Trotz Energiewende: Kohle produziert 77 Prozent mehr Strom als Wind und Solar

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Staaten und Konzerne bauen Windräder und Solaranlagen in Rekordtempo, Hunderte Milliarden Dollar fließen Jahr für Jahr in die sogenannte Energiewende. Doch bei der tatsächlichen Stromproduktion sieht die Welt weiterhin ganz anders aus: Kohle bleibt 2026 mit großem Abstand die wichtigste einzelne Stromquelle des Planeten. Nach den aktuellen Daten der Internationalen Energieagentur (IEA) liefert sie sogar rund 77 Prozent mehr Elektrizität als Wind und Solar zusammen.

Die Dimensionen sprechen für sich. Die IEA erwartet für dieses Jahr weltweit rund 10.974 Terawattstunden Kohlestrom. Erdgas folgt mit 6.976 TWh, Wasserkraft mit 4.536 TWh, Solarenergie mit 3.289 TWh, Windkraft mit 2.898 TWh und Kernenergie mit 2.871 TWh. Wind und Solar kommen zusammen also gerade einmal auf 6.187 TWh. Selbst Erdgas und Wasserkraft gemeinsam erzeugen kaum mehr Strom als der globale Kohlekraftwerkspark allein.

„Erneuerbare überholen Kohle“ – aber nur gemeinsam

Gleichzeitig kann die IEA für 2026 einen historischen Wendepunkt verkünden: Die „Erneuerbaren“ sollen erstmals mehr Strom liefern als Kohlekraftwerke. Das funktioniert allerdings nur, indem die Agentur Wasserkraft, Solarenergie, Windkraft, Bioenergie, Geothermie und weitere Technologien zu einem großen Block zusammenfasst. Als einzelne Stromquelle reicht keine davon auch nur annähernd an die Kohle heran. Solar soll 2026 zwar rund 600 TWh mehr Strom als im Vorjahr liefern, und die gesamte erneuerbare Erzeugung dürfte um mehr als acht Prozent wachsen. Trotzdem produzieren Wind und Solar zusammen noch immer rund 44 Prozent weniger Strom als Kohle.

Am Geld mangelt es allerdings beileibe nicht. Für 2026 erwartet die IEA weltweit rund 665 Milliarden Dollar Investitionen allein in erneuerbare Stromerzeugung, davon 365 Milliarden Dollar in Solarenergie. Rund 2,2 Billionen Dollar sollen in Netze, Speicher, Kernenergie, Erneuerbare, Effizienz, Elektrifizierung und andere als emissionsarm eingestufte Bereiche fließen. Gleichzeitig steigen jedoch auch die Investitionen in Kohle auf 180 Milliarden Dollar – den höchsten Stand seit 2012. China allein steht für fast 70 Prozent der weltweiten Investitionen in die Kohleversorgung.

Der Iran-Krieg dreht die Rechnung

Besonders aufschlussreich ist der Vergleich mit den Prognosen des vergangenen Jahres. Noch im Juli 2025 rechnete die IEA damit, dass die weltweite Kohleverstromung 2026 um 1,3 Prozent sinken würde. Gleichzeitig sollte die Gasverstromung um 1,3 Prozent zulegen. Mehr Wind- und Solarstrom sowie der Wechsel von Kohle zu Gas sollten Kohlekraftwerke zunehmend aus dem Markt drängen.

Dann kam der Iran-Krieg. Die Störungen an der Straße von Hormus legten zeitweise fast 20 Prozent des weltweiten LNG-Angebots lahm und trieben die Gaspreise in Europa und Asien auf die höchsten Niveaus seit der Energiekrise 2022/23. Kraftwerksbetreiber reagierten dort, wo ihre Anlagen dies zuließen, dementsprechend: Sie wechselten vom teuren Gas zurück zur Kohle. Die IEA erwartet die weltweite Gasverstromung für 2026 inzwischen nur noch auf Vorjahresniveau, während die Kohleverstromung entgegen der früheren Prognose wieder steigt.

Damit liefert ausgerechnet die aktuelle Energiekrise Anschauungsunterricht über die Schwachstelle des westlichen Umbaus der Stromversorgung. Gas sollte in vielen Ländern die Brücke bilden, während Kohlekraftwerke verschwinden und Wind sowie Solar immer größere Marktanteile übernehmen. Doch Wind und Sonne richten ihre Produktion weder nach dem Verbrauch noch nach politischen Ausbauplänen. Wird Gas gleichzeitig knapp und teuer, rückt die zuvor politisch abgeschriebene Kohle wieder in den Mittelpunkt.

China und Indien denken an Versorgungssicherheit

In Asien zeigt sich ohnehin ein völlig anderes Bild als in der europäischen Energiewende-Debatte. Rund 55 Prozent des chinesischen Stroms stammten 2025 noch aus Kohle, obwohl kein anderes Land auch nur annähernd so viele Windräder und Solaranlagen errichtet wie China. In Indien erreichte der Kohleanteil sogar rund 71 Prozent, in Südostasien etwa 48 Prozent. China erzeugt inzwischen mehr als die Hälfte des gesamten Kohlestroms der Welt.

Peking und Neu-Delhi bauen Wind- und Solarkapazitäten massiv aus, doch sie schalten deshalb ihre konventionelle Basis nicht einfach ab. Der rasch steigende Stromverbrauch zwingt beide Länder, neue Erzeugungskapazitäten bereitzustellen. In Indien erwartet die IEA bis 2030 ein durchschnittliches Nachfragewachstum von 6,4 Prozent pro Jahr. Der Kohleeinsatz im Stromsektor soll deshalb in den kommenden fünf Jahren sogar um durchschnittlich rund 2,5 Prozent jährlich steigen. Noch 2030 dürfte Kohle etwa 60 Prozent des indischen Stroms liefern.

Der Stromhunger frisst einen großen Teil des Zubaus

Weltweit wächst der Stromverbrauch ebenfalls kräftig. Die IEA erwartet 2026 ein Plus von 3,6 Prozent und 2027 weitere 3,8 Prozent. Damit steigt der globale Verbrauch von etwa 28.600 TWh im Jahr 2025 auf rund 30.700 TWh im Jahr 2027. China allein dürfte seinen Stromverbrauch in diesem Jahr um 5,5 Prozent erhöhen, Indien um sieben Prozent.

Ein beträchtlicher Teil der neuen Wind- und Solarproduktion ersetzt deshalb überhaupt keine Kohle- oder Gaskraftwerke, sondern bedient einfach nur den zusätzlichen Verbrauch. Rechenzentren, Klimaanlagen, Elektrofahrzeuge, Industrie und die allgemeine Elektrifizierung verlangen immer mehr Strom. Ein neuer Solarpark, dessen gesamte Produktion in neu entstandener Nachfrage verschwindet, verdrängt kein einziges bestehendes Kraftwerk. Rekorde beim Ausbau der Erneuerbaren und eine weiterhin enorme Kohleverstromung widersprechen sich deshalb keineswegs.

Dazu kommt das Problem der gesicherten Leistung. Eine installierte Windkraftleistung von einem Gigawatt bedeutet nicht, dass dieses Gigawatt dann zur Verfügung steht, wenn das Stromnetz es benötigt. Je stärker wetterabhängige Erzeuger den Kraftwerkspark prägen, desto größer werden die Anforderungen an Netze, Speicher, steuerbare Kraftwerke und flexible Verbraucher. Die IEA zählt inzwischen weltweit mehr als 2.500 GW an Erzeugungs-, Speicher- und Großverbrauchsprojekten, die auf einen Netzanschluss warten. Gleichzeitig nehmen netzbedingte Abregelungen zu. Um den erwarteten Bedarf bis 2030 bedienen zu können, müssten die jährlichen Investitionen in Stromnetze laut IEA gegenüber heute um rund 50 Prozent steigen.

Wie teuer ein Stromsystem tatsächlich wird, wenn Politik installierte Leistung mit verlässlicher Versorgung verwechselt, behandelt auch mein Buch „Der Windkraft-Wahn: Flatterstrom, Milliardengräber und der Preis der grünen Utopie“. Es beschäftigt sich unter anderem mit wetterabhängiger Stromproduktion, Netzausbau, Reservekraftwerken, abgeregeltem Strom und den Kosten, die jenseits des eigentlichen Windkraftwerkes entstehen.

Selbst 2030 bleibt Kohle die Nummer eins

Die IEA erwartet zwar, dass die weltweite Kohleverstromung bis 2030 langsam zurückgeht. Doch selbst dann bleibt Kohle die größte einzelne Quelle der weltweiten Stromerzeugung. Wind und Solar sollen ihren gemeinsamen Anteil bis dahin von derzeit rund 17 auf 27 Prozent steigern, während Erneuerbare insgesamt – also einschließlich Wasserkraft und anderer Quellen – zum größten zusammengefassten Block aufsteigen. Der einzelne Energieträger Kohle behauptet trotzdem Platz eins.

Und damit klaffen politische Erzählung und energetische Realität weiterhin weit auseinander. Während Europa Kohlekraftwerke abschaltet, funktionierende Anlagen sprengt und enorme Summen in einen immer komplexeren Umbau seines Stromsystems steckt, halten China, Indien und andere Wachstumsregionen an Kohle als Rückgrat ihrer Versorgung fest. Sie bauen Wind und Solar zusätzlich – nicht als Vorwand, um steuerbare Kraftwerke voreilig aus dem Netz zu nehmen.

Fast 11.000 TWh Kohlestrom im Jahr 2026 zeigen, wie weit der Weg tatsächlich ist. Die Welt kann noch so viele Rekorde beim Bau von Windkraftwerken und Solaranlagen feiern: Solange der Stromverbrauch schneller wächst und eine wetterabhängige Erzeugung verlässliche Kraftwerke nicht ersetzen kann, verschwindet die Kohle nicht. Europa kann seine eigenen Kohlekraftwerke abschalten – die Physik des Stromnetzes und die globale Energiewirklichkeit schaltet es damit nicht ab.

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