Seit mehr als fünf Jahren sind gewöhnliche Plastikstrohhalme in der EU verboten. Stattdessen bekommt man vielerorts Pappe, die im Getränk aufweicht und teilweise auch noch bedenkliche Chemikalien enthält. Nun zeigt eine Untersuchung aus Südkorea, dass der gewöhnliche Plastikstrohhalm in zehn von 16 untersuchten Umweltbereichen besser abschneidet als sämtliche getesteten Alternativen. Die Probleme mit dem angeblich umweltfreundlichen Papp-Ersatz sind dabei schon seit Jahren bekannt.
Brüssel hat es geschafft: Statt eines funktionierenden Plastikstrohhalms bekommt man nun vielerorts eine Papprolle, die nach wenigen Minuten aufweicht. Hauptsache, das böse Plastik ist weg. Seit dem 3. Juli 2021 dürfen gewöhnliche Einweg-Plastikstrohhalme in der EU nicht mehr neu auf den Markt gebracht werden. Damit wollte man angeblich die Verschmutzung der Meere bekämpfen – und das, obwohl die wirklich großen Verschmutzer in ganz anderen Teilen der Welt liegen. Doch was bringt es der Umwelt, wenn man einen Wegwerfartikel durch einen anderen ersetzt, der bei der Herstellung mehr Schadstoffe verursacht und nach Gebrauch ebenfalls in der Müllverbrennung landet? Eine Untersuchung aus Südkorea zeigt nun, wie fragwürdig die vermeintlich saubere Papp-Alternative tatsächlich ist.
A new study from South Korea found that paper straws are somehow worse for the environment than single-use plastic straws.
— Pubity (@pubity) October 25, 2026
None of the "eco-friendly" solutions actually worked, and switching away from plastic straws didn't really help the environment. pic.twitter.com/aJYnZEWRuT
And the winner is: Plastik
Die Korean Society for Life Cycle Assessment untersuchte im Auftrag des südkoreanischen Ministeriums für Klima, Energie und Umwelt vier verschiedene Strohhalmtypen: herkömmliches Plastik aus Polypropylen, Papier, biologisch abbaubaren Kunststoff sowie Kunststoff aus pflanzlichen Rohstoffen. Die Forscher berechneten die Belastungen von der Rohstoffgewinnung über die Herstellung bis zur Entsorgung. In zehn von 16 untersuchten Bereichen schnitt der gewöhnliche Plastikstrohhalm am besten ab. Unter anderem wurden geringere Belastungen durch Feinstaub, bestimmte Schadstoffe und Stoffe errechnet, die Böden und Gewässer versauern lassen können. Beim Verbrauch fossiler Rohstoffe schnitt Plastik erwartungsgemäß am schlechtesten ab. Die zwischen Mai 2025 und April 2026 durchgeführte Untersuchung wurde im Oktober öffentlich bekannt.
Bei den Stoffen, die Böden und Gewässer versauern lassen können, erreichte Papier den 2,04-fachen Wert des gewöhnlichen Kunststoffs. Bei der Feinstaubbelastung lag der Wert um 62 Prozent höher. Besonders groß war der Unterschied bei der rechnerischen Bewertung potenziell krebserregender Schadstoffwirkungen über den gesamten Lebenszyklus. Hier erreichte Papier den 6,33-fachen Wert, Kunststoff aus pflanzlichen Rohstoffen sogar den 16- bis 18-fachen. Diese Berechnungen betreffen die Belastungen durch Produktion und Entsorgung, nicht das persönliche Krebsrisiko beim Trinken. Der pflanzenbasierte Kunststoff schnitt insgesamt in zehn Umweltbereichen am schlechtesten ab. Ausgerechnet jene Materialien, die gerne als besonders natürlich und nachhaltig verkauft werden, verursachen also bei etlichen Schadstoffwerten die größten Probleme. Die Pappe mag im Getränk zerfallen. Die Schadstoffe aus ihrer Herstellung verschwinden deshalb noch lange nicht.
Niemand mag die Pappröhrchen
Auch die Leute selbst haben von den Papphalmen offenbar genug. Von 1.001 befragten Menschen in Südkorea bevorzugten 87,5 Prozent den gewöhnlichen Plastikstrohhalm. Gleichzeitig befürwortete eine Mehrheit von 54,4 Prozent, Einwegstrohhalme grundsätzlich nur noch auf Wunsch auszugeben. Damit würde man tatsächlich weniger Müll produzieren, statt einfach das Material des Abfalls auszutauschen. Denn beim Recycling sieht es ebenfalls schlecht aus. Die koreanischen Forscher besuchten Sortieranlagen und stellten fest, dass die kleinen Halme unabhängig vom Material häufig nicht vernünftig aussortiert werden können. Bei Papier kommen Beschichtungen und Klebstoffe hinzu, die eine Wiederverwertung zusätzlich erschweren. Am Ende landet vieles in der Verbrennung. Südkorea hatte die Durchsetzung vergleichbarer Beschränkungen für Plastikstrohhalme bereits 2023 auf unbestimmte Zeit verschoben. Die EU hält an ihrem Verbot fest. Die Kunden bekommen Pappe, die Müllverbrennungsanlagen den Nachschub.
Dabei ist die schlechte Umweltbilanz vieler Ersatzprodukte schon seit Jahren bekannt. Bereits 2022 veröffentlichten Angela L. Gao und Yongshan Wan im Fachjournal „Science of the Total Environment“ ihre Studie „Life cycle assessment of environmental impact of disposable drinking straws: A trade-off analysis with marine litter in the United States“. Sie verglichen gewöhnliche Plastikstrohhalme mit Produkten aus Papier und PLA-Biokunststoff. Bei der Entsorgung auf Deponien erreichte Plastik auf seinem zusammenfassenden Umweltbelastungsindex einen Wert von 2,4, Papier dagegen 5,1 und PLA sogar 6,4. Auch bei der Verbrennung schnitt das gewöhnliche Plastik besser ab. Die Untersuchung berücksichtigte acht verschiedene Umweltbelastungen, während die Schäden durch Plastikmüll im Meer außerhalb dieser Berechnung lagen. Schon damals stand fest, dass man sich durch den Austausch von Kunststoff gegen Papier oder Biokunststoff an anderer Stelle erhebliche zusätzliche Umweltprobleme einhandeln kann. Vier Jahre später legen die südkoreanischen Wissenschaftler nach.
Chemiebombe Papierstrohhalme
Noch unangenehmer wird es bei den Inhaltsstoffen. Denn ein Papierstrohhalm besteht eben nicht einfach aus ein bisschen zusammengerollter Pappe. Damit das Ding überhaupt eine Weile im Getränk durchhält, werden bei der Herstellung unter anderem Klebstoffe und chemische Hilfsmittel verwendet. Bereits 2020 untersuchte das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit entsprechende Produkte. Bei vier von elf gezielt auf Chlorpropanole geprüften Papierstrohhalmen wurde der Richtwert für 3-MCPD überschritten. In zwei Fällen fanden die Prüfer außerdem 1,3-DCP oberhalb der Nachweisgrenze. Die Produkte wurden beanstandet, auch wenn die Behörde bei den festgestellten Mengen keine Gesundheitsgefahr sah. Beim ÖKO-TEST von 2024 fielen vier von 20 Papierstrohhalmprodukten mit „mangelhaft“ oder „ungenügend“ durch. Die Tester fanden unter anderem PFAS, erhöhte Aluminiumgehalte und problematische Konservierungsstoffe. Zehn Produkte waren frei von den untersuchten unerwünschten Stoffen. Andere weichten auf, knickten ein oder färbten ab. Ein enormer industrieller Aufwand für einen Wegwerfartikel, der häufig schon nach wenigen Minuten im Müll landet.
Besonders problematisch sind die sogenannten Ewigkeitschemikalien. Wissenschaftler um Pauline Boisacq von der Universität Antwerpen untersuchten 2023 insgesamt 39 Trinkhalmmarken und veröffentlichten ihre Ergebnisse im Fachjournal „Food Additives & Contaminants: Part A“. Bei 18 von 20 Papierstrohhalmmarken fanden sie PFAS, ebenso bei vier von fünf Bambusvarianten. Auch drei der vier untersuchten Kunststoffmarken enthielten solche schwer abbaubaren Chemikalien. Bei den fünf Edelstahlmarken gab es dagegen keine entsprechenden Nachweise. PFAS können über die Herstellung und Entsorgung in die Umwelt gelangen und dort über lange Zeit verbleiben. Die Forscher stellten deshalb auch die angebliche biologische Abbaubarkeit PFAS-belasteter Papier- und Bambusprodukte infrage. Report24 berichtete darüber bereits im August 2023 unter der Überschrift „Kein guter Ersatz: Papier- und Bambusstrohhalme enthalten Ewigkeitschemikalien“. Im August 2025 folgte unser Artikel „Wie uns Papiertrinkhalme als Umweltschutz verkauft werden – und heimlich vergiften“, in dem auch die amerikanische Umweltstudie von 2022 aufgegriffen wurde. Die Probleme mit der Pappe sind also keineswegs eine neue Entdeckung.
EU muss Richtlinie überprüfen
Bis zum 3. Juli 2027 muss die EU-Kommission ihre Einwegkunststoff-Richtlinie überprüfen. Dabei sollen ausdrücklich auch die Folgen des Einsatzes anderer Materialien untersucht werden. An Forschungsarbeiten dazu mangelt es inzwischen nicht mehr. Chemikalien in Papierprodukten, zusätzliche Schadstoffe aus der Herstellung und kaum wiederverwertbare Wegwerfartikel sind wohl kaum ein Beitrag zu sauberen Gewässern und einer gesunden Natur. Die koreanische Untersuchung beruht auf den dortigen Entsorgungsverhältnissen und erfasst die langfristigen Schäden durch Meeresmüll nur teilweise. Trotzdem zeigen die Arbeiten aus den USA und Südkorea, dass die Wahl des Materials allein wenig darüber aussagt, wie viel Dreck am Ende tatsächlich entsteht.
Allerdings bleibt es abzuwarten, ob die Brüsseler Eurokraten überhaupt über ihren Klimawahn-Schatten springen und die Realität anerkennen werden. Denn anstatt einer realen Verbesserung für Mensch und Umwelt wurde vielmehr eine tatsächliche Verschlechterung erreicht. Wenn die EU-Bürokraten etwas können, dann das, was man im Deutschen eine „Verschlimmbesserung“ nennt. Und darin sind sie echt gut.