Darmkrebs bei Jüngeren steigt rasant – was macht sie krank?

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Immer mehr jüngere Menschen erkranken an Darmkrebs. US-Daten zeigen dabei auffällige regionale Unterschiede. Unter Verdacht stehen auch industrielle Lebensmittel, Umweltchemikalien und Belastungen aus der Kindheit. Was sind die Ursachen dafür?

Darmkrebs mit 30, Bauchspeicheldrüsenkrebs mit 40: Immer häufiger werden bei jüngeren Menschen Krebsarten diagnostiziert, die früher vor allem ältere Generationen betrafen. Während die Darmkrebsraten bei Senioren sinken, steigen sie bei den unter 50-Jährigen seit Jahren deutlich an. Eine umfangreiche Recherche der britischen Daily Mail zeigt nun, wo die Entwicklung in den USA besonders auffällt. Die Auswertung amerikanischer Krebsregisterdaten zeigt dabei erhebliche regionale Unterschiede bei Brust-, Darm- und Bauchspeicheldrüsenkrebs sowie beim malignen Melanom. Auch die Suche nach den möglichen Ursachen führt zu unangenehmen Fragen über unsere moderne Lebensweise, industrielle Lebensmittel und Chemikalien aus unserem Alltag.

Darmkrebs bei Jüngeren: Drei Prozent mehr pro Jahr

Die aktuellen Zahlen der American Cancer Society zeigen, wie ernst die Lage ist. Zwischen 2013 und 2022 stiegen die Darmkrebsraten bei den 20- bis 49-Jährigen um durchschnittlich drei Prozent jährlich. Bei Menschen ab 65 Jahren sanken sie dagegen um 2,5 Prozent pro Jahr. Gleichzeitig nehmen bei den unter 50-Jährigen seit 2004 auch die Darmkrebssterberaten um rund ein Prozent jährlich zu. Besonders erschreckend ist, dass rund drei Viertel der jüngeren Patienten ihre Diagnose erst erhalten, wenn sich der Tumor bereits über seinen ursprünglichen Entstehungsort hinaus ausgebreitet hat. Bei 27 Prozent liegen sogar Fernmetastasen vor. Viele Betroffene stehen mitten im Berufsleben, haben Familien und kleine Kinder. Die reguläre Darmkrebsvorsorge beginnt in den USA für Menschen mit durchschnittlichem Risiko jedoch erst mit 45 Jahren. Wer mit Anfang 30 erkrankt, fällt noch gar nicht darunter.

Bereits 2025 hatte das amerikanische National Cancer Institute festgestellt, dass zwischen 2010 und 2019 bei 14 von 33 untersuchten Krebsarten die Erkrankungsraten in mindestens einer Altersgruppe unter 50 Jahren gestiegen waren. Dazu zählen unter anderem Brust-, Darm-, Nieren- und Bauchspeicheldrüsenkrebs. Andere Krebsarten wurden dagegen seltener, weshalb die Gesamtrate nicht zunahm. Bei einzelnen Tumorarten zeigt sich trotzdem eine besorgniserregende Entwicklung, die bereits lange vor der Corona-Zeit einsetzte. Veränderungen bei der Früherkennung können zwar einen Teil der steigenden Diagnosezahlen erklären, doch gerade bei Darmkrebs sprechen auch die zunehmenden Todesfälle gegen eine solche einfache Erklärung.

Krebs-Hotspots quer durch die USA

Die Karten der Daily Mail zeigen bei jüngeren Brustkrebspatientinnen besonders hohe Erkrankungsraten im Nordosten und an Teilen der Ostküste. Starke Zuwächse verzeichnen allerdings auch Kalifornien, Arizona und Teile des Mittleren Westens. Bei Darmkrebs reichen die Regionen mit steigenden Raten vom pazifischen Nordwesten und Kalifornien bis nach Florida. Bauchspeicheldrüsenkrebs nimmt wiederum in großen Teilen des Südens, des Mittleren Westens und der Ostküste zu. Beim malignen Melanom, der gefährlichsten Hautkrebsform, sieht es anders aus. Während manche Bundesstaaten steigende Erkrankungsraten melden, gehen diese in Teilen des Westens sogar zurück. Regionen mit besonders vielen Erkrankungen sind dabei nicht zwangsläufig jene, in denen die Zahlen am stärksten steigen.

Die regionalen Unterschiede werfen Fragen auf. Schließlich unterscheiden sich die Lebensbedingungen in den amerikanischen Bundesstaaten teilweise erheblich. Landwirtschaftlich geprägte Regionen, dicht besiedelte Ballungsräume und große Industriezentren bringen unterschiedliche Belastungen mit sich. Auch Ernährung, Übergewicht, beruflicher Kontakt mit Chemikalien und die medizinische Versorgung unterscheiden sich. Aus den Krebsstatistiken allein lässt sich keine Ursache ableiten. Doch wenn bestimmte Tumorarten in einzelnen Regionen deutlich häufiger auftreten oder besonders stark zunehmen, lohnt sich ein genauer Blick auf die dortigen Umwelt- und Lebensbedingungen. Pauschal alles auf schlechte Ernährung und Bewegungsmangel zu schieben, wird der Sache jedenfalls nicht gerecht.

Industrieessen: 45 Prozent höheres Risiko für Krebsvorstufen

Fertiggerichte, Snacks, Softdrinks und andere hochverarbeitete Lebensmittel gehören für Millionen Amerikaner zur täglichen Ernährung. Viele dieser Produkte sind billig herzustellen, lange haltbar und enthalten reichlich Zucker, Salz, Fett oder Zusatzstoffe. Für die Hersteller ist das ein Milliardengeschäft. Eine 2025 veröffentlichte Untersuchung von Mass General Brigham mit 29.105 Krankenschwestern liefert allerdings einen weiteren Grund, diese Ernährungsweise kritisch zu betrachten. Frauen mit besonders hohem Konsum hochverarbeiteter Lebensmittel hatten ein um 45 Prozent höheres Risiko für sogenannte konventionelle Adenome. Dabei handelt es sich um Darmpolypen, aus denen sich Krebs entwickeln kann. Die Wissenschaftler werteten Ernährungsdaten aus 24 Jahren aus. Selbst nach Berücksichtigung von Übergewicht, Diabetes und anderen bekannten Risikofaktoren blieb der Zusammenhang bestehen. Untersucht wurden allerdings Krebsvorstufen und keine tatsächlichen Darmkrebserkrankungen.

Auch bestimmte Zusatzstoffe und ihre möglichen Auswirkungen auf die Darmflora beschäftigen Wissenschaftler. Einige Emulgatoren können in Tierversuchen die schützende Schleimschicht des Darms beeinträchtigen und Entzündungen begünstigen. Welche Folgen ein regelmäßiger Konsum über Jahrzehnte hinweg beim Menschen hat, ist noch nicht ausreichend geklärt. Die Lebensmittelindustrie hat ihre Produktion über Jahrzehnte auf billige Massenware und möglichst hohen Absatz ausgerichtet. Die gesundheitlichen Langzeitfolgen dieser Ernährungsweise werden dagegen erst nach und nach erforscht. Gleichzeitig sollen Verbraucher selbst darauf achten, sich möglichst gesund zu ernähren. Nur kann kaum jemand beim täglichen Einkauf beurteilen, welche gesundheitlichen Auswirkungen der jahrelange Verzehr bestimmter Produkte tatsächlich hat. Die Hersteller kassieren, während ihre Kunden darauf vertrauen müssen, dass die gesetzlichen Vorgaben ausreichend Schutz bieten.

Pestizide und Chemikalien: Risiken über Jahrzehnte

Auch bestimmte Chemikalien stehen im Verdacht, Krebsrisiken zu erhöhen. Einige Stoffe aus Kunststoffen, Lebensmittelverpackungen oder Kosmetikprodukten können beispielsweise in den Hormonhaushalt eingreifen. Bei Pestiziden gibt es ebenfalls Untersuchungen, die auf mögliche Zusammenhänge mit Krebserkrankungen hinweisen. Bereits 2009 untersuchten amerikanische Wissenschaftler die gesundheitlichen Folgen beruflicher Pestizidbelastungen in Iowa und North Carolina. Bei Anwendern mit hoher Belastung durch das Herbizid Pendimethalin fanden sie ein ungefähr dreifach erhöhtes Bauchspeicheldrüsenkrebsrisiko gegenüber nicht exponierten Anwendern. Die Untersuchung umfasste 93 Erkrankungsfälle und war damit vergleichsweise klein. Sie beweist nicht, dass dieses Pestizid für den allgemeinen Anstieg von Bauchspeicheldrüsenkrebs verantwortlich ist. Allerdings zeigen solche Untersuchungen, dass berufliche Chemikalienbelastungen bei der Suche nach Krebsursachen nicht ignoriert werden dürfen.

Die größere Schwierigkeit liegt bei den täglichen Belastungen. Über Lebensmittel, Verpackungen, Trinkwasser, Kosmetik und zahlreiche andere Produkte kommen Menschen mit einer Vielzahl chemischer Stoffe in Kontakt. Gesetzliche Grenzwerte sollen gesundheitliche Risiken begrenzen. Doch die kombinierte Wirkung unterschiedlicher Substanzen ist wesentlich schwieriger zu bewerten als die eines einzelnen Stoffes. Selbst die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA arbeitet deshalb an Methoden, um solche sogenannten Cocktaileffekte besser erfassen zu können. Für bestimmte Pestizide und Schadstoffgruppen gibt es bereits entsprechende Bewertungsverfahren, für andere Kombinationen wird weiter geforscht. Als Zieltermin für den Abschluss der erforderlichen kumulativen Risikobewertungen von Pestizidrückständen nennt die EFSA sogar erst das Jahr 2030.

Bis dahin werden weiterhin Chemikalien in großen Mengen produziert, verarbeitet und über unterschiedlichste Produkte verkauft. Die Menschen kommen damit über Jahre oder Jahrzehnte hinweg in Kontakt, ohne die möglichen Folgen selbst abschätzen zu können. Bei manchen Substanzen werden gesundheitliche Probleme erst nach langer Zeit erkannt. Werden Risiken erst Jahrzehnte später sichtbar, haben sich die betreffenden Produkte womöglich bereits millionenfach verkauft. Die gesundheitlichen Folgen tragen dann nicht die Hersteller, sondern die betroffenen Menschen und ihre Familien. Gerade deshalb müssen auch die Aufsichtsbehörden mögliche Langzeitbelastungen ernst nehmen, statt sich allein auf die Bewertung einzelner Stoffe zu verlassen.

Forscher finden mögliche Krebsspur aus der Kindheit

Eine internationale Studie, die 2025 in der Fachzeitschrift Nature erschien, liefert einen Hinweis darauf, wie früh manche krebsfördernden Veränderungen entstehen könnten. Wissenschaftler analysierten dafür 981 Darmkrebstumoren aus elf Ländern und entdeckten auffällige DNA-Veränderungen, die durch Colibactin verursacht werden können. Dieses Gift wird von bestimmten Darmbakterien produziert. Bei Darmkrebspatienten unter 40 Jahren fanden sich die entsprechenden genetischen Spuren etwa 3,3-mal so häufig wie bei Patienten über 70. Die Forscher vermuten, dass solche Schäden bereits früh im Leben entstehen und möglicherweise Jahrzehnte später zur Krebsentwicklung beitragen. Die Ursache mancher Erkrankungen könnte also sehr viel weiter zurückliegen als bisher vermutet.

Die Darmflora entwickelt sich bereits in der frühen Kindheit. Ernährung, Infektionen und andere Umwelteinflüsse können ihre Zusammensetzung verändern. Wenn bestimmte Bakterien schon in jungen Jahren genetische Schäden verursachen, hilft es wenig, bei einem später erkrankten Erwachsenen ausschließlich auf seine aktuellen Ernährungsgewohnheiten zu schauen. Ein 35-Jähriger mit Darmkrebs könnte die ersten Schäden schon als Kind erlitten haben. Das könnte mit erklären, warum sich manche Erkrankungen nicht einfach auf Übergewicht, Bewegungsmangel oder schlechte Ernährung im Erwachsenenalter zurückführen lassen. Welche frühen Einflüsse dabei tatsächlich eine Rolle spielen, wird noch erforscht.

Auch Europas jüngere Generationen sind betroffen

Die steigenden Erkrankungsraten einzelner Krebsarten sind dabei nicht nur ein amerikanisches Problem. Eine OECD-Auswertung zeigt, dass die altersbereinigten Krebsraten bei Frauen zwischen 15 und 49 Jahren in den untersuchten europäischen Ländern von 2000 bis 2022 um durchschnittlich 16 Prozent gestiegen sind. Besonders stark waren die Zuwächse bei Schilddrüsenkrebs und Melanomen. Auch Brust- und Darmkrebs wurden häufiger diagnostiziert. Bei jüngeren Männern blieb die Gesamtrate weitgehend stabil, allerdings nahmen auch hier unter anderem Darmkrebs und Melanome zu. Für die Auswertung wurden Daten aus 24 EU-Staaten sowie Island und Norwegen herangezogen. Die Entwicklung lässt sich also keineswegs allein mit amerikanischen Ernährungsgewohnheiten erklären.

Milliarden fließen jährlich in neue Krebsmedikamente, Behandlungen und Früherkennungsprogramme. Das rettet Menschenleben. Doch die Suche nach vermeidbaren Ursachen darf dabei nicht zu kurz kommen. Die möglichen Folgen industrieller Lebensmittel, chemischer Belastungen und frühkindlicher Einflüsse müssen ebenso gründlich untersucht werden wie neue Behandlungsmethoden. Wer mit 35 Jahren eine Krebsdiagnose erhält, hat die ersten entscheidenden Schäden womöglich schon Jahrzehnte zuvor erlitten. Kein noch so teures Krebsmedikament kann diese verlorenen Jahre wieder ungeschehen machen.

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