Friedrich Merz rollt internationalen Investoren in Berlin den roten Teppich aus – und ausgerechnet der Pharmagigant Roche will keine neuen Investitionen in Deutschland tätigen. Die Politik habe massiv Vertrauen zerstört, klagt der Schweizer Konzern und setzt sämtliche künftigen Investitionsentscheidungen vorerst aus. Während Schwarz-Rot die Unternehmen mit zusätzlichen Belastungen überzieht, treiben hohe Energiekosten, Bürokratie und der milliardenteure Klimakurs immer mehr Industriebetriebe ins Ausland. Die vollmundig versprochene Wirtschaftswende des Kanzlers entpuppt sich zunehmend als Fortsetzung jener Politik, die Deutschland überhaupt erst in diese Standortkrise geführt hat.
Ausgerechnet zum großen „Invest in Germany Summit“ am 19. und 20. Oktober kassiert Bundeskanzler Friedrich Merz die nächste Ohrfeige aus der Wirtschaft. Mit reichlich politischem Tamtam und einem Empfang unter dem Motto „Red Carpet for Investments“ will die Bundesregierung internationale Großinvestoren von den angeblich hervorragenden Bedingungen in Deutschland überzeugen. Rund 200 Unternehmensvertreter und Investoren nehmen an dem Gipfel teil. Das Kanzleramt verspricht attraktive Bedingungen und neue Wachstumschancen. Der Schweizer Pharmariese Roche hält davon offensichtlich wenig. Statt neue Milliardenprojekte anzukündigen, zieht der Konzern bei künftigen Investitionsentscheidungen vorerst die Handbremse an.
Sämtliche Investitionen auf „Hold“
„Wir haben sämtliche künftigen Investitionsentscheidungen in Deutschland erst einmal auf Hold gesetzt“, erklärte Roche-Deutschlandchef Daniel Steiners gegenüber der „Welt“. Die Politik habe zuletzt „sehr viel Vertrauen zerstört“. Deutlicher kann ein internationaler Großkonzern sein Misstrauen gegenüber der deutschen Standortpolitik kaum ausdrücken. Roche verlangt endlich verlässliche wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Denn Investitionen in neue Forschungszentren und Produktionsanlagen werden über Jahrzehnte kalkuliert. Politische Versprechen von gestern helfen wenig, wenn die Regierung morgen schon wieder neue Kosten und Auflagen beschließt.
Dabei gehört Roche zu den bedeutenden industriellen Investoren des Landes. Allein 2025 steckte das Unternehmen rund 719 Millionen Euro in seine deutschen Standorte. Seit 2020 flossen insgesamt fast 3,8 Milliarden Euro nach Deutschland. Rund 18.600 Menschen beschäftigt der Pharmakonzern hierzulande. Schon bei der Präsentation seiner Jahreszahlen im März beklagte das Management hohe Bürokratiekosten, Überregulierung und langwierige Genehmigungsverfahren. Die Politik wurde ausdrücklich zu Reformen aufgefordert. Sieben Monate später liegt die Entscheidung über neue Investitionen auf Eis. Bereits beschlossene Projekte, darunter das mehr als 600 Millionen Euro teure Diagnostik-Produktionszentrum in Penzberg, laufen weiter. Doch über die nächsten Milliarden wird vorerst anderswo im Konzern entschieden.
Politischer Vertrauensbruch
Den jüngsten (weiteren) Vertrauensbruch hat die schwarz-rote Bundesregierung mit ihrer Gesundheitsreform selbst mitverursacht. Das im Juli beschlossene GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz erhöht ab Januar 2027 den verpflichtenden Herstellerrabatt für viele patentgeschützte Arzneimittel von bisher sieben auf 15,5 Prozent. Die gesetzlichen Krankenkassen sollen dadurch finanziell entlastet werden. Dafür müssen die Pharmaunternehmen auf einen größeren Teil ihrer Erlöse verzichten. Steiners kritisiert, dass die Politik kurzfristige Einsparungen durchdrücke, statt die strukturellen Probleme des Gesundheitssystems anzugehen. Merz verspricht eine Stärkung des Pharmastandorts, während seine eigene Regierung die wirtschaftlichen Bedingungen für die Branche verschlechtert.
Inzwischen versucht Berlin, die selbst verursachten Probleme mit einer sogenannten Standortklausel zu entschärfen. Pharmaunternehmen, die in Deutschland forschen, produzieren und Arbeitsplätze schaffen, sollen unter bestimmten Bedingungen vom zusätzlichen Herstellerrabatt teilweise oder vollständig befreit werden können. Ein eigens eingesetztes Fachgremium legte Ende September entsprechende Vorschläge vor. Roche hält diese Ausnahmen jedoch für unzureichend. Die Bundesregierung schafft also erst zusätzliche Belastungen und versucht anschließend, die Betroffenen mit neuen bürokratischen Ausnahmeregelungen bei Laune zu halten. Eine interessante Vorstellung davon, wie man einen Industriestandort wettbewerbsfähig macht.
Auch andere Konzerne investieren lieber woanders
Roche steht mit seiner Entscheidung dabei nicht allein da. Der US-Pharmakonzern Eli Lilly halbierte im Juni seine ursprünglich rund 2,3 Milliarden Euro schweren Investitionspläne für ein Werk im rheinland-pfälzischen Alzey. Die geplanten Produktionskapazitäten werden reduziert, statt 1.000 sollen dort nur noch etwa 500 Arbeitsplätze entstehen. Boehringer Ingelheim strich Investitionsvorhaben von mehr als 900 Millionen Euro vollständig. Beide Konzerne verwiesen auf die verschlechterten Bedingungen durch die deutsche Gesundheitspolitik. Allein bei diesen beiden Unternehmen wurden damit Investitionspläne von mehr als zwei Milliarden Euro zusammengestrichen. Die Bundesregierung redet über Wachstum und schafft gleichzeitig Bedingungen, unter denen Unternehmen ihre Projekte verkleinern oder ganz streichen.
Wie attraktiv ein Standort für Roche sein kann, zeigt dagegen der Blick über den Atlantik. Bereits im April 2025 kündigte der Konzern an, innerhalb von fünf Jahren rund 50 Milliarden US-Dollar in den Vereinigten Staaten investieren zu wollen. Geplant sind neue und erweiterte Produktionsanlagen sowie Forschungszentren in mehreren Bundesstaaten. Mehr als 12.000 Arbeitsplätze sollen durch die Projekte entstehen, einschließlich zahlreicher Stellen während der Bauphase. Der Investitionsplan stammt aus dem ersten Jahr der zweiten Amtszeit Donald Trumps und verdeutlicht, welche Summen im internationalen Standortwettbewerb auf dem Spiel stehen. Während Roche in den USA einen milliardenschweren Expansionskurs verfolgt, bleiben neue Deutschland-Entscheidungen vorerst liegen.
Steiners lobt die amerikanische Industriepolitik ausdrücklich. Europa müsse wieder lernen, sich mehr anzustrengen, fordert er. Das ist eine deutliche Botschaft an die politische Führung in Berlin und Brüssel. Während Washington mit industriellen Investitionsanreizen und einer offensiven Standortpolitik um neue Fabriken und Forschungszentren wirbt, erstickt Deutschland seine Unternehmen weiterhin in Vorschriften und hohen Standortkosten. Auch Trumps Zollpolitik schafft Risiken und Unsicherheiten. Doch die deutsche Bundesregierung kann sich kaum hinter den Entscheidungen anderer Regierungen verstecken, wenn ihre eigenen Maßnahmen internationale Großinvestoren abschrecken.
Selbstverursachte Probleme
Dabei ist der Ärger der Pharmabranche nur ein Teil des wirtschaftspolitischen Scherbenhaufens. Seit Jahren leidet die deutsche Industrie unter hohen Energiekosten, immer neuen Vorschriften, Steuern und Abgaben. Besonders die politisch forcierte Energiewende hat sich zu einer gewaltigen Belastung entwickelt. Deutschland schaltete 2023 seine letzten drei Atomkraftwerke ab und verzichtete damit auf eine weitere heimische Quelle gesicherter Stromerzeugung. Gleichzeitig treibt die Politik den Umbau des Energiesystems voran, der Milliarden für neue Netze, Speicher, Reservekraftwerke und zusätzliche Erzeugungsanlagen verschlingt. Die Industrie braucht jedoch vor allem eines: zuverlässig verfügbaren Strom zu international konkurrenzfähigen Preisen.
Inzwischen muss die Bundesregierung mit immer neuen Subventionsprogrammen gegen die Folgen hoher Energiepreise ankämpfen. Ein staatlich gestützter Industriestrompreis soll energieintensive Unternehmen in den Jahren 2026 bis 2028 entlasten. Der Zielpreis liegt bei fünf Cent je Kilowattstunde, wobei sich die Förderung auf einen Teil des Stromverbrauchs bezieht. Bis zu 9.500 Unternehmen könnten davon profitieren. Die wirtschaftspolitische Fehlkonstruktion liegt auf der Hand: Zuerst wird ein kostspieliger Umbau des Energiesystems vorangetrieben, anschließend muss der Staat mit Steuergeld eingreifen, damit die Industrie bei den Energiepreisen international überhaupt noch mithalten kann. Die Bundesregierung nennt das Standortförderung. Kritiker sehen darin den Versuch, die Symptome einer verfehlten Energiepolitik mit immer neuen Subventionen zu behandeln.
Deutschland schmiert ab
Wie ernst die Lage mittlerweile ist, zeigen die Zahlen des Verbands der Chemischen Industrie. Laut einer im Juli veröffentlichten Mitgliederbefragung verlagern bereits 43 Prozent der Unternehmen Investitionen zumindest teilweise ins Ausland. 45 Prozent rechnen für 2026 mit sinkenden Investitionen in Deutschland. Besonders vernichtend fällt das Urteil über die Energiepolitik aus: Mehr als 80 Prozent der befragten Betriebe nennen hohe Kosten sowie die Energie- und Klimapolitik als größte Belastungen für ihre Investitionsentscheidungen. Die eigenen Industrieunternehmen stellen der deutschen Standortpolitik damit ein miserables Zeugnis aus. Doch im politischen Berlin hält man unbeirrt an den großen Transformationsplänen fest.
Erst vergangene Woche berichtete Report24 über die jüngste KfW-Studie zur sogenannten Klimaneutralität. Demnach sollen bis 2045 rund sechs Billionen Euro in den klimaneutralen Umbau Deutschlands fließen – durchschnittlich 290 Milliarden Euro jährlich. Die KfW beziffert den darüber hinausgehenden Investitionsbedarf gegenüber einer konventionellen Entwicklung auf rund 65 Milliarden Euro pro Jahr. Unternehmen und Privathaushalte sollen den weitaus größten Teil der Gesamtinvestitionen schultern. Ausgerechnet jene Unternehmen also, die wegen hoher Kosten schon heute Projekte verschieben, Standorte verkleinern oder Investitionen ins Ausland verlagern. Die politische Milliardenrechnung für die „Klimarettung“ trifft auf eine industrielle Basis, deren Investitionsbereitschaft zunehmend schwindet.
Merkel, Ampel, Merz…
Der wirtschaftspolitische Kurs der Merkel-Jahre und der Ampel-Regierung hat Deutschland tief in diese Standortkrise geführt. Der Atomausstieg, die Energiewende, immer strengere Klimavorgaben und eine wachsende Bürokratie haben den Unternehmen erhebliche zusätzliche Belastungen aufgebürdet. Friedrich Merz wollte laut seinen Wahlversprechen damit aufräumen und die Wirtschaft wieder auf Wachstumskurs bringen. Doch in Wirklichkeit setzt seine Koalition wesentliche Teile dieser Politik fort. Statt die strukturellen Standortprobleme konsequent zu beseitigen, versucht Schwarz-Rot mit staatlichen Förderprogrammen, Sonderregelungen und Investorenveranstaltungen gegenzusteuern. Gleichzeitig wachsen Staats- und Sozialausgaben weiter, während die industrielle Beschäftigung unter Druck steht.
Roche liefert nun ein weiteres Beispiel dafür, wie schnell die hochtrabenden Versprechen der Bundesregierung an der wirtschaftlichen Realität scheitern. Ein Konzern, der seit 2020 fast 3,8 Milliarden Euro in Deutschland investiert hat, stellt neue Entscheidungen zurück. Eli Lilly und Boehringer Ingelheim streichen Milliarden aus ihren Investitionsplänen. Und die Bundesregierung präsentiert sich derweil als Retterin des Wirtschaftsstandorts. Merz kann noch so viele rote Teppiche ausrollen. Solange seine Regierung an hohen Standortbelastungen, kostspieligen Klimavorgaben und einer Politik immer neuer Eingriffe festhält, werden internationale Konzerne ihre Milliarden lieber dort investieren, wo sie bessere Bedingungen vorfinden.