Die Moralkeule ist die beliebteste Waffe der Linken und der Wokeria: Sie sind die „Guten“, sie stehen auf der „richtigen“ Seite. Denken sie. Die Realität zeigt vielfach das Gegenteil. Ihre peinliche Doppelmoral ist psychologisch erklärbar – und politisch äußerst nützlich. Den größten Schaden richten jene Kräfte im Machtapparat an, die diese Mechanismen gezielt nutzen, um die Gesellschaft zu spalten. Und dabei ironischerweise den Ast absägen, auf dem sie selbst sitzen.
Lesen Sie auch die anderen Teile dieser Reihe:
- Trans-Demokratie und Doppelmoral: Das moralische Monopol der Unmoralischen
- Trans-Demokratie und Doppelmoral: Kein Mensch ist illegal – außer vor der eigenen Haustür
- Trans-Demokratie und Doppelmoral: Gute Täter, böse Opfer, verdienter Mord?
- Trans-Demokratie und Doppelmoral: Linksgrüne Politik frisst ihre einstige Wählerschaft
In den vorangegangenen Artikeln haben wir ein wiederkehrendes Muster beleuchtet: Eine moralisch aufgeladene Identität und der Schutz derselben werden an die Stelle faktenbasierter Sachpolitik gesetzt. Das erzeugt absurde Doppelstandards, Opferhierarchien und eine selektive Blindheit gegenüber den Kosten der eigenen Agenda – mit der Folge, dass das eigene Fundament Stück für Stück demontiert wird.
Unser letzter Akt ist der „Kampf für die Demokratie“. Hier erlebt die Doppelmoral der moralisch Erhabenen ihren Höhepunkt: Ausgerechnet im Namen der Demokratie erklären sie deren wichtigstes Kernelement – die Meinungsfreiheit – kurzerhand zur Einbahnstraße. Dafür muss man nicht einmal offiziell linksgrün sein, wie Friedrich Merz kürzlich mit seinem „Kommen Sie mir nicht mit free speech!“ verdeutlicht hat.
„Unsere Demokratie“: eine Trans-Demokratie
Echte Demokratie lebt vom offenen Streit. Dabei darf scharf gestritten werden. Jeder darf unbequeme und für manchen anstößige Positionen vertreten. Eigentlich.
In der Praxis – in „unserer Demokratie“ – hat sich eine moralische Rangordnung etabliert: Bestimmte Meinungen dürfen mit großer Schärfe, moralischer Überlegenheit und mitunter gar bis an die Grenze zum Gewaltaufruf (oder darüber hinaus) vorgetragen werden. Die Gegenpositionen dagegen gelten als „Hass“, „Hetze“, „Desinformation“, „Angriff auf die Demokratie“ und „Gefährdung des gesellschaftlichen Friedens“. Sie werden moralisch delegitimiert.
Der Mechanismus folgt der gleichen Social-Identity-Logik, die wir bereits in anderen Bereichen erörtert haben. Sobald die eigene Seite sich als Verkörperung der Demokratie selbst versteht, kann Kritik an ihr zur Kritik an der Demokratie umgedeutet werden. Der politische Gegner ist nicht einfach jemand mit anderen Interessen oder einer anderen Analyse, sondern eine Bedrohung der Gruppe, mehr noch: des Systems. Und gegen eine solche Bedrohung darf man mit aller Härte vorgehen.
Diese Hierarchie wird von oben vorgegeben. Ein steuergeldfinanzierter NGO-Sumpf, der die „Zivilgesellschaft“ abbilden soll, Verfassungsschutz-Beobachtungen gegen die Opposition, Zensur und „Plattform-Moderation“, Überwachung, Einschüchterung durch polizeiliche Maßnahmen: Der Kampf gegen Rechts wird mit immer schärferen Mitteln geführt. Wer das moralische Monopol sichern will, muss die Macht behalten, zu definieren, was noch gesagt werden darf und wer ausgeschlossen wird. Ist der Machterhalt gefährdet, werden die Maßnahmen aggressiver: Es geht um nicht weniger als die politische Existenz.
Staatsmedien leisten Schützenhilfe, verschweigen, führen in die Irre, framen, stützen wacker den politischen Kurs, während sie die Öffentlichkeit gegen seine Gegner aufzustacheln versuchen. An die Stelle von Machtkritik und Informationsvermittlung tritt Propaganda.
Dabei ist offensichtlich, dass „unsere Demokratie“, die die selbsternannten Demokraten so vehement beschwören, keine Demokratie ist. Es ist eine Trans-Demokratie: Offiziell „identifiziert“ man sich ganz demokratisch, doch wie in anderen Lebensbereichen ändert das nichts an den realen Gegebenheiten. Wenn demokratische Teilhabe vom korrekten Ergebnis des Gesinnungstests abhängig ist, bewegt man sich nicht in einem demokratischen System.
Das kann eine Zeit lang funktionieren, solange die Deutungshoheit in den relevanten Institutionen noch gehalten wird und der Anteil der Ausgeschlossenen und Entrechteten begrenzt bleibt. Doch je größer die Gruppe wird, die durch diese Praxis entmündigt wird, desto mehr demontiert man sich selbst. Wenn ein Drittel der Bevölkerung oder mehr seines ohnehin spärlichen Mitspracherechts und seiner politischen Repräsentation beraubt wird und gegen den Willen eines so breiten Teils des Souveräns gebrandmauert wird, verliert das System seine Legitimität. Es zerstört das verbliebene Vertrauen in den Staat und seine Institutionen.
Auch hier sägt man praktisch an dem Ast, auf dem man sitzt. Die lautesten Verteidiger von Vielfalt und offener Gesellschaft greifen längst zu Mitteln, die sie bei ihren Gegnern (zu Recht) als autoritär geißeln würden. Der Widerspruch ist so evident, dass sogar die eigene Basis zu rebellieren beginnt.
Sicher, sobald jemand versucht, aus dem Kreislauf auszusteigen, Widersprüche klar auszusprechen, die Opferhierarchie zu sprengen oder die Kosten der vermeintlichen neuen Moral zu benennen, landet er auf der Abschussliste, wird zum Nestbeschmutzer erklärt und fliegt aus der Gruppe. Diesen Absturz verwindet nicht jeder. Aber: Das Freidrehen des Systems reduziert die Fallhöhe stetig.
Wenn die Gegenidentität attraktiver wird
Soziale Identität funktioniert nur so lange als wirksames Steuerungsinstrument, wie die Zugehörigkeit zur „Ingroup“ spürbare Vorteile bringt und der Ausschluss spürbare Nachteile. Solange die „gute“ Seite noch als Mehrheitskultur, als moralisch überlegene Normalität und als Zugang zu Status, Karriere, positiver Aufmerksamkeit und institutioneller Anerkennung erlebt wird, tut der Ausschluss weh. Die Kosten des Abweichens sind zu hoch.
Das kippt, sobald die „Outgroup“ eine kritische Größe erreicht. Aus fragmentierten Gruppen entsteht ein in kritischen Punkten geeinter Widerstand, der sich der Einheitsfront als gemeinsamem Gegner entgegenstellt. Der Anpassungsdruck an die moralische Hierarchie wird immer geringer. Vormals vernichtende Etiketten („rechtsextrem“, „Nazi“, „Demokratiefeind“) werden wirkungslos: Irgendwann wurden im moralischen Eifer diese Label so vielen Menschen aufgedrückt, dass sie einfach jede Bedeutung verloren haben. Mehr noch: Sie stärken die Gegenidentität. Dieselben Mechanismen, die die Gruppe der „Guten“ so wacker zusammengehalten haben, funktionieren schließlich auch in die andere Richtung.
Die Gegengruppe wird selbstbewusster und bildet eigene Strukturen. Institutionelle Angriffe schaffen zunehmend Märtyrer – Zensur oder Debanking führen zu Solidaritätswellen, nicht zu sozialer Isolation. Aus der alten Ingroup der „Guten“ zu fliegen, schmerzt nicht mehr. Es kommt der Punkt, an dem Menschen ohnehin nicht mehr dazugehören wollen – der Entzug der Zugehörigkeit nimmt ihnen nichts weg, was sie noch schätzen würden. Sie können Teil der Outgroup werden.
Die allgegenwärtige Doppelmoral, der man im politischen Alltag ausgesetzt ist, ist somit im Grunde kein Grund für Ärger und Frust. Sie wird es vielmehr sein, woran das entartete System zerbrechen wird. Und dann kann die Trans-Demokratie wieder durch ein wirklich demokratisches System abgelöst werden.
