Auf die „weißen katholischen Arbeiter“ zählt Jean-Luc Mélenchon für seinen Sozialismus längst nicht mehr. Dafür erzielt seine La France Insoumise (LFI) unter Moslem-Wählern Rekordergebnisse. Gleichzeitig verändert die LFI ihre Haltung zu Schleier, „Islamophobie“ und Laizität, während einzelne Abgeordnete mit Akteuren aus islamistischen und palästinensisch-extremistischen Netzwerken auffallen. Mélenchons „Nouvelle France“ zeigt, wohin die islamolinke Reise geht.
„Wenn Sie auf die weißen katholischen Arbeiter zählen, um in Frankreich den Sozialismus zu verwirklichen, werden Sie eine Weile warten, denn das wird nicht geschehen.“ Jean-Luc Mélenchon sagte diesen Satz am 9. April 2026 beim Institut La Boétie. Das ist kein Versprecher, kein aus dem Zusammenhang gerissener Schnipsel. Es passt zu einer politischen Strategie, die Mélenchons Sozialisten längst unter einen Namen gestellt hat: „Nouvelle France“ – das „Neue Frankreich“.
Das Institut La Boétie beschreibt „emergierende gesellschaftliche Gruppen“ als mögliche Grundlage eines „bloc de rupture“ – quasie eines politischen Umbruchsbündnisses. Einwanderungsgeschichte, gesellschaftlicher Wandel und Mélenchons „créolisation“ (Kreolisierung, also komplette ethnische Durchmischung) gehören ausdrücklich dazu. Diese Gruppen sollen zu einem politischen Block zusammengeführt werden, der mit den bestehenden Verhältnissen bricht. Der alte weiße katholische Arbeiter? Von dem erwartet Mélenchon offenbar keinen Sozialismus mehr.
Moslems statt katholische Arbeiter
Das ist eine deutliche Kehrtwende für eine politische Bewegung, deren ideologische Vorfahren jahrzehntelang den Arbeiter zum Mittelpunkt ihrer Weltanschauung erklärten. Frankreichs Arbeiter haben sich inzwischen zu großen Teilen von der Linken abgewandt und wählen nun mehrheitlich den rechten Rassemblement National (RN) von Marine Le Pen. Mélenchon scheint daraus eine andere Konsequenz zu ziehen als Selbstkritik: Er richtet seine sozialistische Bewegung auf jene gesellschaftliche Gruppen aus, bei denen noch Stimmen zu holen sind – die Moslems.
Der parlamentarische Untersuchungsausschuss der französischen Nationalversammlung widmete LFI Ende 2025 deshalb einen eigenen Abschnitt. Schon dessen Überschrift hat es in sich: „Une stratégie électorale de captation du ‚vote musulman‘“ – eine Wahlstrategie zur Gewinnung des Moslem-Votums. Der Politikwissenschaftler Olivier Roy sagte dort ohne große Verrenkungen: Die LFI sehe in Menschen moslemischer Herkunft ein „Stimmenreservoir“. Der frühere LFI-Funktionär Cédric Brun berichtete zudem, er habe die Hervorhebung Rima Hassans kritisiert, weil diese nicht den Sorgen der Arbeiter entspreche. Ihm sei geantwortet worden: In seiner Region habe man die Arbeiter verloren.
Die Zahlen erklären, weshalb dieses neue Wählermilieu so attraktiv ist. Laut IFOP stimmten bei der Präsidentschaftswahl 2022 69 Prozent der befragten Moslems für Mélenchon. Der parlamentarische Bericht verweist für die Europawahl 2024 sogar auf 62 Prozent für die LFI-Liste von Manon Aubry. IFOP-Vertreter François Kraus sprach beim Ergebnis von 2022 trotz methodischer Einschränkungen von einem „außergewöhnlichen“ Phänomen. Wer solche Ergebnisse erzielt, weiß, wo seine politische Zukunft liegen kann. Und die LFI hat ihre Positionen in mehreren für dieses Milieu wichtigen Fragen auffällig verändert.
Vom Islamkritiker zum Stiefellecker der Islamisten
Ein Beispiel ist Mélenchons Haltung zur islamischen Verschleierung. 2010 bezeichnete er ihn im Zusammenhang mit einer Kandidatin des NPA als Zeichen „patriarchaler Unterwerfung“. 2015 nannte er ihn ein „Zeichen der Unterwerfung“, 2017 verglich er ihn mit einem „Lappen auf dem Kopf“. Doch 2025 erklärte er, seine Sicht geändert zu haben. Beim Begriff „Islamophobie“ verlief die Entwicklung ähnlich. 2015 stellte Mélenchon den Begriff noch infrage und verteidigte ausdrücklich das Recht, den Islam ebenso abzulehnen wie den Katholizismus. 2019 marschierte er unter „Stop à l’islamophobie“ gegen Islamkritiker. Seine frühere Aussage würde er heute nicht mehr machen, erklärte er später.
Der Untersuchungsausschuss spricht bei diesem Wandel von erheblichen ideologischen Verschiebungen. Politisch fügt sich das Bild erstaunlich sauber zusammen: Die alte Arbeiterbasis schrumpft, Moslem-Wähler werden wichtiger – und parallel verändern sich Positionen zu Themen, die für dieses Wählermilieu zentrale Bedeutung haben. Noch unangenehmer wird es bei den Netzwerken. Der Bericht beschreibt die sozialistische LFI wegen ihrer starken Ausrichtung auf das Moslem-Elektorat als möglichen bevorzugten Ansatzpunkt islamistischer Einflussversuche. Bei einzelnen LFI-Mandataren dokumentiert er Begegnungen und Kontakte, die weit über eine gewöhnliche Debatte über Religionsfreiheit hinausgehen.
Hisbollah, Hamas und Moslembruderschaft
Thomas Portes gehört zu den auffälligsten Fällen. Der LFI-Abgeordnete traf bei einer Reise in den Libanon Personen aus dem Umfeld der FPLP. Die Volksfront zur Befreiung Palästinas steht auf der Terrorliste der Europäischen Union. Portes besuchte außerdem das Grab eines FPLP-Funktionärs. Weitere Kontakte wurden während der parlamentarischen Anhörungen mit Akteuren aus dem Umfeld der Hisbollah in Verbindung gebracht. Wenige Tage vor dem 7. Oktober 2023 gab es ein weiteres Treffen. Portes traf in Kairo Abu Amir Eleiwa von Humani’Terre. Der parlamentarische Bericht behandelt dessen Umfeld im Zusammenhang mit Strukturen der islamistischen Moslembruderschaft und französischen Ermittlungen wegen mutmaßlicher Hamas-Verbindungen. Kurz darauf massakrierte Hamas in Israel mehr als tausend Menschen.
Nach dem Terrorangriff zeigte sich, wie weit die LFI sprachlich bereits von großen Teilen der übrigen französischen Politik entfernt war. Die erste Erklärung der Partei sprach von einer „bewaffneten Offensive palästinensischer Kräfte“. Danièle Obono bezeichnete die Hamas später als „Widerstandsbewegung“, erklärte allerdings zugleich, deren Verbrechen damit nicht rechtfertigen zu wollen. Palästina wurde für LFI zu einem politischen Mobilisierungsthema. Und es verbindet Milieus, die bei zahlreichen anderen Fragen kaum zusammenpassen.
Vereint im Hass
Denn hier steckt ein gewaltiger Widerspruch der Islamolinken: Auf der einen Seite eine Partei, die Feminismus, Queerpolitik und immer neue progressive Gesellschaftsnormen vor sich herträgt. Auf der anderen Seite das Moslem-Milieu, für das die westliche Vorstellungen zu Homosexualität, Geschlechterrollen oder sexueller Selbstbestimmung Teufelszeug sind. Dieses Bündnis wird nicht durch dieselben gesellschaftlichen Werte zusammengehalten. Seine Klammer liegt anderswo: Palästina, „Islamophobie“, Israel-Hass, Antirassismus, Identitätspolitik und gemeinsame politische Gegner.
Für die Islamisten kann eine solche Konstellation ausgesprochen nützlich sein. Der französische Staat warnt selbst vor politischen Einflussstrategien aus dem Umfeld der Moslembruderschaft. Das Innenministerium veröffentlichte 2025 seinen Bericht „Frères musulmans et islamisme politique en France„. Bereits bei der Beauftragung der Untersuchung hatte das Ministerium islamistischen Separatismus als politisch-religiöses Projekt beschrieben, das auf den Aufbau einer Gegengesellschaft ziele. Der Moslembruderschaft schrieb es eine bedeutende Rolle bei der Verbreitung dieses Gedankenguts zu.
Auch islamistische Prediger haben offenbar erkannt, wo politische Verbündete oder wenigstens brauchbare Ansprechpartner sitzen können. Der parlamentarische Bericht führt Aufrufe zugunsten Mélenchons und von LFI-Kandidaten an. Er dokumentiert zugleich gemeinsame Auftritte, Einladungen und Begegnungen einzelner LFI-Politiker mit Personen aus radikal-palästinensischen und islamistischen Milieus.
Die Islamolinke avanciert zum Steigbügelhalter der Macht
Der Ausschuss stellt zwar keine zentral gesteuerte Allianz zwischen LFI, Hamas, Hisbollah oder Moslembruderschaft dar. Doch er dokumentiert etwas politisch mindestens ebenso Interessantes: Überschneidungen, Kontakte, Wahlinteressen und ein Milieu, in dem beide Seiten voneinander profitieren können. Die LFI bekommt Stimmen und Mobilisierung. Islamistische Akteure bekommen Zugang zu politischen Räumen, Aufmerksamkeit und Ansprechpartnern. Der Begriff „Islamolinke“ beschreibt genau diesen Widerspruch. Linke Funktionäre müssen keine Islamisten sein, um deren gesellschaftlichen Einfluss indirekt oder gar direkt zu erleichtern. Es genügt, wenn Wahlinteressen, gemeinsame Kampagnen und gemeinsame Gegner stark genug sind, um weltanschauliche Gegensätze beiseitezuschieben.
Und während diese neue Allianz wächst, schaut der traditionelle französische Arbeiter zu. Für ihn ist Massenzuwanderung keine rhetorische Frage politischer Zirkel, die in gut situierten Wohnvierteln leben. Er erlebt Veränderungen in seinem Viertel, Konkurrenz um bezahlbaren Wohnraum, Schulen, Sozialleistungen, Jobs und die öffentliche Infrastruktur. Er hört von der Linken zugleich immer häufiger, seine Sorgen seien verdächtig, rückständig oder Ausdruck einer falschen politischen Gesinnung. Viele dieser Wähler haben darauf bereits eine Antwort gegeben: Sie wählen nicht mehr links. Mélenchon antwortet darauf. Nur anders als man es eigentlich erwarten würde.
Er versucht offensichtlich nicht, den „weißen katholischen Arbeiter“ zurückzugewinnen. Er erklärt öffentlich, dass mit ihm der Sozialismus nicht zu machen sei. Sein politisches Umfeld baut währenddessen an der „Nouvelle France“, sucht den „bloc de rupture“ in neuen gesellschaftlichen Gruppen und erzielt unter Moslem-Wählern Rekordergebnisse. Die französische Arbeiterlinke hat sich damit selbst abgeschafft. Aus dem Arbeiter als revolutionärem Subjekt wurde ein verlorener Wähler, den man nicht mehr zurückgewinnen kann. Aus dem Moslem-Milieu wurde ein Stimmenreservoir, das die LFI mit aller Kraft umwirbt. Aus der Arbeiterpartei wird so sukzessive eine Moslempartei. Doch was wird Mélenchon sagen, wenn er eines Tages nicht mehr in einer laizistischen Demokratie, sondern in einem islamfaschistischen Kalifat aufwacht? Ist dies seine Vision eines neuen Frankreichs?
