Deutsche NGOs lieferten 22.500 Migranten in Italien ab – jetzt stellt Rom Berlin die Rechnung

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Jahrelang brachten deutsche NGOs zehntausende Migranten über das Mittelmeer nach Italien – nun möchte Berlin einen Teil der illegal Weitergereisten wieder dorthin zurückschieben. Doch Rom dreht den Spieß um: Seit Giorgia Melonis Amtsantritt lieferten deutsche Organisationen rund 22.500 Migranten in italienischen Häfen ab, weitere 4.500 kamen auf Schiffen unter deutscher Flagge. Jetzt verlangt Italien eine Gegenrechnung und legt damit einen der großen Widersprüche der europäischen Migrationspolitik offen: Deutschland unterstützte jahrelang jene Strukturen, die den Weg über das Mittelmeer offenhielten – die Folgen sollen anschließend andere tragen.

Ein Migrant steigt an der nordafrikanischen Küste in ein kaum seetüchtiges Boot. Die Schlepper wissen, dass zwischen Libyen und Europa private NGO-Schiffe kreuzen. Wird der Migrant dort übernommen, endet die Reise nicht wieder an der afrikanischen Küste, sondern in aller Regel in Europa. Italien ist aufgrund seiner geografischen Lage eines der wichtigsten Ziele dieser Transporte. Von dort ziehen viele Migranten weiter nach Norden – unter anderem nach Deutschland. Und deshalb begann nun ein Streit: Berlin möchte Personen, die zuerst über Italien in die EU gelangten, wieder nach Süden schicken. Rom antwortet sinngemäß: Dann reden wir zuerst darüber, wer sie nach Italien gebracht hat.

22.500 Migranten durch deutsche NGOs

Die Zahlen des italienischen Innenministeriums lassen wenig Raum für Beschönigungen. Seit dem Amtsantritt Giorgia Melonis im Oktober 2022 kamen rund 42.300 illegale Migranten mit privaten NGO-Schiffen in Italien an. Rund 22.500 davon brachten deutsche Hilfsorganisationen in italienische Häfen. Damit entfällt bereits mehr als die Hälfte aller dieser Anlandungen auf Organisationen aus Deutschland. Doch Rom rechnet weiter. Zusätzlich gelangten rund 4.500 Migranten mit Schiffen unter deutscher Flagge nach Italien, obwohl die jeweiligen Organisationen nicht zwingend aus Deutschland stammten. Nach Rechnung des italienischen Innenministeriums besteht damit bei beinahe 64 Prozent aller Migranten der NGO-Anlandungen seit Melonis Amtsantritt eine deutsche Verbindung. Fast zwei von drei Migranten, die private Schiffe in diesem Zeitraum in Italien ablieferten, kamen demnach entweder mit einer deutschen Organisation oder auf einem Schiff unter deutscher Flagge.

Über Jahre entstand auf dem zentralen Mittelmeer eine regelrechte Transportstruktur – man könnte es auch geradeaus als Schleuserwesen bezeichnen – aus privaten Schiffen, Spendengeldern und zeitweise auch staatlicher Unterstützung. Deutsche Organisationen wie Sea-Watch, SOS Humanity, RESQSHIP oder Sea-Eye gehörten zu diesem Netzwerk. Unter der früheren Bundesregierung floss sogar deutsches Steuergeld: Allein 2024 stellte Berlin insgesamt zwei Millionen Euro für entsprechende Organisationen bereit; im ersten Quartal 2025 kamen weitere 900.000 Euro hinzu. Erst die Regierung Merz strich diese direkte Förderung im Juni 2025.

Damit bekommt die italienische Rechnung eine zusätzliche politische Dimension. Es waren nicht einfach nur irgendwelche privaten Aktivisten, deren Handeln mit Deutschland nichts zu tun hatte. Die frühere Bundesregierung förderte einen Teil dieser Strukturen ausdrücklich mit Steuergeld. Der heutige Außenminister Johann Wadephul hatte schon 2023 davor gewarnt, dass die NGO-Einsätze faktisch das Geschäft der Schleuserbanden ermöglichten; zwei Jahre später beendete seine Regierung die Finanzierung.

Berlin will die Migranten zurückschicken

Nun möchte ausgerechnet Deutschland Migranten wieder nach Italien loswerden. Berlin pocht darauf, Personen zurückzuüberstellen, für deren Verfahren nach den europäischen Zuständigkeitsregeln Italien verantwortlich sein soll. Die Bundesregierung erklärte in Korinthenkackermanier zuletzt ausdrücklich, sie erwarte seit dem Inkrafttreten der neuen EU-Regeln am 12. Juni wieder entsprechende Überstellungen nach Italien und Griechenland.

Rom weigert sich jedoch, die Rechnung ohne Widerspruch zu akzeptieren. Nach Auffassung des italienischen Innenministeriums sind ältere Fälle aus der Zeit vor dem 12. Juni durch frühere Vereinbarungen mit Deutschland und anderen Staaten erledigt. Bei neuen Fällen verlangt Innenminister Matteo Piantedosi eine „Kompensation“ – und bringt ausdrücklich jene Migranten ins Spiel, die zuvor von NGO-Schiffen nach Italien transportiert wurden. Außenminister Antonio Tajani verweist ebenfalls auf deutsche NGO-Schiffe und fordert einen Ausgleich zwischen beiden Ländern.

Der Streit ist dabei längst in der Realität angekommen. Italien lehnte nach Medienberichten die Rücknahme von drei illegalen Migranten ab, die Deutschland nach Italien überstellen wollte; der erste Transfer sollte am 19. August erfolgen. Berlin wiederum beharrt darauf, dass die vereinbarten Rücküberstellungen stattfinden sollen. Damit prallen zwei völlig unterschiedliche Rechnungen aufeinander: Deutschland betrachtet den Ort der ersten Einreise, Italien zunehmend auch denjenigen, der die Migranten dort abgesetzt hat.

Erst herbringen, dann zurückschicken

Doch gerade hier zerbricht die ganze Logik der europäischen Migrationspolitik. Auf der einen Seite kreuzen private europäische Schiffe vor Nordafrika, übernehmen Migranten aus Schlepperbooten und bringen sie an die europäischen Küsten. Auf der anderen Seite streiten anschließend Berlin, Rom und Brüssel darüber, welches Land für die Neuankömmlinge zahlen, ihre Asylanträge bearbeiten und sie dauerhaft aufnehmen muss.

Die entscheidende Frage wird dabei gerne verdrängt: Warum gelangen diese Menschen überhaupt nach Europa? Statt die illegale Überfahrt konsequent unattraktiv zu machen, beschäftigt sich die EU seit Jahren damit, ihre Folgen zu verwalten. Wer in Italien anlandet und anschließend nach Deutschland weiterzieht, wird zu einem europäischen Verteilungsfall. Wer ihn zuvor aus dem Mittelmeer nach Italien transportiert hat, verschwindet dagegen weitgehend aus der politischen Rechnung.

Für Italien wird nun diese Konstruktion zunehmend unerträglich. Deutsche NGOs bringen 22.500 Migranten an italienische Küsten, Tausende weitere kommen unter deutscher Flagge. Anschließend erscheinen viele dieser Menschen irgendwann in Deutschland – und Berlin beruft sich auf europäische Zuständigkeitsregeln, um sie wieder nach Italien zurückzuschicken. Rom legt nun erstmals die andere Seite dieser Bilanz offen.

Währenddessen läuft die Transportmaschine weiter

Und während sich die Regierungen streiten, fahren die NGO-Schiffe weiter. Mitte August meldeten Sea-Watch und RESQSHIP erneut Einsätze im zentralen Mittelmeer. Die italienische Organisation Emergency nahm 57 Menschen von einem überfüllten Boot vor der libyschen Küste (sic!) auf; sieben Menschen waren bereits tot. Sea-Watch und RESQSHIP sichteten bei weiteren Einsätzen drei Leichen. Die Sea-Watch 5 brachte anschließend sechs Migranten nach Neapel.

Solche Todesfälle liefern den NGOs regelmäßig die moralische Begründung für ihre Einsätze. Doch dabei wird Ursache und Wirkung bemerkenswert selten zu Ende gedacht. Wenn eine illegale Überfahrt mit einer realistischen Chance verbunden bleibt, unterwegs von einem europäischen Schiff übernommen und anschließend nach Europa gebracht zu werden, bleibt auch das Geschäftsmodell der Schlepper attraktiv. Wer dagegen glaubwürdig klarstellt, dass eine illegale Bootsfahrt nicht zur Ansiedlung im Zielland führt, verändert die Kalkulation grundlegend.

Australien stoppte die Boote

Dass es auch anders geht, hat Australien längst bewiesen. In den fünf Jahren vor Einführung der Operation Sovereign Borders im September 2013 erreichten mehr als 50.000 illegale Migranten auf über 800 Booten das Land, mindestens 1.200 Menschen starben auf See. Canberra änderte daraufhin die Regeln radikal: Wer illegal per Boot kam, sollte nicht mehr in Australien angesiedelt werden. Boote wurden abgefangen, Migranten zurückgeführt oder in regionale Drittstaaten überstellt. Damit nahm Australien den Schleppern genau das, was ihr Geschäftsmodell am Leben hielt – die Aussicht, mit einer illegalen Überfahrt am Ende doch das gewünschte Zielland zu erreichen.

Der Effekt hielt nicht nur einige Jahre an. Nach Angaben des australischen Innenministeriums gab es bis 2026 seit mehr als zwölf Jahren keinen bekannten Todesfall auf einer Schleuserfahrt mit Ziel Australien mehr. Auch die massenhaften erfolgreichen Bootsankünfte brachen zusammen. Versuche gibt es weiterhin, doch Australien hält an seiner Null-Toleranz-Linie fest und verhindert, dass die illegale Überfahrt mit einem Aufenthaltsrecht belohnt wird. Damit zeigt sich ziemlich deutlich: Konsequenter Grenzschutz kann nicht nur die illegale Migration eindämmen, sondern auch das Sterben auf den Schlepperrouten beenden.

Eben deshalb ist der Vergleich mit dem Mittelmeer so brisant. Europa hält den Anreiz zur Überfahrt weiterhin aufrecht, weil Migranten damit rechnen können, unterwegs von NGO-Schiffen aufgenommen und nach Europa gebracht zu werden. Solange diese Aussicht besteht, bleibt auch das Geschäft der Schlepper attraktiv. Australien hat vorgemacht, wie man diesen Kreislauf durchbricht: Die illegale Überfahrt darf nicht mehr zum Erfolg führen. Wer das Sterben im Mittelmeer tatsächlich beenden will, muss deshalb nicht immer neue Verteilungsregeln und NGO-Strukturen schaffen, sondern dafür sorgen, dass sich die Überfahrt einfach nicht mehr lohnt.

Die einzige nachhaltige Lösung: Die Route schließen

Doch die europäische Politik macht seit Jahren das Gegenteil. Die Eurokraten behandeln Massenzuwanderung wie einen unvermeidbaren Naturzustand und erfinden immer neue Regeln für Verteilung, Zuständigkeiten und „Solidarität“. Das Kernproblem selbst bleibt unangetastet: Wer illegal über das Mittelmeer aufbricht und unterwegs von einem europäischen NGO-Schiff übernommen wird, landet weiterhin in Europa und in den Sozialsystemen der Aufnahmeländer. Und dieser Mechanismus muss enden. Nicht Italien muss mehr Migranten von Deutschland übernehmen und Deutschland im Gegenzug einige Asylanten aus Italien. Nicht ein neuer Brüsseler Verteilungsschlüssel wird das Schleppergeschäft austrocknen. Die Aussicht auf eine erfolgreiche illegale Einreise muss verschwinden.

Australien hat gezeigt, wie schnell sich ein Schleppermarkt verändern kann, wenn ein Staat diese Botschaft glaubwürdig durchsetzt. Europa könnte denselben Grundsatz anwenden: Boote abfangen, Rückkehr an sichere Ausgangs- oder Drittstaaten organisieren, Asylverfahren außerhalb der EU ermöglichen und klarstellen, dass eine illegale Überfahrt keinen Anspruch auf Ansiedlung in Europa schafft. Erst wenn sich diese Erkenntnis von Tripolis bis in die Herkunftsländer herumgesprochen hat, verliert das Geschäft mit der Überfahrt seinen Wert.

Italien beginnt zumindest damit, die Verantwortlichkeiten neu zu benennen. Die Rechnung sollte allerdings nicht zwischen Berlin und Rom aufgeteilt werden – denn die Leidtragenden sind schlussendlich die Bürger beider Länder. Die Schleuserroute über das Mittelmeer muss geschlossen werden. Dann verschwinden nicht nur die Verteilungskämpfe zwischen den europäischen Staaten. Es entfällt auch der wichtigste Grund dafür, weshalb die illegalen Migranten ihr Leben überhaupt noch Schleppern und seeuntüchtigen Booten anvertrauen. Das Argument der „Menschlichkeit“ ist somit in Wahrheit auf der Seite der „Rechten“…

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