Heute Kalifat-Rufe, morgen Scharia: Was Europas Islamisierung mit Rukhshanas Steinigung zu tun hat

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Rukhshana war 19 Jahre alt, als ein islamisches Gericht sie zum Tod durch Steinigung verurteilte. In Hamburg forderten Jahre später Tausende Islamisten öffentlich ein Kalifat. Mehr als 5.000 Kilometer trennen beide Szenen – verbunden sind sie durch den Anspruch, religiöses Recht über den Staat und den einzelnen Menschen zu stellen.

Rukhshana kann nicht mehr davonlaufen. Nur noch ihr Kopf ragt aus dem Erdloch, während sich die Männer um sie versammeln und Steine aufheben. Auf dem Video hört man ihre Schreie und die „Allahu Akbar“-Rufe ihrer Henker. Dann beginnt die Steinigung. Rukhshana war 19 Jahre alt, als sie am 25. Oktober 2015 in der afghanischen Provinz Ghor ermordet wurde. Ihr Vater hatte sie bereits mit 13 Jahren verheiratet. Sie lief davon, wurde zurückgebracht und erneut verheiratet. Beim nächsten Fluchtversuch griffen bewaffnete Männer sie und ihren Begleiter auf. Der junge Mann kam mit Peitschenhieben davon. Für Rukhshana endete die Flucht in einem Erdloch.

Ob die Täter den Taliban oder einem mit verschiedenen bewaffneten Gruppen verbundenen Netzwerk angehörten, blieb umstritten. An ihrer Form der „Rechtsprechung“ änderte das nichts. Ein islamisches Parallelgericht hatte entschieden, dass eine junge Frau sterben musste, weil sie sich den Männern widersetzt hatte, die über ihr Leben verfügen wollten. Elf Jahre später herrschen die Taliban über ganz Afghanistan. Ihr Anführer Hibatullah Akhundzada kündigte 2024 öffentlich an, Frauen wegen Ehebruchs wieder auspeitschen und steinigen zu lassen. Seit Januar 2026 gilt zudem eine neue Strafprozessordnung, die laut Amnesty International Körperstrafen institutionell verankert, bei zahlreichen Delikten die Todesstrafe zulässt und Frauen sowie religiöse Minderheiten noch weiter entrechtet.

Aus dem improvisierten „Gericht“ bewaffneter Islamisten ist inzwischen eine Staatsordnung geworden. Dieselbe religiöse Ideologie, die Rukhshana in ein Erdloch brachte, verfügt heute über Ministerien, Gerichte, Gefängnisse und eine Armee. Zwischen Rukhshanas Steinigung und einem europäischen Rechtsstaat liegen Welten. Doch die politische Vorstellung hinter diesem Mord ist längst auch in Europa angekommen: Das islamische Recht soll nicht nur das Privatleben eines Moslems regeln, sondern auch Staat und Gesellschaft beherrschen.

„Kalifat ist die Lösung“

Am 27. April 2024 standen mitten in Hamburg Männer mit einem Schild in der Menge, auf dem drei Worte standen: „Kalifat ist die Lösung.“ Zwei Wochen später folgten rund 2.300 Menschen einem weiteren Aufruf der islamistischen Gruppierung „Muslim Interaktiv“. Die Polizei hatte dieses Mal die Forderung nach einem islamischen Gottesstaat sowie die vom Veranstalter gewünschte Geschlechtertrennung ausdrücklich untersagt. Die Demonstranten hielten stattdessen Schilder mit „Censored“ und „Verboten“ in die Höhe. Ihre eigentliche Forderung hatten sie bereits zwei Wochen zuvor unmissverständlich formuliert.

Im November 2025 verbot Bundesinnenminister Alexander Dobrindt „Muslim Interaktiv“. Die Behörden sahen in der Gruppierung eine Organisation, die sich gegen die verfassungsmäßige Ordnung richtet, ein Kalifat propagiert und die Rechte von Frauen und Minderheiten missachtet. In Hamburg, Berlin und Hessen wurden Objekte durchsucht. Gleichzeitig gerieten „Generation Islam“ und „Realität Islam“ stärker ins Visier der Sicherheitsbehörden. Das Kalifat ist keine besonders fromme Form privater Religionsausübung. Es ist ein Herrschaftsmodell. Dabei geht es nicht um Gebete, Fastenregeln oder den Verzicht auf Schweinefleisch. Es geht um die Machtfrage: Gilt das von Bürgern beschlossene staatliche Recht – oder ein angeblich göttliches Gesetz, das kein Parlament ändern und kein Wähler abwählen darf?

Die Europäer müssen diese Entwicklung nicht erst selbst erleben. Menschen, die vor den Islamisten nach Europa geflohen waren, warnten schon vor Jahren davor. Fewzi Benhabib kam 1994 nach Frankreich. Der algerische Universitätsprofessor floh vor Islamisten, nachdem sein Freund Abderrahmane Fardeheb in Oran vor den Augen seiner Tochter ermordet worden war. Saint-Denis wurde für Benhabib und seine Familie zur neuen Heimat. Zwei Jahrzehnte später erkannte er seine Stadt kaum wieder.

Benhabib beschrieb Gebetsteppiche auf den Straßen, Forderungen nach Vorlesungszeiten, die sich an islamischen Gebeten orientieren sollten, Drohungen gegen einen Institutsdirektor und eine Umgebung, in der er als Algerier ständig auf seine moslemische Identität reduziert wurde. Eine Friseurin erklärte ihm, die Moslems in Saint-Denis würden ihren Glauben eben „kompromisslos“ leben. Benhabibs Antwort: So etwas habe er nicht einmal in Oran erlebt.

Benhabib kannte das Muster aus Algerien. Dort sei der Islamismus ebenfalls zunächst „auf leisen Sohlen“ gekommen. Kleine Forderungen, scheinbar unbedeutende Grenzverschiebungen und immer neue Zumutungen bereiteten den Boden. Terror und Barbarei folgten später. Auch andere säkulare Algerier flohen vor Islamisten nach Frankreich und fanden sich dort plötzlich in Stadtvierteln wieder, in denen strengere islamische Regeln herrschten als in Teilen ihrer alten Heimat. Die französische Publizistin Caroline Fourest sprach von Lebensweisen, „wie sie in Algerien unvorstellbar wären“. Der linke Glaube, islamische Prägungen würden sich mit dem Grenzübertritt oder spätestens in der nächsten Generation von selbst erledigen, hält der Wirklichkeit nicht stand.

Wenn die zweite Generation religiöser wird

Seit 2015 kamen nicht nur Asylforderer nach Deutschland. Mit den Menschen kamen ihre Religionen, Wertvorstellungen, Konflikte und Vorstellungen vom Zusammenleben. Eine 2025 veröffentlichte BAMF-Auswertung der zwischen 2013 und 2019 eingereisten Flüchtlinge ergab für 2021 einen Moslem-Anteil von 69,7 Prozent. 16 Prozent waren Christen, jeweils rund sieben Prozent gehörten anderen Religionen oder keiner Religion an. Mehr als vier Fünftel der moslemischen Flüchtlinge waren Sunniten.

Bereits 2014 untersuchten Aida Just, Maria Elena Sandovici und Ola Listhaug für die Studie Islam, religiosity, and immigrant political action in Western Europe Daten des European Social Survey aus 18 westeuropäischen Staaten. Das Ergebnis widersprach der Vorstellung, Integration führe zwangsläufig zur Säkularisierung. Moslems der zweiten Generation waren in den untersuchten Daten religiöser als im Ausland geborene Moslems und zugleich unzufriedener mit ihren Aufnahmeländern. Bei ihnen war Religiosität zudem stärker mit außerinstitutioneller politischer Aktivität verbunden.

Ayse Guveli und Lucinda Platt werteten später für „Religiosity of Migrants and Natives in Western Europe 2002–2018: Convergence and Divergence“ neun Erhebungswellen aus 15 westeuropäischen Ländern aus. Während die einheimische Bevölkerung säkularer wurde, nahm die Religiosität sowohl bei moslemischen Migranten der ersten als auch der zweiten Generation zu. Die Forscher fanden Hinweise auf ein „religious revival“. Europa entchristlicht sich, während Teile seiner eingewanderten Bevölkerung religiöser werden. Kirchen schließen, Moscheegemeinden wachsen. Christliche Traditionen gelten als rückständig, während islamische Forderungen unter dem Etikett kultureller Vielfalt politischen Schutz erhalten. Das ist keine Annäherung, sondern eine gegenläufige Entwicklung innerhalb derselben Gesellschaft.

Für 2025 bezifferten die Behörden das islamistische Personenpotenzial in Deutschland auf 28.645 Menschen, nach 28.280 im Vorjahr. Rund 9.110 davon gelten als gewaltorientiert. Die Radikalisierung wandert gleichzeitig immer stärker ins Internet. TikTok, Instagram, Messenger und selbst Gaming-Plattformen bringen islamistische Propaganda direkt auf die Smartphones Jugendlicher. Der Ruf nach dem Kalifat benötigt kein Hinterzimmer mehr. Ein professionell produziertes Kurzvideo genügt.

Für den politischen Einfluss einer Bewegung war noch nie entscheidend, dass ihr eine Bevölkerungsmehrheit angehört. Organisierte Minderheiten benötigen keine Millionen Mitglieder, wenn sie über Nachwuchs, Geld, digitale Reichweite und eine klare Ideologie verfügen. Entscheidend ist, ob Staat und Gesellschaft ihnen Grenzen setzen – oder jede neue Forderung so lange als Ausdruck kultureller Vielfalt verharmlosen, bis der nächste Rückzug bereits als Toleranz verkauft wird. Wie weit religiöse und gesellschaftliche Verschiebungen über Generationen reichen können, zeigt der Blick nach Südostasien.

Von hinduistischen Reichen zu Scharia-Gerichten

Der indonesische Archipel war nicht immer das größte moslemisch geprägte Land der Erde. Auf Java blühte einst eine hinduistisch-buddhistische Zivilisation, deren Tempel und Ruinen noch heute davon zeugen. Moslemische Händler bereisten die Region bereits seit dem frühen Mittelalter. Ab dem 14. Jahrhundert entstanden dauerhafte islamische Gemeinschaften und Sultanate. An der Nordküste Javas gewannen moslemische Herrscher zunehmend an Einfluss. Anfang des 16. Jahrhunderts verdrängte das Sultanat Demak schließlich die hinduistische Großmacht Majapahit als dominierende politische Kraft. Handel, Mission, Heiraten, gesellschaftlicher Aufstieg und politische Macht veränderten die religiöse Ordnung über Jahrhunderte.

Die vorislamischen Traditionen verschwanden nicht vollständig. Auf Bali überlebte der Hinduismus als Mehrheitsreligion, andernorts vermischten sich ältere Bräuche mit islamischen Vorstellungen. Am Ergebnis des langfristigen Wandels änderte das wenig. Aus einer Region mit hinduistischen, buddhistischen und zahlreichen indigenen Religionen entstanden Gesellschaften, in denen Indonesien, Malaysia und Brunei heute moslemische Mehrheiten besitzen. In Aceh wurde der Ruf nach einer umfassenderen Anwendung der Scharia Ende der 1990er-Jahre immer lauter. Jakarta gewährte der Provinz besondere Rechte. Im Jahr 2000 folgten regionale Vorschriften zur Einführung islamischen Rechts, 2001 die Sonderautonomie und 2003 die heutigen Scharia-Gerichte. Die religiöse Forderung erhielt erst politische Anerkennung, dann Behörden, Richter und ein eigenes Strafrecht.

Heute werden in Aceh Menschen öffentlich ausgepeitscht. Im Februar 2025 mussten zwei Männer vor Zuschauern 77 beziehungsweise 82 Stockhiebe über sich ergehen lassen, nachdem ein Scharia-Gericht sie wegen einer homosexuellen Beziehung verurteilt hatte. Auch Sex außerhalb der Ehe, Alkoholkonsum und Glücksspiel können mit Peitschenhieben bestraft werden. Der Inselstaat wirbt um Touristen, während in einer seiner Provinzen Henker im Namen Allahs die Rute schwingen.

Malaysia besitzt bereits zwei parallele Gerichtssysteme. Neben der zivilen Justiz bestehen Scharia-Gerichte, die von den Bundesstaaten erlassenes islamisches Familien- und Strafrecht anwenden. Für Moslems gelten damit je nach Rechtsfrage andere Vorschriften und andere Gerichte als für Nichtmoslems. Brunei ging noch weiter. Der Syariah Penal Code Order bestimmt bereits in Paragraph 3, dass seine Vorschriften – soweit nicht anders geregelt – sowohl auf Moslems als auch auf Nichtmoslems angewendet werden können. Das religiöse Strafrecht steht dort nicht neben dem Staat. Es ist staatliches Recht.

Keine dieser Gesellschaften veränderte sich über Nacht. Aus einzelnen Gemeinden wurden religiöse Mehrheiten, aus religiösen Mehrheiten politische Machtblöcke und aus politischen Forderungen staatliche Institutionen. Was anfangs radikal erschien, wurde zunächst diskutiert, anschließend ausgehandelt und schließlich Gesetz. Afghanistan ist nicht Hamburg, und aus einer Demonstration entsteht noch kein Kalifat. Die Islamisten auf Hamburgs Straßen verlangten allerdings auch keine zusätzliche Moschee, keinen Gebetsraum und keinen weiteren Feiertag. Sie nannten ihr politisches Ziel selbst: „Kalifat ist die Lösung.“

Rukhshana war 19 Jahre alt, als Männer entschieden, dass ihre Auslegung von Gottes Gesetz mehr wert sei als das Leben einer jungen Frau. Die Steine bildeten nur das letzte Glied einer längeren Kette. Zuerst setzte sich die Vorstellung durch, religiöses Recht stehe über dem einzelnen Menschen. Anschließend beanspruchten Männer das Recht, dieses vermeintlich göttliche Gesetz durchzusetzen.

In Hamburg flogen noch keine Steine. Dort wurden vorerst nur Schilder hochgehalten. Zwischen beidem steht eine Rechts- und Gesellschaftsordnung. Wie lange sie dort stehen bleibt, hängt davon ab, ob Europa den islamistischen Machtanspruch zurückweist – oder ihn weiter als missverstandene Religiosität, kulturelle Vielfalt und harmlose Provokation verniedlicht.

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