Deutschland wollte sich vom russischen Erdgas „unabhängig“ machen – und hängt beim Flüssiggas inzwischen am Tropf der Vereinigten Staaten. Washington bekämpfte Nord Stream jahrelang, verhängte Sanktionen und warb gleichzeitig offensiv für amerikanisches Frackinggas. Nun warnen selbst deutsche Energieexperten davor, dass ausgerechnet diese neue Abhängigkeit zum politischen und wirtschaftlichen Druckmittel werden könnte.
Die Ironie ist kaum zu übersehen. Jahrelang warnten Washington, Brüssel und Berlin vor Deutschlands Abhängigkeit von russischem Erdgas. Heute stammen nach Angaben der Bundesnetzagentur rund 96 Prozent des direkt über deutsche LNG-Terminals eingeführten Flüssiggases aus den Vereinigten Staaten. 2025 wurden insgesamt 106 Terawattstunden LNG über Wilhelmshaven, Brunsbüttel, Lubmin und Mukran eingeführt. Das entsprach 10,3 Prozent der gesamten deutschen Gasimporte. Hinzu kommt amerikanisches LNG, das in anderen europäischen Ländern angelandet und anschließend über Pipelines nach Deutschland weitergeleitet wird.
Das (eigentlich stark transatlantisch ausgerichtete) Handelsblatt warnt nun unter Berufung auf mehrere Energieexperten vor einem amerikanischen „Erpressungshebel“. Schon eine Beschränkung der Lieferungen könnte einen Preisschock auslösen. Selbst entsprechende Drohungen könnten Händler nervös machen und die europäischen Gaspreise nach oben treiben. Damit steht plötzlich dieselbe Frage im Raum, die bei russischem Gas jahrelang als Schreckgespenst diente: Was geschieht, wenn ein wichtiger Lieferant Energieexporte zur Durchsetzung eigener Interessen nutzt?
Donald Trump machte aus seiner Ablehnung von Nord Stream 2 nie ein Geheimnis. Beim NATO-Gipfel 2018 bezeichnete er Deutschland wegen seiner russischen Energieimporte sogar als „Gefangenen Russlands“. Washington setzte anschließend jene Unternehmen unter Druck, die am Pipelineprojekt beteiligt waren. Ende 2019 unterzeichnete Trump Sanktionen, woraufhin der schweizerisch-niederländische Rohrverleger Allseas seine Arbeiten einstellte. Dabei standen amerikanische Wirtschaftsinteressen offen im Raum. Während Washington Europa vor russischem Gas warnte, baute die US-Frackingindustrie ihre Exportkapazitäten massiv aus und suchte neue Absatzmärkte.
Das US-Energieministerium sprach 2019 sogar von amerikanischem „freedom gas“ und „molecules of U.S. freedom“. Zusätzliche LNG-Exporte sollten amerikanische Arbeitsplätze schaffen und das Wirtschaftswachstum stärken. Washington machte damit genau das, was eine Regierung im Interesse des eigenen Landes tun soll: die heimische Energieindustrie stärken und neue Kunden gewinnen. Das Versagen liegt in Berlin und Brüssel. Dort verkaufte man den Austausch russischen Pipelinegases gegen amerikanisches Flüssiggas als Gewinn an „Unabhängigkeit“. In Wirklichkeit jedoch wurde eine Abhängigkeit durch die nächste ersetzt.
Aus der russischen wurde die amerikanische Abhängigkeit
Inzwischen dominiert US-LNG den europäischen Markt. 2025 importierte die Europäische Union 82,9 Milliarden Kubikmeter amerikanisches Flüssiggas. Das entsprach fast 58 Prozent sämtlicher LNG-Einfuhren der EU und 26,4 Prozent aller Gasimporte. Im ersten Quartal 2026 lag der US-Anteil an den LNG-Einfuhren bei 57,4 Prozent. Der Unterschied zur früheren Versorgung ist erheblich. Russisches Pipelinegas floss über bestehende Leitungen direkt nach Mitteleuropa. LNG muss dagegen zunächst verflüssigt, über Tausende Kilometer mit Tankern transportiert und anschließend wieder regasifiziert werden.
Allein die Verflüssigung benötigt erhebliche Energiemengen. Die amerikanische Energiebehörde EIA geht je nach Technik von rund sieben bis 15 Prozent des eingesetzten Erdgases aus. Hinzu kommen Kosten für Anlagen, Tankertransport und Regasifizierung. Bei Pipelinegas entfallen diese zusätzlichen Verarbeitungsschritte. Europa hat sich damit keine billigere oder unabhängigere Energieversorgung geschaffen. Es hat günstige leitungsgebundene Lieferungen gegen einen global gehandelten Energieträger eingetauscht, bei dem europäische Käufer mit jenen in Asien um Tankerladungen konkurrieren.
Nord Stream ist weg – Russland verkauft nach Osten
Gazprom hatte die Lieferungen durch Nord Stream 1 bereits im Sommer 2022 stark reduziert. Am 31. August stellte der russische Konzern den Gasfluss wegen angekündigter Wartungsarbeiten vollständig ein und erklärte Anfang September, wegen technischer Probleme vorerst nicht wieder liefern zu können. Moskau verwies dabei auf die Folgen westlicher Sanktionen, während europäische Regierungen Russland den Einsatz von Gas als politische Waffe vorwarfen.
Am 26. September 2022 wurden die Nord-Stream-Pipelines durch Explosionen schwer beschädigt. Inzwischen hat die deutsche Bundesanwaltschaft einen ehemaligen ukrainischen Militärangehörigen wegen seiner mutmaßlichen Beteiligung angeklagt. Nach Darstellung deutscher Ermittler soll die Sabotage im Auftrag ukrainischer staatlicher Stellen erfolgt sein. Kiew bestreitet jedoch eine staatliche Beteiligung. Damit verschwand auch die physische Option einer schnellen Rückkehr zu umfangreichen Gaslieferungen über Nord Stream.
Russland verlagerte seine Energieströme derweil zunehmend nach Osten. Report24 hatte bereits früh darauf hingewiesen, dass die westliche Sanktionspolitik Moskau stärker in Richtung China treiben würde. 2025 lieferte Gazprom über die Power-of-Siberia-Pipeline 38,8 Milliarden Kubikmeter Erdgas nach China, knapp 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Das Ergebnis ist eindeutig: Russland verkauft mehr Energie nach Asien, China stärkt seine günstige Versorgung und Deutschland zahlt höhere Kosten für eine kompliziertere Gasversorgung. Geopolitisch ist das ein europäisches Eigentor.
Die USA bekommen einen mächtigen Hebel
Nun warnen deutsche Experten vor den Folgen. Politologe Andreas Goldthau erklärte gegenüber dem Handelsblatt, die USA verfügten durch ihre LNG-Lieferungen nach Europa über einen mächtigen Hebel. Schon eine Ankündigung Donald Trumps, Exporte möglicherweise einzuschränken, könnte die Preise nach oben treiben. Dafür müsste Washington Europa nicht einmal vollständig den Gashahn zudrehen. LNG wird weltweit gehandelt. Amerikanische Exporteure können ihre Ladungen grundsätzlich dorthin verkaufen, wo attraktive Preise winken und bestehende Verträge dies erlauben. Gleichzeitig verfügt Washington über Genehmigungen und regulatorische Entscheidungen über Einfluss auf den Ausbau der Exportkapazitäten.
Wie eng Energiepolitik und Handelspolitik inzwischen miteinander verknüpft sind, zeigt das EU-US-Handelsabkommen. Die Europäische Union erklärte darin ihre Absicht, bis 2028 amerikanisches LNG, Erdöl und Nuklearenergieprodukte im Wert von 750 Milliarden Dollar zu beziehen. Die Käufe tätigen private Unternehmen, doch die politische Richtung ist eindeutig. Report24 hatte bereits im November 2025 über den amerikanischen LNG-Boom und Milliardeninvestitionen in neue Exportanlagen berichtet. Schon damals zeigte sich, wohin die Reise geht: Die angebliche Befreiung von russischer Energie führt zu einer immer stärkeren Bindung an amerikanisches Frackinggas.
Der Weltmarkt bestimmt jetzt Deutschlands Gasversorgung
Das LNG-Modell bringt noch ein weiteres Risiko mit sich: Globale Krisen treffen Europa unmittelbar. Wird Gas in Asien knapper, steigen dort die Preise und Tankerladungen werden entsprechend umkämpfter. Fallen Lieferungen aus Katar oder anderen wichtigen Exportländern aus, gerät auch Europa unter Druck. Eben diese Gefahr zeigt sich derzeit im Nahen Osten. Die Krise um die Straße von Hormus hat 2026 erhebliche Teile des weltweiten LNG-Handels beeinträchtigt und die Preise in Europa und Asien unter Druck gesetzt.)
Deutschland konkurriert damit auf einem globalen Markt um denselben Energieträger wie China, Japan, Südkorea und andere große Abnehmer. Das ist keine zusätzliche Versorgungssicherheit. Es ist eine zusätzliche Preisabhängigkeit. Hinzu kommen die schwach gefüllten deutschen Gasspeicher. Ende August lagen sie nur etwas über der Hälfte ihrer Kapazität. Am 28. August meldete Reuters einen Stand von 51,64 Prozent. Deutschland geht damit mit deutlich geringeren Reserven in die letzten Monate der Einspeichersaison. Je niedriger die Reserven, desto stärker steigt die Abhängigkeit von laufenden Lieferungen. Und damit wächst auch der politische und wirtschaftliche Hebel jener Staaten, von deren Gas Europa inzwischen abhängig ist.
Berlin hat sich selbst die Alternativen genommen
Eine rohstoffarme Industrienation wird immer Energie importieren müssen. Entscheidend sind deshalb niedrige Preise, möglichst viele Bezugswege und die Möglichkeit, zwischen mehreren Lieferanten zu wählen. Deutschland hat seine Auswahl jedoch selbst eingeschränkt. Die russische Pipelineversorgung brach im Zuge des Ukraine-Krieges, der Sanktionen und der politischen Konfrontation zusammen. Nord Stream wurde gesprengt. Gleichzeitig baute Deutschland in Rekordzeit LNG-Terminals und machte amerikanisches Flüssiggas zu einer zentralen Säule seiner Versorgung.
Washington verfolgt dabei amerikanische Interessen. Moskau verfolgt russische Interessen. Peking verfolgt chinesische Interessen. Das ist normale Geopolitik. Berlin und Brüssel haben dagegen jahrelang so gehandelt, als ließen sich wirtschaftliche Interessen durch politische Moral ersetzen. Die Rechnung zahlen Industrie und Verbraucher.
Washington hat Deutschland vor einer Gasabhängigkeit von Russland gewarnt, Nord Stream bekämpft und gleichzeitig den eigenen LNG-Export ausgebaut. Heute kaufen die Deutschen amerikanisches Frackinggas, während Russland seine Energie verstärkt nach China verkauft. Für Washington ist das erfolgreiche Interessenpolitik. Für Berlin ist es das Ergebnis einer Energiepolitik, die fremde Interessen berücksichtigt und die eigenen aus den Augen verloren hat.
