Vier Jahre lang schwieg Andreas Schöfbeck öffentlich über seine Entlassung nach der Warnung vor massenhaft codierten Corona-Impfnebenwirkungen. Jetzt redet der ehemalige Chef der BKK ProVita – und erhebt schwere Vorwürfe gegen Behörden, Verbände und den damaligen Umgang mit seinen Daten. Selbst ein bereits vereinbartes Gespräch mit dem Präsidenten des Paul-Ehrlich-Instituts platzte für ihn, weil er wenige Stunden zuvor fristlos gefeuert wurde. Und auch heute sagt Schöfbeck: Er würde den Brandbrief wieder schreiben.
Gegenüber Multipolar erklärt der heute 63-Jährige erstmals ausführlich, warum er so lange geschwiegen hat. Sein Vertrag bei der BKK ProVita wäre regulär bis Ende 2024 gelaufen. Auf Rat seines Anwalts habe er sich während dieser Zeit öffentlich zurückgehalten und danach zunächst das Ende seines Rechtsstreits abwarten wollen. Doch der zieht sich weiter hin. Deshalb geht Schöfbeck jetzt an die Öffentlichkeit. „Die haben das alle ignoriert“, sagt Schöfbeck heute über jene Stellen, an die er seinen Brandbrief im Februar 2022 geschickt hatte. Dazu gehörten neben dem Paul-Ehrlich-Institut auch der GKV-Spitzenverband, der BKK-Dachverband, die Bundesärztekammer, die Kassenärztliche Bundesvereinigung und die STIKO. Erst nachdem die „Welt“ über seine Auswertung berichtet hatte, habe sich das PEI bei ihm gemeldet.
Schöfbeck hatte damals Daten von knapp elf Millionen BKK-Versicherten untersuchen lassen. 216.695 Versicherte waren mit entsprechenden ICD-Codes erfasst worden. Daraus errechneten er und Datenanalyst Tom Lausen für Deutschland 2,5 bis drei Millionen Menschen, die 2021 wegen entsprechend codierter Reaktionen nach einer Corona-Impfung ärztlich behandelt worden sein könnten. Die Codes erfassten Reaktionen unterschiedlicher Schwere. Schöfbecks Forderung war simpel: Bei einer solchen Größenordnung muss genauer hingeschaut werden. Report24 hatte das Originalschreiben Schöfbecks 2022 ebenfalls veröffentlicht. Darin sprach er von einem „heftigen Warnsignal bei codierten Impfnebenwirkungen nach Corona Impfung“ und forderte eine umgehende Prüfung der Daten.
Er erhielt großen Zuspruch – und wurde medial attackiert
Schöfbeck sagt heute, dass seine Auswertung auch innerhalb der Kassenwelt geprüft worden sei. Der damalige Vorstandsvorsitzende des BKK-Dachverbands habe die Analyse vom eigenen Controlling prüfen lassen und sei zu keinem anderen Ergebnis gekommen. Auch der BKK-Landesverband Bayern habe die Zahlen nach seiner Darstellung geprüft und für valide gehalten. Später seien weitere Kassendaten in vergleichbaren Größenordnungen aufgetaucht. Nach Veröffentlichung seines Briefes brach eine Welle von Reaktionen über ihn herein. Rund 1.500 E-Mails und zahlreiche Anrufe habe er innerhalb kurzer Zeit erhalten. Ärzte, Physiotherapeuten, Hebammen und Betroffene hätten ihm Beobachtungen nach den Impfungen geschildert. Auch die Tübinger Notärztin Lisa Federle und Oberbürgermeister Boris Palmer hätten Kontakt aufgenommen. Die Resonanz zeigt, wie stark das Thema damals sofort eingeschlagen hatte.
Mit den Medien geht der ehemalige Kassenchef hart ins Gericht. Statt seine Zahlen zu prüfen, hätten sich viele Berichte auf seine Person, Kontakte und frühere Äußerungen gestürzt. Der „Spiegel“ habe ihn beispielsweise gar nicht kontaktiert, obwohl das Magazin ausführlich Kritik an seiner Auswertung veröffentlichte. Kritische Fragen, sagt Schöfbeck heute, wären kein Problem gewesen. Nur gestellt worden seien sie kaum. Am 1. März 2022 wurde die Sache dann persönlich. Nachdem die „Welt“ über seinen Brandbrief berichtet hatte, meldete sich das Paul-Ehrlich-Institut. Schöfbeck wollte die Daten persönlich erläutern und bestand darauf, dass auch der damalige PEI-Präsident Klaus Cichutek teilnimmt. Der Termin wurde für 16 Uhr angesetzt. Am selben Vormittag trat außerplanmäßig der Verwaltungsrat der BKK ProVita zusammen. Gegen 13 oder 13.30 Uhr, so Schöfbeck, wurde ihm mitgeteilt, dass er fristlos gekündigt sei. Wenige Stunden später sollte er mit dem Chef jener Behörde sprechen, die in Deutschland die Sicherheit von Impfstoffen überwacht. Schöfbeck war da bereits draußen.
Unbequeme Fragen mochte man nicht
Die BKK ProVita bestätigte damals offiziell, dass sich der Verwaltungsrat mit sofortiger Wirkung von ihm getrennt hatte. Zu den Gründen äußerte sich die Kasse zunächst nicht. Das Gespräch mit dem PEI fand trotzdem statt – ohne Schöfbeck. Nach seiner heutigen Darstellung nahm Tom Lausen noch kurz an der Videokonferenz teil. Ihm sei allerdings der Ton abgedreht worden, sodass er nicht habe sprechen können. Schöfbecks damaliger Stellvertreter habe den Termin anschließend rasch beendet. Ein Gespräch über ein mögliches Millionensignal bei Impfreaktionen war angesetzt worden. Der Mann, der dieses Signal gemeldet hatte, wurde wenige Stunden vorher auf die Straße gesetzt.
Die BKK ProVita präsentierte später eine völlig andere Lesart. In einer Stellungnahme vom 11. April 2022 warf sie Schöfbeck vor, im Alleingang gehandelt, Fachabteilungen und Verwaltungsrat umgangen und seine persönliche kritische Haltung gegenüber den Corona-Impfungen mit seiner Datenauswertung verbunden zu haben. Seine Entlassung sei eine Konsequenz aus diesen Pflichtverletzungen gewesen. Schöfbeck widerspricht bis heute. Für ihn hängt seine Entlassung unmittelbar mit dem Schreiben an das PEI und den anschließenden Medienauftritten zusammen. Auch juristisch ist der Fall noch nicht abgeschlossen. Nach seinen Angaben hob das Landgericht München I im Juni 2025 zwei Kündigungen wegen Formfehlern auf. Die BKK ProVita ging dagegen in Berufung. Das Verfahren liege inzwischen beim Oberlandesgericht München. Während sich jahrelang vieles um Schöfbeck selbst drehte, blieb eine andere Frage liegen: Was zeigen die Versichertendaten tatsächlich?
Die Schweigespirale drehte sich immer weiter
Report24 blieb an dieser Spur dran. Schon 2022 berichteten wir über weitere Hinweise auf eine erhebliche Untererfassung von Impfnebenwirkungen. Später tauchten Dokumente auf, aus denen hervorging, dass sich die BKK ProVita mit dem GKV-Spitzenverband über den Umgang mit Anfragen zur Herausgabe entsprechender Daten abstimmte. In einer E-Mail vom September 2022 hieß es, man wolle sich bei der Datenherausgabe „weiterhin ablehnend positionieren“.
Auch beim Paul-Ehrlich-Institut zog sich die große Auswertung der Versichertendaten über Jahre hin. Report24 berichtete im November 2025, dass die angekündigte Analyse zur Sicherheit der Corona-Impfstoffe noch immer nicht fertig vorlag. Das PEI erklärte damals, vollständige KV-Daten lägen erst seit Ende März 2025 vor und würden für die Auswertung vorbereitet.
Schöfbeck lebt inzwischen mit seiner Frau in Portugal. Beruflich ist das Kapitel BKK ProVita für ihn beendet. Seine damalige Entscheidung nimmt er trotzdem nicht zurück. Auf die Frage, ob er den Brandbrief mit dem Wissen von heute erneut schreiben würde, antwortet er mit Ja. Vier Jahre später ist Schöfbecks Karriere bei der Kasse Geschichte. Die Frage hinter seinem Brandbrief ist es nicht.
