Mitten im Migrationschaos von Ceuta lässt die spanische Zentralregierung ein neues Lager für bis zu 1.000 Migranten errichten – rund 20 Meter von einer Kinderkrippe entfernt. Eltern, Erzieher und Anwohner protestieren, doch Madrid hält an dem Standort fest und lässt die Arbeiten inzwischen sogar von der Polizei absichern. Während die kleine spanische Exklave seit der Masseneinreise Ende Juli mit überfüllten Einrichtungen, Sicherheitsproblemen und zahlreichen Sexualdelikten kämpft, schafft die Sánchez-Regierung ausgerechnet vor einer Betreuungseinrichtung für Babys und Kleinkinder das nächste Großquartier.
Am Freitagmorgen stehen Eltern und Anwohner bereits vor der Baustelle im Stadtteil Los Rosales. Auf der einen Seite die neue Escuela Infantil Nuestra Señora de África, in der Kinder im Alter von null bis drei Jahren betreut werden sollen, auf der anderen Seite Arbeiter, Baumaterial und die Vorbereitungen für neun große Zelte. Dazwischen liegen gerade einmal rund 20 Meter. Einen Tag zuvor hatten Demonstranten die Arbeiten noch gestoppt. Dieses Mal rückt die Polizei an, das Gelände wird abgesperrt und die Bautrupps machen weiter. Einige Anwohner überwinden später sogar die Sperren, doch Madrid bleibt bei seinem Kurs: Das Lager kommt.
Bis zu 1.000 Migranten wenige Meter von Babys entfernt
Das provisorische Lager hinter dem ehemaligen Gefängnis soll laut spanischen Medien annähernd 1.000 Menschen aufnehmen können. Direkt daneben liegt die neue Kinderkrippe Nuestra Señora de África mit Platz für rund 176 bis 200 Kleinkinder. Eltern sollen ihre Babys morgens also an einer Einrichtung abgeben, während wenige Meter weiter eines der größten provisorischen Migrantenlager der Stadt betrieben wird. Selbst die Gewerkschaft CSIF fordert einen anderen Standort.
Die Eltern haben mehrfach klargemacht, was sie davon halten. Ein Vater erklärte gegenüber RTVE, dass Familien ihre Kinder womöglich gar nicht erst in die Einrichtung bringen würden, sollte das Lager dort bleiben. Der Zugang zur Kinderkrippe ist eng, die Eltern fürchten Gedränge und unübersichtliche Situationen direkt vor dem Gebäude. Auch Beschäftigte der Einrichtung stellen sich gegen den Standort. Ihre Einwände ändern am Kurs der Zentralregierung bislang nichts.
Polizei schützt den Aufbau des Migrantenlagers
Nachdem Bürger die Arbeiten zunächst stoppen konnten, ließ Madrid das Gelände absperren. Die Policía Nacional rückte an, am Samstag liefen die Arbeiten bereits unter Polizeischutz weiter. Das Bild könnte kaum deutlicher sein: Auf der einen Seite protestierende Eltern, die wenige Meter entfernt ihre Kleinkinder betreuen lassen sollen, auf der anderen Bautrupps, die unter dem Schutz staatlicher Sicherheitskräfte das Migrantenlager hochziehen.
Rund um die Kinderkrippe sollen nun zusätzliche Zäune und weitere Sicherheitsmaßnahmen folgen. Erst entscheidet Madrid, bis zu 1.000 Migranten praktisch vor einer Einrichtung für Babys und Kleinkinder unterzubringen, dann sollen Barrieren die Folgen dieser Standortwahl auffangen. Die Eröffnung der Krippe wurde inzwischen auf den 28. September verschoben. Die Stadt verweist dafür auf noch ausstehende Arbeiten und Verwaltungsverfahren. Für die betroffenen Eltern bleibt damit neben der Sorge um die Lage vor Ort auch noch das Problem der Kinderbetreuung.
Ceuta zahlt für Madrids Migrationspolitik
Seit der Invasion aus Marokko Ende Juli steht die kleine Exklave unter gewaltigem Druck. Tausende Menschen müssen registriert, versorgt und untergebracht werden, öffentliche Flächen und Einrichtungen werden für die Unterbringung herangezogen und immer neue provisorische Lager entstehen. Was in Madrid als Verwaltungsaufgabe behandelt wird, spielt sich für die Einwohner direkt vor Haustüren, Schulen und Freizeiteinrichtungen ab.
Auch im Hafen soll ein weiteres Lager für mehr als 1.000 Menschen entstehen. Der Verwaltungsrat der Hafenbehörde hatte sich dagegen ausgesprochen. Verkehrsminister Óscar Puente setzte sich darüber hinweg und ließ die betreffende Fläche unter staatliche Kontrolle stellen. Der Widerstand vor Ort zählt wenig, sobald Madrid seine Entscheidung getroffen hat. Ceuta trägt die Folgen einer Migrationspolitik, über deren praktische Auswirkungen andere bestimmen.
Am Sonntag gingen erneut Hunderte Menschen unter dem Motto „Por los niños de Ceuta“ – „Für die Kinder von Ceuta“ – auf die Straße. Familien beklagen, dass Kinder öffentliche Plätze und Freizeitangebote seit Wochen nicht mehr wie gewohnt nutzen können. Weitere Demonstrationen richten sich offen gegen die Sánchez-Regierung und deren Umgang mit der Migrationskrise. Der Streit um die Kinderkrippe in Los Rosales ist damit längst zu einem Symbol für den Frust über Madrids Kurs geworden.
23 Sexualdelikte binnen weniger Wochen
Die Sicherheitsdebatte findet dabei vor einem düsteren Hintergrund statt. Zwischen dem 30. Juli und Ende August wurden in Ceuta 23 Sexualdelikte registriert, darunter fünf Vergewaltigungen. Neun Opfer waren zwischen 14 und 17 Jahre alt. Bis Ende August hatten die Behörden acht mutmaßliche Täter identifiziert: vier Marokkaner, drei Spanier und einen Belgier. Anfang September nahm die Polizei zudem einen 17-jährigen Marokkaner fest, der drei zehn- und elfjährige Kinder in einer Migrantenunterkunft sexuell angegriffen haben soll. Wie viele Fälle aus Angst und Scham von den Opfern nicht angezeigt wurden weiß niemand.
Und diese Entwicklung sehen die Eltern von Los Rosales seit Wochen in ihrer eigenen Stadt. Nun sollen sie ihre Babys und Kleinkinder wenige Meter von einem Lager für bis zu 1.000 Migranten abgeben, während Madrid ihre Proteste mit Absperrgittern und Polizeipräsenz beantwortet. Ein anderer Standort wäre möglich. Die sozialistische Sánchez-Regierung zieht ihren Platz trotzdem ausgerechnet auf diesem Areal durch. Auf der einen Seite eine Kinderkrippe für Babys und Kleinkinder, auf der anderen neun Großzelte für bis zu 1.000 Migranten. Dazwischen rund 20 Meter, ein Zaun und inzwischen die Polizei. Viel deutlicher lässt sich Madrids ignoranter Umgang mit den Sorgen der eigenen Bürger kaum illustrieren.
