Ein vollautomatisches Gewehr, 13 Pistolen, mehr als 700 Schuss Munition – selbst das Bekennervideo für den geplanten Mordanschlag war bereits aufgenommen. Sieben mutmaßliche Hamas-Mitglieder sollen mitten in Europa ein Blutbad an Juden, israelischen Repräsentanten und Unterstützern Israels vorbereitet haben. Die Männer lebten längst in Europa, mehrere besaßen europäische Pässe – und sechs der sieben Angeklagten weisen einen dokumentierten Bezug zum Libanon auf. Berlin und Wien sollten nach Überzeugung der Ermittler zu Schauplätzen des Hamas-Terrors werden.
Die Bundesanwaltschaft hat am 8. September vor dem Staatsschutzsenat des Kammergerichts Berlin Anklage gegen Abed Al G., Yousif C., Borhan El-K., Wael F.M., Ahmad I., Kamel M. und Mohammad S. erhoben. Allen sieben wirft sie Mitgliedschaft in der ausländischen terroristischen Vereinigung Hamas, die Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat und Verstöße gegen das Waffenrecht vor. Spätestens seit Juli 2025 soll die Hamas einen Mordanschlag in Deutschland oder Österreich vorbereitet haben. Hochrangige Funktionäre beauftragten der Anklage zufolge mehrere der Männer mit der Beschaffung von Waffen und Munition; zuschlagen wollte die Terrororganisation rund um den zweiten Jahrestag des Massakers vom 7. Oktober 2023. Im Visier standen Repräsentanten Israels, Juden und pro-israelisch eingestellte Menschen.
Nach Informationen der „Welt“, der die 214 Seiten starke Anklageschrift vorliegt, führten die Anschlagspläne nach Berlin und Wien. Die Qassam-Brigaden hatten bereits zuvor damit begonnen, Waffendepots in Europa anzulegen. Über ihre Auslandsstrukturen entstand jener Unterbau, den Terroristen für einen Anschlag brauchen: Männer vor Ort, Waffen, Munition, Verstecke und Verbindungen über mehrere Staaten hinweg. Der bewaffnete Arm der Hamas reichte damit längst weit über Gaza hinaus bis mitten nach Europa.
Gewehr, 13 Pistolen, 700 Schuss
Als die Ermittler am 1. Oktober 2025 in Berlin Abed Al G., Wael F.M. und Ahmad I. festnahmen, war die Bewaffnung weit fortgeschritten. Die Gruppe hatte laut Bundesanwaltschaft bereits ein funktionsfähiges vollautomatisches Gewehr, 13 funktionsfähige Pistolen und mehr als 700 Schuss Munition beschafft. Der gesondert verfolgte Mohammed A., der laut Ermittlern an die Hamas-Führungsebene angebunden war, brachte einen Teil der Waffen nach Wien und lagerte sie dort ein. Die Mordwerkzeuge lagen also bereits dort, wo die Hamas ihren Terror nach Europa tragen wollte.
Mohammed A. bereitete auch schon die Propaganda für die Zeit nach dem Blutbad vor. Laut Bundesanwaltschaft nahm er im Voraus ein Bekennervideo auf, in dem der geplante Anschlag im Namen der Hamas angekündigt wurde. Die „Welt“ berichtet von einem vermummten und bewaffneten Mann vor einer Hamas-Fahne. Waffen, Munition und selbst das Bekennervideo standen damit bereits bereit. Viel weiter kann eine Terroroperation kaum vorbereitet sein, bevor tatsächlich geschossen wird.
Europäische Pässe, Wurzeln im Nahen Osten
Besonders aufschlussreich ist ein Blick hinter die Staatsangehörigkeiten. Abed Al G. und Ahmad I. sind deutsche Staatsbürger, Yousif C. besitzt die dänische und Mohammad S. die bulgarische Staatsangehörigkeit. Borhan El-K., Wael F.M. und Kamel M. wurden im Libanon geboren. Der RBB beschreibt zudem Abed Al G. als Deutschen mit libanesischen Wurzeln und Yousif C. als Mann mit libanesischen Wurzeln. Mohammad S. wurde ebenfalls im Libanon geboren. Damit ist bei sechs der sieben Angeklagten ein unmittelbarer familiärer oder biografischer Bezug zum Libanon öffentlich dokumentiert.
Der deutsche oder europäische Pass erzählt damit nur einen Teil der Geschichte. Europa hat über Jahrzehnte Menschen aus islamisch geprägten Staaten aufgenommen und einen Teil davon eingebürgert. Mit ihnen kamen auch politische, religiöse und gesellschaftliche Konflikte aus dem Nahen Osten nach Europa. Für einen Terroranschlag braucht es keine Massenbewegung. Wenige fanatische Islamisten, ein Netzwerk, Waffen und ausreichend Munition reichen aus – und eben diese Zutaten beschreibt nun die Anklage der Bundesanwaltschaft.
Gerade Abed Al G. zeigt, wie wenig ein Pass über tatsächliche politische und ideologische Bindungen aussagen kann. Der deutsche Staatsbürger mit libanesischen Wurzeln soll eine zentrale Rolle bei der Waffenbeschaffung gespielt haben. Auf seinem Social-Media-Account verbreitete er nach Recherchen des RBB radikale Botschaften. Kurz nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober schrieb er: „Entweder Märtyrertod oder Sieg.“ Ein Mann mit deutschem Pass, der den islamistischen Märtyrerkult öffentlich verherrlichte und später nach Überzeugung der Ermittler Waffen für eine Hamas-Terroroperation beschaffte – deutlicher kann der Unterschied zwischen einem deutschen Dokument und tatsächlicher Integration kaum werden.
Der V-Mann besorgte 300 Patronen
Dann wird der Fall auch für den deutschen Verfassungsschutz zum Desaster. Mohammad S., im Libanon geboren und mit bulgarischem Pass ausgestattet, arbeitete nach Recherchen der „Zeit“ als V-Mann für das Bundesamt für Verfassungsschutz. Ausgerechnet dieser Informant soll der mutmaßlichen Hamas-Gruppe bei der Beschaffung neuer Munition geholfen haben. Abed Al G. hatte zuvor aus Angst vor einer Polizeikontrolle 80 Patronen in die Spree geworfen. Mohammad S. sprang offenbar ein und soll 300 Patronen für insgesamt 1.050 Euro organisiert haben; die Übergabe erfolgte laut „Zeit“ im August 2025 in Berlin-Neukölln.
Das Bundesamt räumte gegenüber dem Generalbundesanwalt später ein, Mohammad S. tatsächlich als Quelle geführt zu haben. Erst am 5. Dezember 2025 endete die Zusammenarbeit. Das BfV erklärte, der Mann sei hinsichtlich des geplanten Anschlags zu keinem Zeitpunkt vom Amt gesteuert worden. Zurück bleibt ein Vorgang, der nach politischer Aufklärung schreit: Ein Informant des deutschen Inlandsgeheimdienstes mit engen Verbindungen in islamistische Kreise soll einer mutmaßlichen Hamas-Zelle hunderte scharfe Patronen verschafft haben.
Die Hamas musste für ihre Mordpläne keine Terroristen aus Gaza nach Berlin oder Wien einschleusen. Die Todeskult-Anhänger lebten längst in Europa, einige verfügten über deutsche oder andere europäische Pässe, Waffen wurden quer über den Kontinent geschafft und in europäischen Städten versteckt. Sechs der sieben Angeklagten haben einen dokumentierten Libanon-Bezug, zwei sind deutsche Staatsbürger. Europas islamistisches Sicherheitsproblem sitzt mitten in den eigenen Städten.
