Der frühere ukrainische Verteidigungsminister sagt inzwischen offen, dass sein Land den Krieg langsam verliert. Kiew fehlen Soldaten und Abfangraketen, während Russland seine Truppen, Raketen und Drohnen leichter ersetzen kann. Gleichzeitig frisst der Iran-Krieg amerikanische Waffenbestände auf – wenige Monate vor einem Winter, in dem Moskau erneut die ukrainische Energieversorgung angreifen dürfte.
Mychajlo Fedorow leitete bis vor wenigen Tagen selbst das ukrainische Verteidigungsministerium. Nach seiner Ablösung sprach er aus, was in Kiew lange niemand öffentlich sagen wollte: Die Ukraine verliere den Krieg derzeit „allmählich, langsam“. Ohne grundlegende Veränderungen blieben nur wenige Monate, um den Verlauf noch zu drehen. Bereits im Januar legte Fedorow dem ukrainischen Parlament verheerende Zahlen vor. Rund 200.000 Soldaten waren desertiert oder unerlaubt von ihren Einheiten abwesend, etwa zwei Millionen Männer entzogen sich der Mobilisierung. Hinzu kamen Versorgungsmängel, eine ausufernde Militärbürokratie und Führungsstrukturen, die Fedorow selbst als überholt bezeichnete.
Geld kann Waffen kaufen, sofern diese irgendwo produziert werden. Fehlende Soldaten lassen sich damit nicht ersetzen. Kiew kann die Mobilisierung verschärfen, das Einberufungsalter senken oder Männer noch aggressiver von den Straßen holen lassen – doch damit entstehen noch keine erfahrenen Infanteristen, Pioniere oder Luftabwehrspezialisten. Jeder Gefallene und jeder Deserteur reißt eine Lücke, die Ausbildung, Erfahrung und Zeit kostet. Von allem dreien besitzt die Ukraine immer weniger.
Russland kann den Verschleiß länger verkraften
Auch Russland verliert viele Soldaten. Moskau verfügt jedoch über eine vielfach größere Bevölkerung, zahlt hohe Antrittsprämien und kann die Rekrutierung über Regionen, Freiwilligenprogramme und weitere Einberufungen ausweiten. Selenskyj behauptet, der Kreml plane nach den russischen Parlamentswahlen im September die Mobilisierung weiterer 300.000 Männer. Russland hat diese Zahl allerdings bislang nicht bestätigt. Sollte die Einberufung kommen, würden die neuen Truppen während des Winters ausgebildet und könnten im kommenden Frühjahr eingesetzt werden – wenn die ukrainischen Reserven noch weiter geschrumpft sind.
Moskau braucht dafür keinen spektakulären Durchbruch und keinen Marsch auf Kiew. Russland muss die Ukraine lediglich zwingen, mehr Soldaten, Munition und westliche Waffensysteme zu verbrauchen, als Kiew ersetzen kann. Ein paar weitere eroberte Dörfer mögen auf der Landkarte unbedeutend aussehen. Werden dafür ukrainische Reserven in verlustreiche Gegenangriffe geschickt, haben sie ihren Zweck aus russischer Sicht längst erfüllt.
Doch darin liegt für Moskau der Vorteil eines Abnutzungskrieges. Russland kann hohe eigene Verluste hinnehmen, solange die Verluste auf ukrainischer Seite den Gegner noch umfassender schwächen. Es geht dabei nicht um irgendwelche territoriale Eroberungen, sondern welche Seite nach einem weiteren Kriegsjahr noch genügend Soldaten, Raketen und Munition besitzt. Derzeit verschiebt sich diese Rechnung zugunsten Russlands.
Kiew gehen die Abfangraketen aus
Wolodymyr Selenskyj räumte Anfang August ein, dass die Ukraine 2026 bislang nur noch rund ein Drittel der Abfangraketenmenge des Vorjahres erhalten habe. Bei einem größeren russischen Angriff mit 28 Raketen konnte die ukrainische Luftabwehr nach seinen Angaben keine einzige davon abschießen. Gleichzeitig baut Moskau seine Produktion weiter aus. Ukrainische Stellen rechnen damit, dass Russland künftig bis zu 1.300 ballistische Raketen pro Jahr herstellen könnte. Gerade gegen ballistische Raketen ist Kiew auf amerikanische Patriot-Systeme angewiesen. Europa kann Milliarden überweisen und neue Artilleriemunition bestellen, produziert aber nicht annähernd genug der benötigten Abfangraketen. Im ersten Halbjahr 2026 stammten rund 30 Prozent der von europäischen Staaten bei Rüstungsunternehmen beschafften Ukraine-Hilfe aus amerikanischer Produktion. Bei der NATO-Initiative PURL kamen sogar mehr als 90 Prozent der gelieferten Waffen aus US-Beständen.
Diese Bestände werden inzwischen an anderer Stelle verbraucht. Amerikanische und NATO-Vertreter bezeichneten die Patriot-Vorräte der USA in Europa gegenüber der Nachrichtenagentur Associated Press als „mehr als kritisch“. Rund 65 Prozent des amerikanischen Patriot-Bestands sollen durch den seit sechs Monaten andauernden Krieg gegen den Iran verbraucht oder dort gebunden sein. Das Pentagon widerspricht der Darstellung eines kritischen Mangels. Doch jede Rakete, die amerikanische Stützpunkte oder Verbündete im Nahen Osten schützt, fehlt in der Ukraine. Selenskyj führt den Einbruch der Lieferungen selbst vor allem auf die Kriege im Nahen Osten zurück. Er vermutet zudem, Washington könne den Mangel nutzen, um Kiew bei künftigen Friedensgesprächen zu Zugeständnissen zu drängen. Über eine der wichtigsten militärischen Fähigkeiten der Ukraine entscheidet damit also nicht Kiew, sondern Washington – und für die Vereinigten Staaten ist die Ukraine längst nicht mehr der einzige Kriegsschauplatz.
Der Iran-Krieg hilft Moskau gleich doppelt
Der Krieg gegen den Iran nimmt der Ukraine nicht nur Abfangraketen weg. Er zwingt Washington auch dazu, seine Aufmerksamkeit, Flugzeuge, Schiffe, Munition und Aufklärungskapazitäten auf den Nahen Osten zu verlagern. Gleichzeitig bleibt China der wichtigste strategische Gegner der Vereinigten Staaten. Die Ukraine konkurriert damit um amerikanische Ressourcen, während Europa noch immer nicht in der Lage ist, die entscheidenden Lücken selbst zu schließen. Russland gewinnt durch diese Verschiebung Zeit und politischen Spielraum. Moskau unterhält enge Beziehungen zum Iran und kann seine Unterstützung für Teheran bei Gesprächen mit Washington als Hebel einsetzen. Das bedeutet nicht zwangsläufig einen offenen Handel nach dem Muster „Ukraine gegen den Iran“. Aber schon begrenzte russische Zugeständnisse im Nahen Osten könnten für die USA wichtiger werden als ein weiterer ukrainischer Versuch, einige Kilometer Frontlinie zurückzuerobern.
Die unangekündigte Reise von CIA-Direktor John Ratcliffe nach Moskau verdeutlicht diese neue Lage. Neben dem Ukrainekrieg wurde auch die russische Unterstützung für den Iran besprochen. Trump spielte Berichte herunter, Ratcliffe habe Moskau vor allem vor einem Angriff auf die NATO warnen sollen. Reuters zufolge kamen entsprechende Sorgen zwar zur Sprache, doch auch der Iran stand auf der Tagesordnung. Es war der erste bekannte Besuch eines CIA-Direktors in Russland seit William Burns’ Moskau-Reise im Jahr 2021. John Ratcliffe flog nicht nach Moskau, weil Washington plötzlich Gefallen an diplomatischen Höflichkeitsbesuchen gefunden hätte. Die Vereinigten Staaten und Russland haben Themen zu verhandeln, bei denen die Ukraine nur ein Teil einer wesentlich größeren Rechnung ist.
Der Winter trifft eine geschwächte Ukraine
Kyrylo Budanow rechnet nicht mehr mit einem Kriegsende vor dem Winter. Die ukrainische Führung erwartet neue russische Angriffe auf Kraftwerke, Umspannwerke, Heizsysteme und andere Teile der Energieversorgung. Moskau besitzt dafür große Mengen an Drohnen, Marschflugkörpern und ballistischen Raketen – während Kiew seine verbliebenen Abwehrsysteme auf immer mehr potentielle Ziele verteilen muss. Russland kann seine Angriffsschwerpunkte laufend wechseln. In einer Nacht treffen die Drohnen Häfen und Getreidesilos, in der nächsten Umspannwerke, Bahnlinien oder Rüstungsbetriebe. Kiew muss darauf reagieren und seine knappen Luftabwehrsysteme zwischen der Hauptstadt, den Schwarzmeerhäfen, militärischen Anlagen und Industriezentren verschieben. Was Odessa schützt, kann nicht gleichzeitig Charkow verteidigen.
Die Folgen ziehen sich durch die gesamte ukrainische Wirtschaft. Nachdem russische Angriffe die großen Schwarzmeerhäfen beeinträchtigt hatten, verlagerte sich wieder mehr Getreideverkehr auf die Donauroute. Ende August warteten zeitweise bis zu 70 Schiffe vor dem Sulina-Kanal. Zwischen dem 1. und 21. August exportierte die Ukraine nur 539.000 Tonnen Getreide; im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es noch 1,73 Millionen Tonnen. Beschädigte Häfen überlasten die Donau und das Bahnnetz. Angriffe auf die Stromversorgung verteuern anschließend Transport, Produktion und Reparaturen. Sinkende Exporte reißen weitere Löcher in den Staatshaushalt. Moskau muss die Ukraine nicht mit einem einzigen vernichtenden Schlag ausschalten. Es reicht, immer neue Schäden zu verursachen, die Kiew nur noch mit westlichem Geld notdürftig beheben kann.
Washington schiebt die Verantwortung nach Europa
Während Kiew auf weitere amerikanische Waffen hofft, bereitet das Pentagon die Europäer auf eine geringere Unterstützung vor. Elbridge Colby erklärte den NATO-Staaten am 27. August, Europa müsse die Führung bei seiner konventionellen Verteidigung zunehmend selbst übernehmen. Gleichzeitig überprüft das Pentagon die Stationierung von rund 80.000 US-Soldaten in Europa. Bis Anfang November soll Verteidigungsminister Pete Hegseth mehrere Optionen erhalten. Europa kann seine Verteidigungsausgaben erhöhen, neue Munitionsfabriken errichten und weitere Bestellungen aufgeben. Die amerikanischen Kapazitäten bei der Raketenabwehr, der Aufklärung, der Logistik und den weitreichenden Waffensystemen lassen sich jedoch nicht innerhalb weniger Monate ersetzen.
Ausgerechnet jetzt, da Kiew mehr amerikanische Hilfe bräuchte, will Washington seine Kräfte auf den Nahen Osten und den Indopazifik konzentrieren. Für Russland könnte die internationale Lage kaum günstiger sein. Die amerikanischen Waffenlager leeren sich im Iran-Krieg, Washington verlangt mehr Eigenverantwortung von Europa und führt gleichzeitig direkte Gespräche mit Moskau. Kiew verliert dadurch zwar nicht automatisch die gesamte westliche Unterstützung. Doch die Zeiten, in denen die Ukraine nahezu ungeteilte Aufmerksamkeit und bevorzugten Zugriff auf amerikanische Bestände genoss, sind vorbei.
Ukrainische Angriffe ändern die Kräfteverhältnisse nicht
Kiew kann Russland weiterhin empfindlich treffen. Die Angriffe auf russische Raffinerien drückten die Benzinproduktion Ende August zeitweise auf rund 70 Prozent des heimischen Bedarfs. Moskau musste zusätzliche Mengen importieren und seine Treibstoffversorgung neu ordnen. Auch die russische Wirtschaft stagniert. Die Sberbank erwartet für 2026 lediglich 0,4 Prozent Wachstum. Der Krieg verschlingt gewaltige Summen, die Treibstoffprobleme treiben die Preise und ein erheblicher Teil der Wirtschaftsleistung hängt inzwischen an staatlichen Rüstungsaufträgen. Diese Angriffe verteuern den Krieg für Moskau, brechen aber bislang nicht Russlands Fähigkeit, ihn fortzusetzen. Das Land verfügt über eine eigene Energie- und Rüstungsindustrie, territoriale Tiefe, größere personelle Reserven und eine laufende Produktion von Raketen, Drohnen und Munition. Eine beschädigte Raffinerie kann repariert werden. Fehlende ukrainische Soldaten, Patriot-Abfangraketen oder amerikanische Geheimdienstinformationen lassen sich erheblich schwerer ersetzen.
Darin liegt Moskaus derzeit stärkste Karte: Russland braucht keinen schnellen Sieg. Der Kreml muss den Krieg lediglich länger finanzieren, bewaffnen und mit Soldaten versorgen können als die Ukraine und deren Unterstützer. Je länger der Abnutzungskrieg dauert, desto stärker arbeitet die Zeit gegen Kiew. Brüssel reagiert darauf mit weiteren Krediten. Die EU stellt der Ukraine für 2026 und 2027 nochmals 90 Milliarden Euro zur Verfügung, davon rund 60 Milliarden für die Verteidigung und 30 Milliarden für den Staatshaushalt, während die europäischen Steuerzahler bereits die Zinszahlungen dafür übernehmen. Zurückzahlen soll Kiew erst, wenn Russland Reparationen leistet. Die Konstruktion setzt also weiterhin voraus, dass Moskau am Ende verliert und bezahlt.
Doch eben dieses Ergebnis zeichnet sich mit dem aktuellen Stand der Dinge nicht ab. Die Ukraine verliert Soldaten, erhält immer weniger Abfangraketen und steht vor einem weiteren schweren Winter. Der Iran-Krieg bindet amerikanische Waffen, Washington verlagert seine Prioritäten und Moskau kann den militärischen Verschleiß länger verkraften. Europa setzt weiter Milliarden auf einen Sieg der Ukraine. Die militärische und internationale Lage spielt derzeit jedoch Russland in die Hände – und Kiew läuft die Zeit davon.
