Winter-Schock droht: Deutschland nur noch 56 Prozent Gas – LNG 150 Prozent teurer

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Europa steuert mit ungewöhnlich schwach gefüllten Gasspeichern auf den Winter zu und muss nun auf dem Weltmarkt um Flüssigerdgas kämpfen. Während asiatische Käufer vor den extrem hohen Spotpreisen zurückweichen, zieht Europa begehrte LNG-Ladungen mit höheren Preisen an. Seit Februar verteuerte sich Flüssiggas auf dem asiatischen Spotmarkt um rund 150 Prozent. Brüssels Versprechen einer sicheren und widerstandsfähigen Energieversorgung trifft damit auf einen Weltmarkt, auf dem im Ernstfall die Zahlungsbereitschaft für Extrempreise entscheidet.

Die LNG-Tanker fahren zu den Käufern, die genügend zahlen. Und derzeit muss Europa genau das tun. Nach Daten des Analysehauses Kpler dürften die asiatischen LNG-Importe im September auf 20,09 Millionen Tonnen sinken – den niedrigsten Septemberwert seit acht Jahren. Ein Jahr zuvor waren es noch 22,27 Millionen Tonnen gewesen. China, Indien und Pakistan reduzieren ihre Käufe angesichts der hohen Spotpreise. Europa geht den entgegengesetzten Weg: Die Einfuhren sollen im September 7,98 Millionen Tonnen erreichen und im Oktober bereits auf bis zu 10,53 Millionen Tonnen steigen. Reuters beschreibt offen, wie der Rückzug preissensibler asiatischer Käufer zusätzliche Ladungen für Europa freimacht. Die Europäer können ja auch dafür zahlen.

Der Preis dafür steigt rasant. LNG für Nordostasien kostete in der Woche bis zum 11. September rund 26 Dollar je Million British Thermal Units. Ende Februar waren es noch etwa 10,40 Dollar. Innerhalb weniger Monate schoss der Spotpreis damit um rund 150 Prozent nach oben. Die jüngste Eskalation verursacht vor allem der massive Ausfall katarischer LNG-Lieferungen infolge der Krise rund um die Straße von Hormus. Europa trifft dieser Schock jedoch in einer Phase, in der es einen wachsenden Teil seiner Gasversorgung auf den globalen LNG-Handel verlagert hat. OilPrice fasst die Lage entsprechend zusammen: Europa kauft weiter, obwohl LNG teuer ist. Nach Angaben des Portals erreichten die europäischen LNG-Importe 2025 mit 125,20 Millionen Tonnen bereits einen Rekord. In den ersten acht Monaten dieses Jahres sollen es laut Kpler schon 117,01 Millionen Tonnen gewesen sein. Ein neuer Höchststand zeichnet sich ab.

Leere Speicher, hohe Preise

Besonders schlecht sieht Europas Ausgangslage bei den Speichern aus. Gas Infrastructure Europe meldete für den 18. September lediglich 69,06 Prozent Füllstand in der EU. Deutschland lag bei erschreckend niedrigen 56,12 Prozent, die Niederlande bei 54,1 Prozent. In deutschen Speichern befanden sich damit zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 138,9 Terawattstunden Gas. Für Europas größte Volkswirtschaft ist das eine dünne Reserve für einen Winter, dessen Verlauf niemand garantieren kann. Brüssel sieht dennoch keinen unmittelbaren Anlass zur Sorge. Die EU-Kommission erklärt offiziell, für den Winter 2026/27 bestehe „kein unmittelbarer Grund zur Sorge um die Versorgungssicherheit“. Gleichzeitig verweist sie auf die Abkehr von der früheren starken Abhängigkeit von einem einzelnen Gaslieferanten und auf zusätzliche LNG-Kapazitäten als Pfeiler der neuen europäischen Versorgungspolitik.

Doch genau hier liegt das Problem. LNG ist mobil und weltweit handelbar. Wird Gas knapp, kann eine Ladung umgeleitet werden. Käufer konkurrieren unmittelbar über den Preis. Asiatische Schwellenländer reduzieren ihre Spotkäufe bereits, weil die Kosten zu hoch werden. Europa kann sich einen solchen Rückzug vor dem Winter kaum leisten. Parallel dazu schließt die EU russisches Gas politisch Schritt für Schritt aus dem europäischen Markt aus. Das Importverbot ist seit 2026 in Kraft und sieht Übergangsfristen für bestehende Verträge vor. Bei langfristigen LNG-Verträgen endet diese Frist am 1. Januar 2027. Langfristiges russisches Pipelinegas soll ab dem 30. September 2027 verboten sein; werden die Speicherziele nicht erreicht, spätestens ab dem 1. November. Der Rat der Europäischen Union bezeichnet diesen Kurs ausdrücklich und nicht etwa als Scherz als Beitrag zu einer sicheren und unabhängigen europäischen Energieversorgung.

Neue Abhängigkeiten entstehen

Unabhängig von Energieimporten wird Europa dadurch freilich nicht. Die Lieferwege und Lieferländer ändern sich. Besonders deutlich zeigt sich das bei US-Flüssiggas. Nach Reuters-Angaben deckt LNG aus den Vereinigten Staaten inzwischen rund 22 Prozent des europäischen Gasbedarfs. 2021 waren es weniger als fünf Prozent. Gleichzeitig stieg der europäische TTF-Gaspreis seit Beginn der jüngsten Nahostkrise von ungefähr 30 auf etwa 80 Euro je Megawattstunde. Morgan Stanley hält laut Reuters bei anhaltenden Lieferausfällen und einem kalten Winter sogar Preise um 200 Euro je Megawattstunde für möglich. Solche Preise treffen über Strom, Heizung und Produktionskosten direkt Haushalte und Industrie.

Deutschland hat seinen eigenen energiepolitischen Spielraum zusätzlich verkleinert. Die letzten Kernkraftwerke wurden abgeschaltet, während Kohlekraftwerke schrittweise aus dem Markt gedrängt werden sollen. OilPrice verweist auf den entscheidenden Unterschied zu Teilen Asiens: Staaten, die teures Spot-LNG nicht bezahlen wollen oder können, greifen verstärkt auf Kohle zurück. Deutschland hat mit dem vollständigen Atomausstieg zusätzlich eine gesicherte Stromquelle aus dem Netz genommen. Der Bieterwettbewerb könnte im Winter noch härter werden. Reuters berichtet, dass die weltweiten Energiemärkte bereits einen erheblichen Teil ihrer Reserven zum Abfedern von Versorgungsausfällen verbraucht haben. Shell und Equinor warnen vor einer längeren Phase knapper Angebote und hoher Schwankungen. Seit Beginn der Eskalation im Nahen Osten sollen dem LNG-Markt rund 36 Millionen Tonnen Angebot verloren gegangen sein.

Hoffen auf einen milden Winter

Ein milder Winter könnte Europa erneut helfen. Ein kalter Winter würde den Gasverbrauch dagegen drastisch erhöhen. Reuters verweist auf Schätzungen, wonach dann rund 30 Milliarden Kubikmeter zusätzlicher Gasbedarf entstehen könnten. Niedrige Speicher und ein eingeschränktes Angebot würden Europas Rechnung entsprechend verteuern.

Brüssel verweist auf Diversifizierung, zusätzliche LNG-Terminals und eine angeblich widerstandsfähigere Energieversorgung. Die Marktdaten liefern ein deutlich weniger beruhigendes Bild: EU-Speicher bei 69 Prozent, Deutschland bei 56 Prozent, LNG-Spotpreise 150 Prozent über dem Februar-Niveau und europäische Käufer, die ihre Einfuhren ausgerechnet auf diesem Preisniveau kräftig steigern müssen. Europa hat das russische Gas aus ideologischen Gründen immer weiter aus seinem Energiemix gedrängt und gleichzeitig einen größeren Teil seiner Versorgung an den globalen LNG-Handel gebunden. Nun reicht eine schwere Störung am Persischen Golf, um die negativen Konsequenzen dieser Strategie sichtbar zu machen. Wenn Gas knapp wird, fährt die Ladung dorthin, wo am meisten bezahlt wird.

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