Ulrich Siegmund füllt Marktplätze, erreicht Hunderttausende Menschen über soziale Medien und führt die AfD in Sachsen-Anhalt auf 42 Prozent. Der 35-Jährige verkörpert damit erstmals die realistische Aussicht auf einen AfD-Ministerpräsidenten. Doch seine historische Aufgabe beginnt nicht mit dem Wahlsieg, sondern mit dem Nachweis, dass eine AfD-Landesregierung auch im politischen Alltag funktioniert.
Es ist Sonntagnachmittag in Quedlinburg. Motoren knattern, Rauch steigt auf, überall werden Mobiltelefone in die Höhe gehalten. Dann fährt Ulrich Siegmund auf seiner blauen Simson in die Menge, begleitet von begeisterten „Ulli“-Rufen. Familien sind gekommen, Jugendliche und Rentner, Männer in Lederkutten und Eltern mit Kindern. Später bilden sich lange Schlangen für Selfies und Autogramme. Mehrere Tausend Menschen erleben keinen gewöhnlichen Wahlkampfauftritt mit zwei Reden, drei Fahnen und einem hastig aufgebauten Informationsstand, sondern ein Volksfest. Die Simson-Ausfahrt wird zum Gemeinschaftserlebnis – und der Spitzenkandidat zum Mittelpunkt einer politischen Begeisterung, die Deutschland eigentlich längst verlernt zu haben schien.
DER ABSOLUTE WAHNSINN! 🥳
— Heimatgefühl (@HeimatliebeDE) August 23, 2026
Was ist das bitte für eine Menschenmenge?
Die letzte Simson-Ausfahrt der Vision2026 in Quedlinburg mit Ulrich Siegmund.
Da bekommt man wirklich Gänsehaut, wenn man sieht, wie viele Menschen auf eine politische Veränderung hoffen. Sie vertrauen… pic.twitter.com/Yt3GOpg5yo
Einen Tag zuvor hatte der amtierende CDU-Ministerpräsident Sven Schulze ausgerechnet in Siegmunds Heimatstadt Tangermünde erheblich weniger Menschen mobilisiert. Ein kleines Zelt, Keyboard und Saxofon, im Publikum vor allem ältere Parteifreunde. Schulze ist noch keine 50 Jahre alt, wirkt neben seinem Herausforderer aber wie ein Vertreter jenes müden Politikbetriebs, der seit Jahren das Weiter-so als Stabilität verkauft. Siegmund dagegen vermittelt Bewegung. Während die CDU erklärt, warum dieses und jenes leider nicht gehe, lautet sein Wahlkampfmotto: „Alles ist möglich.“
Die AfD lebt seit Jahren von berechtigter Wut über Masseneinwanderung, Energiewende, Corona-Politik, wirtschaftlichen Niedergang und die zunehmende Bevormundung der Bürger. Siegmund fügt dieser Anklage etwas hinzu, das der Partei bislang häufig fehlte: ein positives Bild dessen, was nach dem politischen Umbruch kommen soll. Er spricht über sichere Straßen, kostenlose Kinderbetreuung, lebendige Dörfer, günstige Energie und eine Heimat, in der Familien wieder eine Zukunft sehen. Das mag im Wahlkampf einfacher klingen, als es später in Regierungsverantwortung umzusetzen sein wird. Doch nach Jahren, in denen die etablierten Parteien vor allem neue Belastungen, Verbote und Zumutungen ankündigten, wirkt schon die Aussicht auf Veränderung befreiend.
Vom Lagerfegen in die Staatskanzlei?
Ulrich Siegmund wurde am 25. Oktober 1990 in Havelberg geboren und wuchs im nahe gelegenen Tangermünde auf. Seine Kindheit beschreibt er als behütet und frei. Kinder hätten abends noch auf der Straße spielen können, Nachbarn hätten einander geholfen, im Ort habe man sich gekannt. Tangermünde ist für ihn deshalb mehr als die hübsche Heimatstadt an der Elbe. Der Ort steht für jenes überschaubare und sichere Deutschland, das viele seiner Anhänger vermissen – und das Siegmund politisch zurückholen will.
Nach der elften Klasse verließ er das Gymnasium mit der Fachhochschulreife. Er wollte nicht länger nur lernen, sondern arbeiten und, wie er es heute formuliert, „Wertschöpfung betreiben“. In einem regionalen Elektrogroßhandel begann er eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann. Vom Fegen des Lagers arbeitete er sich in den Vertrieb hoch, übernahm Verantwortung in Magdeburg und fuhr im Außendienst zu Kunden im ganzen Land. Später wechselte er zu einer Augenklinik nach Berlin. Deren Chef habe ihn beinahe auf dem Operationstisch abgeworben, erzählt Siegmund, nachdem er sich dort die Augen lasern ließ. Das sind kleine Geschichten, aber sie bleiben hängen – weil sie aus einem Berufsleben stammen, das nicht in einer Parteizentrale begann.
Warum scheitert die generalistische #Pflegeausbildung an der Realität?
— AfD-Fraktion LSA (@AfDFraktionLSA) February 1, 2026
Ulrich Siegmund, Vorsitzender der #AfD-Fraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt, bemängelt:
„Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man ein Frühgeborenes mit 500 Gramm oder einen Erwachsenen mit 100 Kilogramm… pic.twitter.com/G0cLsIeZnl
Neben seiner Vollzeitstelle absolvierte Siegmund ein Fernstudium in Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftspsychologie. Häufig habe er bis spät in die Nacht gelernt; die Bachelorarbeit schrieb er Anfang 2016 zwischen der Landtagswahl und dem Beginn seines Mandats. Trotzdem spricht er lieber über seine sieben Berufsjahre als über den akademischen Titel. Kundenkontakt, Verkaufsdruck, Lagerarbeit und unternehmerische Verantwortung hätten ihn stärker geprägt als theoretische Vorlesungen.
Auch politisch führte sein Weg zunächst nicht direkt zur AfD. Bereits mit 18 Jahren trat Siegmund in die CDU ein, weil er sich für seine Heimat engagieren wollte. Der Bruch kam mit der Euro-Rettungspolitik, die er nicht länger mittragen wollte. 2013 beziehungsweise 2014 wechselte er zur damals noch jungen AfD. Seit 2016 sitzt er im Landtag, seit August 2022 führt er die Fraktion gemeinsam mit Oliver Kirchner. Im Mai 2025 kürten ihn 98,3 Prozent der Delegierten zum Spitzenkandidaten. Eine solche Geschlossenheit ist selbst innerhalb der AfD keine Selbstverständlichkeit.
Siegmund ist verheiratet, zu seiner jungen Familie gehört auch eine Stieftochter. Politik am Esstisch werde bewusst vermieden, sagt er. 2017 trat er aus der katholischen Kirche aus, deren Werte er nach eigener Darstellung weiterhin im Herzen trage, während er die deutsche Kircheninstitution ablehne. In seinem Büro hängt ein Porträt Otto von Bismarcks aus dem benachbarten Schönhausen. Darunter steht ein Satz, der fast wie eine Beschreibung seiner eigenen Karriere wirkt: „Ein Gedanke, der richtig ist, kann auf Dauer nicht niedergelogen werden.“
Der Verkäufer, der seine Gegner alt aussehen lässt
Siegmund studierte nicht nur Wirtschaftspsychologie, sondern gründete auch ein Unternehmen für professionelle Raumbeduftung. Geschäfte, Pflegeeinrichtungen und andere Kunden sollten mit ausgewählten Düften angenehmer wirken. Wo es gut rieche, hielten sich Menschen statistisch länger auf und beschäftigten sich intensiver mit einem Angebot, erklärte er später in einem Podcast. CDU-Politiker Philipp Amthor wollte ihn deshalb als „Duftkerzenverkäufer“ verspotten. Doch unfreiwillig traf er damit einen wesentlichen Punkt: Siegmund kann verkaufen. Sich selbst, seine Partei und vor allem die Aussicht auf einen politischen Neubeginn.
Seine Beiträge beginnen meistens mit einem Problem, das die Menschen aus ihrem Alltag kennen. Weihnachtsmärkte werden zu Festungen, während Politiker von Sicherheit reden. Familien bezahlen hohe Kita-Gebühren, während Milliarden ins Ausland fließen. Handwerker ersticken in Bürokratie, Unternehmen leiden unter Energiepreisen und die Bürger sollen trotzdem glauben, Deutschland befinde sich auf einem guten Weg. Siegmund nennt Verantwortliche, stellt wenige Zahlen in den Mittelpunkt und bietet eine verständliche Antwort. Komplexe Zusammenhänge werden dabei gelegentlich stark verkürzt. Doch anders als die politische Konkurrenz versteckt er seine Aussagen nicht hinter einem Wald aus Floskeln.
#Faktist
— Citius, Altius, Fortius (@citius_fortius1) August 26, 2026
In 20 Sekunden erklärt #UlrichSiegmund seine Sparpläne.
Und lässt seinen Konkurrenten #SvenSchulze alt aussehen.#SachsenAnhalt #AfD pic.twitter.com/VIBN8968Br
Schon Anfang 2024 folgten Siegmund auf TikTok rund 374.000 Menschen, einzelne Videos erreichten damals 1,4 Millionen Aufrufe. Inzwischen zählt sein Kanal mehr als 700.000 Follower. Auf Instagram sind es rund 580.000 – Ende Juni hatte er dort erst die Marke von 400.000 gefeiert. Ein Landespolitiker aus Sachsen-Anhalt erreicht damit mehr Menschen als zahlreiche Bundesminister, Talkshow-Dauergäste und Parteivorsitzende zusammen.
Dabei beschränkt sich Siegmund nicht auf kurze Videos. Im Podcast „Ben ungeskriptet“ sprach er fast vier Stunden über seine Kindheit, seine CDU-Vergangenheit, die Correctiv-Affäre, Migration, den Verfassungsschutz und seine Regierungspläne. Auch Ministerpräsident Sven Schulze war zu einem gemeinsamen Gespräch eingeladen worden, lehnte jedoch ab. Der CDU-Mann überließ Siegmund damit freiwillig die gesamte Bühne. Während Schulze in Fernsehinterviews um jede Formulierung ringt, konnte sein Herausforderer zeigen, wie er denkt, argumentiert und aufgewachsen ist.
Genau diese Mischung macht seinen Erfolg aus. Siegmund beherrscht den kurzen, emotionalen Videoclip ebenso wie das stundenlange Gespräch. Er spricht zu Jugendlichen, die Politik fast ausschließlich über TikTok wahrnehmen, und zu älteren Bürgern, die genug von Talkshows haben, in denen drei Moderatoren und vier Politiker gleichzeitig reden. Die etablierten Medien verlieren dabei ihre frühere Rolle als Türsteher der Öffentlichkeit. Siegmund braucht sie nicht mehr, um ein Massenpublikum zu erreichen.
Das freundliche Gesicht der politischen Wende
Auch in seiner Partei fällt Siegmund auf. Er vermeidet weitgehend die ständig empörte oder verbissene Sprache, die manche AfD-Politiker pflegen. Eng geschnittene Anzüge, akkurater Bart, hochgekrempelte Hemdsärmel und ein beinahe permanentes Lächeln gehören zu seinem Auftreten. Reuters nennt ihn das sonnige Gesicht der AfD und hebt hervor, dass er wesentlich kontrollierter kommuniziert als Björn Höcke. Der „Spiegel“ sieht gerade darin die Gefahr: Siegmund mache Positionen anschlussfähig, die das Magazin am liebsten außerhalb des erlaubten Meinungskorridors halten würde.
Das Blatt erklärte ihn deshalb zum „gefährlichsten Mann Deutschlands“ und zeigte ihn auf dem Titel wie auf einem Fahndungsplakat. Siegmund reagierte nicht beleidigt, sondern bedankte sich für die kostenlose Werbung. Er hielt die Ausgabe lächelnd in die Kameras, signierte Exemplare für Anhänger und verarbeitete das Cover mit Musik von Dr. Dre und Snoop Dogg zu neuen Videos. Selbst Linken-Politiker Dietmar Bartsch kritisierte die Wortwahl des Magazins. Gefährlich seien Menschen, die Messerattacken begehen oder Autos in Menschenmengen steuern – nicht ein demokratisch gewählter Oppositionspolitiker.
„Sie haben als #CDU einfach den Fokus verloren. Was ist denn das Wichtigste bei der wirtschaftlichen Entwicklung? Es ist #Freiheit. Freiheit für Unternehmen. Ein Unternehmer weiß selbst am besten, was für seine wirtschaftliche Entwicklung wichtig ist.“ Mit scharfer Kritik an der… pic.twitter.com/CM6f03rVCt
— AfD-Fraktion LSA (@AfDFraktionLSA) October 20, 2025
Die Reaktion zeigt, warum die üblichen Kampagnen bei Siegmund kaum noch verfangen. Der angeblich gefährlichste Mann Deutschlands fährt auf Familienfesten Simson, spricht mit Jugendlichen über ihre Mopeds und nimmt sich stundenlang Zeit für Fotos. Je hysterischer seine Gegner auftreten, desto gelassener kann er sich präsentieren. Aus der Warnung wird Werbung, aus der versuchten Ausgrenzung ein weiterer Beleg für seine Behauptung, dass ein abgehobenes politisches und mediales Milieu um seine Macht fürchtet.
Das bedeutet nicht, dass seine Bürgernähe völlig spontan wäre. Kamerateams begleiten die Veranstaltungen, Einfahrten werden geplant, Videos professionell geschnitten und Symbole sorgfältig ausgewählt. Doch Inszenierung und Echtheit schließen einander nicht aus. Auch Barack Obama und Donald Trump wurden nicht zufällig zu politischen Marken. Entscheidend ist, ob eine Kampagne ein vorhandenes Gefühl aufgreift – und in Sachsen-Anhalt ist dieses Gefühl unübersehbar.
Sachsen-Anhalt hat genug vom Weiter-so
Im Juli waren 66 Prozent der Befragten mit der Arbeit der Landesregierung unzufrieden. Nur 29 Prozent äußerten sich zufrieden. Als vordringlichstes Problem nannten die Bürger Migration, Asylpolitik und Integration, gefolgt von Bildung und Wirtschaft. 36 Prozent trauten der AfD am ehesten zu, die wichtigsten Aufgaben des Landes zu lösen. Die CDU kam nur auf 16 Prozent.
Der Rückzug Reiner Haseloffs und die Übergabe des Ministerpräsidentenamtes an Sven Schulze brachten keine Wende. Lediglich 30 Prozent sind mit Schulzes Arbeit zufrieden, 46 Prozent unzufrieden. Siegmund erreicht 37 Prozent Zustimmung und liegt damit trotz jahrelanger Negativberichterstattung vor dem Amtsinhaber. Bei einer hypothetischen Direktwahl des Ministerpräsidenten käme Schulze auf 41, Siegmund auf 39 Prozent. Eine klare Mehrheit für den CDU-Mann gibt es nur noch unter den über 65-Jährigen.
Hammer-Umfrage-Ergebnis für die bevorstehende Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026:
— THOMAS EISENHUTH (@thomaseisenhuth) August 25, 2026
Die Bürger werden die bestehende Regierung wegfegen.
Ich kann es kaum erwarten! pic.twitter.com/t5xHXSBldW
Noch deutlicher fällt die Sonntagsfrage aus. Infratest dimap sieht die AfD bei 42 Prozent, die CDU bei 22 Prozent. Dahinter folgen Linke mit elf, SPD mit acht und Grüne mit sechs Prozent. BSW und FDP würden an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern. Gegenüber der Landtagswahl 2021 hätte die AfD ihr Ergebnis verdoppelt, während die CDU rund 15 Prozentpunkte verlöre. Mittlerweile sind sogar 43 Prozent und mehr möglich.
Diesen Vorsprung allein Siegmund zuzuschreiben, wäre übertrieben. Die Bundesregierung, die jahrelange Migrationspolitik, steigende Preise und eine CDU, die im Bund konservative Versprechen abgibt und anschließend mit der SPD linke Politik fortsetzt, haben den Boden bereitet. Doch Siegmund verwandelt den Protest in eine konkrete Machtoption. Viele Bürger wählen nicht mehr nur AfD, um den anderen Parteien einen Denkzettel zu verpassen. Sie wollen inzwischen sehen, was passiert, wenn die Partei tatsächlich regiert.
Die Brandmauer braucht plötzlich die Linke
Ein Wahlsieg macht Siegmund allerdings noch nicht zum Ministerpräsidenten. Nach der jüngsten Umfrage hätte die AfD keine sichere absolute Mehrheit der Sitze. In den ersten beiden Wahlgängen benötigt ein Kandidat die Mehrheit aller Abgeordneten, im dritten genügt die Mehrheit der abgegebenen Stimmen. Enthaltungen werden dann nicht mitgezählt. Das BSW hatte zeitweise angeboten, sich in einer solchen Situation zu enthalten und damit den Weg für Siegmund freizumachen.
Der AfD-Spitzenkandidat lehnt eine solche Konstruktion bislang ab. Er wolle keine Regierung, die von taktischen Enthaltungen oder einzelnen CDU-Abweichlern abhängig sei, sondern eine stabile Mannschaft für fünf Jahre. Darin steckt auch politisches Kalkül: Scheitert die erste Regierungsübernahme an der Brandmauer, müssen CDU, SPD, Grüne und Linke erklären, wie sie trotz völlig unterschiedlicher Programme gemeinsam gegen den klaren Wahlsieger regieren wollen.
MACHT. MENSCH. SIEGMUND.
— Deutschland Kurier (@Deu_Kurier) August 23, 2026
— Das große DK🇩🇪-Porträt über @UlrichSiegmund
Das große Deutschland-Kurier🇩🇪-Porträt über Ulrich Siegmund, den Ministerpräsidentenkandidaten der @AfD_LSA zur Landtagswahl am 6. September 2026. pic.twitter.com/cnNkdvz6mX
Aktuellen Umfragen zufolge könnten CDU, SPD und Grüne ohne Unterstützung der Linken keine Mehrheit bilden. Die CDU müsste ihre Brandmauer nach rechts also durch eine Abhängigkeit von der Linkspartei retten. Für viele konservative Wähler wäre das der endgültige Beleg, dass ihre Partei lieber linke Politik fortsetzt, als einer rechts der Mitte gewählten Mehrheit Raum zu geben. Siegmund könnte dann abwarten. Eine solche Zweckgemeinschaft dürfte ihm täglich neue Argumente liefern.
Sein eigentliches Ziel bleibt trotzdem die Regierung. Das 100-Tage-Programm der AfD sieht eine Taskforce für Abschiebungen, eine Arbeitspflicht für Asylbewerber, den Ausstieg aus den Rundfunkstaatsverträgen, die Streichung politischer NGO-Förderungen und eine Verkleinerung der Ministerialverwaltung vor. Dazu kommen kostenlose Kitas, stärkere Hilfen für Familien und eine Kehrtwende in der Energiepolitik. Viele dieser Vorhaben liegen zumindest teilweise in der Zuständigkeit des Landes. Andere hängen an Bundesrecht, Staatsverträgen oder den verfügbaren Haushaltsmitteln.
Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle errechnete für die bezifferbaren Teile des Programms eine jährliche Finanzierungslücke von mindestens 2,2 Milliarden Euro. Solche Berechnungen beruhen allerdings auf der Annahme, dass Wahlversprechen weitgehend gleichzeitig und in der jeweils kostspieligsten Form umgesetzt werden. Siegmund hat selbst klargestellt, dass nicht alles sofort möglich sein werde. Regieren bedeutet, Prioritäten zu setzen – und gerade darin läge der politische Unterschied. Geld, das heute in Ideologieprojekte, Asylverwaltung oder aufgeblähte Strukturen fließt, soll nach seinem Willen wieder Familien, Sicherheit und Infrastruktur zugutekommen.
Die eigentliche Prüfung beginnt nach der Wahl
Ulrich Siegmund ist vielleicht kein politischer Heilsbringer. Doch er ist ein ungewöhnlich erfolgreicher Wahlkämpfer, ein disziplinierter Kommunikator und der erste AfD-Landespolitiker, der weit über seine Partei hinaus eine eigene Marke aufgebaut hat. Er versteht soziale Medien, kann Menschen begeistern und besitzt eine Biografie, die nicht am Reißbrett einer Parteizentrale entstand. Doch regiert hat er noch nie. Vielleicht aber hat er bald schon die Möglichkeit dazu.
Gerade deshalb ist Sachsen-Anhalt so wichtig. Eine funktionierende AfD-Landesregierung würde in Deutschland viel mehr verändern als ein weiteres Rekordergebnis. Sie könnte zeigen, dass nach dem Machtwechsel weder die Demokratie zusammenbricht noch das öffentliche Leben zum Erliegen kommt – und dass konservative Politik nicht zwangsläufig an jener Brandmauer enden muss, mit der die Kartellparteien ihre jeweiligen Einflussbereiche sichern.
Die etablierten Parteien wissen durchaus, was dann auf dem Spiel steht. Ihr größtes Problem wäre nicht ein an der politischen Realität in Deutschland scheiternder Ulrich Siegmund, sondern ein Ministerpräsident Siegmund, der fünf Jahre lang vernünftig regiert. Denn gegen eine funktionierende Realität hilft auch die lauteste Warnung vor dem „gefährlichsten Mann Deutschlands“ nicht mehr. Dann nämlich würde es sich nur bestätigen, dass Siegmund lediglich für den Machterhalt des derzeitigen Establishments gefährlich wäre und nicht für Deutschland selbst. Wie viele Steine wird man ihm absichtlich in den Weg legen, sollte er tatsächlich eine AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt auf die Beine stellen können?
