Neu im Kino: Das Historiendrama des britischen Regisseurs zeichnet ein brutal realistisches Bild des großen englischen Bauernaufstandes von 1381. Greengrass kommt erfrischenderweise ohne die ebenso üblichen wie aufdringlichen woken Erziehungsbotschaften aus. Und der Film kann als Seismograph für Wut und Rebellion der westlichen Völker gegen die abgehobenen Eliten gelesen werden.
Essex im Südosten Englands im Jahre 1381. „The Ploughman“ (der Pflüger), gespielt von Andrew Garfield, löst eine Widerstandsaktion der Bauern gegen die brutalen Methoden der Steuereintreiber aus. Diese werden getötet oder vertrieben, die Abgabenlisten vernichtet. Die Rebellion weitet sich rasch auf Kent aus, wo die Bauern vom ehemaligen Soldaten Wat Tyler und dem geächteten Priester John Ball angeführt werden.
Die Aufstandsbewegung breitete sich über Norfolk, Suffolk, Hertfordshire und danach über Middlesex, Sussex und Surrey bis nach Devon aus. Schließlich ziehen zehntausende Bauern nach London, wo sie dem jugendlichen König Richard II. ihre Forderungen vorbringen wollen. Sie werden hingehalten, stürmen aber schließlich die Hauptstadt und bekommen vom König Freibriefe zugesagt.
Realismus in jeglicher Hinsicht
Der 71-jährige Paul Greengrass malt ein durchwegs realistisches Bild des großen Bauernaufstandes. Das betrifft die Lebensbedingungen der Bauern im Spätmittelalter, ihre Behausungen, ihre Kleidung. Das betrifft aber auch die Darstellung der Kämpfe, wo nichts beschönigt und die blutige Grausamkeit kaum kaschiert wird.
Anders als die meisten zeitgenössischen Filmproduktionen, die sich brav den Vorgaben der Filmindustrie bezüglich DEI (Diversity, Equity, Inclusion) unterordnen, verzichtet Greengrass auf lächerliche woke Demonstrationen. Es kommen in seinem englischen Mittelalter weder Afrikaner oder Mohammedaner noch Transgender-Personen vor.
Ebenfalls der Realität entsprechend ist die Darstellung, dass sich soziale Bewegungen damals oft mit Aspekten einer religiösen Erneuerungsbewegung gegen die korrupte Kirchenführung kombinierten – mit einer Tendenz zu Eiferertum. Nüchtern auch das Bild, dass es im Zuge von revolutionärem Chaos auch leicht zu Auswüchsen kommt, damals in London insbesondere gegen flämische Händler.
Oberschicht und naives Volk
Die Oberschicht sowie die Konflikte zwischen dem Hochadel im Kronrat, der sich an der Ausplünderung der Bevölkerung selbst bereichert, und dem Londoner Bürgermeister als Vertreter der aufstrebenden Kaufmannschaft werden treffend gezeigt. Ebenso die Kirchenführung als Teil der jeweils herrschenden Oberschicht.
Und auch realistisch gezeigt wird die im Mittelalter (und bis in die frühe Neuzeit) bei Rebellionen oft vorhandene naive Hoffnung auf einen „guten König“, der von den üblichen Machenschaften seiner Berater und Adeligen vermeintlich nichts weiß. Das war Ausdruck davon, dass das Volk damals noch keine Systemalternative jenseits der monarchischen Ordnung sah (eine erste Ausnahme war die Entstehung der Schweiz). Im England des Jahres 1381 erwies sich diese Naivität als fatal.
Insgesamt wird der Aufstand von Greengrass ausgesprochen historisch korrekt abgebildet. Lediglich in den Schlussszenen erlaubt er sich einige künstlerische Freiheit. Die Figuren sind gut gezeichnet, vielleicht mit der Ausnahme der ehemaligen Nonne, die nicht so überzeugend gespielt wird.
Ursachen des Aufstandes von 1381
Infolge der großen Pestwelle 1348/49, die fast der Hälfte der englischen Bevölkerung das Leben kostete herrschte starker Arbeitskräftemangel. Die adeligen Grundherren versuchten, dem mit erhöhten Arbeitsverpflichtungen und Abgaben beizukommen. Dies führte zur Arbeitsverweigerung und Flucht von Bauern zu anderen Grundherren. Verschärfte Strafen hatten wenig Effekt und die Bauern beriefen sich auf die Bestimmungen des Doomsday Books, zum Beweis, dass ihre Vorväter frei gewesen seien.
Mit verschiedenen Gesetzen versuchten die Herrschenden die alte Ordnung zu stabilisieren. Sie bekämpften den Anstieg der Löhne und das Absinken der Abgaben. Preise und Löhne wurden festgesetzt, Almosen an Arbeitsfähige verboten und die Mobilität von Wanderarbeitern eingeschränkt.
Durch den langjährigen Krieg mit Frankreich war die englische Krone in ständiger Geldnot. Da man – wie im Film gezeigt – weder die Grundherren (Adel und Kirche) noch das reiche Bürgertum belasten wollte, wurde die Last dem einfachen Volk aufgebürdet. 1381 wurde eine Kopfsteuer (poll tax) ausgeweitet. Diese Abgabe betraf auch die Bevölkerungsschichten, die bisher von allgemeinen Abgaben befreit geblieben waren, und bildete den unmittelbaren äußeren Auslöser für den Aufstand.
Greengrass als Seismograph
Der Regisseur wird dem linksliberalen Spektrum zugeordnet und hat sich immer wieder brav über den Aufstieg des Rechtspopulismus und „Rechtsextremismus“ geäußert. Er gilt allerdings gleichzeitig als system- und elitenkritisch und wird oftmals als Seismograph für gesellschaftliche und politische Entwicklungen gesehen.
2006 verfilmte Greengrass mit „United 93“ die Entführung eines Flugzeuges im Zuge von 9/11 durch arabische Al-Kaida-Terroristen und den Kampf von Besatzung und Passagieren gegen sie. Das dokumentarisch-nüchterne Werk wurde als Verteidigung der westlichen Moderne und der Demokratie gegen religiösen totalitären Fanatismus gesehen.
Seine Bourne-Blockbuster 2004 bis 2016 (Die Bourne Verschwörung, Das Bourne Ultimatum, Jason Bourne) setzen sich kritisch mit der Totalüberwachung durch Geheimdienste, Social-Media-Monopole und der Kooperation zwischen Tech-Konzernen und dem tiefen Staat auseinander.
Sein jüngster Film, eben „The Uprising“, wird auch von der etablierten Filmkritik als Spiegel heutiger „Protestbewegungen wie die Gelbwestenbewegung in Frankreich“ gelesen (etwa hier). Andere sehen eine Anspielung auf den Sturm der Trump-Anhänger auf das Kapitol im Januar 2021.
The Ploughman als Tommy Robinson
Dass in totalitären Systemen Kritik an den Herrschenden nicht direkt formuliert wird, sondern in frühere historische Epochen verlagert wird, ist eine klassische künstlerische Methode. So agierten bereits Literaten, die sich gegen den Absolutismus stellten. Ob Greengrass bewusst die Zustände im woken Polizeistaat Großbritannien und die Massenbewegung aufgreift, ist spekulativ.
Offensichtlich aber sind die Parallelen! Eine abgehobene Elite, unterstützt von König und Kirche, die sich gegen die Interessen und die Wünsche des Volkes richtet, die einfachen Leute immer mehr schröpft und dabei repressiv vorgeht. Immer mehr Wut in der Bevölkerung und eine Massenbewegung, die von einem einfachen Mann aus der Arbeiterklasse (Tommy Robinson) angeführt wird. Die Aufständischen werden im Film explizit als „Patrioten“ bezeichnet – für das heutige woke Regime ein Unwort. Widerständler, die am Anfang und Ende des Films ihre Gesichter zum Schutz vor Repressalien verdecken – wie die Leute von Danny Tommo (wir haben berichtet).
Greengrass, selbst Teil der liberalen Eliten, scheint Verständnis für die Wut des Volkes zu haben. Und, so scheint es, auch etwas Angst vor ihr. Jedenfalls ein sehenswerter Film, der sich vom Großteil des woken Mülls wohltuend abhebt.
