Das sächsische Landeskriminalamt warnt vor wachsenden syrischen Clan-Strukturen im Raum Leipzig. Zwischen 700 und 1.000 Personen rechnen die Ermittler inzwischen diesem Milieu zu, rund 130 sind bereits wegen Straftaten aktenkundig. Vier Großfamilien stehen besonders im Fokus – und das Spektrum reicht von Gewaltdelikten und Drogenhandel über Geldwäsche und Schleusung bis zu Steuer- und Sozialbetrug.
Drei Frauen, mindestens 32 Kinder und wenigstens 25 Enkel. So sieht eine jener syrischen Großfamilien aus, mit denen sich das Landeskriminalamt in Leipzig inzwischen herumschlägt. Das Familienoberhaupt ist nach islamischem Recht mit mindestens drei Frauen verheiratet, ein Teil seiner Kinder ist längst erwachsen und hat selbst Nachwuchs. Mehr als 60 Menschen umfasst der Familienverband. Fast zwei Drittel der Angehörigen der Kernfamilie fielen nach Angaben der Ermittler bereits mit Straftaten auf, manche mehrfach. Die Polizei zählt Delikte im dreistelligen Bereich.
Raiko Märtins kennt solche Strukturen aus nächster Nähe. Der 57-Jährige leitet beim LKA Sachsen das Dezernat Organisierte Kriminalität und die dort angesiedelte „Task Force Clan“. Gegenüber FOCUS online beschreibt er ein Milieu, in dem längst nicht nur einzelne Intensivtäter Polizei und Justiz beschäftigen. Angehörige helfen einander, melden Fahrzeuge an, stellen Konten zur Verfügung, lassen Sachwerte auf ihren Namen eintragen oder sorgen mit wenig ergiebigen Zeugenaussagen dafür, dass Ermittler nicht weiterkommen. Andere betreiben Geschäfte, über deren Hinterzimmer Drogen verkauft werden oder die über Strohmänner laufen. Elf Jahre nach dem großen Migrationsjahr 2015 hat Sachsen damit ein Problem, das lange vor allem mit Berlin, Bremen, Niedersachsen oder Nordrhein-Westfalen verbunden wurde.
Vier Großfamilien stehen im Zentrum
Nach Schätzungen des LKA gehören im Raum Leipzig mittlerweile zwischen 700 und 1.000 Menschen zum syrischen Clan-Milieu. Rund 130 Personen sind wegen Straftaten bereits polizeilich bekannt. Im Kern konzentrieren sich die Ermittlungen auf vier Großfamilien, die Märtins lediglich mit ihren Anfangsbuchstaben A., K., D. und A. bezeichnet. Die Liste der Delikte fällt entsprechend lang aus. Märtins nennt Rohheitsdelikte, Betäubungsmittelhandel, Geldwäsche, Steuerdelikte, Schleusungskriminalität, Urkunden- und Verkehrsdelikte, illegale Finanztransaktionen sowie verschiedene Betrugsformen. Auch Schusswaffen stellte die Polizei bereits sicher.
Hinzu kommt der Betrug mit staatlichen Leistungen. Bürgergeld beziehungsweise die inzwischen so bezeichnete Grundsicherung gehört laut LKA ebenfalls zu den Bereichen, in denen Clan-Angehörige den Staat ausnehmen. Für einzelne Sachbearbeiter ist dabei nicht immer erkennbar, wer zu welcher Großfamilie gehört. Unterschiedliche Nachnamen reichen mitunter schon aus, damit der Zusammenhang zwischen mehreren Antragstellern verborgen bleibt. Märtins formuliert die Konsequenz unverblümt: „Mit dem Steuergeld unterstützt der Staat letztlich die Aktivitäten der Clans.“
Geschäfte, Strohmänner und Drogen aus dem Hinterzimmer
Viele Angehörige der betroffenen Familien haben ganz offiziell Unternehmen gegründet. Das hindert manche offenbar keineswegs daran, dahinter ein zweites Geschäftsmodell zu betreiben. „Viele aus diesen Familien haben Gewerbe unterschiedlicher Art angemeldet und nutzen diese, teilweise auch im Strohmannsystem, für kriminelle Handlungen im Hintergrund“, berichtet Märtins. Drogen gehen demnach etwa über Hinterzimmer von Spätverkäufen oder Bars über den Tisch. Familienmitglieder und andere Vertrauenspersonen stellen Namen, Konten oder Fahrzeuge zur Verfügung.
So wächst mit der Familie auch das Netzwerk. Der eine steht offiziell als Geschäftsführer im Register, ein anderer führt tatsächlich die Geschäfte, ein Dritter hält Vermögen oder Fahrzeuge, während weitere Angehörige im Hintergrund helfen. Für Polizei, Finanzamt, Zoll und Jobcenter ergibt sich jeweils nur ein Ausschnitt – innerhalb des Familienverbandes laufen die Fäden dagegen zusammen. Dass dabei erhebliche Summen zusammenkommen, zeigen die Ermittlungen der vergangenen Jahre.
Millionen mit Paletten und Obstkisten
Einer der bekanntesten Fälle betrifft Hussam D. aus Leipzig. Der Clan-Mann verdiente sein Geld mit dem illegalen An- und Verkauf von Obst- und Gemüsekisten aus Supermärkten. Innerhalb weniger Monate setzte er damit rund 700.000 Euro um. Solche Geschäfte wirken auf den ersten Blick beinahe banal. Für die beteiligten Familien sind sie offenbar alles andere als Kleingeld. Neben dem Rauschgifthandel zählt das Geschäft mit Paletten und Mehrwegbehältern nach Angaben des LKA zu den lukrativen Einnahmequellen im Leipziger Clan-Milieu.
Märtins erklärt die Größenordnung in einem einfachen Satz: „Die machen damit Millionen.“ Ein Teil des Geldes bleibt in Deutschland, ein anderer wandert ins Ausland. Nach Angaben des Ermittlers nutzen Clan-Angehörige dafür unter anderem das in Deutschland wegen der Geldwäsche verbotene moslemische Hawala-System. Mitunter fließen Gelder auch in Immobilien – etwa in Dubai.
„Die akzeptieren unsere Justiz nicht“
Noch deutlicher wird der LKA-Mann, wenn er über das Verhältnis dieser Familienverbände zum deutschen Staat spricht. „Die finanzieren sich ihr gesamtes Leben mit illegalen Geschäften“, sagt Märtins. „Die akzeptieren unsere Justiz nicht, die setzen auf eigene Friedensrichter, die regeln alles intern.“ Und weiter: „Im Grunde genommen verachten sie unseren Staat, unser gesamtes System. Die Abschottung innerhalb der Familienverbünde ist enorm.“
Für Ermittler bedeutet diese Loyalität innerhalb der Familie immer wieder Ärger. „Kein Clan-Mitglied sagt gegen seine Familie aus“, erklärt Märtins. Zeugen tauchen bei Hauptverhandlungen nicht auf, Aussagen helfen nicht weiter, Verfahren müssen eingestellt werden. Das bekam die Justiz auch bei Mitgliedern der Familie A. zu spüren.
„King Bilal“ und seine Brüder
Besonders berüchtigt sind drei Halbbrüder aus dieser Großfamilie: Bilal, Mohamed und Rami A. Bilal A. war 18 Jahre alt, als er im März 2023 ohne Führerschein mit einem Mercedes nahe Eilenburg unterwegs war. Er verursachte einen Unfall, in den mehrere Fahrzeuge verwickelt waren – vier Menschen starben. Das Gericht verurteilte ihn später zu dreieinhalb Jahren Jugendstrafe. Doch auch danach war Ruhe offenbar nicht angesagt. Im Frühjahr 2025 hinterließ Bilal A. an einer Autowaschanlage eine Graffiti-Botschaft: „King Bilal“.
Auch seine beiden Halbbrüder können auf lange Strafakten zurückblicken. Mohamed A. schlug 2016 gemeinsam mit anderen einen Straßenbahnfahrgast zusammen. Wenig später beteiligte er sich an einer weiteren Schlägerei auf offener Straße. Ein Richter attestierte ihm und seinen Helfern „Rücksichtslosigkeit und eine aggressive Durchsetzungsbereitschaft“. 2022 erwischte ihn die Polizei bei einem Drogengeschäft. Es ging um rund fünf Kilogramm Crystal Meth. Im Auto fanden die Fahnder zusätzlich einen Aluminium-Baseballschläger und zwei Messer. Das Gericht schickte Mohamed A. für viereinhalb Jahre ins Gefängnis.
Sein jüngerer Bruder Rami A. kam 2015 im Alter von 18 Jahren nach Deutschland und lebte von Sozialleistungen. Auch er fiel wiederholt auf. Zu den aktenkundigen Vorwürfen gehören gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr, gefährliche Körperverletzung und Drogenhandel. Ein Leipziger Amtsrichter fand für die Zustände innerhalb der Familie bereits eine bemerkenswert deutliche Beschreibung: „Parallelgesellschaft ohne jedes Integrationsbemühen“.
Vom Asylzuzug zur Clan-Struktur
Syrer stellen inzwischen nach Ukrainern die zweitgrößte Ausländergruppe in Sachsen. Ende 2025 lebten nach den von FOCUS online angeführten Zahlen rund 36.300 syrische Staatsangehörige im Freistaat. Afghanen kamen auf etwa 15.000, Iraker auf rund 6.250. Ausgerechnet beim Thema Clankriminalität spielen die beiden letztgenannten Gruppen in Sachsen jedoch kaum eine Rolle. Den Schwerpunkt bilden syrische Großfamilien in Leipzig.
Der Politikwissenschaftler Mahmoud Jaraba von der Universität Erlangen warnte bereits im März 2026 vor der Entstehung krimineller Netzwerke unter syrischen Zuwanderern. Er forderte Polizei, Justiz und Behörden auf, frühzeitig gegenzusteuern, bevor sich solche Strukturen verfestigen. In Leipzig ist diese Verfestigung längst keine theoretische Gefahr mehr. Das LKA beobachtet die Entwicklung seit 2020. Im Oktober 2023 nahm schließlich die „Task Force Clan“ ihre Arbeit auf.
Sachsen will keine Berliner Verhältnisse
LKA, Bundespolizei, Finanzämter, Zoll und Steuerfahndung arbeiten in der Einheit zusammen. Das Ziel: nicht warten, bis die eine Behörde irgendwann zufällig entdeckt, was die andere längst weiß. Seit dem Start der Task Force führten die sächsischen Behörden rund 40 größere Einsätze gegen Clan-Kriminelle durch. Verdächtige wurden verhaftet, angeklagt und zu Haftstrafen verurteilt.
Märtins setzt dabei auf eine Null-Toleranz-Linie. Barbershops, Shishabars und Verkaufsläden sollen regelmäßig kontrolliert, kriminelle Vermögenswerte eingezogen und auch kleinere Verstöße konsequent verfolgt werden. „Immer, wenn der Staat wegschaut, werden die Lücken schamlos ausgenutzt“, warnt der Ermittler. „Man muss den Kriminellen deutlich machen, dass es bei uns Regeln und Grenzen gibt. Wir brauchen eine Null-Toleranz-Strategie.“ Sachsen hat bislang keine offenen blutigen Clan-Kriege erlebt, wie sie aus anderen deutschen Großstädten bekannt sind. Märtins warnt trotzdem davor, sich in Sicherheit zu wiegen.
Denn hinter den nackten Polizeizahlen wächst bereits die nächste Generation heran. Bei jener einen Leipziger Großfamilie kennt das LKA mindestens 32 Kinder und 25 Enkel. Gewerbe, Konten und Vermögen lassen sich weitergeben, ebenso Loyalitäten und eigene Regeln. Wer solche Strukturen erst bekämpft, wenn sie sich über zwei oder drei Generationen festgefressen haben, dürfte irgendwann feststellen, dass 1.000 Personen nur der Anfang waren.





