Ein 18-jähriger Franzose schleppt ein 35 Kilogramm schweres Holzkreuz auf den höchsten Gipfel der Pyrenäen, nachdem Vandalen das historische Gipfelkreuz abgesägt hatten. Als auch sein Ersatzkreuz heruntergerissen wird, steigt er erneut hinauf. Maël Le Lagadec ist nach eigenen Angaben nicht besonders gläubig – doch er hat verstanden, was viele Europäer längst vergessen haben: Wer Geschichte und Traditionen nicht verteidigt, wird eines Tages keine mehr besitzen.
Ein Kommentar von Heinz Steiner
Seit 1951 stand auf dem 3.404 Meter hohen Pic d’Aneto ein rund drei Meter großes Kreuz aus Metall. Es war Orientierungspunkt, Gipfelzeichen und Teil der Geschichte des höchsten Berges der Pyrenäen. Im August 2025 war das etwa 100 Kilogramm schwere Bauwerk noch restauriert und in fünf Teilen wieder auf den Gipfel gebracht worden. Im April 2026 rückten Unbekannte offenbar mit einer Akku-Flex an, sägten das Kreuz ab und warfen es den Berghang hinunter. Wer hinter diesem Akt des Vandalismus steckt, ist bis heute nicht geklärt. Vielleicht waren es irgendwelche Christenhasser, vielleicht fanatische Laizisten, vielleicht aber auch Moslems.
Maël Le Lagadec wollte sich nicht damit begnügen, sich einige Tage lang in den sozialen Medien darüber aufzuregen. Der 18-jährige Landschaftsgärtner-Lehrling aus Montauban nahm einen Walnussstamm und fertigte daraus selbst ein neues Kreuz: 1,10 Meter hoch, 70 Zentimeter breit und 35 Kilogramm schwer. Zusammen mit seiner Bergsteigerausrüstung trug er rund 50 Kilogramm auf dem Rücken.
Il francese Mäel Le Lagadec (18 anni)
— @dessere88fenice (@dessere88fenice) May 17, 2026
ha restituito all'Aneto la croce strappata quest'aprile.
Il giovane è salito fino a 3.404 metri portando una croce di legno di 35 chili scolpita da lui stesso.
Dove distruggono, ricostruire;
dove attaccano, conservare;
dove dimenticano,… https://t.co/DM2tdl5nF1 pic.twitter.com/2lomVNAKQk
15 Stunden durch Schnee und Kälte
Am 9. Mai brach Maël gemeinsam mit einem Freund zum Gipfel auf. Vor ihm lagen rund 1.900 Höhenmeter, Schnee, Nebel und eine insgesamt etwa 28 Kilometer lange Strecke. Fast 15 Stunden dauerte der Aufstieg. Seinem Begleiter, der noch wenig Erfahrung in den Bergen besaß, überließ Maël die Last nicht: Das Kreuz wollte er selbst hinauftragen. Die Schultern und der untere Rücken schmerzten, das Gewicht zwang ihn immer wieder zu Pausen. Andere Bergsteiger applaudierten ihm, eine Frau überließ ihm ihren Wanderstock. Am Gipfel setzte Schneefall ein, die Temperatur lag bei minus vier Grad. Maël grub mit seinem Eispickel ein rund 40 Zentimeter tiefes Loch und stellte das Kreuz auf.
Der junge Mann bezeichnet sich selbst nicht als besonders gläubig. Er stammt aus einer katholischen Familie, sieht in Gipfelkreuzen jedoch vor allem „wesentliche Symbole“. Für Gläubige beschützten sie das Tal, für Bergsteiger seien sie Ziel und Orientierungspunkt. Vor allem aber gehörten sie zur eigenen Geschichte. Das genügte ihm als Grund, sich 35 Kilogramm Holz auf den Rücken zu laden. Wenige Tage später lag auch dieses Kreuz unterhalb des Gipfels. Jemand hatte es aus der Verankerung gerissen und hinuntergeworfen. Zwei spanische Bergsteiger fanden es und stellten es wieder auf. Ende Juni verschwand es erneut.
«Volveré tantas veces como haga falta», el francés Maël Le Lagadec sube de nuevo una cruz al Aneto
— El Debate (@eldebate_com) July 15, 2026
🇫🇷 Maël Le Lagadec culmina una ruta extrema de 39 kilómetros para reponer con otro crucifijo de madera al techo de los Pirineos: «Pensaron que bromeaba» pic.twitter.com/9ov3gXcbjU
„So oft wie nötig“
Damit hätte die Geschichte enden können. Wieder ein zerstörtes Kreuz, wieder empörte Beiträge, wieder ein paar Tage Aufregung – und anschließend die übliche Ruhe, auf welche die Feinde europäischer Traditionen längst bauen können. Doch Maël hatte angekündigt, zurückzukehren, falls jemand sein Kreuz noch einmal entfernte. Mitte Juli stieg er erneut auf den Aneto. Diesmal trug er ein leichteres, aufwendiger gearbeitetes Holzkreuz hinauf. „Ich werde es so oft hinaufbringen, wie es nötig ist“, erklärte der junge Franzose.
Als er von der erneuten Zerstörung erfahren habe, habe er sich zunächst gefragt, weshalb jemand derart viel Energie darauf verwende, ein Kreuz zu entfernen. Dann habe er beschlossen, mindestens ebenso hartnäckig zu sein. Darin liegt die eigentliche Kraft dieser Geschichte. Maël hält keine langen Reden über Werte, Tradition und kulturelle Identität. Er demonstriert nicht vor Fernsehkameras, fordert keine staatliche Förderung und gründet keine weitere Organisation. Er sieht, dass etwas zerstört wurde, das zu seiner Geschichte gehört – also baut er es neu und trägt es hinauf. Als es erneut zerstört wird, kommt er wieder.
Das Kreuz gehört zu Europas Geschichte
Gipfelkreuze sind weit mehr als religiöse Dekoration. Allein in Österreich dürften rund 4.000 Stück davon stehen, im gesamten Alpenraum möglicherweise 10.000. Sie dienen als Orientierungspunkte, Wetterkreuze, Gedenkstätten für Gefallene und Heimkehrer oder als Dank für eine überstandene Gefahr. Das Kreuz auf dem Großglockner steht seit 2024 sogar unter Denkmalschutz. Es ist Teil der Landschaft, weil das Christentum Teil der Geschichte dieser Landschaft ist.
Trotzdem wird immer wieder darüber gestritten, ob solche Kreuze noch „zeitgemäß“ seien. Der Österreichische Alpenverein sieht seit Jahrzehnten keinen Bedarf für weitere Gipfelkreuze, der italienische Alpenverein CAI löste 2023 mit ähnlichen Überlegungen eine heftige Debatte aus. Erst Ende Juli berichtete der ORF über ein neues Kreuz auf der Südtiroler Mutspitze und die inzwischen strengen Vorschriften zu Eigentum, Baugenehmigung und Naturschutz. In Spanien startete die laizistische Organisation MHUEL 2025 sogar eine Kampagne zur Entfernung religiöser Symbole von Berggipfeln.
Man muss kein praktizierender Christ sein, um zu erkennen, wohin diese Denkweise führt. Europas Klöster lehrten Lesen und Schreiben, die Kirchen prägten Städte und Dörfer, der Kalender, die Kunst, die Musik und große Teile des Rechts- und Werteverständnisses wuchsen auf christlichem Boden. Auch die Abwehr der osmanischen Expansion wurde von Völkern gemeinsam geführt, die sich trotz ihrer Kriege und Konflikte untereinander als Teil der Christenheit verstanden. Wer das Kreuz aus Europas Geschichte herausreißt, hinterlässt mehr als nur ein Loch.
Maël Le Lagadec hat dieses Loch nicht mit einer Resolution, sondern mit einem selbst gezimmerten Kreuz geschlossen. Vielleicht wird es wieder jemand herunterreißen. Dann wird der junge Mann wohl erneut hinaufsteigen. Denn Tradition überlebt nicht, weil Politiker ab und an mal darüber reden. Sie überlebt, weil Menschen bereit sind, sie durch aktive Taten zu schützen und zu bewahren.





