Ein Kunde kauft ein halbes Brot für 2,40 Euro, wiegt es zu Hause nach – und entdeckt (angeblich) zehn Gramm zu wenig. Es folgt eine typisch deutsche Realsatire, über die man kaum mehr lachen mag: Beschwerde, Eichamt, Verkaufsstopp und schließlich rund 15.000 Euro für neue Waagen, Technik und Software. Was für ein Mensch setzt wegen zehn Gramm diesen Apparat in Bewegung?
66 Jahre lang funktionierte das Prinzip in der Bäckerei Breitner im oberbayerischen Pfaffenhofen ganz unkompliziert: Ein Kunde wollte ein halbes Brot, der Laib wurde geteilt und kostete die Hälfte. Dann kam jedoch ein Kunde auf die Idee, seine Brothälfte zu Hause nachzuwiegen. Ergebnis: angeblich zehn Gramm zu wenig.
Der Kunde beschwerte sich. Bäckermeister Breitner nahm die Angelegenheit zunächst nicht sonderlich ernst und erklärte: Beim nächsten Mal würden es eben 20 Gramm mehr sein. Der Kunde kündigte daraufhin Konsequenzen an. Und tatsächlich: Wenige Wochen später erschien das Eichamt.
Aus zehn Gramm folgen 15.000 Euro
Die Behörde untersagte Breitner, seine halben Brote weiterhin wie bisher zu verkaufen. Werden die Laibe erst vor dem Kunden geteilt, müssen die Hälften nach den geltenden Vorschriften gewogen und nach ihrem tatsächlichen Gewicht berechnet werden. Anders sieht es aus, wenn die Brote bereits in der Backstube geteilt und anschließend verkauft werden.
Breitner wollte allerdings nicht Dutzende Brothälften vorbereiten und im Regal austrocknen lassen. Also wurde umgerüstet. Sechs Filialen, neun Kassen, eichfähige Präzisionswaagen, neue Software, Arbeitszeit und Mitarbeiterschulungen: Rund 15.000 Euro kostete den Familienbetrieb die Umstellung nach eigenen Angaben. „Das hole ich nie wieder rein“, so die Befürchtung des Bäckers.
Das Ergebnis deutscher Präzisionsarbeit macht auch niemanden glücklich: Das Brot kostet nun beispielsweise genau 4,78 Euro, die Hälfte entsprechend ebenfalls jedes Mal etwas anders. Breitner berichtet, seine Kassen würden inzwischen vor Ein- und Zwei-Cent-Münzen überquellen. Kunden, die ausdrücklich auf die grammgenaue Abrechnung verzichten möchten, haben Pech gehabt. Insgesamt ist das Brot jetzt teurer geworden, weil Bäcker Breitner die Zutaten beim Backen laut eigener Aussage eher großzügig berechnet. Die geschenkten paar Gramm sind jetzt dem einen Kunden sei Dank Geschichte. Andere Bäcker in Pfaffenhofen sehen den Berichten nach ihrerseits bereits davon ab, halbe Brote zu verkaufen.
Immerhin dürfte jetzt ausgeschlossen sein, dass irgendwo in Pfaffenhofen ein Bürger um den Gegenwert von zehn Gramm Mischbrot gebracht wird. Herzlichen Glückwunsch.
Was sind das eigentlich für Menschen?
Der Fall hat entsprechend bissige Reaktionen ausgelöst. „Ein wunderbares Beispiel für den Irrsinn in Deutschland“, kommentierte jemand. Ein anderer gab zu bedenken: „Solche Leute gibt es mittlerweile überall wieder. Schaut euch nur das Denunziantentum an. NGOs, Aktivisten usw. Es wird immer schlimmer!“ Ein anderer fragte: „Hat eigentlich jemand mal die Waage beim Kunden geprüft, ob die überhaupt so genau wiegen kann? Absoluter Schwachsinn Marke „deutsche Bürokratie“.
Stellt sich die Frage: Wie muss man eigentlich gestrickt sein, um wegen zehn Gramm Brot derart auf Konfrontationskurs zu gehen? Sind das jene Zeitgenossen, die sonntags mit dem Maßband überprüfen, ob die Hecke des Nachbarn drei Zentimeter zu hoch gewachsen ist? Oder die vor wenigen Jahren ihren Nachbarn die Polizei auf den Hals gejagt haben, weil sie verbotenerweise in Zeiten des Killervirus Besuch hatten? Man weiß es nicht.
Der Kunde, der die Sache ins Rollen brachte, ist nach Angaben des Bäckermeisters jedenfalls nicht mehr aufgetaucht. Andere Kunden hingegen fragen, ob sie nicht einfach wieder den normalen Pauschalpreis bezahlen könnten. Nein, können sie nicht. Nach 66 Jahren unkomplizierten Brotverkaufs ist die Sache nun rechtlich sauber, technisch präzise, bürokratisch einwandfrei und für praktisch alle Beteiligten umständlicher und schlechter geworden. Applaus!
