Ceuta: Grenzstürmung trotz hunderter Millionen für Marokko

(C) Report24/KI

Mehr als 50.000 Menschen drangen binnen weniger Tage aus Marokko nach Ceuta vor, während auch Melilla von einem massiven Grenzdurchbruch bedroht wurde. Spanien musste Soldaten schicken und versucht, die Lage wieder unter Kontrolle zu bringen. Und das, obwohl Brüssel und Madrid seit Jahren hunderte Millionen Euro in Marokkos Grenz-, Polizei- und Migrationsapparat pumpen. Die Rechnung ist bezahlt, doch die angeblich eingekaufte Sicherheit ist nichts weiter als ein teures Luftschloss.

Der Grenzsturm auf Ceuta sprengte jede bisher bekannte Größenordnung. Nach Angaben des spanischen Innenministeriums gelangten seit Donnerstagmorgen rund 50.000 Menschen auf spanisches Gebiet; Ceutas Regierungschef Juan Jesús Vivas sprach sogar von bis zu 60.000 innerhalb weniger Tage. Der Großteil bestand aus jungen Marokkanern, die zu Fuß, schwimmend und durch Lücken in den Grenzanlagen vordrangen. Die spanischen Polizisten waren überfordert, Militärfahrzeuge rollten an die Grenze, 57 Menschen kamen ums Leben. In Melilla musste der Übergang Beni Enzar geschlossen werden, nachdem auch dort hunderte junge Maghrebiner den Durchbruch versuchten.

Ceuta hat selbst nur rund 85.000 Einwohner. Innerhalb weniger Stunden drang damit eine Menschenmenge in die Stadt ein, die mehr als der Hälfte ihrer gesamten Bevölkerung entsprach. Geschäfte schlossen, Fahrzeuge gingen in Flammen auf und spanische Militärfahrzeuge rollten an der Grenze auf. Madrid schickte zunächst 200 zusätzliche Polizisten und 60 Soldaten. Auch in Melilla kam es am Grenzübergang Beni Enzar zu schweren Zusammenstößen und Durchbruchsversuchen; mindestens drei Fahrzeuge wurden dort angezündet. Das war eine Invasion, die zu anderen Zeiten vielleicht Grund für einen Krieg gewesen wäre.

Mindestens 567 Millionen Euro für Rabat

Doch das hätte so in dieser Form eigentlich gar nicht erst passieren dürfen. Denn Marokko erhielt von der Europäischen Union und von Spanien selbst Unsummen an Geldern. Allein zwischen 2015 und 2021 flossen laut EU-Kommission 179 Millionen Euro in ein „integriertes Grenzmanagement“, sowie in die Bekämpfung von Schleusern und Menschenhandel. Die Umsetzung dieser Programme lief teilweise bis Dezember 2025 weiter. Für den Zeitraum 2021 bis 2024 weist die EU weitere rund 193 Millionen Euro aus dem regionalen Migrationstopf für Marokko aus. Finanziert wurden unter anderem Grenzmanagement, Rückführungen, Migrationsverwaltung, der Kampf gegen Schleuser und sogenannte Schutzmaßnahmen für Migranten.

Auch Spanien überwies über Jahre Millionenbeträge. Eine im offiziellen Bulletin des spanischen Kongresses veröffentlichte Aufstellung nennt für die Jahre 2016 bis 2021 insgesamt 106.124.215 Euro. Das Geld sollte Marokkos Polizeieinsätze gegen illegale Migrationsbewegungen in Richtung Spanien finanzieren. Allein 2019, 2020 und 2021 flossen jeweils rund 30 Millionen Euro oder mehr. Im Oktober 2022 bewilligte Madrid weitere 30 Millionen Euro. Laut Ministerratsbeschluss sollte Marokko damit seine operativen Polizeieinsätze, die Wartung von Material und den Kampf gegen illegale Migration finanzieren.

Die spanische Botschaft in Marokko sollte sogar kontrollieren, ob das Geld „effizient“ eingesetzt wurde. Damals feierte die Regierung einen Rückgang der illegalen Ankünfte um knapp 20 Prozent als Beleg für die Wirksamkeit der Zusammenarbeit. 2024 kamen weitere 4,12 Millionen Euro für Überwachungssysteme hinzu. Zusammengerechnet ergeben die dokumentierten EU- und Spanien-Mittel damit mindestens 567,24 Millionen Euro. Diese Summe umfasst nur klar bezifferte Programme, die Marokko direkt zugeordnet werden können.

Auch 2025 floss weiteres Geld

Der Geldstrom endete nicht 2024. Ein im April 2026 veröffentlichter Bericht des spanischen Innenministeriums weist für 2025 Ausgaben von rund 1,84 Millionen Euro für materielle Polizeihilfe an Marokko und Mauretanien aus. Marokko erhielt daraus 20 Videoüberwachungssysteme, Mauretanien 45 Fahrzeuge. Welcher Anteil der 1,84 Millionen Euro genau auf Marokko entfiel, veröffentlicht Madrid nicht. Deshalb ist dieser Betrag in den 567 Millionen Euro nicht eingerechnet. Hinzu kommen weitere spanische Programme für mehrere westafrikanische Staaten, bei denen Marokko zwar als Co-Empfänger genannt wird, der jeweilige Landesanteil jedoch verschwiegen bleibt. Auch die EU ließ in den vergangenen Jahren über mehrere multinationale Programme zusätzliche Mittel in die Region fließen, um den Migrationsdruck zu mindern. Die tatsächliche Summe, die aus Brüssel und Madrid nach Rabat geflossen ist, liegt am Ende wohl deutlich näher an einer Milliarde Euro. Und trotzdem konnte eine Menschenmenge von bis zu 60.000 Personen in Ceuta einfallen.

Die dramatischen Bilder, die wir sahen, waren das Resultat des blinden Vertrauens in einen Drittstaat, der eigentlich ohnehin ganz eigene Interessen hat. Denn einerseits betrachtet Marokko die beiden spanischen Exklaven und einige kleinere spanische Inseln (die sogenannten plazas de soberanía, etwa den Peñón de Vélez de la Gomera oder die Chafarinas-Inseln) als Teil seines nationalen Territoriums. Andererseits stört man sich in Rabat auch nicht sonderlich daran, wenn sich unzählige junge Männer auf nach Europa machen, anstatt im eigenen Land für Probleme zu sorgen. Spanien und die EU betreiben damit keine souveräne Grenzpolitik, sondern bezahlen brav Schutzgeld an einen Staat, der diese Grenzen politisch grundsätzlich infrage stellt.

Rabat kennt den Wert der Migrationswaffe

Schon 2021 zeigte Marokko, wie schnell sich der Migrationsdruck auf Ceuta erhöhen lässt. Damals gelangten innerhalb kurzer Zeit rund 10.000 Menschen in die Stadt, nachdem marokkanische Sicherheitskräfte ihre Kontrollen gelockert hatten. Der Vorgang wurde weithin als Vergeltung dafür gewertet, dass Spanien den Anführer der Polisario-Front, Brahim Ghali, zur medizinischen Behandlung aufgenommen hatte. Die Westsahara war bis 1976 spanisches Kolonialgebiet und wurde danach zwischen Marokko und Mauretanien aufgeteilt. Nach dem Rückzug Mauretaniens 1979 übernahm Marokko die Kontrolle über das gesamte Gebiet. Die Polisario kämpft seitdem gegen die marokkanischen Kräfte für die Unabhängigkeit des Gebietes.

Zwar gibt es keine Beweise für eine direkte Unterstützung der jüngsten Invasion Ceutas durch Rabat, doch auch diesmal standen marokkanische Sicherheitskräfte zeitweise weitgehend untätig daneben, bevor sie später mit Schlagstöcken, Tränengas und Wasserwerfern gegen weitere Menschenmengen vorgingen. Brüssel nennt diese Politik „Partnerschaft“. In Wirklichkeit jedoch hat Europa Marokko ein Machtinstrument finanziert. Rabat weiß, dass Spanien bei der Kontrolle der Migrationsströme auf seine Polizei angewiesen ist. Je größer diese Abhängigkeit wird, desto wertvoller wird für Marokko die Möglichkeit, den Druck zu erhöhen oder Kontrollen lediglich weniger entschlossen durchzuführen.

Dabei hätten auch Madrid und Brüssel die Möglichkeit, die Daumenschrauben anzuziehen. Ein Verbot von weiteren Investitionen durch europäische Unternehmen, die Suspendierung Marokkos aus der Freihandelszone des Europa-Mittelmeer-Assoziationsabkommens und sogar militärische Maßnahmen wären für den schlimmsten Fall denkbar. Doch die europäischen Politiker haben keine „Cojones“ mehr. Dafür weiß man in Rabat, dass man nur die Migrationswaffe immer wieder mal zücken muss, um noch mehr Gelder von den Europäern zu erhalten.

«Odette»: Der neue Roman vom widerständen Bestsellerautor Akif Pirinçci – JETZT versandkostenfrei bestellen!


Wenn Sie mit dafür sorgen möchten, dass unser unabhängiger Journalismus weiterhin eine Gegenstimme zu regierungstreuen und staatlich geförderten Medien bildet, unterstützen Sie uns bitte mit einer Spende!

Informationen abseits des Mainstreams werden online mehr denn je bekämpft. Um schnell und zensursicher informiert zu bleiben, folgen Sie uns auf Telegram oder abonnieren Sie unseren Newsletter! Wenn Sie mit dafür sorgen möchten, dass unser unabhängiger Journalismus weiterhin eine Gegenstimme zu regierungstreuen und staatlich geförderten Medien bildet, freuen wir uns außerdem sehr über Ihre Unterstützung.

Unterstützen Sie Report24 via Paypal: