Kälte, Schnee und neue Tiefstwerte: Die verschwiegenen Wetterrekorde

(C) Report24/KI

Hitzerekorde, Hitzetote, Hitzeschutz und Klimakrise bestimmen seit Wochen die Schlagzeilen. Gleichzeitig fallen in Neuseeland neue Kälterekorde, die Antarktis meldet den niedrigsten Stationswert seit 14 Jahren, gewaltige Schneemengen legten die wichtigste Straßenverbindung zwischen Chile und Argentinien mehr als einen Monat lahm und selbst der Hochsommer rund um den Nordpol verläuft auffallend kalt. Die Wetterdaten liefern beide Extreme – doch wen interessiert das bei den Leitmedien schon?

Anfang August liefen die Menschen in Wellington aus ihren Büros und hielten ihre Mobiltelefone in den Himmel. Über Neuseelands Hauptstadt fielen Schneeflocken bis hinunter auf Meereshöhe – zum ersten Mal seit 15 Jahren. Auch Dunedin versank im Schnee, in Christchurch wurde selbst der New Brighton Beach weiß, auf vereisten Straßen rutschten Autos von der Fahrbahn. An gleich drei Orten der Südinsel fiel das Thermometer auf minus neun Grad.

Doch damit begann der Kälteeinbruch erst, Rekorde zu schreiben. Am 7. August meldete MetService in Taumarunui minus 7,2 Grad und damit die niedrigste dort jemals gemessene Temperatur. Rotorua erreichte mit minus 5,6 Grad ebenfalls einen neuen Allzeit-Tiefstwert. Taupō verzeichnete mit minus 6,6 Grad den niedrigsten Augustwert seiner Messreihe, Palmerston North mit minus 3,5 Grad und Whangārei mit 0,4 Grad ebenfalls. NIWA zählte schließlich 13 Orte mit den niedrigsten Augusttemperaturen ihrer jeweiligen Messreihen.

Die Kälte schlug sich sogar im Stromnetz nieder. Binnen zwei Wochen registrierte der Netzbetreiber Transpower acht der zehn höchsten Verbrauchsspitzen in der Geschichte Neuseelands. Am 6. August erreichte der durchschnittliche Spitzenverbrauch 7.415 Megawatt und übertraf damit den erst am Vortag aufgestellten Rekord von 7.247 Megawatt. Die eisigen Temperaturen ließen den Strombedarf derart hochschnellen, dass Transpower zeitweise vor knappen Reserven warnte.

Minus 84,1 Grad: Der Wert, der nicht ins Hitzedauerfeuer passt

Noch tiefer fiel das Thermometer am 18. Juli auf dem antarktischen Plateau. An der französisch-italienischen Forschungsstation Concordia wurden zweimal minus 84,1 Grad Celsius gemessen – Report24 berichtete damals darüber. Die Rohdaten dazu stammen direkt von der Station und wurden von dem französischen Polarinstitut IPEV an Live Science übermittelt. Einen niedrigeren Stationswert hatte es irgendwo auf der Erde zuletzt im Jahr 2012 gegeben.

Der absolute Weltrekord bleibt dabei bei der Wostok-Station, die 1983 minus 89,2 Grad registrierte; Concordia selbst kam 2010 bereits auf minus 84,7 Grad. Doch der diesjährige Wert steht für sich: Seit 14 Jahren wurde an keiner Wetterstation auf der Erde eine niedrigere Lufttemperatur gemessen. Selbst Stationsleiter Gabriele Carugati bezeichnete Temperaturen unter minus 84 Grad an diesem extremen Standort als bemerkenswert.

Südafrika friert, die Anden versinken im Schnee

Auch Südafrika bekam den Winter im August kräftig zu spüren. Eine Kaltfront traf dort auf ein Cut-off Low und brachte Schnee, Regen, Sturm und bittere Kälte über weite Teile des Landes. Im Eastern Cape wurden mehrere Bergpässe vom Schnee getroffen, der South African Weather Service verhängte eine Warnstufe Orange 6, später breitete sich der Schneefall bis in die Bergregionen von KwaZulu-Natal aus. Johannesburg erlebte besonders kalte Tagesbedingungen mit nur drei Grad am Morgen und gerade einmal vier Grad Tagesmaximum.

Auf der anderen Seite des Südatlantiks zog bereits Anfang Juli Polarluft über Patagonien weit nach Norden. Der argentinische Servicio Meteorológico Nacional dokumentierte vom 1. bis 5. Juli die erste offizielle Kältewelle der Saison. In der Provinz Buenos Aires wurden unter anderem minus 7,1 Grad in Coronel Suárez und minus 7,0 Grad in Bolívar gemessen; Schnee und starke Fröste begleiteten den Kaltluftvorstoß in mehreren Landesteilen.

Noch gewaltiger waren die Folgen des Winterwetters hoch oben in den Anden. Mitte Juli wurde das Sistema Cristo Redentor mit dem Paso Los Libertadores – die wichtigste Straßenverbindung zwischen Chile und Argentinien – wegen heftiger Schneefälle und starker Winde geschlossen. Zwei Wochen später saßen allein auf chilenischer Seite bereits 1.200 Lastwagen fest, auf argentinischer Seite warteten weitere Hunderte. Was zunächst nach einer mehrtägigen Winterblockade aussah, entwickelte sich zur Rekordsperre.

Erst am 18. August durfte der Verkehr wieder rollen. Reuters beziffert die ununterbrochene Sperre auf 34 volle Tage – der Grenzübergang öffnete damit erst am 35. Kalendertag wieder. Der bisherige Rekord aus dem Jahr 2023 hatte bei 26 Tagen gelegen. Mehr als einen Monat lang hatte Schnee eine der wichtigsten Handelsadern zwischen Chile und Argentinien dichtgemacht.

Selbst am Nordpol bleibt der Sommer auffallend kalt

Während südlich des Äquators Winter herrscht, befindet sich die Hocharktis mitten in ihrem kurzen Sommer. Das Dänische Meteorologische Institut (DMI) veröffentlicht für das Gebiet nördlich des 80. Breitengrades tägliche Temperaturwerte und stellt sie einer Klimareihe gegenüber, die bis 1958 zurückreicht. Die 2026er Kurve klebt seit Wochen auffällig weit unten. Am 26. Juli betrug die berechnete mittlere Zwei-Meter-Temperatur nördlich von 80 Grad Nord minus 0,35 Grad Celsius. Am 17. August lag der Wert bei minus 0,42 Grad. Selbst während des arktischen Hochsommers bewegte sich das großflächige Mittel damit wiederholt um oder unter dem Gefrierpunkt.

Das DMI berechnet diese Reihe aus den zweimal täglichen ECMWF-Analysen aller Modellgitterpunkte nördlich des 80. Breitengrades. Die Daten sind ausdrücklich für den Vergleich verschiedener Jahre angelegt; genau dieser Vergleich macht den tiefen Verlauf des Sommers 2026 sichtbar. Die Schlagzeilen der vergangenen Wochen wurden trotzdem von Hitze auf der Nordhalbkugel beherrscht, während die ungewöhnliche Entwicklung rund um den Nordpol kaum aus dem Fachpublikum herauskam.

21 Hitze-Beiträge in fünf Tagen

Wie unterschiedlich Temperaturereignisse medial behandelt werden, zeigt die Tagesschau auf ihren eigenen Themenseiten. Unter „Hitze“ finden sich allein vom 14. bis 18. August 21 einzelne Artikel, Videos und Sendungsbeiträge. Am 18. August beschäftigte sich die ARD gleich mehrfach mit Ernteeinbußen, möglichen Preissteigerungen und Hilfen für Bauern. Am 17. August folgte die Debatte um eine Grundgesetzänderung für Klimaanpassung, am 16. August der gemeinsame Hitze-Aktionsplan mehrerer SPD-Ministerien samt weiterer Beiträge über Italien, Dürre und Anpassungsmaßnahmen.

Der Unterschied wird noch größer, wenn man das gesamte Themenarchiv betrachtet. Die Tagesschau listet aktuell 347 Einträge unter „Hitze„. Bei „Kälte“ sind es gerade einmal 25. Der jüngste Kälte-Eintrag stammt vom 7. Februar 2026 und behandelt die Lage in der Ukraine; darunter folgen gefrorene Leguane in Florida, deutsche Gasspeicher, Eis, Schnee und weitere Winterthemen. Von den aktuellen Kälterekorden in Neuseeland, den minus 84,1 Grad an der Concordia oder dem südafrikanischen Wintereinbruch findet sich dort nichts.

Natürlich spiegeln Themenarchive nicht jede einzelne Wettermeldung eines Senders wider. Doch die redaktionelle Schwerpunktsetzung könnte deutlicher kaum ausfallen: Aus Hitze werden Erntekrise, Preisdebatte, Gesundheitsproblem, Klimaanpassung und Grundgesetzfrage. Kälte bekommt gelegentlich ihre Meldung – Hitze bekommt eine politische „Unendliche Geschichte“.

42,5 Grad in Südkorea werden zur deutschen Klimanachricht

Dass dies nicht allein mit der Entfernung oder der direkten Betroffenheit deutscher Leser zu erklären ist, zeigt Südkorea. Am 2. August berichtete n-tv über 42,5 Grad in der südkoreanischen Stadt Yangsan, die höchste Temperatur seit Beginn der dortigen Wetteraufzeichnungen vor mehr als einem Jahrhundert. Die Nachricht aus Ostasien schaffte es problemlos in die deutsche Berichterstattung.

Doch der Beitrag blieb nicht beim koreanischen Wetter. Schon wenige Absätze später folgte die Warnung, Extremwetterereignisse wie Hitzewellen würden durch den menschengemachten Klimawandel häufiger und intensiver. Unter dem Artikel stehen die Schlagworte „Erderwärmung“, „Extremwetter“, „Hitzewelle“, „Klimawandel“ und „Klimaerwärmung“. Aus einem lokalen Temperaturrekord in Südkorea wurde ohne Umweg eine globale Klimameldung.

Auch ZDFheute arbeitet mit dieser Anschlusslogik. Der heißeste Juni Westeuropas führte im Juli laut dem öffentlich-rechtlichen Sender unmittelbar weiter zu Hitzetoten, Klimawandel, steigenden Risiken für Menschen und Infrastruktur und den Warnungen des EU-Klimadienstes Copernicus. Der neue Hitzerekord ist damit nicht bloß eine Wetterzahl, sondern Ausgangspunkt für die nächste Klimakrisengeschichte.

Bei Kälte läuft die Nachrichtenmaschine anders. Die Rekordtiefs in Neuseeland bleiben neuseeländisches Winterwetter, minus 84,1 Grad bleiben eine Geschichte aus einer Forschungsstation und 34 Tage Schneeblockade zwischen Chile und Argentinien bleiben ein Verkehrsproblem in den Anden. Bei Hitze wird aus dem lokalen Extrem das globale Signal. Bei Kälte bleibt das lokale Extrem lokal. Die Thermometer messen Hitze und Kälte. Welche davon zur politischen Geschichte wird, entscheiden die Redaktionen.

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