29 ungeklärte beziehungsweise plötzliche Todesfälle unter Modernas mRNA-Grippeimpfstoff, zwölf in den Vergleichsgruppen, keine einzige Autopsie bei den verstorbenen Moderna-Probanden – und trotzdem gibt die FDA grünes Licht. Schwere systemische Impfreaktionen traten zudem mehr als sechsmal so häufig auf wie beim herkömmlichen Vergleichspräparat. Was bei einer neuen Arzneimitteltechnologie eigentlich Anlass zu besonders genauer Prüfung sein müsste, wird nun nach der Zulassung weiterbeobachtet – teilweise bis ins Jahr 2031.
Am 5. August hat die US-Arzneimittelbehörde FDA Modernas neuen mRNA-Grippeimpfstoff mFlusiva, in den Studien als mRNA-1010 geführt, für Menschen ab 50 Jahren zugelassen. Bei den 50- bis 64-Jährigen handelt es sich um eine reguläre Zulassung, bei Menschen ab 65 Jahren lediglich um eine beschleunigte Zulassung auf Basis von Antikörperdaten. Ob die Spritze Senioren klinisch tatsächlich ausreichend schützt, soll Moderna also erst noch beweisen. Die entsprechende Bestätigungsstudie soll bis 2029 laufen, der Abschlussbericht ist für 2030 vorgesehen. Verkauft und verabreicht werden darf das Produkt freilich schon vorher. Dieses Prinzip kennt man von der Impfindustrie seit Corona inzwischen zur Genüge: Die Bevölkerung bekommt das unzureichend getestete Produkt vorgesetzt, während wichtige Fragen anschließend weiter untersucht werden.
29 Todesfälle gegen 12 – ohne eine einzige Autopsie
Besonders unangenehm wird es beim Blick in den klinischen Prüfbericht der FDA. In der zusammengefassten Sicherheitsanalyse mit jeweils knapp 36.000 Teilnehmern wurden in der Kategorie „Tod ohne nähere Spezifizierung“ 23 Fälle unter mRNA-1010 und neun in den Vergleichsgruppen registriert. Rechnet man die zusätzlich dokumentierten Fälle von plötzlichem Tod und plötzlichem Herztod hinzu, steht es 29 zu 12. Die Gesamtsterblichkeit aller Ursachen war mit 102 zu 97 Fällen zwar ähnlich, doch genau die Häufung ungeklärter und plötzlicher Todesfälle hätte bei einer neuartigen Impfplattform eigentlich jeden Alarmknopf drücken müssen.
Tat sie aber nicht. Die FDA erklärt die Auffälligkeit für wahrscheinlich nicht impfbedingt, unter anderem weil viele Verstorbene älter waren und Vorerkrankungen hatten. Nur waren die Vergleichsgruppen hinsichtlich ihrer Vorerkrankungen laut FDA selbst ordentlich ausbalanciert. Noch schwerer wiegt: Bei keinem einzigen der 29 betroffenen Moderna-Empfänger wurde eine Autopsie vorgenommen. Die Behörde bezeichnet das Fehlen pathologischer Untersuchungen selbst als erhebliche Einschränkung bei der Bewertung eines möglichen Zusammenhangs. Man weiß also bei diesen Fällen einfach nicht, woran die Menschen tatsächlich gestorben sind – kommt anschließend aber trotzdem zu dem Schluss, ein Zusammenhang mit der Spritze sei unwahrscheinlich. Wissenschaftliche Gewissheit sieht anders aus.
Besonders aufschlussreich ist dabei der Fall einer 76-jährigen Frau mit koronarer Herzerkrankung, Vorhofflimmern und Diabetes. Sie wurde zwei Tage nach der Impfung tot zu Hause aufgefunden. Der zuständige Prüfarzt bewertete den Todesfall wegen des engen zeitlichen Zusammenhangs als impfbezogen. Moderna widersprach. Die FDA erklärte die vorhandene Herzerkrankung zur wahrscheinlichsten Ursache, räumte gleichzeitig aber ein, dass ein Beitrag einer impfbedingten Entzündungsreaktion nicht ausgeschlossen werden könne. Eine Autopsie, die den Fall vielleicht hätte klären können, gab es auch hier nicht.
Sechsmal mehr schwere systemische Reaktionen
Auch abseits der Todesfälle fällt Modernas Produkt nicht gerade durch besondere Verträglichkeit auf. In der großen Phase-3-Studie P304 mit insgesamt 40.805 Teilnehmern wurden bei einer Teilgruppe von rund 6.000 Personen die kurzfristigen Impfreaktionen detailliert erhoben. 75,7 Prozent der Moderna-Empfänger berichteten von mindestens einer abgefragten Reaktion, gegenüber 46,7 Prozent beim herkömmlichen Grippeimpfstoff. Lokale Reaktionen traten bei 67,5 gegenüber 32,1 Prozent auf, systemische Reaktionen bei 58,0 gegenüber 32,4 Prozent.
Bei den schweren systemischen Reaktionen des Grades 3 wird der Unterschied noch deutlicher: 5,5 Prozent bei mFlusiva gegenüber lediglich 0,9 Prozent beim Vergleichsimpfstoff. Diese Beschwerden waren per Studiendefinition so stark, dass sie normale tägliche Aktivitäten verhinderten. Damit traten solche Reaktionen unter der mRNA-Genspritze mehr als sechsmal so häufig auf. Auch schwere lokale Reaktionen waren mit 1,7 gegenüber 0,1 Prozent erheblich häufiger. Müdigkeit meldeten 45,1 Prozent, Kopfschmerzen 37,8 Prozent und Muskelschmerzen 35,4 Prozent der Moderna-Empfänger. Fast jeder Dritte brauchte nach der Spritze Schmerz- oder Fiebermittel; beim alten Impfstoff war es nicht einmal jeder Zehnte.
Die FDA hält das Sicherheitsprofil dennoch für „akzeptabel“. Dieses Wort hat spätestens seit Corona einen bemerkenswert dehnbaren Bedeutungsrahmen bekommen. Ein neues Produkt verursacht erheblich häufiger deutliche Impfreaktionen, produziert eine Auffälligkeit bei ungeklärten beziehungsweise plötzlichen Todesfällen und hinterlässt mangels Autopsien ausgerechnet dort eine riesige Datenlücke. Zugelassen wird trotzdem.
Der große Wirksamkeitsvorteil schrumpft auf 0,73 Prozentpunkte
Moderna wirbt mit einer um 26,6 Prozent höheren relativen Wirksamkeit gegenüber einem herkömmlichen Standard-Grippeimpfstoff. Das klingt beeindruckend – bis man sich die absoluten Zahlen ansieht. Unter 20.179 mRNA-Empfängern wurden 411 laborbestätigte Influenza-Fälle registriert, unter 20.124 Empfängern des Vergleichsimpfstoffs waren es 557. Das entspricht Erkrankungsraten von etwa 2,04 beziehungsweise 2,77 Prozent.
Der absolute Unterschied liegt damit bei gerade einmal 0,73 Prozentpunkten. Rein rechnerisch mussten also rund 137 Menschen statt des Standardimpfstoffs die Moderna-Spritze erhalten, um während dieser einen untersuchten Grippesaison einen zusätzlichen bestätigten Influenza-Fall zu verhindern. Diesem überschaubaren absoluten Vorteil stehen die deutlich häufigeren Impfreaktionen gegenüber. Besonders überzeugend war die Sache ausgerechnet bei gesundheitlich stärker gefährdeten Teilnehmern ebenfalls nicht: Dort lag der relative Vorteil mit 22,3 Prozent niedriger als bei gesünderen Teilnehmern mit 32,1 Prozent. Immungeschwächte Menschen waren von den Studien ausgeschlossen, gebrechliche ältere Menschen nur schwach vertreten. Gerade jene Patienten, für die eine Grippe besonders gefährlich werden kann, sind in der Datenbasis also keineswegs entsprechend abgebildet.
FDA entdeckt Messproblem – und lässt trotzdem zu
Für Menschen ab 65 Jahren hatte Moderna ein weiteres Problem. In der entscheidenden Wirksamkeitsstudie wurde mFlusiva lediglich gegen einen Standarddosis-Grippeimpfstoff getestet. Für ältere Menschen empfehlen die US-Gesundheitsbehörden jedoch bevorzugt Hochdosis- oder andere verstärkte Impfstoffe. Für eine reguläre Zulassung bei Senioren reichte das nicht. Also wechselte man auf die beschleunigte Zulassung und stützte sich stattdessen auf Antikörpermessungen.
Dabei entdeckten die FDA-Prüfer ausgerechnet bei diesen Antikörpertests eine mögliche systematische Verzerrung zugunsten von Moderna. Für die Messungen wurden zellkulturbasierte Influenzaviren verwendet, die technologisch besser zum Moderna-Produkt passen, während die Vergleichsimpfstoffe aus Eiern hergestellt werden. Die FDA hielt ausdrücklich fest, dass dieses Verfahren die Ergebnisse zugunsten von mFlusiva beeinflussen könnte. Die Konsequenz? Moderna soll die Tests noch einmal mit unterschiedlichen Virussystemen wiederholen. Der Bericht darüber wird erst Jahre nach Markteinführung erwartet. Auch hier gilt: Erst spritzen, später genauer nachsehen.
Erst abgelehnt, zwei Wochen später plötzlich auf der Überholspur
Dabei wollte die FDA den Zulassungsantrag Anfang Februar zunächst überhaupt nicht annehmen. Report24 berichtete damals darüber. Am 3. Februar erteilte die Behörde ein sogenanntes „Refusal to File“, unter anderem wegen des ungeeigneten Vergleichsimpfstoffs bei älteren Menschen. Nur zwei Wochen später, am 17. Februar, hatte Moderna bereits eine Lösung parat: reguläre Zulassung für 50- bis 64-Jährige, beschleunigte Zulassung für Senioren. Die FDA nahm den Antrag noch am selben Tag wieder an und verlieh ihm anschließend sogar den Status einer „Priority Review“.
So schnell kann aus einem abgelehnten Zulassungsantrag ganz offensichtlich ein bevorzugt behandeltes Verfahren werden. Im Juni sprach sich das zuständige Beratergremium einstimmig für ein positives Nutzen-Risiko-Verhältnis aus, Anfang August folgte die Zulassung. Die ungeklärten Todesfälle verschwanden damit keineswegs aus den Akten. Sie werden nur in die Zeit nach der Markteinführung verschoben.
Todesfälle bis 2031 weiterbeobachten
Moderna muss nun im Rahmen einer Postmarketing-Studie unter anderem Todesfälle, Myokarditis, Perikarditis, Myoperikarditis und das Guillain-Barré-Syndrom weiter erfassen. Das Studienprotokoll ist bis Ende 2026 fällig, abgeschlossen werden soll die Untersuchung aber erst Ende 2030. Der endgültige Bericht ist für den 31. Dezember 2031 vorgesehen. Das ist viel Zeit, mit wahrscheinlich noch viel mehr Impfopfern. Aber das scheint im allgemeinen mRNA-Hype völlig nebensächlich zu sein.
Interessant ist übrigens auch, was Patienten in der Fachinformation nicht prominent finden werden: Die bereits beobachtete Häufung nicht näher erklärter Todesfälle wurde von der FDA nicht als Nebenwirkung aufgenommen, weil die Behörde einen ursächlichen Zusammenhang für „unwahrscheinlich“ (und nicht etwa für „ausgeschlossen“) hält. Grundlage dieser Einschätzung sind Daten, bei denen ausgerechnet in den entscheidenden 29 Fällen keine einzige Autopsie vorgenommen wurde.
Europa hat die Technologie bereits zugelassen
In der Europäischen Union befindet sich mFlusiva als eigenständiger Grippeimpfstoff noch im Zulassungsverfahren. Die zugrunde liegende Technologie ist dort allerdings längst angekommen. Im April genehmigte die EU-Kommission Modernas mCombriax für Menschen ab 50 Jahren, eine kombinierte mRNA-Spritze gegen Covid-19 und Influenza. Die Influenza-Komponente basiert auf derselben mRNA-Plattform.
Damit wiederholt sich ein Muster, das Millionen Menschen seit der Corona-Zeit nur zu gut kennen. Auffällige Sicherheitsdaten werden mit statistischen und regulatorischen Argumenten relativiert, offene Fragen werden in Postmarketing-Studien verschoben und fehlende Langzeitdaten durch die Aussicht ersetzt, irgendwann später mehr zu wissen. Bei mFlusiva stehen nun 29 ungeklärte beziehungsweise plötzliche Todesfälle, zwölf in den Vergleichsgruppen, erheblich mehr schwere Impfreaktionen und mehrere von der FDA selbst eingeräumte Datenlücken in den Zulassungsakten.
Verkauft werden darf die Spritze seit August 2026. Die Antworten auf einige der wichtigsten Sicherheitsfragen sollen bis 2031 kommen. Die 29 fehlenden Autopsien wird Moderna dann allerdings auch nicht mehr nachholen können.






