Ein in der EU verbreitetes Pestizid, brisante neue Daten – und plötzlich steht eine jahrzehntealte Zulassungsentscheidung der EU-Bürokraten auf dem Prüfstand. Eine aktuelle wissenschaftliche Auswertung bringt das in der Landwirtschaft weit verbreitete Fungizid Fluazinam massiv unter Druck. Der Wirkstoff kommt im großen Stil beim Anbau von Kartoffeln und Äpfeln zum Einsatz.
Forscher der Universität Stockholm haben ältere Studiendaten einer erneuten, unabhängigen Analyse (als Preprint unter dem Titel „Hidden Neurotoxicity: Re-analysis of an industry study reveals obscured brain developmental effects of fluazinam and failures in EU oversight“ veröffentlicht) unterzogen. Sie gelangen dabei zu deutlich kritischeren Schlussfolgerungen als die ursprüngliche Untersuchung, die einst den Weg für die EU-Zulassung ebnete. Das Ausmaß ist enorm: Allein in Österreich ist Fluazinam im Kartoffelanbau regulär zugelassen und wird dort auf einer riesigen Ackerfläche von rund 20.000 Hektar versprüht. In Deutschland (dort gibt es keine öffentlich verfügbaren Daten) könnten es mehr als 250.000 Hektar sein.
In diesem spezifischen Fall geht es um eine Studie aus dem Jahr 2005. Das Interessante daran: Diese wurde seinerzeit direkt im Auftrag des Herstellers ISK durchgeführt. Gegenstand der Untersuchung war die sensible Frage, ob Fluazinam bei trächtigen Ratten die Gehirnentwicklung ihrer Nachkommen beeinträchtigen kann. Wenig überraschend kam der damalige, vom Hersteller bezahlte Abschlussbericht zu dem Ergebnis, dass keine statistisch relevanten Effekte nachweisbar seien. Alles sicher, hieß es. Man kennt so etwas von Zuckerstudien der Zuckerindustrie oder von Zigarettenstudien der Tabakindustrie.
Kritische Neubewertung: Schrumpfende Gehirne festgestellt
Eben diese Einschätzung entlarven die Stockholmer Forscher nun als tickende Zeitbombe. Ihre rigorose Auswertung derselben Rohdaten fördert mehrere statistisch hochgradig auffällige Befunde zutage, die man damals offenbar geflissentlich übersehen hat: Bei den Nachkommen der Versuchstiere wurden unter anderem ein verringertes Gehirngewicht sowie erhebliche Veränderungen in der Gehirnreifung festgestellt. Mehr noch: Trotz dieser Daten wurde Fluazinam nach einer sogenannten „Sicherheitsbewertung“ im Jahr 2008 in der Europäischen Union durchgewinkt und gilt bis heute als erlaubter Wirkstoff – wie der britische Guardian berichtet.
Zwar muss einschränkend festgehalten werden, dass die neue Untersuchung der Schweden bislang kein unabhängiges Peer-Review-Verfahren (die Gegenprüfung durch andere Wissenschaftler) durchlaufen hat. Sie liefert damit zwar noch keinen endgültigen Beweis für eine direkte Gefährdung des Menschen, ist aber ein Alarmsignal, das man nicht länger ignorieren kann. Mehr noch wäre dies eigentlich ein Zeichen dafür, dass eigentlich eine weitere, unabhängige Untersuchung notwendig ist.
EU-Behörde EFSA schiebt den Prüfauftrag nach Österreich
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) sieht sich nun zum Handeln gezwungen. Nach Angaben des Guardian wurde die österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) damit beauftragt, die statistische Auswertung und die zugrundeliegenden Rohdaten einer neuerlichen Prüfung zu unterziehen. Die EFSA betont dabei, dass diese neuerliche Bewertung im Rahmen des laufenden EU-Verfahrens in enger Abstimmung mit den Mitgliedstaaten erfolge.
Ob und in welchem Ausmaß Fluazinam für den menschlichen Konsumenten gesundheitlich bedenklich ist, bleibt vorerst offiziell ungeklärt, da sich Tierversuche nicht eins zu eins auf den Menschen übertragen lassen. Die Studienautoren betonen dennoch das Offensichtliche: Wenn ein Stoff bei Ratten nachweislich die Gehirnentwicklung schädigt und das Hirn schrumpfen lässt, muss ein solches Risiko für den Menschen mit aller Ernsthaftigkeit geprüft werden. Eine abschließende Einschätzung zur Sicherheit von Fluazinam wird allerdings erst für das erste Quartal 2027 erwartet.





