Eltern schmieren ihre Kinder mit Sonnencreme ein, um sie vor UV-Strahlung zu schützen. Doch australische Forscher finden ausgerechnet bei Kindern auffällig hohe Belastungen mit Homosalat – einem UV-Filter, der wegen möglicher hormoneller Wirkungen seit Jahren unter Beobachtung steht. Bei mehr als der Hälfte der untersuchten Kindergruppen lagen die Werte sogar oberhalb jener Schwelle, ab der Experten gesundheitliche Beeinträchtigungen für möglich halten und eine Verringerung der Belastung empfehlen.
Australischer Sommer, brennende Sonne, Strand, Schulhof oder Garten: Für Eltern gehört die Sonnencreme zur täglichen Schutzroutine. Arme, Beine, Gesicht und Nacken werden eingecremt, bei kleinen Kindern oft mehrmals am Tag. Doch während die Creme vor der Sonne schützen soll, gelangen ihre Inhaltsstoffe auch über die Haut in den Körper. Ausgerechnet bei Kindern fanden Forscher nun auffällig hohe Werte eines UV-Filters, der schon länger wegen möglicher hormoneller Wirkungen in der Kritik steht.
Die Studie erschien Anfang September im Fachjournal Environmental Science & Technology unter dem Titel „Assessing UV Filter Exposure in Queensland, Australia: Human Biomonitoring Evidence Highlighting Homosalate in Children“. Die Forscher werteten 187 gepoolte Urinproben aus, in denen jeweils Material von 100 Menschen zusammengeführt worden war. Insgesamt flossen damit Proben von rund 18.700 Australiern aus den Jahren 2012 bis 2023 in die Untersuchung ein. Besonders stark waren die Werte bei Kindern: Ihre Belastung mit mehreren untersuchten UV-Filter-Biomarkern lag deutlich über jener von Jugendlichen und Erwachsenen. Beim Homosalat-Metaboliten HMS-CA5 überschritten 80 Prozent der Kinder-Pools den HBM-I-Wert. 53 Prozent lagen sogar über HBM-II.
In Europa gelten niedrigere Grenzwerte
Der HBM-II-Wert stellt im deutschen Human-Biomonitoring Konzentrationen dar, oberhalb derer gesundheitliche Beeinträchtigungen möglich sind und Maßnahmen zur Verringerung der Belastung empfohlen werden. Seit 2018 überschritten laut der Studie sämtliche untersuchten Kinder-Pools bereits den niedrigeren HBM-I-Wert. Die Forscher sehen deshalb Handlungsbedarf – vor allem bei jenen Bevölkerungsgruppen, die besonders stark mit Homosalat belastet sind. Diese Chemikalie wird als chemischer UV-Filter in Sonnenschutzprodukten eingesetzt und kann über die Haut aufgenommen werden. In Australien, wo Kinder wegen der intensiven Sonneneinstrahlung regelmäßig und großflächig eingecremt werden, kann die Belastung entsprechend hoch ausfallen. Der Stoff steht seit Jahren im Visier der Behörden, vor allem wegen möglicher Auswirkungen auf das Hormonsystem.
Europa hat den Einsatz bereits deutlich eingeschränkt. Das wissenschaftliche Verbraucherschutzkomitee der EU kam zu dem Schluss, dass Homosalat bei der früher erlaubten Konzentration von bis zu zehn Prozent nicht als sicher bewertet werden könne. Wegen der offenen Fragen zu möglichen hormonellen Wirkungen wurde der zulässige Einsatz zurückgefahren. Heute erlaubt die EU Homosalat nur noch bis maximal 7,34 Prozent und nur in bestimmten Gesichtsprodukten.
Skandale über Skandale
Australien erlaubt dagegen weiterhin bis zu 15 Prozent – mehr als doppelt so viel wie der heutige EU-Höchstwert. Auch die australische Arzneimittelbehörde TGA prüfte den Stoff und bestätigte, dass Homosalat über die Haut aufgenommen werden kann. Die Behörde sah bei den bislang erlaubten Konzentrationen keine ausreichende Sicherheitsmarge und empfahl strengere Vorgaben. Die mögliche hormonelle Wirkung gilt wissenschaftlich noch nicht als abschließend geklärt, doch schon die bestehende Datenlage reichte der TGA aus, um strengere Grenzwerte zu empfehlen.
Parallel dazu erschüttert ein zweiter Skandal Australiens Sonnencreme-Branche. Gleich 20 Sonnenschutzprodukte mussten wegen zweifelhafter Angaben zum Lichtschutzfaktor vom Markt. Im Mittelpunkt steht Wild Child Laboratories, das eine Basisrezeptur für zahlreiche Marken hergestellt hatte. Besonders drastisch fiel der Test beim Produkt Ultra Violette Lean Screen SPF50+ aus: Die Verbraucherschutzorganisation CHOICE maß lediglich einen Lichtschutzfaktor von 4. Weitere Tests im Auftrag des Unternehmens kamen auf Werte zwischen 2,9 und 25,18. Verkauft worden war das Produkt als SPF50+. Die australische TGA prüfte daraufhin die betreffende Basisrezeptur und kam zu dem Ergebnis, dass sie wahrscheinlich keinen Lichtschutzfaktor über 21 erreicht. Bei einzelnen Produkten seien sogar Werte um SPF 4 möglich. Verbraucher hatten sich währenddessen auf einen beworbenen Schutzfaktor von 50+ verlassen.
Wild Child Laboratories ging im August in Liquidation. Elf Sonnenschutzunternehmen haben inzwischen Forderungen von zusammen mehr als 19 Millionen australischen Dollar angemeldet. Ultra Violette steht mit rund sieben Millionen Dollar in der Gläubigerliste und wirft Wild Child vor Gericht irreführendes und täuschendes Verhalten vor. Auch Advanced Skin Technology klagt und fordert fast 2,5 Millionen Dollar. Wild Child weist die Vorwürfe zurück beziehungsweise will sich gegen die Klagen verteidigen.
Australiens Sonnencreme-Branche steht damit gleich an zwei Fronten unter Druck: Produkte mit teils dramatisch verfehlten SPF-Werten und neue Biomonitoring-Daten, die ausgerechnet bei Kindern hohe Homosalat-Belastungen zeigen. Europa hat den Einsatz des umstrittenen UV-Filters längst deutlich eingeschränkt, wenngleich auch nicht verboten. Australien erlaubt weiterhin Konzentrationen von bis zu 15 Prozent. Und das, obwohl die Kinder ohnehin schon allgemein stärker mit solchen das Hormonsystem beeinflussenden Mitteln belastet sind als noch vor einigen Jahrzehnten.
