Jeffrey Epsteins Netzwerk zieht immer weitere Kreise – und jetzt greift die italienische Justiz zu. Die Staatsanwaltschaft Rom ermittelt wegen des Verdachts sexueller Gewalt und fordert von den USA auch jene Epstein-Akten an, die Washington weiterhin unter Verschluss hält. In den bereits bekannten Unterlagen führen Spuren nach Rom, Mailand, Capri, an die Amalfiküste und die Costa Smeralda – mit Kontakten bis hinein in höchste Wirtschafts- und Gesellschaftskreise.
Mittlerweile tut sich auch in Italien etwas in Sachen Epstein-Files. So läuft derzeit ein Verfahren gegen Unbekannt und wird vom stellvertretenden Chefankläger Maurizio Arcuri koordiniert. Die Staatsanwälte in Rom haben ein Rechtshilfeersuchen an das US-Justizministerium geschickt. Sie wollen dabei ausdrücklich auch Material sehen, das bislang nicht veröffentlicht wurde. Geklärt werden soll, ob Italiener im Ausland oder Personen auf italienischem Boden in Sexualstraftaten verwickelt waren, die von der italienischen Justiz verfolgt werden können. Aus jahrzehntelangem Schweigen, Aktenbergen und prominenten Bekanntschaften wird damit zumindest in Italien endlich eine Angelegenheit für die Staatsanwaltschaft.
Epstein-Spuren von Mailand bis Capri
Ins Rollen gebracht hatte das Verfahren die Organisation Differenza Donna mit einer Anzeige vom 26. März. Darin geht es um den Verdacht auf Menschenhandel, sexuelle Gewalt und sexuelle Ausbeutung von Frauen, Mädchen und Minderjährigen im Zusammenhang mit den vom US-Justizministerium freigegebenen Epstein-Dokumenten. Die italienischen Spuren darin sind offenbar recht konkret. Immer wieder tauchen Aufenthalte, Reisen und Kontakte in Italien auf: Capri, die Amalfiküste, Costa Smeralda, Mailand und Rom. Für die italienischen Behörden ist dies Grund genug, zu ermitteln.
Differenza Donna verweist zudem auf Personen aus international bedeutenden Wirtschafts- und Gesellschaftskreisen, die nach Ansicht der Organisation innerhalb von Epsteins Netz aus sexueller Ausbeutung und Vergewaltigungen eine Rolle gespielt haben könnten. Genau das sollen nun Staatsanwälte überprüfen. Die Dimension ist beträchtlich. Die von „La Repubblica“ veröffentlichten Details zeigen, wie viel Material allein zur italienischen Spur vorhanden ist. Die Anzeige nennt selbst keine Beschuldigten, verweist jedoch auf vier näher beschriebene Profile und ein separates Verzeichnis von Dokumenten, das der Staatsanwaltschaft übergeben wurde. Darin beginnt das große Namen- und Aktenpuzzle.
1.251 Treffer, 16 Jahre Kontakt – und Epsteins Insel
Als erster namentlich genannter Italiener erscheint der Finanzier Tancredi Marchiolo, der zahlreiche E-Mails mit Epstein ausgetauscht haben soll. Danach folgt ein bislang nicht öffentlich genannter Mann, bei dem die Zahlen erheblich größer werden: 1.251 Erwähnungen in den Akten des US-Justizministeriums, mindestens 16 Jahre Korrespondenz von 2003 bis 2019 und laut Anzeige persönliche Aufenthalte auf Epsteins Zorro Ranch in New Mexico sowie auf Little Saint James in der Karibik.
Ein weiterer Name führt direkt ins Umfeld einer der mächtigsten italienischen Unternehmerdynastien: Eduardo Teodorani Fabbri. Dabei handelt es sich um den Sohn von Maria Sole Agnelli und Cousin zweiten Grades von John und Lapo Elkann. Unter verschiedenen Schreibweisen seines Namens findet er sich laut „Repubblica“ in mehr als tausend Dokumenten sowie in hunderten E-Mails und weiteren Verbindungen. Teodorani war unter anderem Spitzenmanager bei Exor, Fiat, New Holland und CNH International.
Das Verzeichnis führt außerdem eine weitere italienische Person auf, die in den Akten laut „Repubblica“ als „Epsteins Ansprechpartner für Italien“ bezeichnet worden sein soll. Bei einem anderen Italiener soll der Name zu jenen gehören, die das US-Justizministerium zunächst schwärzte und später dem Kongress meldete. Weitere sechs Italiener hält Differenza Donna für überprüfenswert. Dahinter wartet noch ein wesentlich größerer Kreis: Rund 40 italienische Namen finden sich im Adressbuch von Epsteins ehemaligem Butler Alfredo Rodriguez.
US-Abgeordneter fordert Ermittlungen gegen prominente Namen
Teodorani war bereits wenige Tage zuvor im US-Kongress zum Thema geworden. Der republikanische Abgeordnete Thomas Massie, der gemeinsam mit dem Demokraten Ro Khanna seit Monaten auf die vollständige Freigabe der Epstein-Akten drängt, nannte ihn bei einer Rede im Repräsentantenhaus ausdrücklich unter den Personen, gegen die seiner Ansicht nach ermittelt werden sollte. Auch Lapo Elkann stand auf Massies Liste.
Bei Elkann ist die Aktenlage eine andere: Sein Name steht laut „Repubblica“ nicht in der italienischen Anzeige. Er erklärt, Epstein lediglich zweimal bei öffentlichen Veranstaltungen getroffen zu haben; direkte Korrespondenz mit ihm sei in den veröffentlichten Akten nicht vorhanden. Elkann bezeichnete Massies Äußerungen als „inakzeptabel“ und kündigte an, seinen Ruf juristisch zu verteidigen.
Massies Forderungen sind politische Anschuldigungen und keine Gerichtsurteile. Doch der Republikaner legte den Finger zugleich auf den vielleicht größten offenen Punkt des gesamten Epstein-Komplexes: Nach seinen Angaben hält die US-Regierung mehr als drei Millionen Dokumente weiterhin zurück. Massie und Khanna wollen mit einem zweiten Epstein Files Transparency Act den Zugriff auf diese Akten erzwingen. Sie wollen den Opfern sowie den Staatsanwälten zusätzliche Möglichkeiten geben, an bislang geheim gehaltenes Material zu kommen.
Millionen Akten – und noch immer kein Ende
Damit liegt das eigentliche Problem offen auf dem Tisch. Sieben Jahre nach Epsteins Tod werden noch immer Millionen Dokumente zurückgehalten, während Stück für Stück neue Verbindungen zu Finanzleuten, Unternehmern, Prominenten und gesellschaftlichen Schwergewichten auftauchen. Die italienischen Staatsanwälte wollen sich mit dem bereits veröffentlichten Häppchenwerk offenbar nicht zufriedengeben. Sie verlangen auch die Akten, die Washington bislang vor der Öffentlichkeit geheim hält.
Und genau dort dürfte es unangenehm werden. Epstein bewegte sich jahrzehntelang in einer Welt, in der Milliardäre, Politiker, Adelige und Geschäftsleute einander die Türen öffneten. Jetzt muss geklärt werden, wer lediglich seinen Namen im Adressbuch stehen hatte, wer mit ihm Geschäfte machte, wer über Jahre mit ihm verkehrte – und wer wusste, was hinter den Mauern seiner Anwesen geschah.
Rom hat angefangen, zu graben. Es bleibt abzuwarten, wie viel von Epsteins italienischem Netzwerk zum Vorschein kommt, wenn Washington tatsächlich die entsprechenden Datensätze liefern muss. Bei mehr als drei Millionen noch zurückgehaltenen Dokumenten dürfte jedenfalls niemand behaupten können, die Geschichte sei längst vollständig erzählt. Doch wie kooperativ werden die US-Behörden sein?
