Die Mainstreammedien belehren ihre Leser gerne über angebliche Fake News und Desinformation. Doch ausgerechnet die New York Times, sich selbst als Teil der „Wahrheitspresse“ sehendes Medium, verbreitete über ihre Wahldatenbank 15 frei erfundene Umfragen eines dubiosen Phantom-Instituts. Einige der Fälschungen ließen demokratische Kandidaten deutlich besser aussehen. Während große Medien darauf hereinfielen, hatte RealClearPolitics die Warnsignale längst erkannt.
Fünfzehn Umfragen musste die New York Times aus ihrer Wahldatenbank entfernen, der Prognosedienst Decision Desk HQ sogar 17. Das angebliche Meinungsforschungsinstitut Wedgewood Polls hatte monatelang Ergebnisse frei erfunden. Die Fantasiezahlen landeten in professionellen Wahlauswertungen und lieferten Stoff für politische Schlagzeilen. Ausgerechnet kurz vor den US-Kongresswahlen am 3. November fliegt dieser Schwindel auf. Das ist eine veritable Blamage für jene Medien, die sich sonst gerne als oberste Wächter über Wahrheit und Desinformation aufspielen.
Wenn die Umfrageergebnisse genehm sind…
Dabei hätte ein genauerer Blick genügt, um erhebliche Zweifel zu wecken. Wedgewood besaß keine belastbare Unternehmensgeschichte, keine nachvollziehbare Mitarbeiterliste und lediglich eine provisorische Webseite auf Google Sites. RealClearPolitics verweigerte dem dubiosen Institut deshalb den Zugang zu seiner Umfragedatenbank. Die New York Times hingegen akzeptierte dessen Angaben nach einer angeblichen Überprüfung von Identität, Methodik und Finanzierung. Offenbar genügten ein paar überzeugende Antworten, um 15 Fantasieerhebungen unterzubringen. So viel zur angeblichen journalistischen Sorgfalt beim medialen Mainstream.
Another fake poll favoring Democrats
— Linda Brown (@lindabrown7777) October 21, 2026
provokes midterm election outrage – https://t.co/KxksorCo1c – @washtimes
Besonders interessant ist die politische Schlagseite einiger Fälschungen. Im republikanisch geprägten Mississippi sollte Senatorin Cindy Hyde-Smith plötzlich nur noch vier Prozentpunkte vor ihrem demokratischen Herausforderer Scott Colom liegen. Newsweek griff die angebliche Sensation auf, Coloms Wahlkampfteam nutzte die Zahlen ebenfalls. In Michigan bescheinigte Wedgewood der demokratischen Gouverneurskandidatin Jocelyn Benson einen Vorsprung von zehn Prozentpunkten. Der Wahlstatistiker Nate Silver stellte später fest, dass die erfundenen Erhebungen durchschnittlich etwas günstiger für die Demokraten ausfielen als andere Umfragen. Wie kritisch schauen Redaktionen eigentlich hin, wenn ihnen die Ergebnisse politisch gerade recht kommen?
…ist die Wahrheit offensichtlich egal
Dass solche Manipulationen auch reale Konsequenzen haben können, zeigt der Fall Mallory McMorrow. Die Demokratin kämpfte in Michigan um die Senatsnominierung, als Wedgewood ihr gerade einmal neun Prozent Unterstützung bescheinigte. Nach eigenen Angaben blieben anschließend Spenden aus, Wahlkampfhelfer verzweifelten und Journalisten drängten sie zum Rückzug. Am 5. Juli gab sie auf. Auch echte Umfragen hatten sie zurückliegen sehen, doch McMorrow sieht in der Fälschung einen zusätzlichen Schaden für ihre Kampagne.
Enttarnt wurde das Phantom-Institut schließlich durch das Wahlforschungsportal FiftyPlusOne, dessen Analysten verdächtige Muster in den angeblichen Rohdaten entdeckten. Mit den Vorwürfen konfrontiert, erklärten die Verantwortlichen nach einer ersten Beschimpfung plötzlich, alles sei lediglich ein gesellschaftliches Experiment gewesen. Man habe demonstrieren wollen, wie leicht sich die Medien mit erfundenen Zahlen täuschen lassen. Doch der Schaden war bereits angerichtet.
Der Skandal trifft die selbsternannten Wahrheitswächter dort, wo es besonders weh tut: bei ihrer angesichts der ohnehin immer wieder durch Skandale angeschlagenen Glaubwürdigkeit. Während sie anderen Desinformation vorwerfen und journalistische Standards predigen, schafften es frei erfundene Umfragen in ihre eigenen Datensammlungen. Dass politisch erwünschte Ergebnisse womöglich weniger Misstrauen wecken, ist jedoch bezeichnend. Geht es am Ende vielleicht nur darum, die passenden Narrative zu verbreiten?