsverfahren neue nicht-klimatische Verzerrungen erzeugen können, wenn urbane und ländliche Stationen statistisch miteinander vermischt werden. Die Autoren sprechen von einem möglichen „urban blending“-Problem: Künstliche lokale Erwärmung kann über Vergleichs- und Korrekturverfahren teilweise in andere Stationsreihen übertragen werden.
6/ So now you have a little context to play around in @klymot labs. An anomaly view to deseasonalize the monthly data would be useful. Month-by-month plots and total 1970–2020 deltas for SSR and temperature would also be nice. The example shown is Potsdamhttps://t.co/hJwy9Dk1gm pic.twitter.com/vJ8BO6CO3A
— Orwell2024 (@orwell2022) June 29, 2026
Auch neuere Arbeiten zum US-Stationsnetz zeigen, dass der Urbanisierungsanteil keineswegs nur theoretisch ist. Eine 2025 im Journal of Applied Meteorology and Climatology publizierte Studie mit dem Titel „Urban Heat Island Effects in U.S. Summer Surface Temperature Data, 1895–2023“ fand für die Vereinigten Staaten je nach Standortkategorie erhebliche Unterschiede: Bei ländlichen Stationen fiel der geschätzte Urbanisierungseffekt deutlich geringer aus als bei Vorstadt- und Stadtstationen. Über alle untersuchten Stationen hinweg wurde der Urbanisierungsbeitrag auf rund 22 Prozent des beobachteten Rohtrends beziffert. Das beweist nicht, dass sich diese Zahlen eins zu eins auf die gesamte Welt übertragen lassen. Aber es widerlegt die Behauptung, Urbanisierung sei ein längst erledigtes Randthema ohne nennenswerte Bedeutung.
Weniger Stationen, andere Stationen, andere Welt?
Hinzu kommt die schiere Veränderung des Netzes. Nach den vorliegenden Daten stieg die Zahl verfügbarer Stationen zunächst stark an, erreichte um 2010 einen Höchststand und brach danach wieder deutlich ein. Gerade langfristige Temperaturvergleiche leben aber davon, dass möglichst viele Regionen über möglichst lange Zeiträume vergleichbar erfasst werden. Die entscheidende Schwäche der Frühzeit der Temperaturmessungen liegt nicht im völligen Fehlen von Daten, sondern in ihrer deutlich dünneren und regional ungleicheren Abdeckung. Europa und Nordamerika sind wesentlich besser dokumentiert als große Teile Afrikas, Asiens, Südamerikas oder der Polarregionen. Das Problem lautet daher nicht: „Es gibt keine historischen Messungen.“ Es lautet: Wie vergleichbar ist ein dünnes, regional verzerrtes Netz von gestern mit einem später stark ausgeweiteten, anschließend wieder umgebauten Netz von heute?
Wichtig ist nicht nur die Quantität der Daten, sondern insbesondere die Qualität. Je stärker sich das Messnetz über Jahrzehnte in Richtung tiefer gelegener und urbanisierter Orte verschiebt, desto dringender wird die Frage: Wie viel der gemessenen Erwärmung stammt tatsächlich von klimatischen Veränderungen – und wie viel aus dem Wandel der Orte, an denen gemessen wird? Diese Frage verdient offene Daten, nachvollziehbare Methoden und unabhängige Replikationen. Erst dann kann man unter Berücksichtigung weiterer wichtiger Faktoren ein Gesamtbild erstellen.
