Eigentlich sollte das „grüne Gas“ das normale Erdgas ersetzen, doch das Energieprojekt in Québec entpuppt sich als weiteres Klimawahn-Fiasko. Sieben Jahre nach der Einführung ist das Biogas nicht nur weiterhin sündhaft teuer und bei den Kunden unbeliebt, sondern wird auch noch vorwiegend importiert. Die Kosten dafür müssen sämtliche Gaskunden begleichen. Die Regierung hat einen Markt per Verordnung geschaffen, den es ohne staatlichen Druck nicht gäbe – und beginnt nun, die eigenen Zielvorgaben nach hinten zu schieben.
Im Jahr 2019 schrieb die linke Regierung der kanadischen Provinz Québec den Gasversorgern vor, einen stetig wachsenden Anteil des sogenannten erneuerbaren Erdgases abzusetzen. Gewonnen werden sollte das Biomethan aus Gülle, Klärschlamm, Küchenabfällen und anderen organischen Reststoffen. Ein Prozent bis 2020, fünf Prozent bis 2025 und zehn Prozent bis 2030 lautete der politische Fahrplan. Die Zahlen standen fest, bevor überhaupt geklärt war, woher die dafür notwendigen Mengen kommen, was ihre Herstellung kostet und ob überhaupt irgendjemand bereit ist, für dieses Gas freiwillig mehr zu bezahlen.
Unterstützt wurde das Projekt erwartungsgemäß von Umweltverbänden und Klimanetzwerken, die einen raschen Ausstieg aus fossilen Energieträgern verlangten. Der Gasversorger Énergir hatte ebenfalls allen Grund, Gefallen an der Idee zu finden: Mit dem Etikett „erneuerbar“ ließ sich das bestehende Pipelinenetz als Bestandteil der Energiewende verkaufen, statt es als milliardenschweres Auslaufmodell abschreiben zu müssen. Die Politik wiederum konnte ambitionierte Quoten verkünden und den Bürgern erzählen, künftig würden ihre Essensreste die Häuser heizen.
Energiepolitischer Irrsinn im Wasserkraftland
Schon der grundlegende Ansatz war widersinnig. Québec verfügt über eines der saubersten Stromerzeugungssysteme der Welt. Rund 94 Prozent der Elektrizität stammen aus Wasserkraft. Trotzdem entschied sich die Regierung dafür, organische Abfälle einsammeln und über weite Strecken transportieren zu lassen, teure Vergärungs- und Aufbereitungsanlagen zu fördern, das daraus gewonnene Gas durch ein unterirdisches Leitungsnetz zu pumpen und es am Ende in Heizkesseln zu verbrennen.
Biomethan kann dort sinnvoll sein, wo Methanemissionen ohnehin anfallen oder eine direkte Elektrifizierung technisch kaum möglich ist. Als großflächig einsetzbarer Brennstoff für Wohnungen, Geschäfte und Bürogebäude ist es hingegen viel zu teuer und nicht annähernd in ausreichender Menge verfügbar. Doch die Regierung behandelte die Verfügbarkeit von Biomethan wie eine reine Frage des politischen Willens. Man schrieb zehn Prozent in eine Verordnung und erwartete offenbar, dass Rohstoffe, Anlagen und Lieferketten dem politischen Beschluss schon folgen würden.
Neue Produktionsstätten entstanden jedoch weder schnell genug noch in ausreichender Zahl. Die heimische Erzeugung blieb weit hinter den Vorgaben zurück. Das war eigentlich auch zu erwarten, zumal sich der Markt vor allem am Preis und der Rentabilität orientiert. Weshalb sollte man als verantwortungsbewusster Unternehmer also auch in solche Projekte investieren, wenn diese vor allem Eines verbrennen: Geld.
Das „lokale“ Biogas kommt von außerhalb
Énergir musste deshalb große Mengen außerhalb Québecs beschaffen. Nach Angaben des Unternehmens stammen rund 80 Prozent seines „erneuerbaren“ Gases aus anderen kanadischen Provinzen oder den Vereinigten Staaten. Das linksgrüne Vorzeigeprojekt der regionalen Kreislaufwirtschaft hängt damit größtenteils an Importen aus dem nordamerikanischen Gasnetz.
Physisch erhält der einzelne Kunde ohnehin kein getrenntes „grünes Gas“. Das andernorts erzeugte Biomethan wird in das gemeinsame Leitungsnetz eingespeist und dem Konsumenten anteilig zugerechnet. Mehr noch entlarvt der hohe Importanteil die eigentliche Täuschung des Projektes. Québecs Provinzregierung wollte mit den biologischen Abfällen aus der eigenen Provinz einen nennenswerten Teil des Gasverbrauchs decken. Doch das wird auch in absehbarer Zeit noch nicht einmal ansatzweise möglich sein.
Fast sechsmal so teuer wie normales Erdgas
Der Grund dafür liegt auch in den Kosten des Biomethans. Denn der Preisunterschied ist gewaltig. Seit Oktober 2025 setzte Énergir den Beschaffungspreis für das „grüne Erdgas“ mit 94,884 kanadischen Cent je Kubikmeter an. Herkömmliches Erdgas kostete auf derselben Grundlage 16,785 Cent. Damit war es rund 5,7-mal so teuer wie das Produkt, das es eigentlich ersetzen soll. Und selbst wenn man die Produktion deutlich ausweiten würde, wären die Kostensenkungen nur minimal.
Wenig überraschend wollten nur wenige Kunden freiwillig für diesen teuren Klimawahn bezahlen. In einem funktionierenden Markt wäre dies das Ende des Geschäftsmodells gewesen. Doch die Provinzregierung von Québec hatte die Abnahmemengen bereits politisch festgelegt. Also wurde nicht die Quote korrigiert, sondern der Kunde zur Kasse gebeten. Die Régie de l’énergie erlaubte Énergir, die Mehrkosten jener Mengen, die das Unternehmen aufgrund der staatlichen Vorgaben beschaffen muss, aber nicht freiwillig verkaufen kann, auf sämtliche Gaskunden umzulegen. Offiziell läuft dies unter „Sozialisierung“. Tatsächlich bedeutet es: Wer das überteuerte Biogas nicht bestellt, bezahlt trotzdem dafür.
Der Staat erzwingt die Nachfrage per Verordnung, der Versorger trägt kaum ein Absatzrisiko und die Verbraucher dürfen die politische Fehlentscheidung über ihre monatlichen Rechnungen finanzieren. Damit zahlen die Bürger doppelt. Als Steuerzahler finanzieren sie Förderprogramme und kommunale Biomethanisierungsanlagen. Als Gaskunden tragen sie zusätzlich die Kosten für ein Produkt, das am Markt wegen seines Preises keine Chance hätte. Allein für die Förderung der Produktion erneuerbaren Erdgases sieht Québec Hunderte Millionen kanadische Dollar vor.
Die Industrie bezahlt für den Klimawahn
Für Gewerbe- und Industriebetriebe ist das Experiment besonders gefährlich. Sie können ihre Energiekosten nicht einfach ignorieren, weil eine Regierung das Produkt mit dem Wort „grün“ versehen hat. Sie konkurrieren nämlich mit Unternehmen in Ontario und den Vereinigten Staaten, die weiterhin Zugang zu günstigem konventionellem Erdgas haben. Wer in Québec am Gasnetz bleibt, wird mit den Kosten der staatlichen Beimischungsquote belastet. Wer aussteigen und auf Strom wechseln möchte, stößt wiederum auf Anschlussverzögerungen und begrenzte Netzkapazitäten.
Die Politik verteuert damit eine bestehende Energieversorgung, ohne rechtzeitig eine verlässliche Alternative bereitzustellen. Das ist nichts weiter eine politisch erzeugte Kostenfalle. Die Regierung setzt Unternehmen unter Druck, Gas zu ersetzen, macht den Gasbezug künstlich teurer und kann gleichzeitig nicht garantieren, dass genügend elektrische Leistung für die Umstellung verfügbar ist. Bezahlt wird dieses Durcheinander mit sinkender Wettbewerbsfähigkeit, geringeren Investitionen und höheren Preisen.
Die Regierung beginnt zurückzurudern
Im April 2026 legte Québec schließlich einen Verordnungsentwurf vor, der das Zehn-Prozent-Ziel von 2030 auf 2032 verschieben sollte. Die eigene Folgenabschätzung der Regierung ist dabei vernichtender als jede Kritik der Opposition: Allein die Verschiebung sollte den Verbrauchern im Jahr 2030 zwischen 130 und 155 Millionen kanadische Dollar ersparen. Mit anderen Worten: Die Regierung bezifferte selbst, wie teuer die Einhaltung ihres ursprünglichen Zeitplans geworden wäre. Wie viele hunderte Millionen Dollar mehr könnten die kanadischen Gaskonsumenten einsparen, würde die linke Provinzregierung ihr Versagen eingestehen und das Projekt auf den Müllhaufen der Geschichte werfen.
Doch zu einer klaren Kehrtwende konnte sie sich nicht durchringen. Im Juli kündigte Wirtschaftsminister Bernard Drainville eine erneute Prüfung durch die Energieaufsicht und ein Expertengremium an. Das Ziel wird nicht offen aufgegeben, sondern durch weitere Prüfungen, Anhörungen und mögliche Fristverlängerungen politisch am Leben gehalten. Die Verantwortlichen haben erkannt, dass ihre Zahlen nicht mit der verfügbaren Produktion und den tragbaren Kosten zusammenpassen. Sie scheuen sich aber davor, den Fehler beim Namen zu nennen. Also wird verschoben, geprüft und weiter subventioniert. Alles auf Kosten der Bürger und der Unternehmen.
Eine Allianz auf Kosten der Bürger
Wie konnte ein derart offensichtlich fehlerhaftes Modell überhaupt beschlossen werden? Weil fast alle beteiligten Institutionen irgendwie einen Vorteil daraus zogen – mit Ausnahme jener, die bezahlen müssen. Énergir erhielt eine Rechtfertigung für den Fortbestand seines Leitungsnetzes. Umweltverbände bekamen verbindliche Quoten und staatliche Programme. Kommunen konnten neue Anlagen planen und Fördergelder abrufen. Politiker präsentierten sich mit ambitionierten Klimazielen. Die Bürokratie erhielt neue Zuständigkeiten, Berichte und Kontrollmechanismen.
Das finanzielle Risiko wurde hingegen nach unten weitergereicht. Wenn die Anlagen zu wenig produzieren, wird importiert. Wenn das Gas zu teuer ist, werden die Kosten umgelegt. Wenn die Kunden es nicht freiwillig kaufen, bezahlen sie über den allgemeinen Tarif. Und wenn die Quote nicht erreichbar ist, wird die Frist verschoben. Das Wort „grün“ dient dabei als Schutzschild gegen jede nüchterne Kostenrechnung. Kritische Fragen sind politisch unerwünscht.
Doch keine politische Verordnung erzeugt verwertbare Biomasse. Kein noch so teures Förderprogramm macht aus einem fünf- bis sechsmal so teuren Brennstoff ein konkurrenzfähiges Massenprodukt. Und kein PR-Begriff ändert etwas daran, dass Québec ausgerechnet in einem nahezu vollständig mit Wasserkraft versorgten Stromsystem eine der teuersten Möglichkeiten zur Gebäudeheizung erzwingen wollte. Wie lange werden die Menschen in der französischsprachigen Provinz diesem Klimawahn-Schauspiel noch tatenlos zusehen?





