Giftregen: Forscher finden alarmierende Mengen an Pestiziden in unseren Wolken

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Europaweite Studien sollen belegen, dass auch unsere Wolken voll von Agrargiften sind. Selbst längst verbotene Chemikalien reisen durch die Atmosphäre und regnen auf uns herab. Die gemessenen Werte überschreiten teils sogar die strengen EU-Grenzwerte für Trinkwasser. Was bedeutet dies für uns Menschen?

Wer an die Belastung durch Pestizide denkt, hat meist das direkt gespritzte Feld, den belasteten Ackerboden oder Rückstände im Grundwasser vor Augen. Doch die Kontamination stoppt nicht am Feldrand. Ein Forscherteam der Universität Clermont Auvergne hat am Observatorium Puy de Dôme in Zentralfrankreich das Wasser von Wolken untersucht. Die Ergebnisse dieser Proben, die die Forscher auf 1.465 Metern Höhe fernab direkter landwirtschaftlicher Nutzung entnommen haben, wurden in einer Studie mit dem Titel „Are Clouds a Neglected Reservoir of Pesticides?“ im Journal Environmental Science & Technology veröffentlicht.

32 verschiedene Substanzen nachgewiesen

In allen untersuchten Proben fanden die Wissenschaftler Rückstände von Agrargiften. Insgesamt wurden 32 verschiedene Substanzen isoliert – ein regelrechter Giftcocktail aus Herbiziden, Insektiziden, Fungiziden und chemischen Abbauprodukten. Da die Messstation hoch oben auf einem Berg liegt, kann dieses Gift nicht von einem benachbarten Feld stammen. Die Chemikalien verdunsten, heften sich an Feinstaubpartikel, lösen sich in Wolkentröpfchen und wandern mit den Luftströmungen über weite Strecken. Vereinfacht gesagt: Das Gift, das irgendwo massenhaft versprüht wird, steigt auf und regnet hunderte Kilometer entfernt wieder ab – auf unsere Köpfe, unsere Städte, auf unberührte Wälder und auch auf streng kontrollierte Bio-Bauernhöfe.

Die Forscher monierten auch die massive Konzentration der Schadstoffe. In der Hälfte der sechs entnommenen Wolkenwasserproben lag die Gesamtbelastung bei über 0,5 Mikrogramm Pestiziden pro Liter. Das ist jene Schwelle, die in der Europäischen Union als absolutes Limit für Pestizidrückstände im Trinkwasser gilt! Selbst wenn man Stoffe herausrechnet, die auch durch andere atmosphärische Reaktionen entstehen können (wie 2,4-Dinitrophenol), überschritten immer noch zwei Proben diesen kritischen Grenzwert. Auch wenn wir Regenwasser nicht direkt trinken, verdeutlicht dieser Befund die Dimension der Kontamination.

Die Studie förderte noch ein weiteres, höchst unbequemes Detail zutage: In den Wolken fanden sich Chemikalien, die in Frankreich und der Europäischen Union für die Landwirtschaft längst strikt verboten sind. Wie kommen diese Stoffe dorthin? Die Forscher vermuten illegalen Einsatz, Ferntransport aus anderen Ländern mit laxeren Regeln oder aber Altlasten. Viele dieser Giftstoffe sind derart langlebig, dass sie noch Jahre und Jahrzehnte nach ihrem Verbot aus dem Boden ausdünsten und wieder in den atmosphärischen Kreislauf gelangen. Ein bloßes Verkaufsverbot durch die Behörden beendet das Problem also noch lange nicht.

Wolken als fliegende chemische Reaktoren

Doch es kommt noch schlimmer. Die Forscher warnen davor, die Wolken nur als „Transportmittel“ aufzufassen. In der Atmosphäre treffen die gelösten Gifte auf Sonnenlicht und andere Stoffe. Die Wolken wirken wie ein chemischer Reaktor, in dem Insektizide und Fungizide zerfallen oder sich zu völlig neuen Abbauprodukten umwandeln. Deren schädliche Wirkung auf Mensch und Natur ist oft noch weitaus weniger erforscht als die der ursprünglichen Wirkstoffe.

Eine erste Modellrechnung der französischen Wissenschaftler verdeutlicht einen großen Maßstab: Geht man davon aus, dass die Proben repräsentativ sind, schweben allein in den tieferen und mittleren Wolkenschichten je nach Wetterlage über Frankreich schätzungsweise zwischen 6 und 139 Tonnen Pestizide.

Europaweit in der Luft – selbst in Arktis und Hochgebirge

Der Fund in den Wolken über Zentralfrankreich steht nicht allein. Bereits 2024 untersuchte ein europäisches Forscherteam die Atmosphäre an 29 Standorten – von ländlichen Regionen über Küsten und Hochgebirge bis zu polar gelegenen Messpunkten. Gesucht wurde nach 76 Pestizidwirkstoffen. 58 davon fanden die Wissenschaftler. Veröffentlicht wurden diese Daten in der Studie „Widespread Pesticide Distribution in the European Atmosphere Questions their Degradability in Air„, welche ebenfalls im selben Fachjournal publiziert wurde.

Besonders interessant ist, dass bei sieben Wirkstoffen die Konzentrationen zwischen den verschiedenen Regionen nur gering schwankten. Für die Forscher ist das ein Hinweis auf eine Verteilung im kontinentalen Maßstab. Anhand von Messungen in der freien Troposphäre und an arktischen Standorten stuften sie 22 Pestizide als besonders transportfähig ein. Darunter befanden sich 15 Wirkstoffe, die in Europas Landwirtschaft weiter zugelassen sind – aber auch sieben bereits verbotene Substanzen. Die Untersuchung nennt unter anderem Atrazin, Cyprodinil, Spiroxamin, Tebuconazol, Terbuthylazin und Thiacloprid als Stoffe, deren Konzentrationen an abgelegenen Orten auf eine lange Verweildauer in der Atmosphäre hindeuten.

Die Auswirkungen dieser chemischen Belastung auf Mensch und Umwelt wurden bislang noch kaum untersucht. Allerdings ist davon auszugehen, dass auch dies zu weitreichenden Störungen führt. Nicht nur, dass so auch die biologische Landwirtschaft ad absurdum geführt wird, auch dürfte dies Insektenpopulationen (Stichwort Insektensterben) weltweit beeinflussen. Von der gesamten Nahrungskette – bis hin zum Menschen und dessen Gesundheit – ganz zu schweigen. Wenn sich Pestizide unter Einfluss von UV-Strahlung und atmosphärischen Gasen zudem noch zersetzen, entstehen sogenannte Transformationsprodukte (Metaboliten). Diese Abbauprodukte sind oft noch toxischer, langlebiger und wasserlöslicher als die Ausgangsstoffe. Die Natur und der Mensch werden also nicht nur mit den bekannten Giften konfrontiert, sondern mit einem hochkomplexen, unberechenbaren Chemikalien-Cocktail.

Für den Menschen bedeutet dies eine dauerhafte, chronische Niedrigdosis-Exposition. Viele der versprühten Substanzen (und deren Abbauprodukte) stehen im Verdacht, das Nervensystem zu schädigen, hormonell wirksam (endokrine Disruptoren) oder krebserregend zu sein. Wir nehmen diese Stoffe dauerhaft über die Atemluft, über die Haut (beim Aufenthalt im Regen) und über unsere – eigentlich als „sauber“ deklarierten – Lebensmittel auf.

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