Rund 20 konservative Aktivisten wollten am Samstagabend in Mannheim gemeinsam essen gehen. Auf dem Weg zum Lokal warteten bereits mehrere Dutzend Vermummte auf sie. Schlagstöcke, Schlaghandschuhe und Pfefferspray kamen zum Einsatz, mehrere Menschen wurden verletzt, ein Heizungstechniker landete mit gebrochenem Unterarm und einer Platzwunde am Kopf im Krankenhaus. Einen Tag später erschien auf Indymedia ein anonymer Beitrag, der den Überfall als „erzieherische Abreibung“ feierte. Willkommen im Deutschland des Jahres 2026, wo selbsternannte „Antifaschisten“ politische Gegner auf offener Straße einkesseln und zusammenschlagen – und sich anschließend auch noch als erfolgreiche Volkserzieher präsentieren.
Es sollte ein gewöhnlicher Stammtisch werden. Mitglieder und Interessierte der konservativen Initiative „Gemeinsam Deutschland gestalten“ (GDG) hatten sich am Samstagabend in Mannheim verabredet. Rund 20 Menschen machten sich vom Treffpunkt auf den Weg zum Eichbaum Brauhaus im Stadtteil Wohlgelegen. Nach Schilderung eines Betroffenen tauchten zunächst etwa 20 Vermummte auf, später sollen weitere hinzugekommen sein. Insgesamt ist von rund 40 Angreifern die Rede. Die Gruppe wurde umstellt, mit Pfefferspray eingesprüht und attackiert. Nach Angaben des Verletzten kamen dabei Teleskopschlagstöcke und Schlaghandschuhe zum Einsatz. Die Polizei bestätigte den Einsatz und Ermittlungen wegen der Auseinandersetzung.
Besonders schwer erwischte es einen parteilosen Heizungstechniker. Der Mann berichtet, er habe sich gemeinsam mit anderen schützend vor die Gruppe gestellt. Einen Schlag mit einem Teleskopschlagstock fing er mit dem Arm ab – der Unterarm brach. Ein weiterer Treffer am Kopf hinterließ eine Platzwunde. Blut und Pfefferspray nahmen ihm zeitweise die Sicht. Er musste ins Krankenhaus und soll operiert werden. Für einen Handwerker bedeutet eine solche Verletzung neben Schmerzen und Operation auch wochenlangen Arbeitsausfall.
„Handfester Antifaschismus“ und verletzte Gegner
Wirklich entlarvend wird die Geschichte am nächsten Tag. Auf Indymedia erschien ein anonymer Beitrag mit dem Titel „Antifaschistische Intervention bei rechtem GDG-Stammtisch“. Der Text enthält detaillierte Angaben zu Treffpunkt, Zielort, Gruppengröße und Ablauf und beschreibt das Geschehen unverhohlen aus Sicht der Angreifer. Darin heißt es, eine „größere Zahl lokaler Antifaschist:innen“ habe zwischen Treffpunkt und Brauhaus auf die ungefähr 20 Personen gewartet und die Gruppe auf offener Straße umstellt. Nach einer politischen „Ansprache“ habe man die Worte mit „handfestem und entschlossenem Antifaschismus“ unterstrichen. Das Ergebnis wird voller Häme als „erzieherische Abreibung“ gefeiert, die „einige Verletzte auf Seiten der GDG“ gefordert habe. Dass die Angegriffenen anschließend auf Rettungsdienst und Polizei warteten, dient den Autoren noch als Anlass für Spott.
Das Vokabular offenbart das dahinterstehende Weltbild. Politische Gegner werden zu Schülern erklärt, Vermummte übernehmen die Rolle der Erzieher und der Schlagstock ersetzt das Argument. Verletzte erscheinen nicht als bedauerlicher Kollateralschaden, sondern als Erfolgsmeldung. Gegen Ende des Textes wird zudem ausdrücklich betont, „Antifaschismus“ müsse auch abseits des „bürgerlichen Staates und seiner Institutionen“ betrieben werden. Polizei, Justiz und demokratische Verfahren scheinen für diese selbsternannten Wächter über das politisch Zulässige nur dann akzeptabel zu sein, solange sie den eigenen Vorstellungen entsprechen. Damit wird aus politischer Feindschaft eine Form linker Straßenjustiz. Die Szene entscheidet selbst, wer als „rechts“ und damit ideologisch als legitimes Ziel gilt, späht Gegner aus, organisiert zahlenmäßige Übermacht und feiert anschließend deren Verletzungen als politische Pädagogik.
Schon der zweite Angriff binnen weniger Monate
Mannheim gewinnt zusätzliche Brisanz, weil Anhänger derselben Initiative bereits im Juni in Hamburg angegriffen wurden. Mitglieder von GDG hatten dort gemeinsam ein Fußballspiel der deutschen Nationalmannschaft angesehen. Nach dem Spiel attackierten laut Hamburger Polizei 30 bis 40 Vermummte die Gruppe. Die Angreifer waren mit Messern, Schlagstöcken und Pfefferspray bewaffnet und riefen „Alerta, alerta Antifascista“. Zwei Menschen mussten nach Pfeffersprayverletzungen im Krankenhaus behandelt werden. Der Staatsschutz übernahm die Ermittlungen.
Binnen gut zwei Monaten geraten damit zweimal Menschen aus demselben politischen Umfeld ins Visier größerer vermummter Gruppen. Hamburg: 30 bis 40 Angreifer, Messer, Schlagstöcke und Pfefferspray. Mannheim: laut den Betroffenen rund 40 Vermummte, Schlagstöcke, Schlaghandschuhe und Pfefferspray. Eine Häufung, die den Staatsschutz beschäftigen sollte. GDG-Gründer Benedict Doege ist zugleich Funktionär der Jungen Union. Gerade deshalb dürfte man eigentlich erwarten, dass auch aus CDU und JU scharfe Reaktionen folgen. Immerhin betrifft die Gewalt ein Umfeld mit personellen Verbindungen in den eigenen Parteinachwuchs. Doch die große politische Empörungsmaschine läuft bislang auffallend leise.
Man stelle sich lediglich die politischen Vorzeichen vertauscht vor: Vierzig vermummte Rechte lauern 20 linken Aktivisten auf, sprühen sie mit Pfefferspray ein, schlagen mit Teleskopschlagstöcken zu und feiern am nächsten Tag im Internet die gebrochenen Knochen als „erzieherische Abreibung“. ARD und ZDF hätten vermutlich schon Sondersendungen vorbereitet, bevor der erste Regierungssprecher vor die Kameras tritt. Minister würden eine „neue Qualität rechter Gewalt“ beklagen, Verbände Mahnwachen organisieren und die üblichen „Zivilgesellschaft“-Organisationen den Untergang der Demokratie beschwören. Bei linksextremen Tätern hält sich die bundesweite Erregung deutlich stärker in Grenzen.
Mannheimer Grüne warnen vor „Verrohung der Sprache“
Eine besondere Pointe lieferte ausgerechnet die Mannheimer Politik. Zwei Tage nach dem Angriff veröffentlichten die Grünen der Stadt eine Erklärung wegen mutmaßlich rassistischer Äußerungen einer AfD-Stadträtin. Darin warnen sie davor, dass eine „Verrohung der Sprache“ zum „Wegbereiter von körperlicher Gewalt“ werden könne. Ein interessanter Befund in einer Stadt, in der wenige Tage zuvor politische Gegner tatsächlich umstellt und zusammengeschlagen worden waren – allerdings von Leuten aus dem linksextremen Milieu. Ein Mann lag mit gebrochenem Arm und Kopfverletzung im Krankenhaus, während der mutmaßliche Täterkreis im Netz die „erzieherische Abreibung“ bejubelte. Eine ähnlich scharfe öffentliche Erklärung der Mannheimer Grünen zu diesem Fall ist bislang deutlich schwerer zu finden.
Vor allem AfD-Politiker forderten inzwischen eine umfassende Aufklärung. Der Mannheimer Bundestagsabgeordnete Heinrich Koch sowie die Landtagsabgeordneten Bernhard Pepperl und Rüdiger Ernst wollen geklärt wissen, ob hinter dem Angriff organisierte und möglicherweise überregionale Strukturen stehen. Friedrich Merz und seine Union investieren seit Jahren enorme politische Energie in die „Brandmauer“ nach rechts. Vielleicht wäre eine Brandmauer gegen jene, die politische Gegner mit Teleskopschlagstöcken „erziehen“, deutlich sinnvoller. Und mehr noch: Diese Täter kommen aus einem Milieu, welches der Linkspartei nahesteht – und mit dieser Linken will die Union in Sachsen-Anhalt koalieren, sollte die AfD nicht auf eine Mandatemehrheit kommen.
Der anonyme Indymedia-Text aus Mannheim führt das Problem jedenfalls in deutlicher Offenheit vor. Verletzte gelten als Erfolg, die Flucht vor der Polizei als Triumph und das Handeln außerhalb staatlicher Institutionen als politisches Prinzip. Aus dem Schlagstock wird ein Argument, aus dem Knochenbruch eine „erzieherische Abreibung“. Und während die linken Politiker wieder einmal die „Verrohung der politischen Sprache“ beklagen, ist diese Verrohung in Mannheim längst einen Schritt weiter. Sie schlägt bereits zu.
