KI-Halluzinationen vor Gericht: Anwälte berufen sich auf Urteile, die es gar nicht gibt

Symbolbild: KI

Anwälte sind nicht gerade die günstigsten Dienstleister. Trotzdem will mancher sich mithilfe von Künstlicher Intelligenz die Arbeit gern maximal einfach machen. Dumm nur, wenn die KI dabei Gerichtsurteile erfindet – und der Anwalt sie ungeprüft in seinen Schriftsatz übernimmt. KI-Halluzinationen vor Gericht sind längst kein Einzelfall mehr: Es hagelt bereits erste Strafen für die faulen Juristen. 

In den Niederlanden zitierte ein Anwalt in einem Unternehmensstreit eine vermeintliche Entscheidung des niederländischen Obersten Gerichtshofs. Das Problem: Das Urteil existierte gar nicht. Die Gegenseite warf ihm vor, KI für seinen Schriftsatz verwendet zu haben. Der Anwalt leugnete das, konnte aber auch nicht nachweisen, woher er die Zitation hatte. 

Das Gericht verhängte eine Strafe über 2.300 Euro, wie niederländische Medien Ende August berichteten: „Das Gericht hält die Einbeziehung eines nicht existierenden Präzedenzfalls für tadelnswert“, befand der Richter. „Denn dies hat sowohl dem Kläger als auch dem Gericht unnötige zusätzliche Zeit und Aufmerksamkeit gekostet.“

Kein Einzelfall: Ebenfalls im August mussten Anwälte einer Kanzlei in Los Angeles, die den Versicherer State Farm in einem Rechtsstreit vertritt, sich vor Gericht für fehlerhafte, mit Hilfe Künstlicher Intelligenz erstellte Schriftsätze entschuldigen.

Die Gegenseite fand darin Fälle, die überhaupt nicht existierten, Zitate, die nie gefallen waren, und angebliche gerichtliche Feststellungen, die es ebenfalls nicht gab. Eine beteiligte Anwältin räumte schließlich ein, dass sich in acht Schriftsätzen sieben vollständig erfundene Fallzitate befanden. Hinzu kamen falsche Fallbezeichnungen und Zitate, die in den angegebenen Entscheidungen nicht aufzufinden waren.

Sie hatte für ihre Arbeit ein KI-Werkzeug verwendet und nach eigenen Angaben irrtümlich angenommen, dieses sei mit dem juristischen Recherchedienst Westlaw verbunden und überprüfe die Fundstellen intern. Der verantwortliche leitende Anwalt entschuldigte sich beim Gericht und der Klägerin und übernahm die Verantwortung.

Auch deutsche Anwälte schicken die KI vor

Das Problem ist auch im deutschsprachigen Raum schon bekannt. Das Amtsgericht Köln erwischte 2025 einen Fachanwalt für Familienrecht mit einem Schriftsatz, dessen Fundstellen nach Einschätzung des Gerichts „offenbar mittels künstlicher Intelligenz generiert und frei erfunden“ worden waren. Darin bezog man sich auf nicht existente Urteile, fiktive Monografien, Aufsätze sowie falsche Kommentatoren und Randziffern.

Die KI hatte sogar kurzerhand eine neue und völlig falsche Rechtsregel erfunden. Der Fachanwalt hatte offenbar nicht bemerkt, dass sie juristischer Unsinn war (oder den KI-Output einfach nicht gelesen).

Das Gericht rügte den Anwalt scharf. Ein solches Vorgehen erschwere die Rechtsfindung, führe unkundige Leser in die Irre und beschädige das Ansehen der Anwaltschaft und des Rechtsstaates. Bundesrechtsanwaltskammer und Deutscher Anwaltverein warnen inzwischen ausdrücklich davor, KI-Ausgaben ungeprüft zu übernehmen.

Auch Österreichs Höchstrichter schon mit „KI-Anwalt“ konfrontiert

Fassungslos reagierte man auch im vergangenen November beim österreichischen Obersten Gerichtshof. In einem Strafverfahren war eine offenbar maßgeblich mit KI erstellte Nichtigkeitsbeschwerde eingereicht worden.

Auch hier hatte die Maschine emsig fabuliert. Die Beschwerde verwies unter anderem auf angebliche höchstgerichtliche Entscheidungen, die gar nicht existierten. Dazu kamen zahlreiche Fehlzitate.

Der OGH stellte fest, dass das offenbar „ohne fachliche Kontrolle“ erstellte Vorbringen dem erforderlichen Argumentationsniveau „nicht ansatzweise“ genüge. Eine inhaltliche Erwiderung ersparte sich das Höchstgericht.

Das Phänomen ist inzwischen international. Eine vom französischen Rechtsforscher Damien Charlotin geführte Datenbank verzeichnet weltweit bereits 1.922 Fälle juristischer KI-Halluzinationen, wobei die meisten aus den Vereinigten Staaten stammen. Dort traf es 2025 einen kalifornischen Anwalt besonders teuer: In seinem Schriftsatz waren 21 von 23 verwendeten Zitaten erfunden. Das Gericht verhängte eine Geldbuße von 10.000 Dollar.

Sowohl als Mandant als auch als Prozessgegner sollte man durchaus erwarten dürfen, dass die hochbezahlten Juristen vernünftige Arbeit abliefern. Wenn sie schon auf KI setzen, sollten sie wenigstens überprüfen, ob die von ihnen zitierten Urteile und Zitate tatsächlich existieren und korrekt sind. Doch das scheint vielfach zu viel verlangt zu sein. 

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