Ungarns Kernkraftwerk Paks kämpft wegen des extrem niedrigen Donaupegels mit massiven Leistungseinbußen, zeitweise blieben von rund zwei Gigawatt gerade einmal 240 Megawatt übrig. Der neue Ministerpräsident Péter Magyar nutzt die Krise nun für einen radikalen Umbau der Energiepolitik: Milliarden für Stromnetze und Batteriespeicher, dazu ein gewaltiger Ausbau der Windkraft. Der politische Witz daran: Magyar räumt gleichzeitig selbst ein, dass Ungarn auf Paks nicht monatelang verzichten kann – und liefert damit das beste Argument dafür, zuerst die gesicherte Stromversorgung wetterfest zu machen.
Die Lage in Ungarn war in den vergangenen Tagen tatsächlich ernst. Die Donau führte so wenig Wasser, dass das Kernkraftwerk Paks seine Produktion immer weiter reduzieren musste. Das Kraftwerk liefert normalerweise knapp die Hälfte des ungarischen Stroms und bildet damit das Rückgrat der Versorgung. Zeitweise sank seine Leistung auf rund 240 Megawatt, während gleichzeitig die Stromnachfrage wegen der hohen Temperaturen und des massiven Einsatzes von Klimaanlagen auf mehr als 7.000 Megawatt stieg. Haushalte und Unternehmen wurden zum Stromsparen aufgefordert, große Verbraucher reduzierten ihren Verbrauch um mehrere hundert Megawatt und Ungarn musste deutlich mehr Strom importieren.
Am Montag kam etwas Entlastung. Niederschläge im österreichischen Einzugsgebiet ließen den Pegel der Donau bei Paks gegenüber dem Tiefpunkt um 19 Zentimeter steigen, woraufhin eine weitere Turbine wieder hochgefahren werden konnte. Magyar warnte allerdings, dass diese Verbesserung nur vorübergehend sein dürfte. Seine bemerkenswerteste Aussage ging in der üblichen Klimaberichterstattung beinahe unter: Es sei entscheidend, Paks am Netz zu halten, denn „die ungarische Wirtschaft kann nicht monatelang ohne das Kraftwerk funktionieren“. Genau so sieht Versorgungssicherheit aus – beziehungsweise deren Fehlen, wenn ein Land fast die Hälfte seiner Stromproduktion an einer einzigen Kühlwasserquelle hängen hat.
43 Grad – und auch das Gaskraftwerk verabschiedete sich
Zusätzlichen Druck bekam das ungarische Stromnetz am Mittwoch. Bei Temperaturen von bis zu 43 Grad fiel nach Angaben des Energiefachportals Montel auch noch ein Gaskraftwerk mit rund 400 Megawatt Leistung aus. Ausgerechnet während der abendlichen Spitzenlast fehlte damit ein weiteres steuerbares Kraftwerk. Paks lieferte nur noch einen Bruchteil seiner normalen Leistung, die Solaranlagen produzierten mit sinkender Sonne immer weniger und Ungarn hing zunehmend am europäischen Stromverbund.
Doch an diesem Punkt wird die Geschichte interessant. Denn die reflexhafte Erklärung lautet bereits wieder „Klimawandel“. Hitze, Dürre, niedrige Pegelstände bei den Flüssen – Fall erledigt. Für die Stromversorgung beantwortet dieser Umstand allerdings überhaupt nichts. Das eigentliche Problem von Paks besteht darin, dass ein Zwei-Gigawatt-Kernkraftwerk für seine Kühlung von einem ausreichend hohen Donaupegel abhängig ist. Selbst Magyar hat deshalb angekündigt, die Planungen für Paks II hinsichtlich der Kühlung überprüfen zu lassen und ausdrücklich auch Kühltürme ins Spiel gebracht.
Das wäre eine technische Antwort auf ein technisches Problem. Flusspegel schwanken, Dürren gab es auch vor Erfindung der „Klimakrise“, und Kraftwerke müssen so gebaut werden, dass sie mit realistischen Extrembedingungen umgehen können. Wie wenig neu das Problem ist, zeigt ausgerechnet das Kernkraftwerk Krško in Slowenien. Dort wurde die Leistung Anfang August ebenfalls auf 80 Prozent reduziert, weil die Save wenig Wasser führte und Umweltgrenzwerte für die Wassertemperatur eingehalten werden mussten. Der Betreiber NEK schreibt selbst, dass er aus genau diesem Grund zuletzt 2003 die Kraftwerksleistung reduzieren musste – damals sogar mehr als 90 Tage lang.
Krško zeigt, wie man ein Kraftwerk anpasst
Krško liefert zugleich einen praktikablen Hinweis darauf, wie man mit solchen Situationen effektiv und günstig umgehen kann. Das Kraftwerk verfügt über Kühltürme, die während der heißen Monate zusätzlich eingesetzt wurden. Dadurch konnte es trotz niedriger Wasserführung und hoher Temperaturen zunächst weiterhin mit voller Leistung arbeiten. Erst als sich die hydrologischen Bedingungen weiter verschärften und die gesetzlichen Grenzwerte für die Erwärmung der Save näher rückten, wurde auf 80 Prozent reduziert.
Die Drosselung erfolgte laut Betreiber kontrolliert und wegen der Umweltauflagen: Am Punkt der vollständigen Durchmischung darf die durchschnittliche Wassertemperatur der Save 28 Grad Celsius nicht überschreiten, die Erwärmung durch das Kraftwerk im Tagesmittel höchstens drei Grad. Wer daraus ein grundsätzliches Versagen der Kernkraft konstruiert, müsste erklären, warum Kühltürme das Problem über Wochen entschärfen konnten und warum die gleiche Situation bereits 2003 auftrat.
Auch Frankreich kennt solche sommerlichen Drosselungen seit Jahrzehnten. Das Grundprinzip ist überall dasselbe: Thermische Kraftwerke müssen Abwärme loswerden. Nutzt man dafür große Mengen Flusswasser, wird die Wasserführung zu einem Standortfaktor. Daraus kann man die Konsequenz ziehen, Kühlsysteme und Kraftwerksstandorte besser gegen Niedrigwasser abzusichern und das warme Abwasser beispielsweise über neue, längere Streckenführungen erst zu kühlen, bevor es wieder in die Flüsse eingeleitet wird. Oder man nimmt die nächste Hitzewelle zum Anlass, noch mehr Windräder aufzustellen. Magyar entscheidet sich offenbar für Letzteres.
Vier Gigawatt Windkraft sollen es richten
Seine Regierung will Ungarns Energiepolitik nun in hohem Tempo umbauen. Bis zum 31. August soll eine Ausschreibung über mindestens 700 Megawatt neue Windkraftleistung starten. Bis 2030 sind vier Gigawatt vorgesehen – bei heute rund 330 Megawatt wäre das mehr als eine Verzehnfachung. Gleichzeitig sollen Batteriespeicher aufgebaut und die Stromnetze mit Milliardeninvestitionen erweitert werden.
Das wird als Bruch mit Viktor Orbán verkauft. Allerdings lohnt sich auch hier ein Blick jenseits der politischen Schlagzeile. Orbáns Regierung hatte Windkraft tatsächlich über Jahre faktisch blockiert. Seit 2016 galt eine zwölf Kilometer breite Schutzzone um bewohnte Gebiete, die bei der ungarischen Siedlungsstruktur kaum noch geeignete Standorte übrig ließ. Orbáns Regierung hatte die Zwölf-Kilometer-Regel allerdings schon Anfang 2024 deutlich gelockert. Seitdem gilt für neue Windräder grundsätzlich ein Mindestabstand von 700 Metern zu Wohngebieten. Magyar fängt beim Windkraftausbau also nicht bei null an. Neu ist vor allem das Tempo: Aus den bislang rund 330 Megawatt sollen bis 2030 vier Gigawatt werden. Damit würde die installierte Windkraftleistung innerhalb weniger Jahre mehr als verzehnfacht.
Dafür sollen gewaltige Summen mobilisiert werden. Die Regierung hat ein Energieprogramm über 868 Milliarden Forint beschlossen, um Speicher, Netze, Windkraft und Geothermie auszubauen. Hinzu kommen EU-Mittel für die Modernisierung der Netze. Dass für die zusätzlichen Wind- und Solarkapazitäten gleichzeitig neue Speicher und Milliardeninvestitionen ins Stromnetz benötigt werden, wird gerne als Fortschritt verkauft. Tatsächlich sind diese Investitionen notwendig, weil wetterabhängige Stromproduktion eben nicht wie ein Kern-, Gas- oder Kohlekraftwerk nach Bedarf hochgefahren werden kann. Selbst die Internationale Energieagentur spricht bei Wind und Solar ausdrücklich von variabler Erzeugung und nennt Speicher, Netzausbau sowie regelbare Kraftwerke als (teure) notwendige Ergänzungen.
Ungarn hat bereits massenhaft Solarstrom
Besonders kurios wird Magyars Antwort auf die Krise beim Blick auf Ungarns bisherige Energiewende. Das Land leidet nämlich ganz bestimmt nicht unter einem Mangel an Solaranlagen. Im Jahr 2025 erzeugte Solarenergie mehr als ein Fünftel des ungarischen Stroms; nach Daten des Energieinstituts Ember gehörte Ungarn damit zu den EU-Ländern mit dem höchsten Solarstromanteil. Die installierte Photovoltaikleistung ist in den vergangenen Jahren auf mehrere Gigawatt hochgeschossen.
Nur hat die Sonne für die Stromerzeugung eine unangenehme Eigenart: Abends geht sie unter. Und zwischen 17 und 22 Uhr war die Versorgung während der gegenwärtigen Krise besonders angespannt. Tagsüber können ungarische Solaranlagen große Mengen Strom liefern, am Abend fällt ihre Produktion weg, während Klimaanlagen und andere Verbraucher weiterlaufen. Batterien können Strom vom Nachmittag in die Abendstunden verschieben – sofern vorher genug Überschuss erzeugt und ausreichend Speicherkapazität installiert wurde. Sie erzeugen selbst keine Energie und verwandeln ein wetterabhängiges Kraftwerk auch nicht plötzlich in gesicherte Leistung.
Dasselbe gilt für Windkraft. Vier Gigawatt installierte Windleistung bedeuten vier Gigawatt, wenn die Anlagen unter entsprechenden Windbedingungen überhaupt unter Volllast Strom produzieren können. Sie bedeuten nicht, dass vier Gigawatt jederzeit abrufbar im Netz stehen. Genau deshalb verlangt selbst die IEA bei höheren Anteilen von Wind und Solar zusätzliche Speicher, leistungsfähigere Netze, Laststeuerung und weiterhin regelbare Erzeugung. Wer also ein Zwei-Gigawatt-Kernkraftwerk ersetzen oder absichern möchte, kann nicht einfach zwei oder vier Gigawatt an Wind- bzw. Solarkapazität hinstellen und anschließend die Megawattzahlen vergleichen.
Ausgerechnet die Nachbarländer müssen einspringen
Die gegenwärtige Krise führt damit ziemlich anschaulich vor, worauf es bei einem Stromsystem letztlich ankommt: Nicht die installierte Nennleistung entscheidet, sondern welche Leistung genau dann tatsächlich verfügbar ist, wenn sie gebraucht wird. Als die Produktion des Kraftwerks Paks einbrach, stiegen Ungarns Stromimporte kräftig an. Auch Rumänien musste wegen der Probleme am Kernkraftwerk Cernavodă zusätzliche Importe organisieren und rief für August den Energienotstand aus. Dort gingen die Behörden sogar so weit, Felsen zu sprengen und Wasser der Donau umzuleiten, um den verbliebenen Reaktor weiter kühlen zu können.
Solche Bilder passen freilich schlecht zur europäischen Energiewende-Propaganda. Ein moderner Industriestaat braucht Strom rund um die Uhr. Im Hochsommer ebenso wie im Winter, bei Sonnenschein ebenso wie nachts und bei Wind ebenso wie bei Flaute. Dass Stromnetze Länder miteinander verbinden und kurzfristige Ausfälle ausgleichen können, ist sinnvoll. Wenn jedoch immer mehr Staaten gleichzeitig darauf setzen, bei eigener Unterdeckung einfach Strom beim Nachbarn zu kaufen, stellt sich irgendwann die ziemlich banale Frage, wer ihn dort eigentlich erzeugen soll.
Orbáns Energiepolitik setzte deshalb trotz des massiven ungarischen Solarzubaus auf Kernkraft, Gas und langfristige Brennstoffversorgung. Budapest hatte unter der Führung des konservativen Premiers die Energiepolitik an Versorgungssicherheit und günstigen Öl- und Gaslieferungen aus Russland ausgerichtet. Magyars Regierung rückt nun näher an jene Brüsseler Linie, die seit Jahren Milliarden in Windkraft, Photovoltaik, Speicher und immer kompliziertere Stromnetze pumpt. Das Ergebnis dieser Politik wird sich nicht daran messen lassen, wie viele Gigawatt Windräder Magyar einweiht. Entscheidend wird sein, ob in der nächsten Krisenwoche noch Strom aus der Steckdose kommt, wenn Donau, Sonne und Wind gerade nicht den politischen Plänen folgen.
Wer sich näher mit den technischen, wirtschaftlichen und ökologischen Schattenseiten des massiven Windkraftausbaus beschäftigen möchte: Heinz Steiner behandelt diese Themen ausführlich in seinem neuen Buch „Der Windkraft-Wahn„.






