Die Psychologie der Corona-Jahre (4/7): Angst als Steuerungsinstrument

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Die Angst der Corona-Jahre fiel nicht vom Himmel. Britische Regierungsberater empfahlen ausdrücklich, die persönliche Bedrohungswahrnehmung mit harten emotionalen Botschaften zu erhöhen, Gehorsam öffentlich zu belohnen und Abweichler der gesellschaftlichen Missbilligung auszuliefern. In Deutschland verlangte ein unter Beteiligung des Innenministeriums entstandenes Strategiepapier die „gewünschte Schockwirkung“, während Yale-Forscher später testeten, wie sich Menschen mit Schuld, Scham und der Abwertung Ungeimpfter auf Linie bringen lassen.

Am 22. März 2020 legte die britische Beratergruppe SPI-B ihr Papier „Options for increasing adherence to social distancing measures“ vor. SPI-B war die verhaltenswissenschaftliche Untergruppe der Scientific Advisory Group for Emergencies (SAGE) und damit direkt in die staatliche Krisenberatung eingebunden. Schon die Fragestellung legte offen, wie die Regierung auf ihre Bürger blickte: Gesucht wurden Möglichkeiten, die Befolgung der Abstandsmaßnahmen zu erhöhen. Nicht die offene Vermittlung einer unsicheren Datenlage stand im Mittelpunkt, sondern die gewünschte Verhaltensänderung.

Die Berater sortierten ihre Werkzeuge in neun Kategorien: Aufklärung, Überzeugung, Anreize, Zwang, Befähigung, Training, Beschränkung, Veränderung der Umgebung und Vorbilder. Das häufig gebrauchte Wort „Nudging“ klingt angesichts dieses Katalogs beinahe niedlich. In dem Papier ging es auch um Gesetze, gesellschaftlichen Druck, staatliche Beschränkungen und den Zugriff auf das soziale Umfeld. Die Regierenden sollten festlegen, wie sich der Bürger zu verhalten hatte; die Psychologen lieferten die Hebel, mit denen er dazu gebracht werden konnte.

Die Sprache sollte entsprechend verschärft werden. Anweisungen wie „versucht“, etwas zu tun, erschienen den Beratern zu schwach. Die Regierung sollte direkt sagen, was die Menschen zu tun hatten. Gleichzeitig identifizierte SPI-B ein angebliches Problem: Ein erheblicher Teil der Bevölkerung fühle sich persönlich nicht ausreichend bedroht. Als möglichen Grund nannten die Verfasser die geringe Sterblichkeit in bestimmten Altersgruppen. Ausgerechnet eine realistische Einschätzung des persönlichen Risikos wurde damit zum Hindernis für die politische Folgebereitschaft erklärt.

Der Bürger sollte die Gefahr fühlen

Die Lösung stand unmittelbar darunter: Die wahrgenommene persönliche Bedrohung müsse bei den „Selbstzufriedenen“ mit harten emotionalen Botschaften erhöht werden. Damit war die Grenze zwischen Information und Manipulation überschritten. Der Bürger sollte das Risiko nicht anhand von Alter, Vorerkrankungen, tatsächlichen Erkrankungen, Krankenhausaufnahmen und Sterbefällen einordnen. Er sollte Angst verspüren.

Diese Angst bekam sofort eine moralische Richtung. Die Botschaften sollten die Pflicht betonen, andere Menschen zu schützen. Unterschiedliche Bevölkerungsgruppen sollten über verschiedene „motivational levers“, also psychologische Hebel, angesprochen werden: persönliche Gefahr, Gemeinschaftspflicht oder Regelgehorsam. Ein junger, gesunder Mensch, den sein eigenes Risiko wenig beeindruckte, ließ sich vielleicht über die angebliche Gefahr für Eltern und Großeltern erreichen. Wer auch darauf nicht ansprang, konnte immer noch mit sozialer Ächtung bearbeitet werden.

Erwünschtes Verhalten sollte nach dem Willen von SPI-B öffentlich Anerkennung erhalten. Die Bürger sollten einander für ihren Gehorsam loben und dadurch die staatliche Norm selbst verbreiten. Für Menschen, die sich den Vorgaben widersetzten, schlugen die Berater gesellschaftliche Missbilligung vor. Der Corona-Staat musste damit nicht jeden Bürger persönlich kontrollieren. Er konnte die Überwachung an Familien, Freunde, Kollegen, Nachbarn und Geschäftsinhaber auslagern.

Die Verfasser wussten, welche Folgen dieses Instrument haben konnte. Sie warnten ausdrücklich vor Viktimisierung, Sündenbocksuche und fehlgeleiteten Angriffen. Trotzdem blieb die soziale Missbilligung im Katalog. In der beigefügten Bewertung galt sie als leicht umsetzbar und potenziell hochwirksam, auch wenn negative gesellschaftliche Folgen drohten. Später wurden Menschen ohne Maske beschimpft, Demonstranten als Seuchentreiber behandelt und Ungeimpfte für die Fortdauer sämtlicher Zwangsmaßnahmen verantwortlich gemacht. Die Fachleute hatten vor dieser Entwicklung gewarnt – und der Politik gleichzeitig den passenden Zündstoff empfohlen.

Im Januar 2021 startete die britische Regierung eine ausdrücklich als „hart“ und „emotional“ bezeichnete Fernsehkampagne. Covid-Patienten und erschöpfte Krankenhausmitarbeiter blickten in die Kamera. Die Bürger wurden gefragt, ob sie diesen Menschen in die Augen sehen und behaupten könnten, durch das Zuhausebleiben zu helfen. Die Botschaft lief im Fernsehen, im Radio, in Zeitungen, im Internet, auf Außenwerbeflächen und in den sozialen Netzwerken. Aus einer staatlichen Anordnung wurde eine persönliche Gewissensprüfung: Wer seine Wohnung verließ, sollte sich für das Leid auf den Intensivstationen verantwortlich fühlen.

Die „gewünschte Schockwirkung“

Während britische Regierungsberater die Erhöhung der persönlichen Bedrohungswahrnehmung planten, entstand in Deutschland das Strategiepapier „Wie wir COVID-19 unter Kontrolle bekommen„. Daran arbeiteten Wissenschaftler und Mitarbeiter des Bundesinnenministeriums. Zu den Autoren gehörten unter anderem der Soziologe Heinz Bude, die Ökonomen Michael Hüther, Boris Augurzky und Christoph Schmidt sowie Maximilian Mayer und Otto Kölbl. Innerhalb von zehn Tagen entwarf die Gruppe drei Szenarien, wobei der schlimmste Fall mit mehr als einer Million Toten im Jahr 2020 kalkuliert wurde.

Das Papier erklärte offen, wie die Bevölkerung für die gewünschte Politik gefügig gemacht werden sollte: „Um die gewünschte Schockwirkung zu erzielen, müssen die konkreten Auswirkungen einer Durchseuchung auf die menschliche Gesellschaft verdeutlicht werden.“ Die Autoren schlugen das Bild schwerkranker Menschen vor, die von Krankenhäusern abgewiesen werden und zu Hause qualvoll um Luft ringen. Das Ersticken oder die Angst, nicht genug Luft zu bekommen, bezeichneten sie als menschliche „Urangst“. Genau diese Urangst sollte politisch mobilisiert werden.

Noch skrupelloser war der vorgeschlagene Zugriff auf Kinder. Sie würden sich beim Spielen anstecken, ihre Eltern infizieren und müssten anschließend miterleben, wie ein Elternteil qualvoll zu Hause stirbt. Das Kind könne sich schuldig fühlen, weil es vergessen habe, sich nach dem Spielen die Hände zu waschen. Dies sei „das Schrecklichste, was ein Kind je erleben kann“.

Kinder sollten also nicht allein Kontakte meiden und sich an staatliche Hygieneregeln halten. Man wollte ihnen die Vorstellung einpflanzen, eine kleine Unachtsamkeit könne Mutter oder Vater töten. Diese Angst verbreiteten Erwachsene anschließend tatsächlich in Familien, Schulen und Kindergärten. Kinder hielten Abstand zu ihren Großeltern, entschuldigten sich für Berührungen und fürchteten, mit ihrem bloßen Dasein eine tödliche Gefahr zu sein. Das Innenministerium hatte ein Papier auf dem Tisch, das genau mit diesen Schuldgefühlen arbeitete.

Die Bundesregierung erklärte später, die Schockpassagen gäben nur die Ansicht des verantwortlichen Mitautors wieder. Sie habe das Papier zur Kenntnis genommen, sich jedoch nicht zu eigen gemacht und die Bevölkerung stets faktenbasiert, sachlich und transparent informiert. Die übliche Flucht aus der Verantwortung änderte nichts an der Entstehungsgeschichte: Nach Angaben der Bundesregierung ging das Papier aus einem fachlichen Dialog zwischen dem BMI und den Wissenschaftlern hervor. Am 8. April 2020 wurde es dem Innenausschuss des Bundestages übermittelt und anschließend auf der Internetseite des Ministeriums veröffentlicht.

Aus dem Maschinenraum des Corona-Regimes

Heinz Bude beschrieb die Arbeit der Gruppe 2022 selbst in seinem Beitrag „Aus dem Maschinenraum der Beratung in Zeiten der Pandemie“ für die Fachzeitschrift Soziologie. Seine Schilderung ist vernichtender als jede spätere Ausrede des Ministeriums. Die Gruppe habe sich in einem „Real-Labor“ gesehen, in dem es darum gegangen sei, auf das individuelle Verhalten zuzugreifen. Das sei die entscheidende Frage gewesen.

Gleichzeitig räumte Bude ein, wie wenig die Berater zu diesem Zeitpunkt wussten. Es habe kaum Wissen über die Übertragungsmechanismen, fast keines über die unterschiedlichen Risiken einzelner Bevölkerungsgruppen und überhaupt keines über die Folgen einer weitgehenden Stilllegung des öffentlichen Lebens gegeben. Trotzdem entwarfen diese Männer eine Politik für mehr als 80 Millionen Menschen, ließen Schulen schließen, Existenzen zerstören und Familien voneinander trennen. Die Wissenslücken bremsten den Machtanspruch nicht.

Bude formulierte die politische Aufgabe mit erstaunlicher Offenheit: Es sei darum gegangen, „Zwänge zu verordnen und Zustimmung zu gewinnen“ und dabei die Deutungshoheit zu behalten. Die Schlagworte „Flatten the Curve“ und „Hammer and Dance“ lieferten die passenden Bilder. Der Bürger sollte erkennen, dass sein persönliches Verhalten eine gezeichnete Kurve beeinflusst. Gehorsam bekam dadurch den Anschein mathematischer Notwendigkeit.

Bei einer Podiumsdiskussion an der Universität Graz plauderte Bude im Januar 2024 noch weiter aus dem Nähkästchen. Die Gruppe habe ein Modell gesucht, um „Folgebereitschaft herzustellen“, das „so ein bisschen wissenschaftsähnlich“ sei. „Flatten the Curve“ habe man von einem Wissenschaftsjournalisten übernommen. Budes Erklärung dazu: „Wir sagen denen, es sieht so nach Wissenschaft aus, ne?“

Damit steht die Methode in den Worten eines Beteiligten vor uns. Wissenschaftliche Autorität wurde nicht nur genutzt, um Erkenntnisse zu vermitteln. Ein wissenschaftlich wirkendes Bild sollte Zustimmung zu Zwangsmaßnahmen erzeugen und der Regierung die Deutungshoheit sichern. Wer später die Maßnahmen infrage stellte, bekam folgerichtig zu hören, er wende sich gegen „die Wissenschaft“ – obwohl die entscheidenden Berater selbst kaum etwas über die Folgen ihres gigantischen Gesellschaftsexperiments wussten.

Bude zufolge wurde das Papier Ende März 2020 über Bundesinnenminister Horst Seehofer an das Corona-Kabinett weitergeleitet. Es verschwand also nicht ungelesen in irgendeiner Schublade. Die Schockstrategie, das Millionentoten-Szenario und die Überlegungen zur gesellschaftlichen Folgebereitschaft erreichten das politische Machtzentrum der Bundesrepublik. Hinterher wollte die Regierung von den hässlichsten Passagen nichts mehr wissen. Während der entscheidenden Wochen waren die Autoren jedoch offenbar nützlich genug.

Österreich: Drohungen von der Regierungsspitze

In Österreich übernahm Sebastian Kurz die Rolle des obersten Angstverkäufers. Der damalige Bundeskanzler warnte im März 2020, bald werde jeder jemanden kennen, der an Corona gestorben sei. Pressekonferenzen wurden zur täglichen Alarmveranstaltung, auf der Minister neue Zahlen, Verbote und Untergangsszenarien verkündeten. Die Regierung sprach von Solidarität, stellte den Bürgern jedoch gleichzeitig Strafen, Zusammenbruch und Tod vor Augen.

Der von der Gesundheit Österreich GmbH veröffentlichte Bericht „Information der Bevölkerung in der Pandemie“ dokumentiert die damalige Kommunikationspolitik ausgerechnet im Auftrag des Gesundheitsministeriums. Ein Gesprächspartner erklärte, Kurz habe wohl befürchtet, die Menschen würden die Gefahr nicht glauben und die Vorgaben nicht einhalten. Deshalb habe es „klare Worte und drastische Worte“ gebraucht. Die politische Führung behandelte die Bevölkerung wie eine störrische Herde, die erst kräftig erschreckt werden musste.

Die befragten Fachleute kritisierten die Vielzahl rein politisch besetzter Pressekonferenzen. Die Politik habe Information und Kommunikation zu stark dominiert, während Abstimmung und eine erkennbare Kommunikationsstrategie fehlten. Organisationen erfuhren neue Maßnahmen teilweise gleichzeitig mit der Öffentlichkeit, rechtliche Grundlagen wurden erst nach politischen Ankündigungen geschaffen. Kurz verkündete, Behörden und Fachleute mussten hinterherräumen.

Die Kampagne „Schau auf dich, schau auf mich“ verband diese Drohkulisse mit gegenseitiger Kontrolle. Wer Regeln befolgte, schützte seine Mitmenschen. Wer widersprach, bedrohte sie angeblich. So gelangte die Regierung in die Köpfe, Gewissen und Wohnzimmer der Bürger. Familien stritten über Besuche, Arbeitgeber kontrollierten Gesundheitsdaten und Wirte prüften Zertifikate. Der staatliche Zwang wurde als persönliche Fürsorge verkauft und von den Bürgern untereinander vollstreckt.

In der Schweiz sprach der Verhaltensökonom Gerhard Fehr 2021 offen aus, wohin diese Logik führte. Ungeimpfte sollten automatisch einen Impftermin erhalten und sich aktiv abmelden müssen; für das bloße Verstreichenlassen brachte er eine Geldbuße ins Spiel. Für hartnäckige Impfverweigerer empfahl er Vorteile für Geimpfte, Getestete und Genesene. Restaurants und Konzerte sollten nur noch Menschen mit entsprechendem Nachweis offenstehen. Fehr nannte dieses Modell „systematische Diskriminierung“ und erklärte, solche Diskriminierung sei nichts Neues. Er stellte sogar infrage, ob eine ungeimpfte Minderheit volle Freiheitsrechte beanspruchen dürfe. Grundrechte erschienen in dieser verhaltensökonomischen Welt nicht mehr als Abwehrrechte gegen den Staat. Sie wurden zum Bonusprogramm für Wohlverhalten.

Yale testete Schuld, Scham und Ausgrenzung

Wie wirkungsvoll solche Botschaften sein konnten, untersuchten Erin James, Scott Bokemper, Alan Gerber, Saad Omer und Gregory Huber. Ihre Studie „Persuasive messaging to increase COVID-19 vaccine uptake intentions“ erschien 2021 im Fachjournal Vaccine. In zwei Experimenten testeten die Forscher verschiedene Botschaften zur Steigerung der Impfbereitschaft.

Einige Texte appellierten an den Eigennutz oder den Schutz der Gemeinschaft. Andere zielten auf Schuld, Scham, Verlegenheit, Wut und den sozialen Ruf. Die Teilnehmer sollten sich vorstellen, wie schuldig sie sich fühlten, wenn sie ungeimpft blieben und einen geliebten Menschen ansteckten. Eine weitere Botschaft fragte, wie beschämt sie wären. Impfverweigerung wurde in einem Text als rücksichtslos und alles andere als mutig dargestellt. Ein anderer erklärte, Ungeimpfte signalisierten ihren Mitmenschen, dass sie Wissenschaft nicht verstünden.

Die Forscher maßen auch, ob die Versuchspersonen Freunde und Verwandte zur Impfung drängen wollten und wie negativ sie Impfverweigerer beurteilten. Das Ziel reichte damit weit über die persönliche Entscheidung hinaus. Eine erfolgreiche Botschaft sollte aus dem Empfänger einen Multiplikator machen, der den Druck in sein eigenes Umfeld trug.

Im ersten Experiment lag die berechnete Impfbereitschaft der unbehandelten Kontrollgruppe bei 58,2 Prozent. Eine reine Informationsbotschaft erhöhte diesen Wert in einer ergänzenden binären Auswertung um 7,4 Prozentpunkte. Der Gemeinschaftsappell erreichte 12,7 Punkte, die Verbindung aus Gemeinschaft und erwarteter Beschämung 15,9 Punkte. Die Aussicht auf Scham wirkte damit erheblich stärker als die bloße Information.

Dieselbe Schambotschaft erhöhte die Bereitschaft, einem Freund zur Impfung zu raten, um 15 Prozentpunkte. Die Botschaft, Impfverweigerung sei nicht mutig, verstärkte die negative Bewertung Ungeimpfter auf der verwendeten Skala um 21 Prozent. In einem zweiten Experiment mit einer national angepassten Stichprobe bestätigte sich die Grundrichtung: Die Kombination aus Gemeinschaft und Beschämung steigerte die Bereitschaft, andere zur Impfung zu drängen, um zehn Prozentpunkte.

Die Studie untersuchte geäußerte Absichten und keine späteren Impfungen. Doch sie zeigt, was Wissenschaftler bewusst erprobten: Schuldgefühle, Rufschädigung und soziale Abwertung sollten Menschen zur Impfung bewegen und gleichzeitig Druck auf deren Familien und Freunde erzeugen. Genau diese Mechanik prägte später die politische Kampagne gegen Ungeimpfte. Sie galten als unsolidarisch, feige, wissenschaftsfeindlich und verantwortlich für die Fortsetzung der Maßnahmen. Forschung und Corona-Propaganda bedienten denselben Werkzeugkasten.

Angst erledigte die Arbeit

Die Angst wirkte. Ben Seyd und Feifei Bu untersuchten in ihrer 2022 in der European Political Science Review veröffentlichten Studie „Perceived risk crowds out trust? Trust and public compliance with coronavirus restrictions over the course of the pandemic“ Längsschnittdaten aus Österreich, Deutschland und Großbritannien. In Österreich ging eine Zunahme der persönlichen Angst zwischen April und Juni 2020 mit einem Anstieg der Regelbefolgung um 16,4 Prozentpunkte einher.

Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass Regierungen selbst bei mangelndem Vertrauen hohe Befolgungsraten erreichen können, wenn die Menschen eine gesellschaftliche Bedrohung stark genug fürchten. Während das Vertrauen in die Regierungen sank, blieb der Gehorsam erhalten oder nahm sogar zu. Angst erledigte einen erheblichen Teil jener Arbeit, für die eine demokratische Regierung normalerweise gute Argumente und glaubwürdige Entscheidungen benötigt.

Maximilian Filsinger und Markus Freitag werteten für ihre ebenfalls 2022 veröffentlichte Studie „Pandemic threat and authoritarian attitudes in Europe: An empirical analysis of the exposure to COVID-19“ zwölf Stichproben mit mehr als 12.000 Teilnehmern aus sechs europäischen Ländern aus. Die Bedrohung durch die Pandemie aktivierte vor allem Angst, die wiederum mit autoritären Einstellungen verbunden war. Wer sich bedroht fühlt, verlangt eher nach Führung, Strafe, Kontrolle und Unterordnung. Für Regierungen mit Hang zum Durchregieren war die Angst damit ein politischer Kraftverstärker.

Wie gefährlich dieser Weg ist, wusste selbst die britische Regierungskommunikation später zu erklären. Ein 2022 veröffentlichter Leitfaden warnte vor harten Botschaften, Beschämung, moralischen Angriffen und dem Herausgreifen angeblich egoistischer Gruppen. Solche Methoden könnten Trotz hervorrufen, Vertrauen zerstören und gesellschaftliche Spannungen verschärfen. Als problematisches Beispiel nennt der Leitfaden ausgerechnet die Botschaft: „Wenn dir andere wichtig sind, trage deine Maske.“

Zwei Jahre zuvor hatten Regierungsberater empfohlen, die persönliche Bedrohungswahrnehmung zu erhöhen, gesellschaftliche Anerkennung für Gehorsam zu verteilen und Abweichler mit Missbilligung zu überziehen. Sie warnten sogar selbst davor, dass daraus Sündenböcke entstehen könnten. Dann erklärten Regierungen Millionen gesunde Bürger zur Gefahr, Medien lieferten die Feindbilder und ein großer Teil der Bevölkerung vollstreckte die Ausgrenzung mit gutem Gewissen.

Im fünften Teil geht es darum, wie aus diesem psychologischen Werkzeugkasten eine gesellschaftliche Waffe wurde. Die Berater hatten vor Sündenbocksuche gewarnt. Das Corona-Regime schuf mit dem Impfstatus schließlich das perfekte Merkmal, an dem sich Freund und Feind, anständig und verantwortungslos, berechtigt und ausgeschlossen unterscheiden ließen.

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