Frankreichs Schuldenproblem wird immer hässlicher. Paris hat seine Wachstumsprognose für 2026 innerhalb weniger Monate halbiert, das Defizitziel ist schon wieder Makulatur und allein der Schuldendienst verschlingt inzwischen 65 Milliarden Euro. An den Finanzmärkten wächst das Misstrauen: Der Renditeabstand französischer Staatsanleihen zu deutschen Bundesanleihen ist so groß wie seit der Euro-Schuldenkrise 2012 nicht mehr – und damit wird Frankreich zunehmend zum Risiko für die gesamte Währungsunion.
Noch zu Jahresbeginn rechnete die französische Regierung mit 1,0 Prozent Wirtschaftswachstum. Dann ging es Schlag auf Schlag bergab: Im April wurden daraus 0,9 Prozent, im Juli 0,7 Prozent und jetzt gerade noch 0,5 Prozent. Das französische Statistikamt INSEE ist noch pessimistischer und erwartet lediglich 0,4 Prozent. Frankreich ist laut INSEE sogar die einzige große entwickelte Volkswirtschaft, deren Wachstum sich in diesem Jahr abschwächen dürfte.
Beim Staatshaushalt folgt dasselbe Muster. Ursprünglich wollte Paris das Defizit 2026 auf 4,7 Prozent der Wirtschaftsleistung drücken. Später wurden daraus bereits 5,0 Prozent. Jetzt muss Wirtschafts- und Finanzminister Roland Lescure eingestehen, dass selbst dieses aufgeweichte Ziel nicht mehr zu halten ist. „Fünf Prozent sind keine Option mehr“, erklärte er. Frankreich werde mit einem Defizit von mehr als fünf Prozent aus dem Jahr gehen. Wie hoch das Loch tatsächlich ausfällt, lässt die Regierung bislang offen.
Damit liefert Paris innerhalb weniger Monate eine kontinuierliche Serie nach unten korrigierter Versprechen: weniger Wachstum, ein größeres Haushaltsloch und steigende Finanzierungskosten. Während die Wirtschaft praktisch auf der Stelle tritt, wächst der Schuldenberg gnadenlos weiter.
65 Milliarden Euro nur für die Schulden
Besonders brutal schlägt inzwischen der Schuldendienst zu. Frankreich muss 2026 rund 65 Milliarden Euro dafür aufbringen – 4,5 Milliarden Euro mehr als ursprünglich eingeplant. Der Schuldendienst ist damit zum größten einzelnen Ausgabenposten des französischen Staatshaushalts aufgestiegen. Paris steckt damit immer tiefer in der Zinsfalle. Die französische Staatsschuld liegt bereits bei mehr als 3,5 Billionen Euro beziehungsweise rund 117 Prozent der Wirtschaftsleistung. Gleichzeitig laufen alte Anleihen aus den Jahren extrem niedriger Zinsen aus und müssen zu deutlich höheren Konditionen ersetzt werden. So frisst sich das höhere Zinsniveau nach und nach immer tiefer in den Staatshaushalt.
Die Regierung versucht, gegenzusteuern, und hat zusätzliche Sparmaßnahmen von 1,3 Milliarden Euro für den Haushalt 2026 angekündigt. Der Größenvergleich zeigt das ganze Dilemma: Paris kratzt mühsam 1,3 Milliarden Euro zusammen, während der Schuldendienst um mehr als das Dreifache zulegt und bereits rund 65 Milliarden Euro verschlingt. Auch die Finanzmärkte werden nervöser. Der Renditeaufschlag französischer zehnjähriger Staatsanleihen gegenüber deutschen Bundesanleihen stieg laut Reuters auf den höchsten Stand seit 2012. Damals steckte Europa mitten in der Staatsschuldenkrise. Investoren lassen sich das höhere französische Risiko damit wieder deutlich stärker bezahlen.
Report24 hatte bereits Anfang August auf die gefährliche Entwicklung hingewiesen. Allein im ersten Halbjahr 2026 hatte Frankreich ein Haushaltsloch von 107 Milliarden Euro angehäuft. Wenige Wochen später zeigten wir, wie die hohen Refinanzierungskosten Frankreich und andere hoch verschuldete Euro-Staaten immer stärker unter Druck setzen.
Frankreich wird zum Problem für den Euro
Frankreich ist kein kleiner Euro-Randstaat, dessen Probleme Brüssel im Ernstfall – wie schon im Zuge der Krise 2008/2009 – mit einigen Milliarden zudecken könnte. Das Land ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Eurozone, einer ihrer größten Schuldner und ein politisches Schwergewicht der EU. Gerät das Vertrauen in französische Staatsanleihen ernsthaft ins Rutschen, trifft das die gesamte Währungsunion.
Die Rechnung für Paris wird derweil immer unangenehmer: kaum noch Wachstum, ein Haushaltsdefizit von mehr als fünf Prozent, mehr als 3,5 Billionen Euro Staatsschulden und ein Schuldendienst, der bereits jeden anderen einzelnen Ausgabenposten überholt hat. Gleichzeitig steht Frankreich 2027 vor einer Präsidentschaftswahl. Harte Ausgabenkürzungen, weitere Steuererhöhungen oder noch mehr Schulden bergen damit gewaltigen politischen Sprengstoff.
Jahrelang konnte Paris immer neue Schulden auftürmen und von extrem niedrigen Finanzierungskosten profitieren. Jetzt dreht sich der Mechanismus gegen Frankreich: Alte Billigschulden laufen aus, neue Kredite werden teurer, der Schuldendienst wächst – während die Wirtschaft kaum noch vom Fleck kommt und die Regierung ihre eigenen Haushaltsziele ein ums andere Mal kassiert. Frankreich rutscht tiefer in die Schuldenfalle. Und diesmal sitzt einer der größten Staaten Europas mitten im Zentrum des Problems – samt Euro.
