Rund 20 Äthiopier reisen als Jugendfußballteam nach Schweden, verlassen heimlich ihre Unterkunft und kehren nicht nach Hause zurück. Die Polizei hält das Verschwinden für freiwillig, will über eine geplante Einwanderung aber lieber nicht spekulieren. Dabei liegt der Verdacht auf der Hand: Das internationale Sportfest diente offenbar als Eintrittskarte in den Schengen-Raum.
Beim Gothia Cup in Göteborg traten Mannschaften aus 77 Staaten an, darunter vier Teams aus Äthiopien. Am Finaltag stellte ein Mitarbeiter jener Schule, in der eines der äthiopischen Teams untergebracht war, plötzlich fest: Die Betten waren leer, die Spieler weg, die Betreuer ebenfalls verschwunden. Niemand hatte sich abgemeldet. Niemand war zum Veranstalter gegangen. Ein ganzes Team samt erwachsener Begleiter hatte sich einfach aus dem Staub gemacht. Die Organisatoren verständigten die Polizei und meldeten die Gruppe als vermisst. Turniersprecher Fredrik Beckman zeigte sich überrascht, weil man mit dem Verein bislang eine „gute Beziehung“ gehabt habe.
Die letzte Nachricht des äthiopischen Ansprechpartners setzte dem Theater die Krone auf: Man bedankte sich für die „Rücksichtnahme“ und erklärte das Verschwinden zur Folge eines angeblichen „Kommunikationsproblems“. Ein Vereinsverantwortlicher soll bereits am Tag vor der geplanten Heimreise nach Äthiopien zurückgeflogen sein. Er behauptet, die Jugendlichen hätten Kontakt zu ihren Familien und seien wohlauf. Mit anderen Worten: Die Jungen sind wahrscheinlich nicht hilflos, nicht verschleppt und nicht irgendwo verunglückt. Sie wollen offenbar nur nicht gefunden werden.
Gothia Cup har blivit den perfekta gröna korridoren. Visa upp ett lag, få visum, spela några matcher, sedan – vips – är ni borta och Sverige får en ny batch “ensamkommande”. pic.twitter.com/GPlbdUcfIP
— Norrlandsknegaren (@Norrlandsk81333) July 29, 2026
Einreisen, kicken, untertauchen
Die Gruppe bestand überwiegend aus Jungen zwischen 14 und 17 Jahren sowie mindestens einem erwachsenen Betreuer. Rund 20 Menschen verließen gemeinsam ihre Unterkunft und ließen den gebuchten Rückflug verstreichen. So etwas passiert nicht spontan. Eine ganze Mannschaft steigt nicht versehentlich in den falschen Bus. Für die Einreise hatten die Äthiopier alles, was sie brauchten. Der Gothia Cup stellt registrierten Spielern und Betreuern offizielle Einladungsschreiben aus. Dazu werden vollständige Namen, Geburtsdaten und Passnummern eingereicht. Teilnehmer auf der Einladungsliste sind sogar von der Visumgebühr befreit. Ein paar Fußballspiele, ein offizielles Schreiben, und schon steht die Tür zum Schengen-Raum offen.
Dort verliert sich nun die Spur. Die schwedische Polizei fahndet international nach der Gruppe und arbeitet mit der Migrationsbehörde, der Grenzpolizei und anderen Staaten zusammen. Doch wer einmal im Schengen-Raum angekommen ist, kann sich zwischen Schweden, Dänemark, Deutschland und den übrigen Mitgliedstaaten weitgehend frei bewegen. Die Behörden besitzen Namen, Passdaten, Visaunterlagen und vermutlich biometrische Daten – nur die dazugehörigen Personen haben sie nicht mehr.
Die EU hatte ihre Visaregeln für äthiopische Staatsbürger im Jahr 2024 verschärft. Der Grund war ausgerechnet die mangelnde Bereitschaft Äthiopiens, illegal in Europa lebende Landsleute wieder zurückzunehmen. Brüssel verlängerte deshalb die Bearbeitungsfristen, strich Erleichterungen und setzte Mehrfachvisa aus. Am 18. Mai 2026 wurden diese Beschränkungen wieder aufgehoben. Addis Abeba kooperiere bei Identifizierung, Ersatzpapieren und Rückführungen nun „wesentlich und nachhaltig“, jubelte der EU-Rat. Keine zwei Monate später verschwindet eine komplette äthiopische Reisegruppe nach einem Jugendturnier in Europa.
𝗘𝗻𝘁𝗶𝗿𝗲 𝗘𝘁𝗵𝗶𝗼𝗽𝗶𝗮𝗻 𝗬𝗼𝘂𝘁𝗵 𝗙𝗼𝗼𝘁𝗯𝗮𝗹𝗹 𝗧𝗲𝗮𝗺 𝗗𝗶𝘀𝗮𝗽𝗽𝗲𝗮𝗿𝘀 𝗮𝗳𝘁𝗲𝗿 𝗚𝗼𝘁𝗵𝗶𝗮 𝗖𝘂𝗽 𝗙𝗼𝗼𝘁𝗯𝗮𝗹𝗹 𝗧𝗼𝘂𝗿𝗻𝗮𝗺𝗲𝗻𝘁
— ⓉⓃ (@tesfanews) July 29, 2026
🚨 BREAKING | SWEDEN — Twenty Ethiopian players from a youth football team have reportedly gone missing in Gothenburg… pic.twitter.com/psgDG1Da3X
Die Polizei sucht – und beschwichtigt
Ellinor Halldin von der schwedischen Vermisstenstelle betont, es gebe keine Hinweise auf Menschenhandel oder Schlepperei. Das Verschwinden sei offenbar freiwillig erfolgt. Gleichzeitig will sie nicht darüber spekulieren, ob die Gruppe in Schweden oder einem anderen europäischen Staat bleiben möchte. Dabei räumt Halldin selbst ein, dass bereits bei früheren Gothia-Cup-Turnieren Teilnehmer verschwanden, weil sie in Schweden oder anderswo in Europa bleiben wollten. Der Unterschied besteht diesmal lediglich in der Größenordnung. Noch nie zuvor setzte sich auf diesem Weg eine derart große Gruppe ab.
Nun stellt sich die Frage, wer das gemeinsame Untertauchen organisiert und finanziert? Immerhin dürfte die Gruppe nicht gerade viel Geld bei sich haben. Jemand wird für die Unterbringung und Versorgung der Gruppe aufkommen, zumal bislang wohl noch keine Asylanträge eingegangen sind. Die äthiopische Gemeinschaft in Schweden umfasst etwa 15.000 bis 20.000 Menschen.






