Der NDR vergleicht Polens geplantes Kernkraftwerk mit einem neuen Offshore-Windpark und präsentiert dabei einen absolut schiefen Kostenvergleich. Bei der Leistung zieht der Gebührenfunk einen einzigen Reaktor heran, bei den Kosten plötzlich alle drei Reaktoren des Kraftwerks. Der Verein Nuklearia hat deshalb Programmbeschwerde eingereicht – und ein Blick auf die tatsächliche Stromproduktion macht die Verzerrung noch deutlicher.
Im „Nordmagazin“ berichtete der NDR am 23. August über das geplante Kernkraftwerk Lubiatowo-Kopalino an der polnischen Ostseeküste. Dort sollen drei amerikanische Westinghouse-Reaktoren vom Typ AP1000 mit zusammen 3.750 Megawatt entstehen. In Sichtweite befindet sich der Offshore-Windpark Baltic Power mit 76 Turbinen und 1.140 Megawatt. Diese Leistung entspreche „ungefähr der Leistung eines Reaktors“ des geplanten Kernkraftwerks, schreibt der NDR.
Unmittelbar danach stellt der Sender in einer Milchmädchenrechnung die Kosten gegenüber: drei Jahre Bauzeit und ungefähr fünf Milliarden Euro für Baltic Power, zehn Jahre und 45 Milliarden Euro für das Kernkraftwerk. Bei der Leistung vergleicht der NDR zudem den kompletten Windpark mit nur einem Reaktor, beim Preis jedoch mit dem gesamten Kraftwerk aus drei Reaktoren. Aus 1.140 Megawatt Wind gegen rund 1.250 Megawatt Kernkraft werden plötzlich fünf Milliarden gegen 45 Milliarden Euro.
Ein Reaktor bei der Leistung, drei bei den Kosten
Allein die Nennleistung entlarvt den Vergleich. Drei AP1000 kommen zusammen auf 3.750 Megawatt. Um dieselbe installierte Leistung mit Windparks von der Größe Baltic Powers zu erreichen, wären rund 3,3 solcher Anlagen nötig. Aus den fünf Milliarden Euro des NDR würden damit bereits rund 16,5 Milliarden Euro. Doch selbst diese Rechnung schmeichelt der Windkraft noch erheblich. Denn 1.140 Megawatt Windkraft und rund 1.250 Megawatt Kernkraft bedeuten nicht, dass dieselbe Menge an Strom produziert wird. Windräder liefern ihre Nennleistung nur dann, wenn die Windverhältnisse passen. Ein Kernreaktor produziert dagegen über weite Teile des Jahres mit anhaltend hoher und dazu noch regelbarer Leistung.
Beim konkreten polnischen Windpark muss man darüber nicht spekulieren. Baltic Power selbst gibt für die rund 1,2 Gigawatt große Anlage eine erwartete Jahresproduktion von bis zu vier Terawattstunden an. Daraus ergibt sich ein Nutzungsgrad von rund 40 Prozent – für einen modernen Offshore-Windpark ein guter Wert und deutlich höher als bei vielen Windkraftanlagen an Land. Doch Strom wird trotzdem nur dann produziert, wenn auch Wind weht, und das ist nicht unbedingt dann, wenn dieser auch tatsächlich benötigt wird. Diese Problematik habe ich auch in meinem Buch „Der Windkraft-Wahn“ ausführlich beschrieben.
Fast gleiche Nennleistung – mehr als doppelt so viel Strom
Für das Kernkraftwerk rechnet die polnische Regierung mit einem Kapazitätsfaktor von rund 88,5 Prozent. Bei 3.750 Megawatt installierter Leistung ergeben sich daraus rund 29,1 Terawattstunden Strom pro Jahr. Ein einzelner der drei 1.250-Megawatt-Reaktoren kommt damit auf rund 9,7 Terawattstunden jährlich. Damit stehen sich zwei Anlagen mit nahezu derselben Nennleistung gegenüber, deren tatsächliche Stromproduktion weit auseinanderliegt: rund vier Terawattstunden beim 1.140-Megawatt-Windpark gegen rund 9,7 Terawattstunden bei einem 1.250-Megawatt-Reaktor. Ein einzelner Reaktor liefert damit etwa das 2,4-Fache der Jahresstrommenge von Baltic Power.
Beim gesamten Kernkraftwerk wird die Schieflage des NDR-Vergleichs noch deutlicher. Seine drei Reaktoren sollen rund 29,1 Terawattstunden jährlich erzeugen. Um diese Strommenge mit Anlagen von der Größe Baltic Powers zu erreichen, wären rechnerisch etwa 7,3 solcher Offshore-Windparks nötig. Statt 76 Windrädern wären dafür mehr als 550 der riesigen 15-Megawatt-Turbinen erforderlich. Und aus den vom NDR genannten fünf Milliarden Euro würden bei gleicher Jahresstromproduktion plötzlich rund 36 Milliarden Euro – und das wetterabhängig. Damit bleibt von der suggerierten Rechnung „fünf Milliarden Wind gegen 45 Milliarden Atomkraft“ kaum noch etwas übrig.
Windstrom bleibt vom Wetter abhängig
Auch diese 36 Milliarden Euro lösen das grundlegende Problem der Windkraft nicht. Die rund 29 Terawattstunden Kernkraftstrom lassen sich planbar über das Jahr produzieren. Die Windparks liefern ihre Strommenge dagegen dann, wenn der Wind weht. Bei Flaute fällt ihre Produktion gleichzeitig auf einen Bruchteil der Nennleistung oder nahezu auf null. Ein Stromnetz benötigt deshalb weiterhin regelbare Backup-Kraftwerke, zusätzliche Leitungen, Reservekapazitäten und andere Einrichtungen, um die schwankende Einspeisung auszugleichen. Diese Kosten finden im NDR-Vergleich keinen Platz. Der Sender stellt lediglich die Baukosten der Windturbinen den Kosten des vollständigen Kernkraftwerks gegenüber und vermittelt damit den Eindruck, beide Anlagen würden dieselbe Leistung für das Stromsystem bereitstellen.
Hinzu kommt die Lebensdauer. Westinghouse nennt für den AP1000 eine Auslegungslebensdauer von 60 Jahren und eine technische Verfügbarkeit von 93 Prozent. Baltic Power bereitet sich dagegen auf eine Betriebsphase von rund 30 Jahren vor. Damit müsste innerhalb der geplanten Lebensdauer des Kernkraftwerks rechnerisch bereits eine zweite Generation der Windkraftanlagen errichtet werden. Bei einer vollständigen Erneuerung nach 30 Jahren und gleichbleibenden heutigen Baukosten würden aus den rund 36 Milliarden Euro für eine Windpark-Generation über die 60 Jahre des Kernkraftwerks mehr als 72 Milliarden Euro. Die Kosten für die Absicherung der wetterabhängigen Stromproduktion wären dabei noch immer nicht enthalten.
Bezieht man auch die laufenden Kosten ein, schrumpft der Vorteil der Kernkraft etwas, verschwindet aber nicht. Für moderne Kernreaktoren ergeben internationale Vergleichsdaten einschließlich Betrieb, Wartung und Brennstoff rund 18 bis 20 Euro je Megawattstunde. Über 60 Jahre kämen die drei polnischen Reaktoren damit auf etwa 32 bis 35 Milliarden Euro Betriebskosten. Offshore-Wind benötigt zwar keinen Brennstoff, seine Wartung auf See ist jedoch teuer. Aktuelle britische Projektdaten veranschlagen dafür umgerechnet rund 15,5 Euro je Megawattstunde. Für die mehr als sieben Baltic-Power-Parks, die nötig wären, um dieselbe Strommenge zu erzeugen, summiert sich das über 60 Jahre auf rund 27 Milliarden Euro. Rechnet man Bau und Betrieb zusammen, stehen damit grob 77 bis 80 Milliarden Euro für das Kernkraftwerk etwa 99 Milliarden Euro für zwei Generationen der notwendigen Windparks gegenüber – noch ohne Batteriespeicher, Reservekraftwerke und weitere Kosten der wetterabhängigen Stromproduktion.
Programmbeschwerde gegen den Gebührenfunk
Nuklearia hat den NDR-Vergleich deshalb zum Gegenstand einer formellen Programmbeschwerde gemacht. Der Verein wirft dem Sender vor, bei der Leistung einen einzelnen Reaktor, bei den Kosten aber alle drei Reaktoren heranzuziehen. Auch die unterschiedliche tatsächliche Stromproduktion und die zusätzlichen Anforderungen einer wetterabhängigen Energieversorgung blieben in der Darstellung außen vor. Die Beschwerde wurde am 28. August veröffentlicht. Doch Polen treibt den Bau des Atomkraftwerks weiter voran. Der erste AP1000 soll nach dem aktuellen Zeitplan 2036 kommerziell ans Netz gehen, die beiden weiteren Reaktoren 2037 und 2038. Der erste nukleare Beton ist für das vierte Quartal 2028 vorgesehen.
Der NDR hätte all diese Zahlen problemlos gegenüberstellen können. Stattdessen bekommt der Gebührenzahler einen Vergleich präsentiert, bei dem ein Reaktor bei der Leistung und drei Reaktoren bei den Kosten herhalten müssen. Und selbst der vermeintlich fast gleich starke Windpark liefert nach den Angaben seines eigenen Betreibers nicht einmal halb so viel Strom wie ein einzelner AP1000. Aus der schönen Geschichte von fünf Milliarden Euro Windkraft gegen 45 Milliarden Euro Kernkraft wird bei näherem Hinsehen eine völlig andere Rechnung.
