Polens stille Migrationswelle: In Kleinstädten ist schon jeder Dritte Ausländer

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Polen gilt vielen Europäern als Gegenmodell zur westlichen Migrationspolitik. Eine geschlossene Grenze zu Belarus, deutliche Worte aus Warschau, wenig Geduld mit Brüsseler Umverteilungsplänen. Doch abseits der Schlagbäume läuft längst eine andere Migrationswelle: Unternehmen und Zeitarbeitsfirmen holen hunderttausende ausländische Arbeitskräfte ins Land. In einzelnen Kleinstädten stellen Ausländer inzwischen fast ein Drittel der Bevölkerung.

Ende 2025 lebten laut den Daten des polnischen Statistikamtes GUS rund 2,3 Millionen ausländische Staatsbürger in Polen. Binnen eines Jahres kamen fast 215.000 hinzu. Landesweit liegt ihr Anteil damit bei knapp sechs Prozent, rund 73 Prozent von ihnen sind Ukrainer. Der Landesdurchschnitt verdeckt jedoch gewaltige Unterschiede zwischen den Regionen. In Mszczonów in der Woiwodschaft Masowien liegt der Ausländeranteil bereits bei 31,7 Prozent. In Mława sind es 27,8 Prozent. Warschau kommt dagegen auf 14,5 Prozent, Krakau auf 11,3 Prozent. In kleinen Industriestädten schreitet die demografische Veränderung damit teilweise wesentlich schneller voran als in den großen Metropolen.

Dahinter steht vor allem der Hunger der Wirtschaft nach billigen Arbeitskräften. Fabriken, Logistikzentren, Lebensmittelbetriebe, Möbelhersteller und landwirtschaftliche Unternehmen holen Personal aus dem Ausland, weil viele Polen diese oft schlecht bezahlten und körperlich anstrengenden Jobs nicht mehr übernehmen wollen. Besonders betroffen sind kleinere Städte und Gemeinden, in deren Umgebung solche Betriebe sitzen. Dort reichen einige tausend zusätzliche Migranten aus, um die Bevölkerungsstruktur innerhalb weniger Jahre massiv zu verändern. Beim Olefiny-III-Projekt des Energiekonzerns Orlen nahe Płock entstand bereits 2023 eine Containersiedlung, die für rund 6.000 ausländische Arbeiter ausgelegt war.

Polen ist inzwischen Europas Schwergewicht bei der Arbeitsmigration. Allein 2024 stellte das Land 337.874 erstmalige Aufenthaltstitel aus Arbeitsgründen aus – mehr als jeder andere EU-Mitgliedstaat. Die meisten gingen an Ukrainer und Belarussen – Leute also, die sprachlich und kulturell den Polen deutlich näher sind als irgendwelche Nahöstler oder Afrikaner. Insgesamt stellte Polen 2024 rund 489.000 erstmalige Aufenthaltstitel aus und lag damit EU-weit auf Platz drei hinter Spanien und Deutschland. Die harte Migrationsrhetorik aus Warschau trifft damit auf eine Wirtschaft, die immer größere Mengen ausländischer Arbeitskräfte ins Land zieht.

Ausbeutung durch Arbeitsagenturen

Das Geschäft mit den Arbeitsmigranten läuft zu einem erheblichen Teil über Zeitarbeits- und Vermittlungsagenturen. Mehr als 700.000 Menschen arbeiten in Polen inzwischen im Bereich der Zeitarbeit. Was die staatliche Arbeitsinspektion PIP bei ihren Kontrollen fand, ist jedoch verheerend: 2025 stellte sie bei 95,8 Prozent der überprüften Agenturen Verstöße fest. Insgesamt führte sie 210 Kontrollen bei 191 Unternehmen durch. Beanstandet wurden unter anderem falsche Vertragsformen, Probleme bei der Bezahlung, fehlende medizinische Untersuchungen und Verstöße gegen andere arbeitsrechtliche Vorgaben.

Hinzu kommen Berichte über noch üblere Methoden. Migranten schilderten gegenüber polnischen Medien überfüllte Unterkünfte, Gebühren für Schutzkleidung, medizinische Untersuchungen und Aufenthaltspapiere sowie Arbeit an sieben Tagen in der Woche. Auch Fälle von Menschenhandel und einbehaltenen Reisedokumenten beschäftigen die Behörden. Im Mai nahm der polnische Grenzschutz drei Verdächtige fest, die über rund 130 Scheinfirmen mehr als 11.000 falsche Erklärungen über die Beschäftigung von Ausländern eingereicht haben sollen. Diese Dokumente dienten laut Grenzschutz als Grundlage für Visa und die Einreise nach Polen.

Polens harte Migrationslinie hat damit eine gewaltige Schwachstelle: die Arbeitsmigration. An der Grenze zu Belarus setzt Warschau Soldaten, Zäune und schärfere Regeln gegen illegale Einreisen ein, während Unternehmen und Vermittler im Landesinneren hunderttausende Migranten auf den Arbeitsmarkt holen. Zwischen 2018 und 2023 stellte Polen mehr als vier Millionen Visa für Menschen aus Nicht-EU-Staaten aus. Arbeitgeber drängten auf immer einfacheren Zugang zu ausländischen Arbeitskräften, während sich die Politik öffentlich als Gegenmodell zur westlichen Massenzuwanderung präsentierte. Doch immer mehr Menschen in Polen haben genug von dieser Migrationspolitik.

Besonders hart trifft diese Entwicklung nämlich vor allem jene Orte, die kaum jemand außerhalb Polens kennt. Großstädte können die Dimensionen in ihren Einwohnerzahlen noch kaschieren. In kleineren Städten schlagen schon wenige tausend zusätzliche Migranten voll durch – und verändern die Bevölkerungsstruktur binnen weniger Jahre tiefgreifend. Mszczonów mit 31,7 Prozent und Mława mit 27,8 Prozent zeigen, wohin dieses Modell führen kann. Polen wollte die Fehler Westeuropas vermeiden – und baut sich über die Hintertür der billigen Arbeitsmigration seine ganz eigenen Probleme auf.

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