Eine 19-jährige Studentin nimmt Tirzepatid zur Gewichtsreduktion, klagt über Übelkeit und Erbrechen und liegt wenige Stunden später tot in ihrem Badezimmer. Josephine Nasr war nicht adipös und galt abgesehen von einer bis dahin unentdeckten Herzanomalie als gesund. Die gerichtliche Untersuchung führt das verschriebene Medikament ausdrücklich in jener Kettenreaktion an, die mit einer tödlichen Herzrhythmusstörung endete. Der Fall trifft auf einen milliardenschweren GLP-1-Boom, der längst auch Kinder und Jugendliche erfasst hat.
Josephine Nasr war britischen Medienberichten zufolge erst wenige Tage zuvor aus ihrer kalifornischen Heimat nach London zurückgekehrt, wo sie an der University of East London Jura studierte. Am Abend des 23. September 2025 telefonierte sie gegen 20.30 Uhr mit ihren Eltern und ihrer Schwester. Sie berichtete von Übelkeit und Erbrechen. Ihre Schwester fürchtete eine Dehydrierung und organisierte eine Krankenschwester, die der 19-Jährigen eine Infusion geben sollte. Als Nasr anschließend nicht mehr ans Telefon ging, verständigte die Familie den Sicherheitsdienst der Universität. Etwas mehr als zwei Stunden nach dem letzten Gespräch fanden Mitarbeiter die Studentin regungslos auf dem Badezimmerboden. Neben ihr lag ein leeres Fläschchen Tirzepatid. Der Rettungsdienst konnte nur noch ihren Tod feststellen.
Vom Erbrechen zur tödlichen Herzrhythmusstörung
Nasr hatte Tirzepatid im Sommer 2025 von ihrem Arzt in Kalifornien verschrieben bekommen. Der Wirkstoff wird von Eli Lilly unter dem Namen Zepbound zur Gewichtsreduktion und als Mounjaro zur Behandlung von Typ-2-Diabetes vermarktet. Nasrs BMI lag laut der gerichtlichen Untersuchung lediglich im Bereich Übergewicht, nicht Adipositas. In den USA ist Zepbound bei Übergewicht ab einem BMI von 27 nur bei mindestens einer gewichtsbedingten Begleiterkrankung zugelassen. Die bislang veröffentlichten Unterlagen nennen bei Nasr keine solche Begleiterkrankung.
Bei der Obduktion entdeckte Pathologe Alan Bates eine angeborene sogenannte Myokardbrücke, bei der ein Abschnitt einer Herzkranzarterie durch Herzmuskelgewebe verläuft. Bates erklärte vor dem Gericht, Tirzepatid könne Übelkeit und Erbrechen verursachen. Starkes Erbrechen könne den Blutzucker abfallen lassen und den Elektrolythaushalt stören; eine solche Verschiebung könne wiederum Herzrhythmusstörungen auslösen. Nasrs unentdeckte Herzbesonderheit erhöhte nach Einschätzung des Pathologen die Gefahr. Bates beschrieb die 19-Jährige als „ansonsten gesunde junge Frau“.
Die gerichtliche Todesfeststellung zeichnet die Kette klar nach: Nasr starb an einer tödlichen Herzrhythmusstörung durch das Zusammenwirken ihrer bislang unentdeckten Herzerkrankung mit einer Elektrolytstörung. Diese entstand nach Erbrechen infolge einer Hypoglykämie – und die Hypoglykämie wird ausdrücklich als Nebenwirkung des verschriebenen Tirzepatids angeführt. Damit führt die gerichtliche Untersuchung dieses Medikament als Bestandteil der festgestellten Todesursache an.
Mehr als 200 britische Todesmeldungen
Während die britischen Sicherheitsdaten zu den populären Abnehmspritzen immer umfangreicher werden, kommt mit diesem Fall ein weiterer Tod hinzu. Bei der Arzneimittelbehörde MHRA waren Anfang August 120 Todesfälle als Verdachtsmeldungen zu Tirzepatid, 59 zu Semaglutid und 37 zu Liraglutid erfasst – insgesamt 216. Hinzu kommen mehr als 150.000 gemeldete Verdachtsfälle unerwünschter Reaktionen. Die Yellow-Card-Daten erfassen dabei gemeldete Verdachtsfälle; im Fall Nasr liegt zusätzlich eine konkrete gerichtliche Feststellung zur Todesursache vor.
Die britische Arzneimittelbehörde verschärfte bereits Anfang 2026 die Warnhinweise für GLP-1- und kombinierte GLP-1/GIP-Präparate. Zwischen 2007 und Oktober 2025 gingen bei der MHRA 1.296 Meldungen über Bauchspeicheldrüsenentzündungen im Zusammenhang mit diesen Wirkstoffen ein, darunter 19 mit tödlichem Ausgang und 24 Fälle einer nekrotisierenden Pankreatitis. Die Produktinformationen wurden daraufhin um ausdrücklichere Warnungen vor schweren, nekrotisierenden und tödlichen Verläufen ergänzt.
GLP-1-Boom erreicht Jugendliche
Parallel dazu schießen die Verordnungen unter jungen Menschen nach oben. Die 2024 im Fachjournal JAMA veröffentlichte Untersuchung „Dispensing of Glucagon-Like Peptide-1 Receptor Agonists to Adolescents and Young Adults, 2020–2023“ wertete Daten von rund 94 Prozent der US-Apotheken aus. Zwischen 2020 und 2023 stieg die monatliche Zahl der 12- bis 25-Jährigen mit einer GLP-1-Verordnung von 8.722 auf 60.567 – ein Plus von 594,4 Prozent. Allein 2023 erhielten 30.947 Jugendliche zwischen zwölf und 17 Jahren ein entsprechendes Präparat. Selbst Tirzepatid tauchte bereits bei Jugendlichen auf, obwohl der Wirkstoff damals nur für Erwachsene zugelassen war.
Einen entscheidenden Kurswechsel vollzog die American Academy of Pediatrics (AAP) Anfang 2023. Ihre Leitlinie empfiehlt Ärzten, adipösen Jugendlichen ab zwölf Jahren zusätzlich zu Lebensstilmaßnahmen Medikamente zur Gewichtsreduktion anzubieten. Für adipöse Kinder zwischen acht und elf Jahren erklärt die AAP eine Pharmakotherapie ebenfalls bereits zur möglichen Behandlungsoption. Bei schwer adipösen Jugendlichen ab 13 Jahren empfiehlt sie die Überweisung zur Prüfung einer metabolischen oder bariatrischen Operation.
Pharmamillionen und verschwiegene Verbindungen
Besonders wichtig sind deshalb die Ergebnisse einer 2025 veröffentlichten Untersuchung zur Entstehung dieser Leitlinien. Der im BMJ erschienene Beitrag „Caution is prescribed for American Academy of Paediatrics‘ guidelines on weight loss medications for childhood obesity“ dokumentierte weitreichende finanzielle Verbindungen zwischen der AAP beziehungsweise Beteiligten am Leitlinienprozess und Herstellern von Adipositasmedikamenten. Seit 2012 erhielt die AAP demnach mindestens 1,9 bis 2,6 Millionen Dollar von Pharmaunternehmen, die solche Medikamente entwickeln – darunter Novo Nordisk und Eli Lilly.
Mindestens 22 Prozent der untersuchten nationalen AAP-Funktionäre hatten persönliche Zahlungen dieser Unternehmen erhalten. Zwischen 2017 und 2023 summierten sich diese auf mehr als 293.000 Dollar. Noch auffälliger sieht es bei jener Arbeitsgruppe aus, welche die Adipositas-Leitlinie entwickelte: 37 Prozent ihrer Mitglieder hatten finanzielle Verbindungen zu entsprechenden Pharmakonzernen. In den offiziellen AAP-Veröffentlichungen waren diese Verbindungen laut den Forschern nicht ausgewiesen. Für die Empfehlung zur medikamentösen Behandlung von Kindern unter zwölf Jahren lag bei Veröffentlichung der Leitlinie zudem keine klinische Studie vor, die Sicherheit und Wirksamkeit in dieser Altersgruppe belegt hätte.
FDA rügt Novo Nordisk wegen Nebenwirkungsmeldungen
Und auch bei der Sicherheitsüberwachung selbst tauchen erhebliche Probleme auf. Am 5. März 2026 stellte die US-Arzneimittelbehörde FDA bei Novo Nordisk „schwerwiegende Verstöße“ gegen die Vorschriften zur Meldung unerwünschter Arzneimittelereignisse fest. Firmeninterne Regeln ermöglichten es, schwere und unerwartete Fälle von der Meldung auszuschließen, wenn der Melder selbst keinen Zusammenhang mit dem Medikament vermutete. Nach US-Recht müssen solche Ereignisse unabhängig von dieser Einschätzung erfasst und bei Erfüllung der Voraussetzungen innerhalb von 15 Tagen an die FDA gemeldet werden.
Die Behörde führt mehrere konkrete Beispiele an. Einen Todesfall bei einem mit Semaglutid behandelten Mann erklärte Novo Nordisk wegen angeblich fehlender Patientenidentifikation für ungültig; FDA-Prüfer fanden die Angaben später in den Originalunterlagen. Einen weiteren Todesfall unter Semaglutid schloss das Unternehmen ohne vorgeschriebene Nachverfolgung. In einem anderen Fall meldete ein Arzt, ein Patient sei unter Semaglutid depressiv geworden und habe Suizid begangen. Novo Nordisk dokumentierte laut FDA keinen Versuch, weitere Informationen einzuholen. Noch am Tag des Warnbriefs hatte das Unternehmen diesen Fall nicht an die Behörde übermittelt.
Der Preis des Abnehmspritzen-Booms
Josephine Nasr war 19 Jahre alt und nicht adipös. Sie erhielt ein hochwirksames Medikament zur Gewichtsreduktion, entwickelte bekannte Magen-Darm-Nebenwirkungen und starb noch am selben Abend. Die Untersuchung rekonstruierte eine Kette vom Tirzepatid über Erbrechen, Hypoglykämie und eine Elektrolytstörung bis zur tödlichen Herzrhythmusstörung, verschärft durch eine Herzanomalie, von der die junge Frau nichts wusste.
Gleichzeitig erreichen diese Wirkstoffe immer jüngere Patienten, während Pharmaunternehmen mit dem Geschäft Milliarden verdienen. Ärzteverbände empfehlen Medikamente bereits für adipöse Kinder, obwohl ausgerechnet hinter diesen Leitlinien finanzielle Verbindungen zu den Herstellern sichtbar werden. Und während der Markt wächst, muss die FDA einen der größten GLP-1-Produzenten wegen schwerwiegender Mängel bei der Erfassung und Meldung von Nebenwirkungen rügen. Der Tod von Josephine Nasr zeigt, wie schnell aus der vermeintlich unkomplizierten Abnehmspritze eine tödliche Kettenreaktion werden kann.






