Fossile Korallen aus dem Südchinesischen Meer zeigen, dass sich die Meerestemperaturen dort bereits vor rund 5200 Jahren innerhalb weniger Jahre und Jahrzehnte erheblich veränderten. Eine neue Studie liefert damit einen faszinierenden Blick auf jene natürliche Klimadynamik, die von den Klimafanatikern gerne ignoriert wird. Diese Untersuchungen helfen auch dabei, aktuelle Entwicklungen zu verstehen.
Vor der Küste der chinesischen Insel Hainan liegen kleine Archive einer längst vergangenen Klimawelt. Korallen der Gattung Porites wachsen Schicht für Schicht und speichern dabei chemische Spuren der Umweltbedingungen im Meer. Ein Forscherteam um Zhiheng Wu nutzte fossile Exemplare aus Tanmen auf Hainan, um die Oberflächentemperaturen im nördlichen Südchinesischen Meer während des mittleren Holozäns zu rekonstruieren. Die Studie trägt den Titel „Coral-based reconstruction of interannual and decadal SST variability in the northern South China Sea during the mid-Holocene“ und erschien im Mai 2026 im Fachjournal Geo-Marine Letters.
Der besondere Wert der Arbeit liegt in ihrer hohen zeitlichen Auflösung. Bei vielen Rekonstruktionen der Klimageschichte verschwimmen Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte in groben Mittelwerten. Die Korallen von Hainan erlaubten den Forschern dagegen eine Rekonstruktion der Meerestemperaturen auf Monatsbasis über 67 Jahre rund um die Zeit vor etwa 5200 Jahren. Zusätzlich ermittelten sie anhand der Korallenwachstumsraten jährliche Durchschnittstemperaturen über einen Zeitraum von rund 180 Jahren. Und diese Klimakurve verläuft dabei alles andere als ruhig. Die jährlichen Temperaturwerte springen deutlich nach oben und unten. Selbst der über neun Jahre geglättete Verlauf zeigt innerhalb weniger Jahrzehnte markante Erwärmungs- und Abkühlungsphasen. Das alles geschah Jahrtausende bevor Fabrikschlote, Autos und fossile Kraftwerke überhaupt existierten.
Schon damals spielten Zyklen eine große Rolle
Gerade hier wird die Studie für die heutige Klimadebatte interessant. In der öffentlichen Darstellung entsteht häufig der Eindruck eines früher weitgehend stabilen Klimas, das erst durch die Industrialisierung massiv aus dem Gleichgewicht geraten sei. Die Korallen von Hainan zeichnen zumindest für diese Region ein wesentlich bewegteres Bild: Das Klimasystem konnte auch aus seiner natürlichen Dynamik heraus innerhalb relativ kurzer Zeiträume erhebliche Temperaturschwankungen hervorbringen.
Die Forscher fanden zugleich Hinweise darauf, was einen Teil dieser Schwankungen antrieb. In den Korallendaten tauchen ausgeprägte Zyklen zwischen zwei und sieben Jahren auf. Dieser Bereich entspricht der natürlichen Schwankung von El Niño und La Niña, zusammen als ENSO bezeichnet. Veränderungen der Meeresströmungen, Winde und Temperaturen im tropischen Pazifik beeinflussen durch ENSO bis heute Wetter und Klima in weiten Teilen der Erde.
Hinzu kommt ein weiterer Zyklus von ungefähr 20 Jahren. Wu und seine Kollegen bringen diesen mit einer PDO-ähnlichen Variabilität in Verbindung, also mit Prozessen ähnlich der Pacific Decadal Oscillation. Auch das Zusammenspiel dieser natürlichen Klimamuster lässt sich in den alten Korallen erkennen: Während positiver, PDO‑ähnlicher Phasen traten offenbar häufiger El-Niño-Ereignisse auf, während negative Phasen stärker mit La Niña verbunden waren.
ENSO und PDO beziehungsweise vergleichbare natürliche Prozesse bestimmten das regionale Klimageschehen damit schon vor Jahrtausenden. Die Forscher kommen ausdrücklich zu dem Schluss, dass deren Einflüsse und gegenseitige Wechselwirkungen im nördlichen Südchinesischen Meer bereits während des mittleren Holozäns aktiv waren. Ihre Arbeit zeigt: Natürliche Klimavariabilität kann auf der Ebene von Jahren und Jahrzehnten beträchtlich sein. Einzelne warme Jahre, einige außergewöhnliche Sommer oder kurzfristige Temperaturtrends sind dabei völlig normal.
Regional unterschiedliche Entwicklungen
Wie unterschiedlich Entwicklungen selbst innerhalb einer einzigen Meeresregion verlaufen können, zeigen auch moderne Satellitendaten. Eine 2021 in den IEEE Transactions on Geoscience and Remote Sensing veröffentlichte Untersuchung analysierte die Jahre 1997 bis 2018 im nördlichen Südchinesischen Meer. Entlang der Küste Guangdongs, östlich von Hainan und in der Taiwanstraße fanden die Forscher sinkende Trends der Oberflächentemperaturen von durchschnittlich etwa 0,01 Grad Celsius pro Jahr. Im Golf von Beibu und in Teilen des offenen nördlichen Südchinesischen Meeres stiegen die Temperaturen dagegen.
Meeresströmungen, Monsun, El Niño, La Niña und dekadische Pazifikzyklen überlagern einander und können regionale Entwicklungen über Jahre und Jahrzehnte deutlich verändern. Die Korallen von Hainan haben diese Schwankungen über fünf Jahrtausende konserviert und liefern uns damit wichtige Daten, die auch für aktuelle Untersuchungen relevant sind.
