Am Kragen gepackt, gegen eine Wand gedrückt und geschlagen – der flämische Vlaams-Belang-Politiker Filip Dewinter wurde bei einer gewaltsamen Auseinandersetzung mit einer marokkanischen Hochzeitsgesellschaft im Antwerpener Rathaus verletzt. Nach seinen Angaben schlugen und traten mehrere Personen auf ihn ein, die Polizei musste eingreifen. Der Vorfall rückt die Frage nach politischer Gewalt gegen rechte Politiker in den Mittelpunkt – und nach den Maßstäben, die beim Umgang mit solchen Angriffen gelten.
Eine Hochzeitsgesellschaft feiert am Freitag, dem 9. Oktober, vor dem historischen Rathaus von Antwerpen. Rund 50 Menschen haben sich auf dem Grote Markt versammelt, Trommeln erklingen. Der 64-jährige Filip Dewinter will zu einer Besprechung mit anderen Stadträten und sich in das Kondolenzbuch für den verstorbenen Sänger John De Wilde eintragen. Weil er seine Zutrittskarte vergessen hat, muss er den Haupteingang benutzen. Dort erkennen ihn nach seiner Schilderung mehrere Angehörige der Hochzeitsgesellschaft und beginnen sofort, ihn zu beschimpfen. Er wurde als „Rassist“ bezeichnet. Dann eskaliert die Situation. Ein kräftiger Mann packt den Politiker am Kragen, drängt ihn in das Rathaus und presst ihn gegen eine Wand. Die veröffentlichten Videoaufnahmen zeigen, wie sich zahlreiche Menschen um Dewinter versammeln, während seine Parteikollegin Anke Van dermeersch wiederholt dazu auffordert, ihn loszulassen.
Prügelattacke gegen den konservativen Politiker
Dewinter berichtet von einer regelrechten Prügelattacke. Ein besonders groß gewachsener Mann habe ihn an der Kehle gepackt, anschließend hätten zwischen zehn und fünfzehn Personen auf ihn eingeschlagen und eingetreten. Der langjährige Politiker erlitt eine blutende Wunde über der linken Augenbraue und berichtete von einem blauen Auge. Beschimpfungen auf offener Straße gehören für ihn nach eigener Aussage längst zum Alltag. Eine derart heftige körperliche Konfrontation innerhalb des Antwerpener Rathauses habe er allerdings noch nie erlebt. Aus der Ablehnung eines politischen Gegners wurde jedenfalls eine handgreifliche Auseinandersetzung mit einem Verletzten. Ob man Dewinters Ansichten zur Migration teilt oder entschieden ablehnt, ändert an der Schwere der dokumentierten körperlichen Bedrängung nichts.
Zoals zo dikwijls verdraait de mainstreammedia-media de feiten… Ik ben niet opgepakt (zoals @HLN_BE beweerde…) maar legde klacht neer wegens slagen en verwondingen (mijn belager werd ondertussen geïdentificeerd en verhoord); ik ging niet ‘in de clinch’ met ‘een’ familie (@GVA)… pic.twitter.com/eSLcMrxVK7
— Filip Dewinter (@FDW_VB) October 9, 2026
Mehrere Polizeieinheiten rückten an. Die Beamten hielten zwei Personen aus der Hochzeitsgesellschaft an, Dewinter erstattete nach eigenen Angaben Anzeige wegen Körperverletzung. Doch damit begann bereits der nächste Streit: Die belgische Zeitung Het Laatste Nieuws berichtete zunächst fälschlicherweise, Dewinter und Van dermeersch seien festgenommen worden. Erst später korrigierte sie diese Darstellung. Vlaams-Belang-Chef Tom Van Grieken reagierte empört und kritisierte die Berichterstattung scharf. Die Nachricht über den verletzten Politiker erhielt damit eine bemerkenswerte Wendung: Während die Polizei zwei Hochzeitsgäste angehalten hatte, erschienen zunächst Dewinter und seine Parteikollegin als Festgenommene. Auch die Beschreibung, beide Seiten seien lediglich „aneinandergeraten“, stößt bei Dewinter auf heftigen Widerspruch.
Aggressive Moslems – und Dewinter soll Schuld sein?
Über den Beginn der Auseinandersetzung existieren unterschiedliche Darstellungen. Angehörige der Hochzeitsgesellschaft behaupten, Van dermeersch habe sie gegen ihren Willen gefilmt und später die Mutter der Braut geschlagen. Auch Dewinter soll beim Betreten des Rathauses Menschen geschubst haben. Die Vlaams-Belang-Politikerin weist die Anschuldigung entschieden zurück. Sie habe sich bereits im Gebäude befunden und erst zur Kamera gegriffen, nachdem der Tumult um Dewinter begonnen hatte. Die Antwerpener Polizei bestätigte Schubsen und Ziehen sowohl bei Dewinters Weg durch die Menschenmenge als auch bei der Konfrontation zwischen Van dermeersch und einer Frau. Was den Streit auslöste und wer welche Handgreiflichkeiten beging, müssen nun die Ermittlungen klären. Die veröffentlichten Aufnahmen dokumentieren einen Teil der Gewalt gegen Dewinter, zeigen allerdings nicht den vollständigen Ablauf.
Besetzte Stadt
Dewinter selbst sieht in der Attacke ein Symptom der Entwicklung seiner Heimatstadt. Antwerpen sei inzwischen eine „besetzte Stadt“, erklärte der Politiker. Er wirft Teilen der migrantischen Bevölkerung vor, immer aggressiver aufzutreten und öffentliche Räume als eigenes Revier zu betrachten. Auch das fehlende Sicherheitspersonal im Rathaus kritisiert er scharf. Seine Parteikollegin Van dermeersch verlangt die vollständige Auswertung der Überwachungskameras, die nach ihrer Überzeugung ihre Darstellung bestätigen werden. Die Partei weist sämtliche Vorwürfe zurück, ihre Vertreter hätten die Gewalt provoziert. Für die Stadtverwaltung stellt sich damit auch eine Sicherheitsfrage: Wie konnte ein gewählter Stadtrat beim Betreten des Rathauses derart körperlich bedrängt werden, ohne dass Sicherheitskräfte den Vorfall rechtzeitig unterbanden?
Die Polizei muss nun klären, wer den Streit auslöste und wer für welche Gewalttat verantwortlich ist. Dewinters blutende Verletzung und die körperliche Bedrängung auf den Videoaufnahmen stehen bereits fest. Besonders bitter bleibt die Abfolge dieses Freitags: Ein rechter Politiker gerät beim Betreten seines Rathauses in eine gewaltsame Auseinandersetzung, verlässt sie verletzt und erstattet Anzeige. Die Polizei hält zwei Hochzeitsgäste an. Und eine der ersten Medienmeldungen erklärt ausgerechnet Dewinter und seine Parteikollegin zu Festgenommenen. Die Richtigstellung folgte erst danach.