Vier Jahre blutiger Stellungskrieg und kein Ende in Sicht: Während die Brüsseler Einheitsfront im Wochentakt den baldigen Sieg Kiews verkündet, zeichnet der weltberühmte US-Politikwissenschaftler John J. Mearsheimer ein diametral anderes Bild. Auf Einladung des AfD-Europaabgeordneten Prof. Dr. Hans Neuhoff (ESN-Fraktion) rechnet der Vordenker des geopolitischen Realismus im Europäischen Parlament schonungslos mit dem Totalversagen der westlichen Allianz ab.
Der Konflikt in Osteuropa hat sich zu einem zähen Abnutzungskampf entwickelt, der sich grundlegend von früheren Kriegen unterscheidet. Im Gespräch mit Prof. Neuhoff analysiert Mearsheimer die Ursache für die extreme Verzögerung des russischen Vormarsches vor allem in einer technologischen Revolution begründet. Es sei primär das massenhafte Aufkommen von Drohnen auf dem Schlachtfeld, das großflächige Offensivoperationen beider Seiten im Keim ersticke und die Truppen am Boden blockiere.
Trotz dieser taktischen Pattsituation stellt der Analyst unmissverständlich klar, wer die strategische Oberhand behält. Russland gewinne den Krieg schrittweise und erobere täglich mehr Territorium, wenn auch in einem weit langsameren Tempo als ursprünglich angenommen. Die westlichen Waffenlieferungen und Finanzhilfen würden die ukrainischen Truppen zwar im Kampf halten, den finalen Ausgang jedoch lediglich blutig hinauszögern.
Der Sündenfall von Bukarest 2008
Die Wurzeln der heutigen Katastrophe liegen für den Experten fast zwei Jahrzehnte in der Vergangenheit. Den fatalen Wendepunkt markiert der NATO-Gipfel im April 2008 in Bukarest, auf dem die Weichen für eine zukünftige Aufnahme der Ukraine und Georgiens gestellt wurden. Diese aggressive Expansionspolitik sei maßgeblich von der damaligen US-Regierung unter George W. Bush gegen den ausdrücklichen Widerstand wichtiger europäischer Partner durchgedrückt worden.
Der Widerstand von der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy kam nicht von ungefähr. Merkel habe im Nachgang selbst eingeräumt, dass Wladimir Putin eine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine unweigerlich als eine Kriegserklärung an Russland auffassen würde. Washington ignorierte diese Warnungen und zwang die europäischen Verbündeten auf einen Kurs, der die historische Zusage aus den 1990er Jahren, die Allianz keinen Zoll nach Osten zu erweitern, endgültig zertrümmerte.
Das Zerrbild der unersättlichen Großmacht
Die westliche Berichterstattung und die Argumentation der Brüsseler EU-Eliten basieren laut Mearsheimer auf einer fundamentalen Fehlanalyse der russischen Intentionen. Das von Neuhoff im parlamentarischen Alltag täglich erlebte und kritisierte Narrativ, Wladimir Putin sei ein unersättlicher Imperialist, der nach der Ukraine das Baltikum oder Westeuropa angreifen wolle, entbehre jeder realen Grundlage. Für derartige weitreichende Eroberungspläne besitze Russland überhaupt nicht die erforderlichen militärischen Kapazitäten.
Diese künstlich aufgebaute Drohkulisse dient den Brüsseler Institutionen vor allem als Hebel zur eigenen Machterweiterung auf Kosten der nationalen Souveränität der Mitgliedstaaten. Die Europäische Kommission nutze die geopolitische Krise, um Kompetenzen in der Außen- und Verteidigungspolitik an sich zu ziehen. Unterstützt wird dieser Prozess von einer weitgehend gleichgeschalteten Medienlandschaft und regierungsnahen Denkfabriken, die abweichende, realpolitische Analysen seit Jahren systematisch unterdrücken.
Trumps diplomatisches Versagen und das Nah-Ost-Dilemma
Scharfe Kritik übt der Politikwissenschaftler auch an der US-Außenpolitik unter Donald Trump. Zwar agiere der US-Präsident in seiner zweiten Amtszeit weitgehend unbeeinflusst vom klassischen Apparat des sogenannten „Deep State“, doch fehle es ihm an strategischem Geschick. Trump habe versprochen, den Ukraine-Krieg und die Konflikte im Nahen Osten im Handumdrehen zu beenden, stehe nun jedoch vor den Trümmern dieser Ankündigungen.
Das fortwährende Engagement im Nahen Osten gegen den Iran erweist sich dabei als schwerer strategischer Fehler für die globale Position der USA. Washington verbraucht in diesem regionalen Konflikt immense Mengen an modernsten Flugabwehrraketen wie dem Patriot-System, die folglich weder für die Ukraine noch für die eigentlich dringende Eindämmung Chinas im asiatisch-pazifischen Raum zur Verfügung stehen. Zudem zwang der Nahost-Konflikt die USA dazu, die Ölsanktionen gegen Moskau faktisch aufzuheben, um den Weltmarkt zu stabilisieren, was der russischen Kriegswirtschaft massiv zugutekommt.
Das bittere Ende eines zerstörten Staates
Für die Zukunft der Ukraine zeichnet der Analyst ein düsteres Szenario, das den offiziellen Durchhalteparolen diametral widerspricht. Am Ende des Konflikts wird seiner Prognose nach kein tragfähiger Friedensvertrag stehen, sondern ein dauerhaft eingefrorener Konflikt ohne völkerrechtliche Anerkennung der Realitäten. Russland werde die annektierten Provinzen im Osten sowie die Krim dauerhaft unter seiner Kontrolle behalten.
Das verbleibende Territorium der Ukraine wird als dysfunktionaler Rumpfstaat enden, der wirtschaftlich und demografisch kaum überlebensfähig ist. Eine Aufnahme dieses Reststaates in die NATO ist dauerhaft ausgeschlossen, womit Moskau sein zentrales strategisches Ziel erreicht hat. Historiker werden den Beschluss von 2008 in einigen Jahrzehnten als eine der katastrophalsten und folgenreichsten Fehlentscheidungen einer Großmacht in der modernen Geschichte einordnen.
Das vollständige, ungekürzte Interview in englischer Sprache kann direkt über den offiziellen YouTube-Kanal der Fraktion eingesehen werden: John Mearsheimer: Geopolitics Uncensored.
