Von St. Peter bis Santa Maria Maggiore: Die Sieben-Kirchen-Wallfahrt durch Rom

Fotos: Ronald F. Schwarzer

Wer durch die schönsten Städte Europas läuft, wird mit Blick auf ihre Bauwerke wohl vor allem vor den beeindruckenden Kirchen innehalten. Gläubigen Menschen gibt eine solche Reise noch mehr: Ronald Schwarzer berichtet von seiner Stadtwallfahrt zu den sieben Hauptkirchen Roms. „Heimat für meine katholische Seele“, wie er feststellt.

50. Etappe; 10. Juni 2026: Rom; die Sieben-Kirchen-Wallfahrt; 28km

Von Ronald F. Schwarzer

Wie viele Kirchen es genau in Rom gibt, vermag niemand zu sagen. Sie zu zählen wäre auch gar nicht leicht möglich, denn da gibt es unzählige versteckte Palastkapellen, Privatsanktuarien, Klosterkirchen und Oratorien sowie säkularisierte Räume, die einst dem heiligen Kult dienten und später aus Geldgier, Ignoranz oder bloßer Bosheit Gott gestohlen wurden. Man schätzt die Anzahl der Kirchen in der urbs jedenfalls auf über 1000.

Zu den sieben Hauptkirchen führt die Stadtwallfahrt, und jeder Rompilgerweg ist erst mit ihr komplett. Oft bin ich sie schon gegangen, bei meinen nun insgesamt vier Märschen auf Rom, in den Heiligen Jahren und mit all meinen Patensöhnen nach deren Firmung. So ist mir jeder Schritt vertraut und der Weg irgendwie Heimat für meine katholische Seele.

Der Ursprung dieser Wallfahrt

Wahrscheinlich geht der Weg auf die christliche Spätantike zurück, als logisches öffentliches Bekenntnis zum nun anerkannten Christentum nach den Jahren der Verfolgung. Nach römischem Recht durften Bestattungen nur außerhalb der Stadtmauer erfolgen, und so führt der Besuch der wichtigen Märtyrergräber einmal um die antike Stadt herum.

Die ersten Belege dieser Wallfahrt haben wir aus dem 7. Jhdt., da die heilige Begga, die Ururgroßmutter Kaiser Karls des Großen, sie ging. 1350 beschritt sie die heilige Birgitta von Schweden und bereits seit 1140 gibt es den ersten diesbezüglichen Pilgerführer, die „Mirabilia urbis Romae“ eines Kanonikers von St. Peter namens Benedikt. 1450 listete der englische Augustiner John Capgrave in seiner Reisebeschreibung „Ye Solace of Pilgrimes“ die reichen Ablässe dieser segensreichen Wallfahrt auf. Den ersten deutschen Bericht hinterließ 1475 der Nürnberger Nikolaus Muffel für seine Familie. 

1523 pilgerte hier erstmals der heilige Ignatius und am 22. April 1541 legte er mit seinen ersten sechs Gefährten gelegentlich der Sieben-Kirchen-Wallfahrt in St. Paul die Gelübde auf seine neue Gemeinschaft ab.

Der „Apostel Roms“, der heilige Philipp Neri, war noch nicht geweiht, als er anno 1544 bei dieser Wallfahrt in San Sebastiano ein besonderes Gnadengeschenk des Allmächtigen erfuhr, eine medizinisch nicht erklärbare Herzerweiterung, Symbol der entgrenzten Liebe Gottes und seines Knechtes. Es sprengte ihm eine Rippe.

Er war es dann auch, der die alte Wallfahrt wieder populär machte, und dies in recht katholischem Sinne. Am Faschingsdonnerstag des Jahres 1552 setzte sich ein fröhlicher Pilgerzug in Marsch, damals noch durch ländliches Gebiet „fuori le mura“. Bußfertig zu Ende des Faschings, aber in der Freude der Erlösung, pilgerte da der „Pippo buono“ mit seinen Freunden, begleitet von einem Maultier, beladen mit reichlich Fleischpasten und Weinflaschen. Denn zum Finale gab es ein Picknick in frommer Heiterkeit, wahre Gegenreformation angesichts der miesepetrigen Protestanten. Volksmission geht da immer mit dem Volksfest zusammen! Der gestrenge Kardinal Morone begegnete zufällig dieser wandernden Festgemeinschaft und soll einigermaßen indigniert gewesen sein. Er war wohl ob seiner langwierigen Verhandlungen mit den Lutheranern solch fröhlicher Gesinnung schon etwas entwöhnt.

Die Sieben-Kirchen-Wallfahrt war nun fester Bestandteil des katholischen Lebens in der Heiligen Stadt. 1686 waren es bereits 6000 Gläubige, die diesen Weg, angeführt von den Oratorianern, gingen, und noch in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts schrieb der große Romkenner Reinhard Raffalt: „Der katholische Himmel Roms ruht auf diesen – sieben – Kirchen wie auf unsichtbaren Säulen.“

Erwartungsgemäß ging nach der Räubersynode von Trastevere auch die Stadtwallfahrt den Tiber hinunter. Seit ein paar Jahren bemühen sich zwar die Oratorianer, sie wieder populär zu machen, mir begegnete allerdings in all den Jahren, da ich sie machte, noch niemals ein Fußpilger am Weg; und vom fröhlichen Festgeschmause zum Abschluss der Wallfahrt habe ich auch noch nie gehört. Vielleicht sollten die Oratorianer ja damit einmal anfangen!

Von Kirche zu Kirche

Eine kanonische Reihenfolge der zu besuchenden Kirchen gibt es nicht, sie ergibt sich von selbst.

Um 7:00 Uhr betrete ich St. Peter, da sperrt man gerade auf, und ich erspare mir lange Wartezeiten. In meiner Jugend besuchte ich noch das Apostelgrab, wann immer es mir passte. Damals erfreute sich Europa noch nicht des Zuzugs exotischer Fachkräfte, die sich in ihren Herkunftsländern den vertrauten Umgang mit Sprengstoff und die flinke Hand mit dem Messer angeeignet haben. All das aber bleibt im Petersdom unerwünscht und so braucht es Kontrolle.

Bergoglio hat erfolgreich den Petersdom musealisiert. Um 1300 schuf Arnolfo di Cambio die berühmte Petrusstatue und seit 1605 steht sie an der heutigen Stelle. Bereits 1450 berichtet der Renaissancedichter und Kanoniker von St. Peter, Maffeo Vegio, vom Brauch der Pilger, den rechten Fuß des Apostelfürsten zu küssen. Dies sollte Glück und reichlich Segen spenden, und durch die Demutsgeste von Millionen ist der Bronzefuß abgewetzt und blank poliert. Auch ich habe ihn oft geküsst, bis Papa Bergoglio kam und es verbot. Wie wenn weitere Küsse den Fuß ganz verschwinden ließen, ist die Figur nun weiträumig abgesperrt, gerade so wie die Confessio mit ihren 72 Öllampen für die 72 Jünger Christi. Dort darf man nicht mehr zum Gebet niederknien, gerade in der Sakramentskapelle lebt noch Andacht, sonst ist das hier ein vielphotographiertes Museum.

Die längste Wegstrecke führt nun durch Trastevere nach St. Paul vor den Mauern. In der gewaltigen Basilika bin ich fast alleine. Das Mosaik von Papst Leo ist schon in der Reihe der Papstportraits angebracht, bald aber wird es mit dem Platz eng. Vielleicht ersetzt man ja einmal das eine oder andere Konterfei.

Durch die „Via delle Sette Chiese“ geht es nun vorbei an den Calixtuskatakomben nach San Sebastiano. Hier scheiterte die Neuerungswut der Konzilskirche. Johannes Paul II. wollte sie aus der Stadtwallfahrt löschen und durch das „Santuario della Madonna del divino amore“ ersetzen. Das wurde einfach ignoriert. Denn St. Sebastiano ist bedeutend. Neben den Reliquien des Soldatenmärtyrers St. Sebastian waren im 3. Jahrhundert zur Zeit der besonders schlimmen Christenverfolgung unter den Kaisern Decius und Valerian hier an der Via Appia auch die Reliquien der Heiligen Petrus und Paulus versteckt. Berninis letzte Skulptur, sein Christus Salvator, ist hier zu bewundern, das Grab des Künstlers werde ich am Abend in Santa Maria Maggiore besuchen.

Mittags bin ich beim Lateran. Die Barockisierung durch Borromini hat der Basilika nicht gutgetan. „Omnia urbis et orbis ecclesiarum mater et caput“ steht über dem Portal zu lesen. Sie ist die ranghöchste Kirche der Welt, die ursprüngliche Papstbasilika, und bewahrt als heilige Reliquie das Haupt Johannes des Täufers.

Es trifft sich trefflich, dass gleich vis-à-vis in der Hosteria Cannavota der Pilger köstliche Zehrung findet, denn die Scala Santa öffnet erst um 15:00 Uhr. Dann kann er auf den Knien die heilige Stiege hinaufsteigen, auf jener Treppe, die unser Herr Jesus Christus zu Pontius Pilatus ging. Kaiserin Helena hatte sie aus der Festung Antonia ausbauen lassen.

Die Mutter Kaiser Konstantins brachte auch die größte Kreuzreliquie des Abendlandes von ihrer Wallfahrt ins Heilige Land nach Rom. Das unsinnige Hohnwort der Kirchenfeinde, die diversen Kreuzreliquien wären ein ganzer Wald, lässt sich leicht widerlegen. Gut dokumentiert, bilden sie alle zusammen nicht einmal den Querbalken des Kreuzes. In Santa Croce, unweit des Laterans, verehrt man neben dem Kreuz auch einen Teil der Kreuztafel, die Pontius Pilatus zum Ärger der Juden hatte anbringen lassen: Iesus Nacarenus Rex Iudaeorum. Sie ist die fünfte Kirche der Wallfahrt.

Nun folgt der hässlichste Weg an Schnellstraße und Eisenbahn vorbei durch ein mieses Viertel nach San Lorenzo. Bis zur Wiedererrichtung des lateinischen Patriarchats von Jerusalem 1889 war sie als fünfte Basilica Maior römischer Sitz des Patriarchen von Jerusalem. Errichtet von Kaiser Konstantin für einen weiteren Soldatenheiligen, Sankt Laurentius, wurde hier auch stets der Erzmärtyrer St. Stephanus verehrt und St. Laurentius’ Reliquien, der neben dem hl. Petrus Schutzpatron Roms ist. Es fällt auf, dass neben den unmittelbar mit dem Evangelium verbundenen Andachtsstätten die Kirchen zweier Soldatenheiliger die Wallfahrtsstationen bilden: wehrhaftes Christentum, den Duckmäusern zum Trotz!

In Santa Maria Maggiore endet mein Weg. Seit dem 4. Jahrhundert haben alle Bauepochen hier ihren Beitrag geleistet. Die ältesten christlichen Mosaike gibt es hier ebenso wie üppige Barockskulpturen. Bernini liegt auch hier begraben. Wenn Santa Croce das Kalvaria der Wallfahrt ist, ist Santa Maria Maggiore Bethlehem: Die Weihnachtskrippe – die wirkliche – wird hier verehrt!

Der heilige Papst Pius V., Gegenreformator und Retter der Kirche in Zeiten geistiger Verwirrung, fand hier seine letzte Ruhestätte – und Herr Bergoglio, Brandbeschleuniger geistiger Verwirrung. Gleich einem Heiligen ließ er sich eine Andachtsstätte errichten, die bloß, kaum ein Jahr nach seinem Tod, niemanden interessiert. Bei ihr ist freilich eines bemerkenswert: Als einziges aller Grabmäler sämtlicher Päpste, die wir kennen, weist die Inschrift mit keinem Jota auf die Funktion und geistliche Würde des hier Bestatteten hin. „Franciscus“ steht da in klotzigen Buchstaben – was mag das wohl bedeuten?

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