Spaniens Annäherung an Algerien: Setzte Marokko erneut die Migrationswaffe ein?

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Mehr als 50.000 Menschen drangen binnen weniger Tage aus Marokko in die spanische Exklave Ceuta ein. Nur zehn Tage zuvor hatte Pedro Sánchez in Algier die Wiederannäherung an Marokkos Erzrivalen besiegelt. Schon 2021 ließ Rabat Spanien spüren, wie schnell eine kaum zu sichernde Grenze zum politischen Druckmittel werden kann.

Am Donnerstag brach die Grenze zusammen. Nach Angaben des spanischen Innenministeriums gelangten innerhalb kürzester Zeit rund 50.000 Invasoren auf dem Land- und Seeweg illegal nach Ceuta. Der örtliche Regierungschef sprach sogar von bis zu 60.000 Menschen – vor allem jungen Männern. Mindestens 57 Menschen starben beim Versuch, die spanische Exklave zu erreichen. Ministerpräsident Pedro Sánchez bezeichnete die Invasion als Verletzung der spanischen Souveränität – eine interessante Feststellung aus dem Mund eines sozialistischen Regierungschefs, dessen Politik Spanien zuvor für illegale Migration immer attraktiver gemacht hatte.

Doch die Dimension des Ansturms lässt sich nicht allein mit spanischer Naivität, Schleuserpropaganda oder irgendwelchen Gerüchten in sozialen Netzwerken erklären. Zehntausende Menschen überwinden nicht innerhalb weniger Stunden eine internationale Grenze, wenn die Sicherheitskräfte auf der anderen Seite entschlossen handeln. Marokko kontrolliert sämtliche Zufahrtswege nach Ceuta, verfügt über einen gewaltigen Sicherheitsapparat und hat in den vergangenen Jahren oft genug bewiesen, dass es Migranten sehr wohl stoppen kann – sofern Rabat das politisch für sinnvoll hält. Doch die Untätigkeit der marokkanischen Führung dürfte eine ganz bestimmte Ursache gehabt haben.

Sánchez umwirbt Marokkos Erzrivalen

Am 20. Juli war Sánchez nämlich nach Algier gereist. Dort sprach er von einer „neuen Etappe“ in den Beziehungen und erklärte Algerien zum strategischen Partner und befreundeten Staat. Für Oktober wurde ein gemeinsamer Regierungsgipfel angekündigt. Ausgebaut werden sollen demnach die Zusammenarbeit bei Energie, Investitionen, Migration, Sicherheit und Terrorismusbekämpfung. Besonders wichtig ist hierbei auch die Energiefrage: Algerien war in den ersten Monaten des Jahres 2026 Spaniens wichtigster Erdgaslieferant, das Gas gelangt über die Medgaz-Pipeline direkt nach Spanien und umgeht dabei marokkanisches Gebiet.

Für Rabat war das jedoch keine gewöhnliche diplomatische Reise. Algerien ist Marokkos wichtigster regionaler Gegner, die gemeinsame Landgrenze ist seit 1994 geschlossen. Im Zentrum des jahrzehntelangen Machtkampfs steht die Westsahara: Marokko beansprucht das Gebiet als Teil seines Staatsgebietes, während Algerien die Polisario-Front unterstützt, die für einen unabhängigen Staat kämpft. Jede politische Aufwertung Algeriens berührt damit unmittelbar marokkanische Machtinteressen.

Spanien kennt die Sprengkraft dieses Konflikts eigentlich gut genug. Im März 2022 stellte sich Madrid erstmals offen hinter den marokkanischen Autonomieplan für die Westsahara und brach damit mit seiner bisherigen Position. Algerien reagierte, setzte den Freundschaftsvertrag mit Spanien aus und beschränkte den Handel. Erst im März 2026 wurde der Vertrag wieder aktiviert; Sánchez’ Reise nach Algier sollte die politische und wirtschaftliche Normalisierung endgültig besiegeln. Madrid versucht seither, Marokko zufriedenzustellen und gleichzeitig Algerien als Gaslieferanten und Sicherheitspartner zurückzugewinnen. Das ist ein gefährliches Doppelspiel zwischen zwei verfeindeten Regionalmächten.

2021 kam es schon einmal zu einem Sturm auf Ceuta

Wie sensibel Marokko auf spanische Entscheidungen reagiert, die seinen Interessen widersprechen, zeigte sich im Mai 2021. Spanien hatte damals Brahim Ghali, den Anführer der Polisario-Front, zur medizinischen Behandlung ins Land gelassen. Rabat war empört – und kurz darauf konnten rund 8.000 Menschen innerhalb von zwei Tagen nahezu ungehindert nach Ceuta gelangen. Die marokkanischen Grenzkräfte blieben passiv, örtliche spanische Verantwortliche berichteten von geöffneten Übergängen, und Aufnahmen zeigten sogar einen marokkanischen Grenzer, der Migranten durch ein Tor leitete.

Ein marokkanischer Staatsminister machte damals kaum einen Hehl aus der politischen Absicht. Marokko habe das Recht, sich zurückzulehnen, damit Spanien erkenne, dass es teuer werde, das Königreich zu unterschätzen. Deutlicher lässt sich Migration als staatliches Druckmittel – die Migrationswaffe – kaum beschreiben. Erst nachdem die Botschaft angekommen war, griffen die marokkanischen Sicherheitskräfte wieder ein und stoppten weitere Übertritte.

Fünf Jahre später wiederholt sich das Muster in ungleich größerem Maßstab. Sánchez reist nach Algerien, erklärt Marokkos Erzrivalen zum strategischen Partner und kündigt eine umfassende Zusammenarbeit an. Zehn Tage später drängen Zehntausende Menschen nach Ceuta. Als die Situation außer Kontrolle gerät, schlägt die marokkanische Polizei die verbliebenen Menschenmengen mit Schlagstöcken und Tränengas zurück. Binnen eines Tages kehren angeblich die meisten von ihnen wieder nach Marokko zurück. Der abrupte Wechsel zeigt vor allem eines: Rabat besitzt sehr wohl die Mittel, die Grenze zu sichern.

Rabat bestreitet – Madrid beschwichtigt

Offiziell verweisen beide Regierungen auf Meldungen über ein Urteil des spanischen Obersten Gerichtshofs. In sozialen Netzwerken war behauptet worden, Menschen könnten nach einer Ankunft auf dem Seeweg nicht mehr unmittelbar zurückgewiesen werden. Solche Meldungen können einen Ansturm beschleunigen. Sie erklären aber nicht, weshalb marokkanische Sicherheitskräfte Zehntausende Menschen überhaupt bis an die Grenze und durch die Sperranlagen gelangen ließen.

Madrid behauptet dennoch, die Beziehungen zu Marokko seien ausgezeichnet und durch die Annäherung an Algerien nicht belastet. Rabat weist jeden politischen Zusammenhang zurück. Gleichzeitig erklärte ein spanischer Nordafrika-Experte gegenüber Reuters, Sánchez’ Algerien-Reise sei in Marokko keineswegs positiv aufgenommen worden. Bereits 2021 hatte Rabat offiziell ebenso die politische Verantwortung abgestritten, während ein eigener Minister die gelockerten Grenzkontrollen offen mit dem Streit um die Polisario in Verbindung brachte.

Hinzu kommt, dass Marokko die spanische Souveränität über Ceuta und Melilla bis heute nicht anerkennt. Rabat bezeichnet die beiden Städte als besetzte Gebiete und betrachtet sie als Teil Marokkos. Spanien verweist darauf, dass diese schon in spanischem Besitz waren, bevor das Königreich Marokko überhaupt gegründet wurde. Die Grenze ist deshalb nicht nur eine Außengrenze der Europäischen Union, sondern zugleich Gegenstand eines ungelösten Territorialkonflikts. Marokko den Grenzschutz quasi zu übertragen macht hier den Bock zum Gärtner.

Europas Grenzschutz in fremden Händen

Spanien und die Europäische Union haben sich über Jahre daran gewöhnt, Rabat als vorgelagerten Grenzwächter zu behandeln. Marokko hält Migranten zurück, Spanien lobt die Zusammenarbeit, und Brüssel erklärt das Modell zur Partnerschaft. Zudem fließt auch noch viel Geld in das nordafrikanische Land. Doch dieser Grenzschutz wird nicht von den Europäern selbst kontrolliert. Er kann verschärft, gelockert oder zeitweise ausgesetzt werden – abhängig davon, welche politischen Entscheidungen in Madrid, Brüssel oder Rabat getroffen werden.

Ceuta zeigt, welchen Preis Spanien für diese Abhängigkeit zahlt. Rabat kontrolliert nicht nur die marokkanische Seite der Grenze, sondern damit auch den politischen Druck auf Madrid. Sobald Spanien entgegen den marokkanischen Interessen handelt, steht die Möglichkeit eines neuen Massenansturms im Raum. 2021 ging es um die Behandlung des Polisario-Chefs, 2026 fällt die Eskalation unmittelbar auf die demonstrative Wiederannäherung an Algerien.

Pedro Sánchez wollte gleichzeitig gute Geschäfte mit Algerien, billiges Gas, enge Beziehungen zu Marokko und offene europäische Grenzen. Nun muss er feststellen, dass Nordafrika keine Bühne für sozialistische Symbolpolitik ist. Marokko hat längst verstanden, wie verwundbar Spanien ist – und dass einige zehntausend Menschen an der Grenze ausreichen, um Madrid und halb Europa in Alarmzustand zu versetzen. Die Migrationswaffe wirkt.

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