Die nächste Korruptionsaffäre erschüttert die Führung in Kiew: Generalstaatsanwalt Ruslan Kravchenko hat nach den Razzien in seiner eigenen Behörde seinen Rücktritt eingereicht. Ermittler von NABU und SAPO sind einem Netzwerk auf der Spur, das betrügerische Callcenter geschützt und Millionen gewaschen haben soll. Pikant ist auch die Vorgeschichte: Kravchenko unterstützte im vergangenen Jahr das Vorgehen gegen jene Korruptionsjäger, deren Ermittlungen nun seine Generalstaatsanwaltschaft erreicht haben.
Am Montagnachmittag stand Ruslan Kravchenko noch vor Journalisten und machte keine Anstalten, seinen Schreibtisch räumen zu wollen. Er sehe keinen Grund für einen freiwilligen Rücktritt, erklärte der ukrainische Generalstaatsanwalt. Präsident oder Parlament könnten das entsprechende Verfahren einleiten, an seinem Amt klebe er nicht. Wenige Stunden später war die Sache erledigt: Nach Gesprächen im Präsidentenbüro gab Kravchenko bekannt, seinen Rücktritt eingereicht zu haben. Es handle sich um eine „politische Entscheidung“, die er bewusst getroffen habe. Das Amt des Generalstaatsanwalts dürfe nicht zum Instrument einer politischen Konfrontation werden. Seine Beteiligung an dem mutmaßlichen Korruptionssystem bestreitet er weiterhin.
Was zwischen diesen beiden Auftritten geschah, macht den Vorgang noch interessanter. Präsident Wolodymyr Selenskyj traf sich am 7. September zunächst mit den Chefs des Nationalen Antikorruptionsbüros NABU und der Spezialisierten Antikorruptionsstaatsanwaltschaft SAPO. Kravchenko soll sich zu diesem Zeitpunkt bereits im Präsidentenbüro befunden haben, saß bei dem Gespräch mit den Korruptionsjägern aber nicht mit am Tisch. Erst nachdem diese gegangen waren, wurde er zu Selenskyj gerufen. Nach Informationen der „Ukrainska Pravda“ ging es dabei unter anderem um die Frage, wie solche Strukturen innerhalb der Generalstaatsanwaltschaft entstehen konnten und ob wichtige Posten wieder über Auswahlverfahren vergeben werden sollen. Danach reichte Kravchenko seinen Rücktritt ein.
Report24 hatte bereits am 6. September über die Razzia in der ukrainischen Generalstaatsanwaltschaft berichtet. NABU und SAPO hatten dort ein mutmaßliches kriminelles Netzwerk auffliegen lassen, das betrügerische Callcenter gegen Schmiergeld vor staatlichen Ermittlungen geschützt haben soll. Einer der zentralen Verdächtigen ist Serhij Kropywa, ein hochrangiger Mitarbeiter der Generalstaatsanwaltschaft. Die Ermittler werfen der Gruppe vor, seit Mitte 2025 systematisch Bestechungsgelder kassiert und anschließend Teile der Beute über Immobilien, Schmuck, Konten von Vertrauten und andere Vermögenswerte gewaschen zu haben.
NABU spricht von einer kriminellen Organisation, die von einem Abteilungsleiter der Generalstaatsanwaltschaft aufgebaut worden sei. Aktive Staatsanwälte und Personen aus dessen privatem Umfeld sollen eingebunden worden sein. Wer von den Callcenter-Betreibern zahlte, konnte demnach unbehelligt weiterarbeiten, obwohl die Betrüger Ukrainer ebenso wie Menschen im Ausland um ihr Geld brachten. Fünf mutmaßliche Mitglieder wurden bislang identifiziert. Die Ermittler dokumentierten Luxusautos, Bargeld, Immobilien und weitere Vermögenswerte, die mit den Erlösen in Verbindung gebracht werden.
Wer ist der „Boss“?
Für den zurückgetretenen Generalstaatsanwalt sind vor allem die von NABU veröffentlichten Ermittlungsunterlagen unangenehm. Darin taucht neben dem mutmaßlichen Organisator ein übergeordneter „Boss“ auf, unter dessen Schutz das Netzwerk gestanden haben soll. Die betreffende Person wird mit dem Patronym „Andriiovych“ beschrieben und soll zuvor die ukrainische Steuerbehörde geleitet haben. Ruslan Andriiovych Kravchenko war von Dezember 2024 bis Juni 2025 Chef eben dieser Behörde. Die Generalstaatsanwaltschaft bestätigte gegenüber dem „Kyiv Independent“, dass sich die Ermittler mit der Bezeichnung „Boss“ auf Kravchenko beziehen.
Bislang gibt es jedoch keine formelle Beschuldigung gegen Kravchenko. NABU hat ihn weder angeklagt noch offiziell als Verdächtigen bezeichnet. Reuters bestätigte dies nach seinem Rücktritt ausdrücklich. Kravchenko weist jede Beteiligung an dem System zurück. Sein Rücktritt muss außerdem noch vom ukrainischen Parlament gebilligt werden.
Auch die persönliche Verbindung zu Kropywa beschäftigt die Ermittler. Bei einer Gerichtsanhörung verwies ein SAPO-Staatsanwalt auf Arbeiten an einem Haus im wohlhabenden Kozyn südlich von Kiew, die Kropywa organisiert haben soll. Dort lebt Kravchenko mit seiner Familie. Der Generalstaatsanwalt bestätigte, dass seine Familie das Anwesen gemietet habe und Arbeiten durchgeführt worden seien, bestreitet aber jeden Zusammenhang mit dem mutmaßlichen Schmiergeldsystem.
Erst gingen sie gegen NABU vor
Der Fall wäre schon für sich genommen ein ordentlicher Skandal. Wirklich interessant wird er allerdings durch Kravchenkos Vorgeschichte mit genau jenen Behörden, die heute in seiner Generalstaatsanwaltschaft ermitteln. Am 21. Juli 2025 führten Generalstaatsanwaltschaft, Geheimdienst SBU und Staatliches Ermittlungsbüro mindestens 70 Durchsuchungen im Umfeld von NABU durch. Gegen mindestens 15 Mitarbeiter liefen Verfahren; zwei Ermittler wurden festgenommen. Kravchenko unterstützte dieses Vorgehen öffentlich.
Einen Tag später beschloss das ukrainische Parlament ein Gesetz, das dem vom Präsidenten ernannten Generalstaatsanwalt erheblich mehr Kontrolle über NABU und SAPO gab. Fälle hätten anderen Ermittlern zugewiesen und Staatsanwälte ausgetauscht werden können. Selenskyj setzte das Gesetz mit seiner Unterschrift in Kraft. In mehreren ukrainischen Städten gingen daraufhin Menschen auf die Straße – die größten innenpolitischen Proteste seit Beginn des russischen Einmarsches. Auch westliche Unterstützer Kiews reagierten alarmiert. Unter dem wachsenden Druck musste Selenskyj kurz darauf zurückrudern und die Unabhängigkeit der beiden Behörden wiederherstellen.
Kravchenko stand bei diesem Machtkampf schon damals im Zentrum der Kritik. Daria Kaleniuk vom ukrainischen Anti-Corruption Action Center erklärte später gegenüber dem „Kyiv Independent“, er sei eigens zum Generalstaatsanwalt gemacht worden, um den Angriff auf die Antikorruptionsinstitutionen voranzutreiben. Eine Quelle aus den ukrainischen Strafverfolgungsbehörden berichtete ebenfalls von einer deutlichen Verschlechterung des Verhältnisses zwischen Generalstaatsanwaltschaft, NABU und SAPO nach Kravchenkos Ernennung. Es handelt sich dabei um Vorwürfe seiner Kritiker, die Kravchenko zurückgewiesen hat.
Ein gutes Jahr später hat sich die Lage vollständig gedreht. NABU und SAPO ermitteln inzwischen in der Generalstaatsanwaltschaft selbst, ein hochrangiger Mitarbeiter sitzt hinter Gittern, in den Ermittlungen taucht ein „Boss“ auf und Kravchenko hat seinen Rücktritt eingereicht. Noch am selben Nachmittag hatte er erklärt, dazu keinen Anlass zu sehen.
Die Korruption reicht bis in Selenskyjs Machtzirkel
Kravchenkos Abgang ist lediglich der jüngste Fall in einer Serie von Korruptionsaffären, die mittlerweile bis tief in den Machtapparat um Selenskyj reichen. Erst im August berichtete Report24 über die NABU-Operation „Forrest Gump“. Ermittelt wurde gegen ein mutmaßliches Netzwerk aus amtierenden und ehemaligen Abgeordneten, Bankfunktionären und hochrangigen Mitarbeitern des Präsidentenbüros. Es ging um Geldwäsche in Millionenhöhe, „vier Säcke Geld“ und interne Überlegungen dazu, wie Präsident und Regierung im Falle eines auffliegenden Skandals kommunikativ aus der Schusslinie gehalten werden könnten.
Noch größer ist der Korruptionskomplex um Selenskyjs langjährigen Geschäftspartner Timur Minditsch. Im Zentrum stand der staatliche Atomkonzern Energoatom und ein mutmaßliches Schmiergeldsystem, bei dem bei öffentlichen Aufträgen Kickbacks kassiert worden sein sollen. Minditsch war jahrelang eng mit Selenskyj und dessen früherer Produktionsfirma Kvartal 95 verbunden. Report24 berichtete bereits im Mai ausführlich über die sogenannten Minditsch-Bänder und die Verbindungen des Geschäftsmanns in das unmittelbare Umfeld des Präsidenten. Auch die Rolle Selenskyjs beim Umgang mit Korruption steht längst selbst zur Debatte. Bereits Ende 2025 berichtete die „New York Times“ über den Vorwurf, die ukrainische Regierung habe Kontrollmechanismen bei Staatsunternehmen und Waffenbeschaffung über Jahre hinweg „systematisch sabotiert“ und dadurch Korruption gedeihen lassen. Report24 griff diese Vorwürfe damals ausführlich auf.
Dabei hängt an den ukrainischen Antikorruptionsreformen inzwischen weit mehr als das Vertrauen der eigenen Bevölkerung. Die EU hat Fortschritte bei Rechtsstaatlichkeit und Korruptionsbekämpfung zur Voraussetzung für den Beitrittsprozess und Teile ihrer Finanzhilfen gemacht. Bereits im Juli 2025 musste Brüssel die vorgesehenen Zahlungen aus der Ukraine-Fazilität reduzieren, weil Kiew nicht genügend der vereinbarten Reformziele erfüllt hatte. Während aus Europa weiterhin Milliarden nach Kiew fließen, produzieren die ukrainischen Ermittlungsbehörden einen Korruptionsfall nach dem nächsten.
Ruslan Kravchenko war Generalstaatsanwalt eines Landes, dessen politische Führung die unabhängigen Korruptionsjäger noch im vergangenen Jahr an die kurze Leine legen wollte. Jetzt haben diese Ermittler seine Behörde durchsucht, einen seiner hochrangigen Mitarbeiter festgenommen und ein kriminelles Netzwerk offengelegt. Kravchenko ist bislang zwar kein Beschuldigter – seinen Posten ist er trotzdem los, sobald das Parlament den Rücktritt bestätigt. Für Selenskyj verschwindet damit ein Generalstaatsanwalt. Der ukrainische Korruptionssumpf bleibt.
