Fast drei Millionen Kunden der paraguayischen Digitalbank Ueno kommen nach deren Zusammenbruch nicht mehr an ihr Geld. Rund 850 Millionen Dollar an öffentlichen Geldern, darunter Einlagen der staatlichen Rentenversicherung, stehen auf dem Spiel. Dubiose Kreditgeschäfte, politische Verflechtungen und das späte Eingreifen der Bankenaufsicht haben einen Finanzskandal ausgelöst, der inzwischen die gesamte Regierung erschüttert. Präsident Santiago Peña hat seinen Rücktritt eingereicht – doch das Parlament will ihn lieber seines Amtes entheben.
Für Millionen Paraguayer war Ueno bis vor wenigen Tagen ein ganz normaler Bestandteil des finanziellen Alltags. Das Institut galt als Erfolgsgeschichte des digitalen Bankings, die Kunden konnten ihre Bankgeschäfte bequem per Smartphone erledigen. Nun stehen sie vor gesperrten Konten und einer ungewissen Zukunft. Dabei kam der Zusammenbruch keineswegs aus heiterem Himmel. Schon Monate zuvor hatten sich hinter den Kulissen erhebliche Probleme abgezeichnet, die weit über gewöhnliche Schwierigkeiten eines schnell wachsenden Finanzinstituts hinausgingen.
36 Millionen Dollar an zusätzlichen öffentlichen Geldern flossen im September 2025 zur Ueno Bank. Im selben Monat vergab das Finanzinstitut Kredite über fast 39 Millionen Dollar an drei Unternehmen aus dem Umfeld seiner Eigentümer. Ohne ausreichende Sicherheiten und teilweise oberhalb der gesetzlichen Kreditgrenzen. Die paraguayische Zeitung ABC Color berichtete bereits Mitte Oktober über diese auffälligen Geschäfte. Die Unterlagen belegen zwar keine unmittelbare Finanzierung der betreffenden Kredite aus den staatlichen Einlagen, wohl aber eine zeitlich nahezu parallele Entwicklung der Geldströme. Zudem wurden Teile der Kreditsummen anschließend an weitere Unternehmen desselben Konzernumfelds weitergeleitet.
Insgesamt verwaltete Ueno rund 850 Millionen Dollar aus öffentlichen Kassen, darunter Gelder der staatlichen Sozial- und Rentenversicherung IPS. Und die Bankenaufsicht? Die wusste schon Monate vor dem Zusammenbruch von den problematischen Kreditgeschäften. Bereits am 5. Juni 2026 forderte die Zentralbank Ueno zur Einhaltung der gesetzlichen Kreditgrenzen auf. Weitere interne Untersuchungen zeigten gravierende Mängel bei der Vergabe von Darlehen an verbundene Unternehmen auf. Im Oktober berichtete ABC Color, dass die Zentralbank dem Parlament wesentliche Informationen über diese Vorgänge vorenthalten hatte. Trotzdem dauerte es bis Anfang November, ehe die Aufseher durchgriffen. Genügend Zeit also, um die Schwierigkeiten weiter wachsen zu lassen.
Millionen Kunden – und plötzlich geht nichts mehr
Die Ueno Bank hatte sich innerhalb weniger Jahre zu einem der bekanntesten Finanzinstitute Paraguays entwickelt. Großzügige Cashback-Aktionen, einfache Kontoeröffnungen und eine aggressive Expansion bescherten ihr nach eigenen Angaben fast drei Millionen Kunden. Mehr als 60 Prozent der erwachsenen Bevölkerung nutzten ihre Angebote. Die Bank wurde als Vorzeigemodell für die Digitalisierung des Finanzwesens gefeiert. Nun stehen Millionen Menschen vor der unangenehmen Erkenntnis, dass ein Guthaben in der Banking-App auch nur so viel wert ist, wie es die Solvenz der Bank selbst hergibt.
Am 2. November leitete die paraguayische Zentralbank schließlich ein gesetzliches Abwicklungsverfahren ein. Bei der Überprüfung der Bücher war die Solvenzquote nach entsprechenden Bilanzkorrekturen auf weniger als die Hälfte des vorgeschriebenen Mindestwertes gefallen. Kredite an verbundene Unternehmen, unzureichende Dokumentationen und fragwürdige Vermögensbewertungen hatten die finanzielle Lage der Bank massiv belastet. Die Aufsichtsbehörde musste eingreifen, um die verbliebenen Vermögenswerte zu sichern und den Schaden für die Einleger zu begrenzen.
Dass dieser Bankencrash nun auch die Regierung erschüttert, hat seine Gründe. Präsident Santiago Peña war bis März 2025 selbst an der Unternehmensgruppe Vázquez beteiligt, zu deren Geschäftsimperium Ueno gehörte. Eine direkte Beteiligung an der Bank bestreitet er. Noch unangenehmer ist allerdings die Personalie Carlos Carvallo. Der ehemalige Chef des Ueno-Vorgängerinstituts wurde von Peña 2023 zum Präsidenten der paraguayischen Zentralbank ernannt. Ein früherer Spitzenmanager der Bank stand damit ausgerechnet an der Spitze jener Behörde, die das Finanzinstitut beaufsichtigen sollte.
Carvallo versichert, er habe sich wegen möglicher Interessenkonflikte aus sämtlichen Ueno betreffenden Entscheidungen herausgehalten. Das ändert nichts daran, dass die Aufsichtsbehörden die problematischen Kreditgeschäfte seit Juni kannten und erst fünf Monate später das Abwicklungsverfahren einleiteten. Am 3. November musste Carvallo auf Wunsch des Präsidenten zurücktreten. Da war der finanzielle Schaden bereits angerichtet.
Sechs Bankmanager im Gefängnis – Präsident Peña will gehen
Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen 27 Personen aus dem Bankenumfeld. Sechs führende Manager, darunter Ueno-Gründer Miguel Vázquez und Bankpräsident Juan Manuel Gustale, wurden am 5. November in Untersuchungshaft genommen. Zwei weitere Beschuldigte kamen unter Hausarrest mit elektronischer Fußfessel. Der zuständige Richter ließ zudem Vermögenswerte und Bankkonten der Beschuldigten sowie mehrerer verbundener Unternehmen einfrieren. Ermittelt wird unter anderem wegen mutmaßlicher Untreue, versuchten Betrugs und weiterer Finanzdelikte.
Für Präsident Peña wurde der Zusammenbruch der Bank zum politischen Desaster. Nachdem ihm selbst Teile seiner konservativen Colorado-Partei die Unterstützung entzogen hatten, reichte er am Donnerstag, dem 5. November, seinen Rücktritt ein. Doch das Parlament wollte ihn damit nicht einfach aus der Verantwortung entlassen. Das Unterhaus stimmte mit 78 zu null Stimmen für ein Amtsenthebungsverfahren. Eine anschließende Sitzung des Kongresses zur Annahme seines Rücktritts scheiterte am fehlenden Quorum.
Der Streit um die Form seines Abgangs hat einen Grund: Bei einem regulären Rücktritt könnte Peña als ehemaliger Präsident den Status eines Senators auf Lebenszeit erhalten, verbunden mit parlamentarischen Schutzrechten. Eine Amtsenthebung würde ihm diesen Weg versperren. Seine politischen Gegner wollen verhindern, dass er sich dadurch einer möglichen Strafverfolgung entzieht. Peña bestreitet ein persönliches Fehlverhalten. Nach der gescheiterten Abstimmung blieb er zunächst formal im Amt, während das Amtsenthebungsverfahren weiterverfolgt wurde.
97 Prozent der Sparer geschützt – aber nur 30 Prozent der Einlagen
Während sich Bankmanager und Politiker nun mit Staatsanwälten und parlamentarischen Untersuchungsgremien beschäftigen müssen, haben Millionen Paraguayer ganz andere Sorgen. Die Ueno-App funktioniert nicht mehr wie gewohnt, Bankkarten und Überweisungen sind blockiert. Selbst bei anderen Finanzinstituten kam es zwischenzeitlich zu technischen Problemen, weil zahlreiche Betroffene gleichzeitig neue Konten eröffnen wollten. Wer auf sein Guthaben angewiesen ist, um Lebensmittel einzukaufen, Rechnungen zu bezahlen oder seinen Betrieb am Laufen zu halten, hat ein ernstes Problem.
Die Zentralbank versucht inzwischen, den Schaden über den staatlichen Einlagensicherungsfonds zu begrenzen. Bis zu 228,3 Millionen Guaraní pro Kunde, umgerechnet etwa 36.000 Dollar, sind gesetzlich abgesichert. Am 5. November kündigte die Behörde erste Auszahlungen für Kunden mit Guthaben bis zu zehn Millionen Guaraní an, sofern diese keine Schulden bei Ueno und bereits ein Konto bei einer anderen Bank haben. Weitere Kundengruppen sollen folgen. Dafür müssen die Menschen allerdings auf die Abwicklung durch die Behörden warten.
Und die gesetzliche Einlagensicherung hat ihre Limits. Zwar sollen nach Angaben der Zentralbank rund 97 Prozent der Einleger vollständig abgesichert sein. Nach Berechnungen der Ratingagentur Moody’s werden damit allerdings nur etwa 30 Prozent des gesamten Einlagenvolumens abgedeckt. Unternehmen, vermögende Privatkunden und öffentliche Einrichtungen müssen darauf hoffen, dass bei einer Abwicklung der Bank genügend Vermögenswerte übrig bleiben. Das Risiko möglicher Verluste bleibt bei ihnen hängen.
Der Bankencrash in Paraguay führt auch die Gefahren einer immer stärkeren Abhängigkeit vom digitalen Zahlungsverkehr vor Augen. Ueno scheiterte an gravierenden finanziellen Unregelmäßigkeiten. Doch Millionen Kunden müssen nun erleben, wie schnell der Zugang zum eigenen Geld verloren gehen kann. Ausgerechnet während solche Risiken sichtbar werden, treiben die Eurokraten den digitalen Euro und weitere Beschränkungen des Bargeldverkehrs voran. Report24 hat bereits mehrfach vor der wachsenden Abhängigkeit von elektronischen Zahlungssystemen gewarnt. Die schöne neue Finanzwelt verspricht Bequemlichkeit, Geschwindigkeit und jederzeit verfügbares Geld. In Paraguay haben Millionen Menschen gerade erlebt, wie wenig diese Versprechen im Krisenfall wert sein können.