Korruption in Kiew: Razzia und Verhaftung sogar bei der Generalstaatsanwaltschaft

Korruption in höchsten Justizkreisen, Bild Report24 KI

Ausgerechnet hochrangige Mitarbeiter der ukrainischen Justiz sollen Callcenter-Betrüger geschützt haben, die europaweit Millionenbeträge erbeuten: Am Freitag stürmten Korruptionsermittler in Kiew die Generalstaatsanwaltschaft, und Serhij Kropywa, der stellvertretenden Leiter der Abteilung für internationale rechtliche Zusammenarbeit der Staatsanwaltschaft, wurde verhaftet. Westeuropäische Systemmedien zögern mit der Berichterstattung.

Von Richard Schmitt / Florian Machl

Die Beamten des Nationalen Antikorruptionsbüros (NABU) und der Spezialisierten Antikorruptionsstaatsanwaltschaft (SAPO) kletterten über Leitern über den Zaun der Generalstaatsanwaltschaft, die eigentlich gegen die Callcenter-Mafia vorgehen sollte: In der ukrainischen Justiz sei eine kriminelle Organisation aktiv gewesen, die aus der Generalstaatsanwaltschaft heraus die Telefonbetrüger-Banden abgeschirmt und auch die Beute gewaschen haben soll.

Den mutmaßlichen Anführer nennen die Korruptionsermittler den „Kanzler“, der veröffentlichte Lebenslauf – seine Tätigkeit bei der Cyberpolizei, 2023/24 Vize der Gebietsverwaltung von Odessa, ab August 2025 dann Abteilungsleiter in der Generalstaatsanwaltschaft – passen zu Serhij Kropywa, wie die Ukrainska Prawda und BBC Ukraine berichten.

Der „Kanzler“ habe ab Mitte 2025 eine mutmaßlich kriminelle Gruppe aufgebaut, dazu aktive Staatsanwälte und Vertraute rekrutiert und Schmiergeld dafür kassiert, dass ausgewählte Callcenter ungestört Ukrainer und zehntausende Europäer bestehlen durften. Wer nicht zahlte, riskierte Razzien – wer zahlte, blieb unbehelligt.

In den nun veröffentlichten Abhörprotokollen prahlt ein Tatverdächtiger – vermutlich Kropywa – mit einem „Imperium“ und mit einem Satz, der seither auf den Social-Media-Plattformen viral geht: „Wer fi …, solle eine Königin fi …; und wer schon stehle, dann gleich eine Million.“

Bandenmitglieder sollen ihre Porsche-Fotos im Web löschen

Fünf mutmaßliche Täter sind bislang aufgeflogen, nach weiteren Verdächtigen wird gefahndet. Mehr als 20 Millionen Hrywnja (385.000 Euro) seien in Immobilien, Schmuck und Wertgegenstände geflossen, Vermögenswerte von mehr als 12 Millionen Hrywnja Marktpreis auf Dritte überschrieben – darunter sind auch Wohnungen in den Karpaten. Mehr als 10 Millionen Hrywnja (192.500 Euro) landeten auf Konten von Vertrauten als angebliche Unternehmenseinkünfte. In weiteren Mitschnitten sprechen die Bandenmitglieder darüber, die Spuren ihrer Luxus-Käufe, von Porsches bis zu Designerhandtaschen aus den sozialen Netzen zu löschen. Laut den Ermittlern des NABU drohen den Beschuldigten bis zu 15 Jahre Haft.

Erst vor vier Tagen hat Präsident Wolodymyr Selenskyj zwei Gesetzentwürfe mit Maßnahmen gegen den Callcenter-Betrug im Parlament einbringen lassen. Das NABU ermittelt parallel auch in anderen großen Causen, darunter Energoatom und gegen frühere Mitarbeiter des Präsidentenbüros. Westliche Regierungen haben in Kiew schon seit Langem die ukrainischen Callcenter thematisiert, die zehntausende EU-Bürger um Millionen prellen. Dass ausgerechnet die ukrainische Strafverfolgung Teile dieses Geschäfts abgeschirmt und somit auch unterstützt haben soll, ist deshalb auch ein innenpolitischer Skandal.

Höhere Kreise

Die Affäre könnte allerdings noch deutlich höhere Kreise ziehen. Nach Informationen der Ukrainska Prawda richteten sich Ermittlungsmaßnahmen auch gegen Räumlichkeiten von Generalstaatsanwalt Ruslan Kravchenko, seiner Stellvertreterin Mariia Vdovychenko und des Gouverneurs der Region Odessa, Oleh Kiper. Die Generalstaatsanwaltschaft dementierte zunächst Durchsuchungen bei Kravchenko, bestätigte am folgenden Tag jedoch, dass NABU-Ermittler in der Nacht Diensträume des Generalstaatsanwalts, seiner ersten Stellvertreterin und weiterer Mitarbeiter durchsucht hatten. NABU hat Kravchenko bislang allerdings nicht öffentlich als Beschuldigten bezeichnet.

Inzwischen entwickelt sich der Fall auch zu einem offenen Konflikt zwischen den ukrainischen Strafverfolgungsbehörden. Die Generalstaatsanwaltschaft wirft den Antikorruptionsermittlern vor, bei den Durchsuchungen möglicherweise die Grenzen der richterlichen Genehmigung überschritten zu haben. NABU-Ermittler hätten dabei auch Zugriff auf Akten anderer Verfahren erhalten, die mutmaßliches Fehlverhalten von Personen aus dem Umfeld der SAPO-Führung sowie von NABU- und SAPO-Mitarbeitern betreffen. Zugleich betont die Generalstaatsanwaltschaft, dass die bisher vorgelegten Unterlagen keine direkten Belege dafür enthielten, dass Kravchenko selbst Callcenter geschützt, vor Razzien gewarnt oder Geld aus dem System erhalten habe.

Besonders brisant sind Hinweise darauf, dass der mutmaßliche „Kanzler“ nicht völlig auf eigene Rechnung gehandelt haben könnte. In den von NABU veröffentlichten Aufzeichnungen ist auch von einem übergeordneten „Boss“ die Rede, unter dessen Schutz der Organisator gestanden und in dessen Auftrag er gehandelt haben soll. Der Name wird nicht genannt; aus den Mitschnitten ergibt sich lediglich das Patronym „Andrijowytsch“. Medien weisen darauf hin, dass auch Generalstaatsanwalt Ruslan Kravchenko dieses Patronym trägt. NABU selbst hat daraus bislang jedoch keine öffentliche Beschuldigung Kravchenkos abgeleitet. Damit steht neben der Frage nach den geschützten Callcentern nun auch im Raum, wie weit das mutmaßliche Netzwerk innerhalb der Führung der Generalstaatsanwaltschaft tatsächlich reichte.

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