Neapels Supervulkan: Rekordbeben aus nur 2,6 Kilometern Tiefe

(C) Report24/KI

Unter Neapel hat die Erde so heftig gebebt wie noch nie seit Beginn der modernen Messungen in den Campi Flegrei. Der Stoß der Magnitude 4,7 kam aus lediglich 2,6 Kilometern Tiefe, verletzte mindestens 21 Menschen und löste innerhalb weniger Stunden einen Schwarm von mindestens 169 Beben aus. Auch wenn kein unmittelbar bevorstehender Vulkanausbruch droht – harmlos ist das Geschehen nicht.

Am Donnerstagabend um 19:46 Uhr Ortszeit erschütterte ein außergewöhnlich starkes Erdbeben die Region westlich von Neapel. Das Epizentrum lag zwischen Pozzuoli und Quarto, mitten in der Caldera der Phlegräischen Felder. Das italienische Institut für Geophysik und Vulkanologie, INGV, führt das Beben mit einer lokalen Magnitude von Md 4,7 ± 0,3; die berechnete Momentmagnitude beträgt Mw 4,4 ± 0,3. Das Erdbebenzentrum lag nach der überarbeiteten Auswertung lediglich 2,6 Kilometer unter der Oberfläche.

Ein neuer Rekord unter Neapel

Damit wurde der bisherige Höchstwert von Md 4,6 aus dem Juni 2025 knapp übertroffen. Formal handelt es sich um das stärkste instrumentell registrierte Erdbeben in den Campi Flegrei. Der Abstand beträgt zwar nur 0,1 Magnitudeneinheiten und liegt innerhalb der angegebenen Messunsicherheit. Dennoch setzt sich eine Entwicklung fort, die seit Jahren nur eine Richtung kennt: stärkere Erschütterungen, anhaltende Bodenhebung und immer neue Schwarmphasen. Das Beben war kein kurzer Einzelstoß. Bis zum 1. August um 11:28 Uhr registrierte das INGV bereits 169 Erdbeben. Darunter befanden sich ein weiterer Stoß der Stärke 3,8 sowie mehrere Beben der Stärke 3,1. Ein großer Teil der stärkeren Ereignisse ereignete sich in Tiefen von weniger als drei Kilometern, einige sogar nur 400 bis 600 Meter unter der Oberfläche.

Gerade diese geringe Tiefe macht das Geschehen dabei so gefährlich. Ein moderates Erdbeben direkt unter einer dicht bebauten Stadt kann erheblich stärker wirken als ein energiereicherer Stoß aus großer Tiefe. Das INGV berechnete für Teile des betroffenen Gebiets eine Erschütterungsintensität bis zum Grad VII der Mercalli-Cancani-Sieberg-Skala. Das entspricht einem Niveau, bei dem an anfälligen Gebäuden bereits deutliche Schäden auftreten können. Die Erschütterung wurde in ganz Neapel, auf Ischia und bis zur Halbinsel von Sorrent gespürt.

Nach Angaben des italienischen Zivilschutzes wurden 21 Menschen verletzt, zwei davon schwer. In Pozzuoli richteten die Behörden im Palatrincone vorsorglich 185 Schlafplätze ein. Gemeldet wurden Schäden an Gebäuden und Infrastruktur – ein Vorgeschmack darauf, was eine längere Serie starker, oberflächennaher Beben in der Region anrichten könnte.

Die im Internet verbreiteten dreidimensionalen Darstellungen zeigen die Erdbebenherde scheinbar wie Perlen an einer senkrechten Schnur. Das sieht spektakulär aus, ist aber kein Röntgenbild einer Magmasäule, die sich unmittelbar zur Oberfläche frisst. Die Punkte markieren berechnete Hypozentren, die sich in einem engen Raum entlang vorhandener Brüche und Spannungszonen konzentrieren. Perspektive und Skalierung der Grafik verstärken den Eindruck eines einzelnen senkrechten Kanals. Daraus folgt jedoch keine Entwarnung. Die Grafik beweist nur nicht das, was manche daraus machen wollen. Für die Frage, ob Magma aufsteigt und eine Eruption vorbereitet, müssen gleichzeitig Erdbebenmuster, Bodenverformung, Gasaustritt, Temperaturen und weitere geochemische Daten ausgewertet werden.

Der Boden hat sich um 1,66 Meter gehoben

Die Phlegräischen Felder sind keine gewöhnliche Erdbebenregion. Sie bilden eine gewaltige, weitgehend bebaute Caldera, die sich unter Pozzuoli, westlichen Stadtteilen Neapels und dem Golf von Pozzuoli erstreckt. Seit 2005 wird dort erneut eine ausgeprägte Phase des Bradyseismos beobachtet: Der Untergrund hebt sich, Gase und heiße Flüssigkeiten setzen das Gestein unter Druck, bis es bricht und Erdbeben auslöst. An der Messstation Rione Terra hat sich der Boden seit November 2005 um rund 166,5 Zentimeter gehoben. Allein seit Januar 2025 kamen etwa 28,5 Zentimeter hinzu. Die Hebungsrate hat sich zuletzt zwar auf durchschnittlich rund zehn Millimeter im Monat verlangsamt.

Gleichzeitig bestätigen die geochemischen Daten aber weiterhin den langjährigen Trend einer Erwärmung und Druckzunahme im hydrothermalen System. Der CO2-Ausstoß im Bereich der Solfatara bleibt auf einem Niveau, das mit dauerhaft entgasenden aktiven Vulkanen vergleichbar ist. Das bedeutet nicht, dass morgen Lava aus den Straßen von Pozzuoli schießen wird. Es bedeutet aber, dass unter der Region erhebliche Kräfte wirken und sich der Zustand des Systems deutlich vom normalen Hintergrundniveau unterscheidet. Die offizielle Warnstufe steht deshalb weiterhin auf Gelb: „mittleres Ungleichgewicht“, Überwachungsparameter über den Basiswerten.

Keine Ausbruchswarnung – aber auch keine Ruhe

Nach dem gegenwärtigen Stand gibt es keine Hinweise auf eine unmittelbar bevorstehende Eruption des Supervulkans. Das INGV betont, dass die Gesamtheit der überwachten Parameter derzeit weder die unmittelbare Nähe eines Ausbruchs noch gar eine bevorstehende gigantische „Supereruption“ erkennen lässt. Eine solche hätte nicht nur verheerende Zerstörungen im direkt betroffenen Gebiet zur Folge, sondern könnte die Welt (vor allem die Nordhalbkugel) über mehrere Jahre hinweg in einen „Vulkanischen Winter“ stürzen.

Rund 500.000 Menschen leben in der roten Zone, die bei einem bestätigten Ausbruchsalarm vollständig geräumt werden müsste. Weitere mehr als 800.000 Menschen leben in der gelben Zone, in der erheblicher Ascheregen erwartet wird. Für die Evakuierung der roten Zone sieht der staatliche Plan übrigens höchstens 72 Stunden vor, was selbst unter idealen Bedingungen kaum umsetzbar wäre. Zehntausende Tote wären in solch einem Fall wohl zu beklagen.

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