Ein Hackerangriff hat zwei Berliner Senatsverwaltungen weitgehend vom Netz getrennt, nach Informationen des RBB sollen dabei auch sensible Daten abgeflossen sein. Die Folgen reichen inzwischen bis zur gefährdeten Wohngeldauszahlung für mehr als 50.000 Haushalte und zur gestörten Online-Beantragung von Briefwahlunterlagen. Berlin wollte seine zersplitterte Verwaltungs-IT eigentlich schon Ende 2024 zentralisiert haben – doch selbst Jahre später kämpft die Hauptstadt noch immer mit alten Systemen, Sicherheitsrisiken und verschleppten Umstellungen.
Seit Freitag herrscht in zwei Berliner Senatsverwaltungen digitaler Ausnahmezustand. Die Verwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen sowie jene für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt wurden vom Landesnetz getrennt. Internetzugang und externe E-Mails fielen aus, Homeoffice war nicht mehr möglich, teilweise blieben den Mitarbeitern nur Telefon, SMS und Fax. Landeskriminalamt, Staatsanwaltschaft und das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik wurden eingeschaltet, ein eigener Krisenstab koordiniert die Absicherung des Netzes und die Aufarbeitung des Angriffs.
Offiziell spricht die Senatskanzlei von einer „Inkriminierung des Landesnetzes„. Nach Informationen des RBB steckt dahinter ein externer Hackerangriff, bei dem auch sensible Daten abgeflossen sein sollen. Besonders unangenehm für den Senat: Die ausgenutzte Schwachstelle soll ausgerechnet in jenem IT-Bereich gelegen haben, den die betroffene Bauverwaltung selbst verantwortet. Dort war nicht der zentrale Berliner IT-Dienstleister ITDZ zuständig. Die beiden Senatsverwaltungen teilen sich Teile ihrer Technik und betreiben damit noch immer eigene Strukturen innerhalb des Landesnetzes.
50.000 Haushalte und die Briefwahl geraten ins Räderwerk
Die Folgen bleiben längst nicht auf einige lahmgelegte Behördenrechner beschränkt. Weil die Bauverwaltung vom Landesnetz isoliert wurde, gerät die Wohngeldauszahlung für mehr als 50.000 berechtigte Haushalte ins Wanken. Gleichzeitig beanspruchen die Sicherheitsanalysen nach dem Angriff offenbar so viele Ressourcen im Berliner Landesnetz, dass auch andere digitale Angebote langsamer laufen oder vorübergehend ausfallen.
Ausgerechnet wenige Wochen vor der Berliner Wahl am 20. September traf es auch die Online-Beantragung der Briefwahlunterlagen. Die Sicherheitsmaßnahmen nach dem Angriff belasten das Landesnetz inzwischen so stark, dass selbst Dienste außerhalb der unmittelbar betroffenen Verwaltungen ausgebremst werden. Ein Angriff auf einen Teil der Berliner Behörden-IT reicht damit aus, um Sozialleistungen und wichtige Wahlservices in Mitleidenschaft zu ziehen. Wie soll das dann erst nach der Einführung einer Digitalen ID und noch stärker zentralisierten Datenbanken ablaufen?
Berlin verfehlte seine eigene IT-Frist
Dabei hatte der Senat das Problem seiner zersplitterten IT längst erkannt. Anfang 2023 hielt Berlin in seinem eigenen Umsetzungsbericht zum E-Government-Gesetz fest, dass die Senatsverwaltungen und die zentrale IT-Steuerung die Überführung der verfahrensunabhängigen Verwaltungstechnik zum ITDZ bis zum 31. Dezember 2024 abschließen wollten. Historisch gewachsene Insellösungen sollten verschwinden, die Rechner nach einheitlichen Standards zentral betrieben werden.
Die Realität sah anders aus. In einer Antwort der Senatskanzlei an den Ausschuss für Digitalisierung und Datenschutz vom September 2025 musste Berlin einräumen, dass gerade einmal rund 5.350 Arbeitsplatz-PCs der abnahmepflichtigen Behörden unmittelbar durch das ITDZ betrieben wurden. Zugleich kassierte der Senat die nächste Zielmarke praktisch selbst wieder ein: Nicht einmal bis Ende 2027 werde voraussichtlich die gesamte entsprechende Arbeitsplatztechnik in die Verantwortung des zentralen Dienstleisters überführt sein. Aus dem geplanten Abschluss Ende 2024 wurde damit eine jahrelange Dauerbaustelle.
Wie groß der Rückstand war, zeigen ausgerechnet die Zahlen aus der nun gehackten Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen. Zum Stichtag 3. September 2025 liefen dort noch 4.313 Arbeitsplatzrechner mit Windows 10, während lediglich 1.064 Systeme bereits auf Windows 11 umgestellt waren. Mehr als vier von fünf erfassten Rechnern arbeiteten damit noch auf dem alten Betriebssystem – neun Monate nachdem Berlin die Zentralisierung seiner Verwaltungs-IT eigentlich abgeschlossen haben wollte.
133 Fachverfahren standen bereits auf der Risikoliste
Noch deutlicher wird das Versagen bei den Fachverfahren, auf denen wesentliche Verwaltungsaufgaben beruhen. Von 415 bekannten Verfahren galten im September 2025 lediglich 259 als Windows-11-fähig. Bei 156 war die Umstellung nicht abgeschlossen oder überhaupt nicht geklärt. Elf befanden sich damals in der Migration, zwölf sollten eingestellt werden – und bei 133 Verfahren lag trotz wiederholter Nachfrage nicht einmal eine belastbare Rückmeldung zum Stand der Umstellung vor. Der Senat führte sie selbst als Risiko.
Auch beim zentralen ITDZ stapelten sich die Altlasten. Sämtliche dort betriebenen Fachverfahren befanden sich nach Angaben der Senatskanzlei damals im sogenannten „Legacy“-Bereich. Alte Systeme verursachen mehr Supportaufwand, mehr Personalbedarf und höhere Risiken bei Störungen. Im Durchschnitt lagen die Kosten laut Senatsunterlagen bei 415 Prozent der ursprünglichen Betriebskosten. Doch selbst diese Mehrkosten landeten bislang kaum bei den dafür verantwortlichen Verwaltungen. Der Senat stellte selbst fest, dadurch bestehe bei den Verantwortlichen „kaum Handlungsdruck“, die alten Systeme endlich abzulösen.
Der IT-Sicherheitsexperte Manuel Atug warnt seit Jahren vor diesem Zustand. Schon 2023 bezeichnete er die Berliner Sicherheitslage im Abgeordnetenhaus als „gruselig und desolat“. Nach dem aktuellen Angriff erklärte er gegenüber dem RBB, die Lage habe sich weiter verschlechtert; empfohlene Verbesserungen seien nicht umgesetzt worden, Fachverfahren liefen teilweise auf veralteten Systemen ohne reguläre Sicherheitsaktualisierungen und notwendige Migrationen würden immer wieder verschleppt.
Jetzt hat die Berliner Politik den Salat – und die Menschen in Berlin müssen nun die Konsequenzen dieser Verschleppungspolitik tragen. Keiner fühlt sich verantwortlich und keiner macht was. Dabei wäre es so einfach gewesen: Man benennt einen Verantwortlichen, gibt ihm ein Büro und ein paar qualifizierte Mitarbeiter, dann wird ein Masterplan erstellt und dieser einfach konsequent abgearbeitet. Aber so etwas scheint in der deutschen Verwaltung offensichtlich nicht gewollt zu sein.






